SM am Nachmittag

Sauber gewaschene SM-Fantasie: Bisschen Peitsche

Sauber gewaschene SM-Fantasie: Bisschen Peitsche.

In meinem Umfeld gilt das Buch und der Kinohit «50 Shades of Grey» als absolutes «No go». Nicht weil der Stoff etwa zu anrüchig oder zu extrem wäre, sondern weil diese klinisch desinfizierte und Eiweiss-freie Disney-Version einer SM-Fantasie einfach zu unglaubwürdig ist. Nun, der Film ist ein Kassenhit, und irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass alle, die für diesen Film ins Kino gehen, verklemmte Spiesser auf der Suche nach Rollenspielvorlagen sind. Ich will selbst sehen, wer diesen Film schaut. Nicht abends, wenn die Pärchen auf Suche nach Nervenkitzel und die wirklich besten Freundinnen (die bereits alle Folgen von Sex and the City auswendig kennen) den Film schauen, sondern nachmittags, wenn man sich quasi ungesehen reinschleichen kann.

Ich muss zugeben, der Gang zum Kinoschalter kostet mich mehr Überwindung, als wenn ich im Sexkino für eine echte Pornofilmvorführung angestanden wär. Irgendwie fühle ich mich, als hätte man mich beim Kauf von billig gefälschten Markenklamotten erwischt. Der Mann an der Kasse bedient mich aber ohne mit der Wimper zu zucken und legt mein Ticket auf die dazugekauften Gummibärli.

Ich mache die paar Schritte in den halbdunklen Saal des Corso 1 und erlebe meine erste Überraschung. In der Nachmittagsvorstellung sind  nicht hauptsächlich Frauen. Ein Bekannter hatte mich vorgewarnt, aber ich kann es wirklich erst glauben, als ich es mit eigenen Augen sehe: In den spärliche besetzten Reihen des Kinosaals sitzen mehrheitlich mittelalte Männer, jeder für sich.

Mein Bekannter meinte, dass einige Männer versuchen würden, in den Nachmittagsvorstellungen Frauen abzuschleppen, mit denen sie dann die im Film angeheizten Fantasien ausleben wollten. Sie tragen Anzüge und ernste Gesichter. Aber offenbar scheint die Masche nicht zu funktionieren. Vielleicht, weil die aufgesetzte Coolness es nicht zulässt, Frauen auch wirklich anzusprechen. Scheint irgendwie ein Denkfehler im Aufrisskonzept zu sein.

Andere sind entspannter: Eine Dame um die Sechzig sitzt sehr gemütlich in ihrem Sessel und scheint sich Popkorn-knabbernd auf einen vergnüglichen Nachmittag zu freuen, eine junge Frau ein paar Sitze weiter starrt verträumt auf die Leinwand und bemerkt die in den Sitzreihen lauernden einsamen Wölfe nicht mal. Ein sehr junges Mädchen hat sich mit ihrem Smartphone ganz an den Rand zurückgezogen, man kann nicht genau sagen, ob aus Scham oder zum Schutz.

Weiter hinten im Saal dann noch ein paar wirklich beste Freundinnen, die während der ganzen ersten Hälfte des Filmes an Stellen kichern, bei denen sich mir der Humor völlig entzieht. Dafür muss ich bei Szenen laut lachen, die sonst niemand witzig findet. Zum Beispiel als der coole Mr. Grey sein neues Tüpfi mit Helikopter, teurem Auto, Designerwohnung und sonstigen 0815-Statussymbolen blenden will  – und das Meitli dann auch brav von solch neoliberalem Klischee-Protz beeindruckt ist.

In der Pause verlässt ein junges Pärchen das Kino, entweder sie haben genug erotische Inspiration getankt, oder sie haben einfach genug vom Film. Auch ich spüre die verbotene Versuchung, mich aus dem Staub zu machen. Aber ich gehe tapfer zurück in den Saal. Leider fehlt mir dann doch die notwendige masochistische Veranlagung, um den Film fertig zu schauen. Fünf Minuten nach der Pause verlasse ich das Kino und setz mich draussen in die Sonne.

