Langstrasse: Das Dilemma des Erfolgs

Erstickt an ihrem Erfolg: Die Langstrasse

Erstickt an ihrem Erfolg: Die Langstrasse

Seit einigen Tagen tobt ein Streit um die Langstrasse durch die einschlägigen Zürcher Foren. Dabei gibt es drei Fronten: Die einen wollen das Quartier wieder wie vor zwanzig Jahren haben, den schäbigen Charme, die Authentizität. Andere setzen sich fürs florierende Nachtleben ein, und Dritte wiederum versuchen mit Aufwertung und Gentrifizierung Profit aus der Anziehungskraft dieser Ecke zu schlagen.

Angefacht wurde die Diskussion von einem Appell von 115 Anwohnern an den Stadtrat, in dem sie sich über die Lärmbelastung des Quartiers beschweren.

«Wer keinen Lärm verträgt, sollte vielleicht nicht in der Stadt wohnen», meinen dagegen zahlreiche Facebook-User zu den Lärmklagen rund um die Langstrasse. Eine entsprechende Petition hat bereits mehr als 2000 Zeichner. Aber so einfach ist es nicht. Einerseits, weil viele der Langstrassenbewohner nicht erst – wie die ständig durchziehenden Hipster – seit vier oder fünf Jahren dort wohnen, sondern schon vor dieser Entwicklung ihre Heimat da hatten, andererseits, weil sich das Nachtleben dort in den letzten zehn Jahren verändert hat.

Aus der früheren Clubkultur ist inzwischen eine Club-Industrie erwachsen. Es sind nicht mehr einige Hundert Partygänger, die gerne in der Nähe des Milieus feiern, es sind jedes Wochenende Tausende, die auf der Suche nach Abenteuer und Spass Geld, Gewalt und Urin ins Quartier tragen. Und wie überall, wo Geld verdient werden kann, formiert sich eine Lobby, die diese Quelle weiter ausbeuten möchte.

Das ist nicht nur ein Problem der Langstrasse, die durch ihre Atmosphäre, durch ihre Echtheit, seit Ende der Neunziger Menschen anzieht, die hier etwas Grossstadtluft schnuppern wollen. Es ist das Problem aller attraktiven Orte weltweit. Ob Rimini in den 60ern oder Koh Phangan mit seiner Full-Moon-Party in den Nullern, sobald ein Platz hip wird, dauert es nicht lange, bis er als wirtschaftlicher Faktor ausgebeutet wird. Nur, genau diese Entwicklung bringt den Geist, der sie hervorgebracht hat, um. Es ist, als ob man einen alten Tante Emma-Laden entdeckt und dann schnell zum Einkaufszentrum umbaut, um möglichst vielen Leuten das «echte» Tante Emma-Feeling zu verkaufen.

Das Paradoxe an der Langstrasse ist, dass sich die Bewohner nicht wirklich gegen die Entwicklung wehren können. Engagieren sie sich gegen das Nachtleben, unterstützen sie indirekt die Quartierberuhigung und damit die Gentrifizierung, was letzten Endes darauf hinausläuft, dass sie sich die Mieten nicht mehr leisten können (zu sehen kürzlich an der Weststrasse). Lassen sie dem Wildwuchs der Vergnügungsindustrie freien Lauf, sinkt ihre eigene Lebensqualität Wochenende für Wochenende.

Mittel- bis langfristig ist die Langstrasse in ihrer heutigen Attraktivität wohl nicht zu retten. Sie wird eine ähnliche Entwicklung durchmachen, wie schon das Niederdorf. Wenn sie endgültig zur Konsummeile – egal ob H&M oder Clubs – geworden ist, wird von den Menschen, die jetzt den Charme der Gegend ausmachen, keiner mehr da leben oder feiern wollen. Und viele werden es sich nicht mehr leisten können.

Zum Trost: Es werden andere Quartiere entstehen, die auch Seele und Anziehung besitzen werden. Und auch diese werden, sobald von Leuten entdeckt, die diese Atmosphäre in bare Münze umwandeln wollen, wieder untergehen. Das nennt man Stadtentwicklung.