Grafik 15: Sinnlich, kitschig und 3D

Grafik kann durchaus gesellschaftskritisch UND schön sein.

Grafik und Design kann durchaus gesellschaftskritisch UND schön sein.

Die Grafik XX war mir immer schon lieber als die anderen Blofeld-Anlässe Foto XX oder Kunst XX. Die Grafik-Branche zieht offenbar einfach weniger Diven und Narzissten an, wohl weil die Ausstellenden nicht für den eigenen Ruhm oder ein höheres Ideal arbeiten, sondern für nörgelige Kunden, wie die meisten von uns. Natürlich war die Vernissage gestern auch ein Magnet für Hipster, aber das ist in der Kreativszene wohl einfach ein zu akzeptierendes Übel.

Tausend Tore in andere Welten, geöffnet von sympathischen Nerds.

Tausend Tore in andere Welten, geöffnet von sympathischen Nerds.

In der ersten Halle liessen die Game-, Web-,  und App-Designer mein Digitalherz höher schlagen. Da ich als PC-Spieler den Monitor nicht als flache Scheibe, sondern als durchlässiges Tor in andere Welten betrachte, war ich leicht  einzufangen. Interaktion und Optik ergeben für mich ein sinnliches Erlebnis und ich kann jedem Begeisterten nur empfehlen, sich die Arbeiten der eher jungen Entwickler anzusehen. Auch hier waren eher Nerds als Künstler unter den Ausstellern, darunter ein junger Mann, der mir in französisch gefärbtem Englisch mit einer solchen Begeisterung von seiner Musik-Rate-App für Couleur 3 vorschwärmte, dass ich sie ihm wirklich abgekauft hätte.

Tierlikitsch war einer der Trends. Die Wölfe hab ich nicht fotografiert.

Tierlikitsch war einer der Trends. Die Wölfe hab ich nicht fotografiert.

Im hinteren Teil, der eher der klassischen Grafik gewidmet ist, hab ich auch einige Perlen entdeckt, darunter mein Liebling vom Artikelbild oben. Insgesamt hatte ich das Gefühl, dass mehr dreidimensionale Arbeiten ausgestellt wurden, was mir eher entspricht als die diversen im ewigen Retro-Stil gearbeiteten Plakate, die auch unter den Exponaten zu finden waren. Zwei Trends hab ich ausmachen können: Erstens den unsäglichen Kitsch, von dem wir glaubten, ihn in den 80ern hinter uns gelassen zu haben. Zum Beispiel Zeichnungen von Wölfen und anderen wilden Tierli, wie sie früher auf Plüschpostern in unsäglichen Kitschshops erhältlich waren. Und zweitens einen Trend zu einfachen, naiven Grafiken, die klar von den gezeichneten Internetmemen beeinflusst wurden. Die einen mag ich, die anderen nicht.

Dreidimensionale Modelle wecken das Bedürfnis, mit den Eponaten zu spielen wie ein Kind.

Dreidimensionale Modelle wecken das Bedürfnis, mit den Exponaten zu spielen wie ein Kind.

Was gibts sonst noch zur Vernissage zu sagen? Nicht viel. Mitten in der Menge Blofeld-Chef und Organisator Michel Pernet, jovial lächelnd bei seiner Lieblingsbeschäftigung: Gesprächig macht er Menschen miteinander bekannt, die sich eigentlich gar nicht kennenlernen wollen. Höflich murmelt man den Namen des Unbekannten, zu dessen Händedruck man genötigt wird und vergisst ihn gleich wieder.

Klar von den naiven Internetmemen beeinflusst.

Klar von den naiven Internetmemen beeinflusst.

Aber solange Pernet solche Anlässe organisiert, lässt man auch sein «Netzwerken» stoisch über sich ergehen, um sich danach wieder den Exponaten zu widmen, für die es sich auch dieses Jahr lohnt, die Grafik 15 zu besuchen.

9 Kommentare zu «Grafik 15: Sinnlich, kitschig und 3D»

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