Das Herz auf der Zunge – plaudern mit Emel

Emel: «Ich funktioniere akustisch, nicht visuell.» - Stadtblog: «Du funktionierst auch visuell, ehrewort.»

Emel: «Ich funktioniere akustisch, nicht visuell.» – Stadtblog: «Du funktionierst auch visuell, ehrewort.»

Diese Woche haben wir die Musikerin und Sängerin Emel Aykanat für ein Plauderstündchen in unserer Smalltalk-Serie getroffen. Eigentlich wollte sie mich in die Ambossrampe bestellen, während ihre Tochter gerade Yoga-Stunde nahm. «Ou», dachte ich, «echte Zürcher Hippiekacke.» Aber die Ambossrampe hatte geschlossen und das Kinderyoga stellte sich dann als ganz normale Turn- und Spielstunde heraus. Also alles ganz normal. Wir setzten uns dann ein paar Meter weiter ins Café Noir, wo man Emel zu kennen scheint. Bei Café und Zigaretten plauderten wir, bis die Spielstunde zu Ende war.

So, ich schalte jetzt das Aufnahmegerät ein.

Ah, dann muss ich ab jetzt aufpassen. was ich sage.

Wieso? Ich hab mir immer gedacht, dass du auch in den Medien erfrischend offen und direkt bist.

Ja, bin ich eigentlich schon. Obwohl gerade von den Medien dann Vieles aufgebauscht wird.

Du sprichst auf deinen Facebook-Post an, indem du klar gestellt hast, dass dich DJ Bobos Produzent damals nicht vor einer Disco aufgegabelt und dir eine Chance zum Singen gegeben hat? Das gab ja gleich eine Boulevard-Geschichte.

Ja, zum Beispiel. Früher wär mir so eine Aussage vielleicht egal gewesen. Aber ich will nicht, dass meine Tochter denkt, ihr Mami sei vor irgendwelchen Clubs rumgegammelt und habe auf eine Chance gewartet. Im echten Leben steckt Arbeit und Leidenschaft hinter dem Erfolg. So war ich damals, mit 16, im Studio und hab an meinen eigenen Songs getüftelt, als mich Bobos Produzent fragte, ob ich nicht ein paar Zeilen einsingen könnte. Aber das konnte ich ja dann mit Herrn Baumann (für unsere Leser: DJ Bobo) klären und er hat sich dann öffentlich entschuldigt und korrigiert.

Dann gabs da noch die Geschichte mit Stress, der den französischen Comedian Dieudonné lobte. Da hast du auch ziemlich Klartext geredet.

Das war auch wichtig. Dieudonné transportiert antisemitische und antifreiheitliche Inhalte und spricht damit vorallem junge Muslime an. Wenn dann ein Star wie Stress mitklatscht, muss ich gerade als Muslima mein Maul aufreissen. Denn erstens finde ich es nicht gut, dass Dieudonne, der Katholik und enger Freund des Rechtsradikalen Jean Marie Le Pen ist, meinen Brüdern irgendwelche Kacke erzählt. Und zweitens gilt für mich: Entweder man ist gegen Rassismus und Diskriminierung – dann bitte auch gegen alle Formen davon – oder eben nicht.

Du bist Muslima. Machst du Ramadan?

Nein, also nicht durchgehend. Ich nehm immer mal wieder einen Tag Auszeit, um mich zu reinigen und mental und spirituell zur Ruhe zu kommen. Der Islam ist eher das kulturelle Umfeld, in dem ich die Grundwerte vermittelt bekommen habe. Die Grundwerte unterscheiden sich übrigens nicht von denen der Christen oder Buddhisten: Sei kein Arschloch, kümmere dich um deine Mitmenschen, strebe das Gute an.

Auf deinen Plattencovern ist oft viel Haut zu sehen, zum Beispiel auf deinem ersten Album. Wie hat dein türkisches Umfeld darauf reagiert?

Haha, das Schweizer Fernsehen hat damals meinen Vater interviewt und extra das Cover mitgenommen, um ihm meinen Brustansatz auf dem Bild zu zeigen. Er hat sich das mit gerunzelten Brauen angesehen und gemeint. «Das ist nicht meine Tochter.» Erwartungsvolles Schweigen. «Da sieht sie viel zu schwach aus. Aber meine Tochter ist stark.» Er drehte das Cover um und zeigte auf ein Bild, auf dem ich viel selbstbewusster wirkte und meinte: «DAS ist meine Tochter.»

Sehr schöne Geschichte. Wie ist das als attraktive Frau, wurdest du nicht oft auf dein Äusseres reduziert im Musikbusiness?

Vielleicht manchmal, aber im Musikbusiness geht es glücklicherweise in erster Linie um Musik. In New York wollten mir die Produzenten immer erst irgendwelchen Mist, den sie gerade noch so rumliegen hatten, zum Singen geben. Erst als ich ihnen meine eigenen Songs präsentierte, konnten wir beginnen richtig zu arbeiten. Es ist wie zu Beginn gesagt: Musik war immer meine Leidenschaft. Und so hab ich von Kind auf sehr viel Arbeit in die Musik gesteckt. Das zahlt sich aus.