Nun, zum Film selbst gibts eigentlich nicht viel zu sagen. Es ist eine unsäglich romantische Schnulze, quasi die «Pretty Woman»-Version des neuen Jahrtausends. Und der Film hat soviel mit BDSM zu tun, wie eben «Pretty Woman» mit Prostitution. Die Romantik ist ja für mich wirklich kein Problem, bin ich doch geouteter Fan von «Sleepless in Seattle», «Notting Hill» und anderen schmalzigen Machwerken. Bei «50 Shades of Grey» stört mich nicht die Romantik, sondern die hanebüchene Geschichte und die schlechte Machart.

Die emotionale Entwicklung der Figuren ist selbst für amerikanische Verhältnisse platt und sprunghaft. Die Charaktere wurden offenbar von einem armamputierten Blinden aus Pflastersteinen modelliert, für die Kameraführung haben sie die Ersatzcrew von «Gute Zeiten, schlechte Zeiten» verpflichtet und die erotischen Szenen zeigen die Schärfe und die Verführungskraft, die man bei deutschen Privatsendern im Vorabendprogramm findet.

Die Geschichte strotzt vor Klischees, von der biederen Blümchenbluse des armen Huschelis bis zum bereits erwähnten Helikopter. Und ehrlich, eine so extrem scharfe Braut, die am Ende ihres Literaturstudiums noch Jungfrau ist (ohne dabei aber christliche Fundamentalistin zu sein), und sich dann gleich auf ein SM-Abenteuer mit einem superreichen, arroganten Schnösel einlässt, hat so viel Bezug zur Realität wie die überlichtschnellen Raumschiffe in Star Wars 7.

Ganz zum Schluss dann noch eine kleine Versöhnung mit Film und Buch. Die junge Platzanweiserin, so um die Zwanzig, fragt mich ganz überrascht, warum ich denn das Kino schon verlasse. Ich versuch es ihr zu erklären, aber sie versteht mich nicht. «Ich fand den Film super! Prickelnd und spannend», schwärmt sie mit leuchtenden Augen (Ehrenwort! Kein Klischee!).

Und auf einmal ist es schön, dass nicht alle so abgebrüht und desillusioniert sind wie ich und sich noch von einer solchen Schnulze – und sei sie noch so schlecht gemacht – berühren und inspirieren lassen.

(Anmerkung der Red.: Der Autor hat sich heldenhaft geweigert, ein weiteres «50 Shades of Grey»-Wortspiel zu verfassen. Wir sind stolz auf ihn.)

16 Kommentare zu «SM am Nachmittag»

  • le ibara sagt:

    Der Film zeiget ganz archaisch was Sache ist. Da können sich alle Hornbebrillten Wichtigtuer drum winden wie sie wollen. Es ist wie zu Beginn des ‚Eyes wide shut‘, als Kidman gestand, dass sie mit dem Offizier abgehauen wäre ohne mit der Wimper zu zucken. Aber euch bleibt die Gewissheit: es gibt nicht so viele dieser Greys obwohl sie einen ansehnlichen Durchsatz an Frauen haben dürften. Manchmal landen sie auch in Gerichtssählen wie Grey disskan oder Grey Mr St. Germain oder Grey Rosullivan oder Black Priest. Fazit: Macht macht die Frauen geil wie nichts anderes.Wenn sie dazu noch nett behandelt werden sind sie weg – und zwar ausnamslos alle. Das liegt im Wesen der Erotik. All eure Freundinnen und Ehefrauen würden euch SOFORT und ohne zu zögern für so einen verlassen. Sie bleiben nur weil ihr die Taschen schleppt – das ist euer einziger Pluspunkt.

    • Réda El Arbi sagt:

      Naja, ist ja nicht so, dass nur die Frauen die Wahl haben, wen sie wollen. Wir haben auch die Wahl. und ehrlich, eine Frau, die sexuelle und emotional so gestrickt ist, dass sie auf einen solchen Idioten abfahren, wären bei mir schon mal draussen, egal wie gut sie aussehen.

      Natürlich bleiben da nicht mehr so viele, nach deiner Logik. Aber ey, ich hab auch nicht die Erstbeste geheiratet.

    • tststs sagt:

      Oh je… le ibara, Sie mögen wohl eine Ahnung von „archaischen Sachen“ haben, aber von BDSM offensichtlich nicht… Die Macht in einer solchen Verbindung haben dort eben gerade nicht die Greys (ausser natürlich sie sind Jedi-Meister),

    • The it sagt:

      Von Frauen scheinen sie sehr wenig zu wissen. Aber diese stümper-Kommentare sind wir uns ja mittlerweile gewohnt….:)

  • Fränk sagt:

    Zum Glück hat Herr El Arbi die Kommentare der bösen Fussballfans gut überstanden. Ich hab mir schon Sorgen gemacht.

