«Es gibt keine Hools!»

2000 Grad heisse Pyros auf dem Platz und lahmgelegte Züge sind ein Ausdruck für Freude am Sport.

2000 Grad heisse Pyros auf dem Platz und lahmgelegte Züge sind ein Ausdruck für Freude am Sport.

Jaja, ich weiss. Ich sollte nicht mehr über Fussballfans schreiben, weil die darauf folgenden Androhungen von Gewalt («Wir prügeln dich solange, bis du zugibst, dass die Fankultur total friedlich ist!») mir immer so furchtbar Angst machen.

Aber  am Wochenende ist eine Geschichte von den Wahlen und dem Sechsilüüten etwas aus dem Fokus verdrängt worden: Randalierende Fans des FC Zürich haben am Sonntagabend nach der 1:5 Niederlage auf der Heimreise vom Match gegen den FC Basel in Pratteln BL für einen Totalunterbruch der SBB-Linie Richtung Zürich gesorgt. Sie haben bereits im Stadion Pyros aufs Spielfeld geschmissen und auf dem Weg zum Bahnhof randaliert. In der ganzen Region war der Bahnverkehr auf Stunden gestört und Züge wurden demoliert.

Zuerst dachte ich an einen Fünfjährigen, der beim Leiterlispiel verliert und in einem Töibeli-Anfall das Spielbrett durchs Zimmer schmeisst und kreischend auf den Figuren rumtrampelt. Aber natürlich hab ich mich geirrt.

Es gibt nämlich keine unreifen, gewalttätigen Hools, die Pyros aufs Spielfeld werfen und Sachschäden verursachen, Notbremsen ziehen und bei einer Niederlage rumstämpfelen. Unsere Recherchen im Umfeld der Südkurve haben ergeben, dass diese Art Fans eine Erfindung der Lügenpresse ist.

«Ich kenne  keine Hools. Nur Ultras, und die sind nicht so», meint ein anonymer Südkürvler. «Ihr unterscheidet einfach nicht». Eine junge Dame aus dem Umfeld der Ultras: «Das (..die gewalttätigen Fans ..) sind eine kleine Minderheit, aber die Presse berichtet immer nur über die».

«Uns liegt der Sport am Herzen, und das wollen wir mit Pyros (2000 Grad heissen Fackeln) ausdrücken. Das ist ein Ausdruck der Begeisterung für das Spiel. Gewalt lehnen alle von uns ab», von einem empörten Fan.

Ein etwas älterer Fan: «Die Fankultur ist nur ein Spiegelbild der Gesellschaft. Jeder Sport hat schwarze Schafe unter den Fans.» (Jep. Wir erinnern uns an die randalierenden Horden aus dem Umfeld der Kunstturnerinnen-Fanclubs. Oder wie die schwarzen Schafe unter den Fans der Schwimm-Nationalmannschaft den Schiffsverkehr auf dem Zürisee lahmlegten.  Und natürlich die Federer-Fans, die sich mit Nadal-Fans zum Showdown trafen und sich blutig prügelten. Grauenhafte Szenen!)

Und natürlich aktuell: «Wir haben mit Blockflöten und Geigen unsere dreistimmigen Choräle für den nächsten Match geübt und an unserem Lindenblütentee genippt – und plötzlich stand der Zug still und die Sitze waren verwüstet. Keine Ahnung wer das war. Aber mit unseren Fanclubs hat das nichts zu tun.»

(Wir überlassen es dem geneigten Leser, das erfundene Zitat zu erkennen.)

Also, eigentlich bilden wir uns die Ausschreitungen und die Auswüchse bei den Fussballfanclubs, speziell bei den Zürcher Fans, nur ein. Wir von der Presse blasen das total auf, wenn Tausende von Bahnhreisenden festsitzen, weil FCZ-Fans über einen verlorenen Match töibelen und stämpfelen.

Sorry, liebe Fans. Ich entschuldige mich hiermit dafür, dass ich immer nur dann über euch schreibe, wenn ihr gerade irgendwas zerstört, irgendwas lahmgelegt, irgendwas angezündet, ein Spiel gestört oder irgendwen verprügelt habt. Ah, nein, mein Fehler. Ihr wart das ja nicht. Das war die winzige Minderheit, die nach dem Match die Notbremse zog und auf die Gleise strömte (!).

PS: Wenn ihr mir wieder euren Unmut mitteilen wollt, verstopft bitte nicht mein Mailfach. Ihr könnt mich auf meinem Facebook-Profil direkt  öffentlich beschimpfen. Wenn ihr den Mut habt, das nicht anonym zu tun.