Naja, Talent ist dazu aber auch notwendig. Du hast jetzt eine ruhige Phase hinter dir. Was kommt als Nächstes?

Ja, musikalisch wars eher ruhig. Ich hab meine Tochter bekommen, wollte mich ihr widmen, ihr auch etwas von der Welt zeigen, bevor sie in die Schule eingebunden ist. Aber ich hab schon dauernd Musik in meinem Leben. Zum Beispiel wollte ich die Geburt meiner Tochter in einem Song verarbeiten. Aber das Ereignis war zu gross, zu wundervoll, um es in einen Song packen zu können. Zur Zeit bereite ich neue Songs vor, gemeinsam mit dem grossartigen Percussionisten Rhani Krija, der auch mit Sting arbeitet. Ich will etwas von diesen arabischen Elementen darin unterbringen. Das ist gerade ein Einfluss in meinem Leben.

Wie kommts?

Ich habe den arabischen Frühling verfolgt, dann die daraus entstehenden Flüchtlingskatastrophen, Lampedusa, Mittelmeer, die ganze Qual. Ich wollte etwas tun. Also nicht nur einen Song darüber schreiben. Also informierte ich mich und fand heraus, dass man bei der Organisation TransFair in Zürich freiwillig Deutsch für Flüchtlinge unterrichten kann. (Hier mehr, wer sich auch engagieren will! TransFair) Damit begann für mich ein neuer Einblick in fremde Welten. Daraus folgend nahm ich an einem Begleitungsprogramm teil, mit dem Flüchtlinge in der Schweiz integriert werden sollen. Seither treffe ich mich regelmässig mit einem syrischen Flüchtling, gehe Kaffee trinken und zeige ihm die Kultur, in der er jetzt lebt. Umgekehrt bekomme ich einen Einblick in seine Kultur und entwickle ein Verständnis für die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten.

Dann bleibt ja noch dein Privatleben. Wie siehts in der Partnerschaft mit XXXXX aus?

Dazu gebe ich besser keine Kommentare in der Öffentlichkeit ab. Es ist kompliziert – wie immer.

Ou, gopf.

Hier schalte ich das Aufnahmegerät ab, und wir unterhalten uns über ihre Beziehungen, meine Schwester, Mallorca, Besuche von Freunden zum Essen und andere Dinge, die ihr, liebe Leser, gar nicht wissen wollt. Ehrlich.

8 Kommentare zu «Das Herz auf der Zunge – plaudern mit Emel»

  • dok sagt:

    Im Musikbusiness geht es glücklicherweise in erster Linie um Musik? Die traurige Wahrheit ist doch, dass man (besonders als Frau) gut aussehen UND gut singen können muss, um erfolgreich zu werden. Wenn man nicht zumindest mit ordentlich Schminke, schicken Klamotten und Fotoshop halbwegs sexy gemacht werden kann, ist man da chancenlos. Völlig unwichtig ist hingegen, ob man Songs schreiben oder Instrumente spielen kann. Also, um Musik geht’s nur zum kleinen Teil. Sogar (junge) Schriftstellerinnen (!) sind heutzutage erfolgreicher, wenn man von ihnen ein einigermassen sexy Foto hinkriegt und in den Feuilletons platzieren kann.

    • Johannes sagt:

      Attraktivität war in der Menschheitsgeschichte nie verkehrt. Aber auch Sophie Hunger und Stefanie Heinzmann sind erfolgreich und beide finde ich jetzt nicht so attraktiv, sie sind jedenfalls keine Heidi Happy. Aber sie können relativ singen, haben auch etwas im Kopf und sind erfolgreich.

      • dok sagt:

        Die sind durchaus attraktiv, für die einen mehr und die anderen weniger. Sie sind schlank und haben schöne Zähne, mehr brauchts heute nicht mehr für schöne Föteli zu machen.

  • Guschti Brösmeli sagt:

    Schon wieder eine spannende, irgendwie spezielle Zürcherin, die ich nicht kannte.
    Danke Reda für die lüpfigen Interviews, ein sehr schönes Sommerformat, wie ich finde! Bin gespannt, wer da noch alles auftauchen wird in dieser Reihe….

  • pete sagt:

    Die Frau sieht spitze aus! Kluge Antworten inklusive. Wenn die Musik etwas besser wäre, könnte ich mich verlieben

  • Irene feldmann sagt:

    Tolle Idee das 1:1….es gibt sie doch, die speziellen leutchen in züürrriiii:)

  • Peter Hinterhofer sagt:

    Im Gegenteil Réda, im Gegenteil: Wir wollen alles wissen, ehrlich! Schliesslich sind wir eine neugierige Rasselbande und Klatsch gibt dem Leben die nötige Würze (auch im Islam, das weiss ich aus erster Hand 😛 ).

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