Terror-Groupies

Schafft es nicht, sich von Gewalt zu distanzieren: Ex-RAF Inge Viett.

Schafft es nicht, sich von Gewalt zu distanzieren: Ex-RAF Inge Viett.

Der Revolutionäre Aufbau Zürich, sozusagen der offizielle Schrebergartenverein des schwarzen Blocks, hat für heute Sonntag zwei verurteilte Terroristen an die 1. Mai-Themenwoche eingeladen. Zum einen das 71-jährige Ex-«Rote Armee Fraktion»-Mitglied Inge Viett, die in Paris auf einen Polizisten schoss und ihn für den Rest seines Lebens gelähmt zurück liess. Zum anderen Alfredo Davanzo, Mitglied der Neuen Roten Brigaden, der engagiert zum bewaffneten Kampf in Europa aufruft. Die beiden sollen mit der Schweizer Speerspitze des Aufstandes – Andrea Stauffacher und ihren sehr jungen Freunden – über «revolutionäre» Perspektiven und Konzepte diskutieren.

Diese ewiggestrigen «Revolutionäre» haben bei unserer äussersten Linken (auch wenn diese sich von Gewalt distanziert) noch immer eine gewisse romantische Aura. Und viele der heute etablierten Linken (wie ich) hatten damals in den 70ern und 80ern irgendwo eine RAF-Flagge hängen. Sie fühlten sich bei Eichingers «Baader-Meinhof-Komplex» wehmütig an eine Zeit erinnert, in der man noch klar wusste, wer der Feind ist. Aber diese Verklärung und diese stille Duldung der Einladung der Terroristen in unsere Stadt ist auf so vielen Ebenen falsch, dass ich gar nicht weiss, wo ich anfangen soll.

Fangen wir auf der persönlichen Ebene an: Nehmen wir also an, ich sei überzeugt, dass ich besser als 98 Prozent der Menschheit wisse, was gut für die Menschen sei. Das kann ich nachvollziehen, diese Gedankengänge hab ich auch. Aber ich hab auch eine diagnostizierte narzisstische Persönlichkeitsstörung (die sich mit Selbstironie einigermassen in Schach halten lässt). Nun würde ich mich also von Leuten inspirieren lassen, die bereit sind, für ihre politischen Überzeugungen zu töten. Nun, wenn ich an diesem Punkt angelangt wäre, würde ich mein Umfeld bitten, mich in die geschlossene Psychiatrie einzuweisen.

Diese Leute unterscheiden sich  nicht vom IS-Mördern, die aufgrund ihrer religiösen Ideale Leute abschlachten. Und unsere Revolutionsgroupies vom RAZ gleichen dann einer Gruppe religiös Verblendeter, die andächtig einem IS-Hassprediger lauscht. Das ideologische Zettelchen, das an der Kugel hängt, die das Gehirn Andersdenkender in der Gegend verspritzt, ist irgendwie vernachlässigbar.

Ich kann verstehen, dass der Gedanke an einen heroischen, bewaffneten Kampf dem eigenen Leben eine tiefere Bedeutung geben kann, wenn da sonst nichts ist. Aber bitte, dann spielt doch Ballergames oder Paintball.

Schauen wir uns doch mal den praktischen Nutzen von Tipps gewaltverherrlichender Revolutionäre in der politischen Auseinandersetzung in der Schweiz an. Also, nehmen wir an, wir folgen dem alten RAF-Konzept von Terror, Destabilisierung und Führungsanspruch: Wir machen eine Gesellschaft so unsicher, dass sie zu harten Repressalien greift, worauf die Bevölkerung sich der Revolution anschliesst (hier martialische Kampfmusik). Gehen wir davon aus, das würde auch nur ansatzweise funktionieren, hätten wir vielleicht 40 Prozent der Bevölkerung soweit verunsichert, dass sie einem Grüppchen wohlstandsverwahrloster Utopisten mit Minderwertigkeitskomplex (als Revolutionär bin ich wenigstens wer) in die Revolution folgen würden.

Was aber machen wir nach dem Sieg der Revolution mit den restlichen 60 Prozent der Bevölkerung? Umerziehungslager? Erschiessen? Wenn man sich die Revolutionen, von der französischen bis zur russischen, anschaut, sieht man, dass die ersten Handlungen der siegreichen Revolutionen das Unterdrücken und Abschlachten (Guillotine) von Andersdenkenden war. Die Ideale der Revolution, für die man gekämpft hatte, sind damit tot. Der Zweck heiligt nicht die Mittel. Die Mittel bringen den Zweck um.

Also, die Mittel und die Ziele der eingeladenen Gäste sind, wie ihre eigenen Lebensläufe zeigen, völlig unbrauchbar, um eine Gesellschaft sozialer, gerechter und besser zu machen. Warum also lädt Andrea Stauffacher ihre alten Bekannten aus dem Terrorismus ein?

Natürlich wegen des Nervenkitzels. Man kann sich quasi an einem Terroristen reiben, den eigenen schalen Idealen für einen Tag den blutigen Glanz der heroischen Tat geben. Man kann so tun, als ob das eigene Dogma nicht bereits auf dem Komposthaufen der Geschichte vor sich hinrottet. Von der geistig versteinerten Stauffacher und ihren martialischen jungen Nachläufern ist irgendwie nichts anderes zu erwarten.

Aber ihr, liebe gemässigten Genossen, macht doch bitte euer Maul auf und billigt das nicht. Wenn rechte Wirrköpfe Holocaust-Leugner einladen, oder islamistische Hassprediger in Schweizer Moscheen predigen, könnt ihr euch doch auch lauthals empören.