    • The it sagt:

      Bedenklich die Kommentare über die fussballszene…wäre nur ein Bruchteil dieser Leidenschaft in der Schweizer politik, hätten wir das perfekte Land, aber stattdessen schlagen sich die Bürger die Köpfe ein über einen Lederball welcher hechelnd über den Platz gehechtet wird…..und all an dem soll reda schuld sein??? 🙂 bloody hell!!!!!

  • Samuel sagt:

    In den besonders prüden Regionen dieser Welt soll der Film auch besonders erfolgreich sein, wie etwa in katholischen http://www.handelsblatt.com/panorama/tv-film/fifty-shades-of-grey-besonders-erfolgreich-in-katholischen-laendern/11384094-2.html . Wie erfolgreich wird er dann erst in den noch leidenschaftsloseren protestantischen Regionen sein. Selbst kann ich den Hype nicht verstehen, ist wohl nur was für keusche Hipster. 😉

    • Samuel sagt:

      Zielgruppe dürften auch die Vorabendserienmaidlis aller Altersgruppen sein. Wissen wir doch alle, dass diese soapoperas so ziemlich das unrealistischste und anspruchsloseste sind, was ein flatscreen wiedergeben kann. Doch beim Sport beschweren sich die mittelalten beruflich etablierten Zietgeistmaidlis, wenn das TV-Signal mal nicht so optimal ist und sie beim „Sport“ ihre Serie nicht sehen können. Zum Glück lasse ich mich auf solche Charaktere gar nicht erst ein, muss also in Folge dessen auch keine erwartete soapopera-Rolle einnehmen und nicht 50sog mit Fräuleinchen besprechen. 😉

  • KMS a PR sagt:

    es ist doch nun so. mit filmen wie diesem, wird der allgemein verschriene, schnöde porno, gesellschaftsfähig gemacht und niemand regt sich mehr darüber auf – im gegenteil. der gatte darf das sogar mit der gemahlin schauen und beide begeben sich in die homologierte schein-verlogenheit einer „hach-wär-das-schön…“- illusion jenseits sexistischer ressentiments. ich gratuliere den machern – sie haben den zeitgeist getroffen: oberflächlich verlockend, inhaltslos, nichtssagend; also genau der stoff, aus dem träume sind. da lobe ich mir doch als bekennender sexist die ehrlichen streifen mit john holmes und „linda lovelace“.

  • geezer sagt:

    das riesige interesse an diesem möchtegern sex-filmli hat mich total überrascht. es kann sich doch heute jeder und jede über einschlägige websites zumindest einen ungefähren eindruck verschaffen, wie das bdsm-business so funktioniert. warum sich dazu eine drittklassige schnulze ansehen…????

    in einer zeit, in der kinder auf dem pausen- oder spielplatz sich (leider) via mobile schon härteres reinziehen, kommt mir dieser hype sehr komisch und irgendwie altmodisch vor……

    • tststs sagt:

      „jede über einschlägige websites zumindest einen ungefähren eindruck verschaffen, wie das bdsm-business so funktioniert…“
      Und hier liegt doch das grosse Missverständis: mit BDSM (Regeln, Gestaltung, Variation) hat der Film herzlich wenig zu tun; z.T. enthält er sogar Elemente, die im Widerspruch dazu stehen…so wie Romantic-Movies auch nicht mit der Realität übereinstimmen und in dem Moment, wo es spannend wird (nämlich dann wenn’s ans Eingemachte geht), enden.

      (P.S.: alles vom Hörensagen, habe das Buch nach knapp einem Viertel weggelegt – sooo schlecht geschrieben – und den Film bis dato ignoriert)

      • geezer sagt:

        das ist ja genau das, was ich an dem ganzen trara zu diesem buch/film überhaupt nicht tschegge: wenn ich mehr über bergbauern erfahren will, schaue ich mir ja auch keinen heidi-film an!

        was soll also die ganze ‚aufregung‘ darüber im 21. jahrhundert??? wie oben von KMS a PR bereits bemerkt, produzieren darsteller à la ‚john‘ und ‚linda‘ in diesem bereich ja schon seit längerem wesentlich realistischeres ‚anschaungsmaterial‘..:-)

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