«Who is Who?»

Wir schafften es, im Gedränge die Decke zu fotografieren.

Wir schafften es, im Gedränge die Decke zu fotografieren.

Von Reda El Arbi und David Sarasin.

Wer ist wer? Man weiss es nicht, weil so verdammt viele Leute an die «Who is Who»-Party im Taos in der Altstadt eingeladen wurden. Dichtestress also auch unter den angeblich wichtigsten 200 Zürchern. Und weil wir hier noch nicht einmal Handyempfang haben, können wir das am Nachmittag per Mail erhaltene Papier mit allen Gesalbten drauf auch nicht herunterladen um nachzusehen.

Blofeld-Chef Michel Pernet, Chefredaktor des «Who is Who», nimmt uns in Empfang und – ganz Netzwerker – stellt uns gleich zehn Personen vor, die uns eigentlich gar nicht kennenlernen wollen. Peinlich berührt schütteln wir Hände und vergessen gegenseitig gleich wieder die Namen. In der Menge kann man sowieso kaum ein Gespräch führen.

Was also tun? Erstmal in die Raucher-Lounge, wo sich El Arbi sowieso am wohlsten fühlt. Seine Begleitung an diesem Abend, Ingrid Villafane, soll diesen Anlass quasi nach wissenschaftlichen Massstäben untersuchen. Denn sie kennt sich aus, wenn es um Promis geht. Sie hat bereits in LA solche Events mitorganisiert und ist da zuhause, wo der Glamour lebt.

An einem Tisch treffen wir die Bloggerin Yonni Meyer (Pony M.) und den Zukkihund. Die beschweren sich gerade darüber, dass man im Veranstaltungsraum keinen einzigen Schritt vorwärts machen kann. Die TA-Kolumnistin und Filmemacherin Güzin Kar – auf Seite 70 im Who is Who – erklärt  später, dass Leute mit Fluchtgedanken generell hässlicher aussehen. Das leuchtet ein.

Wir wollen das nicht. Deshalb atmen wir in der Raucherlounge auf, wo die Musik so laut ist, dass man kein einziges Wiehern und kein Bellen mehr versteht. Auch unser Blogger-Kollege Alex Flach hat sich schon über den Platzmangel beschwert. Vielleicht hellt ein Blick ins neue Heft, das wir soeben ausgehändigt bekommen haben, unsere Stimmung auf.

Das tut es. Da steht zum Beispiel folgender Satz zum Topmodel Anja Leuenberger:

«Sie lebt den Modeltraum.Und schlief bis vor Kurzem noch mit vier Models in einer Model-WG im 20. Stock eines Hochhauses. Doch nun ist das erfolgreichste Schweizer Model mit ihrem Modelfreund Edison Kelmendi zusammengezogen.»

Wir verneigen uns geistig ehrfürchtig vor soviel Poesie und sind uns sicher, dass dies ein Model-Hochhaus in einem Model-Viertel in einem Model-Land gewesen ist, in dem Models in Model-Eisenbahnen zu ihren Modeljobs pendeln. Dies alles auf der ersten, nota bene zufällig ausgewählten Seite dieser neuen Ausgabe der Zürcher Model-, äh, Promo-, äh, Promi-Bibel. Das ist jetzt alles noch gar nicht repräsentativ.

Pony M. und Zukkihund sind mittlerweile zu Verbündeten geworden. Man beschwert sich ganz zürcherisch gemeinsam über diesen Anlass, dabei haben wir die Promi-Event-Expertin noch gar nicht konsultiert. El Arbi begibt sich mutig wieder in die Menge, schliesslich hat er die teure Kamera mitgenommen und will Paparazzi-mässig ein paar Bilder von den wichtigen Leuten schiessen.

Aber so einfach ist das nicht. Eingekeilt in der Menschenmenge ist er versucht, laut «Presse! Platz da!» zu schreien. Nur, wenn man sich umschaut, stellt man fest, dass dies wenig Sinn hätte. Die meisten «Promis» sind nämlich selbst Presseleute, die einfach heute Abend im feinen Zwirn und Abendkleid den Status gewechselt haben.  Man hat Körperkontakt wie in einem Darkroom, nur mit dem Unterschied, dass man mit den Leuten, an deren verschwitzte Körper man gepresst wird, höflichen Smalltalk austauscht. Bilder gibts von Hinterköpfen, Grossaufnahmen von Nasenlöchern, und wenn man es schafft, den Arm mit der Kamera aus dem Gedränge zu ziehen, kann man die Decke fotografieren.

Ingrid freut sich über die betrunkenen Zürcher.

Ingrid freut sich über die betrunkenen Zürcher.

Ingrid Villafane, unsere Fachfrau für Glamour, bemerkt, dass es im Damenklo für einmal mehr Platz hat als im Club. Was dazu führe, dass die Damen da entspannt und friedlich rumhängen, wo sonst eitle Eifersucht und Zickerei herrschen.  «Die Damen sind zum Teil so unscheinbar gekleidet, dass es skandalös ist.» Auch der soziale Aspekt ist typisch zürcherisch, Ingrid wurde nur ein einziges Mal angesprochen. Von einem Berner. Sogar wenn die 200 Zürcher unter sich sind, gibts dieses Szenegetue: man spricht nur mit Leuten, die dazugehören. Nur weiss eben niemand genau, wer dazu gehört. Darum spricht man nicht mit Fremden. Die könnten ja unwichtig sein.

Zurück in der Raucherlounge sinniert Sarasin, der andächtig das letzte Molekül Geschmack aus seinem  Drink saugt (schliesslich hat er  mehr als genug dafür bezahlt), darüber nach, selbst mal in die Promibibel zu kommen. El Arbi empfiehlt ihm, sich als «Bachelor» zu bewerben, das sei der direkteste Weg ins Nirvana der Wichtigen. Schliesslich macht Blofeld gleichzeitig zum «Who is Who» auch die Promo-Arbeit für den Sender 3+. Und wie jedes Jahr erwähnt El Arbi, mit aufgesetzter Bescheidenheit, dass er auch mal drin war, in diesem Katalog der Bedeutenden, und das ihm das damals aber sowas von überhaupt nicht beeindruckt hätte.

Inzwischen hat sich die Menge etwas gelichtet, was vielleicht damit zu tun hat, dass es nur bis 20 Uhr Gratisdrinks gab. Die Leute, die noch hier sind, scheinen es offenbar geschafft zu haben, genug von diesen Drinks zu ergattern. Jetzt gefällt es unserer Glamourfachfrau Ingrid auch besser: «Man muss die Zürcher nur abfüllen, dann kommt auch Stimmung auf», freut sie sich und rauscht ab auf die Tanzfläche.

Für uns Stadtblogger geht die Party zu Ende. Wir treten in die Nacht hinaus und stellen fest, dass es 22 Uhr ist. Wir schwören uns ein weiteres Mal, niemals mehr über diesen Anlass zu schreiben. Bis zum nächsten Jahr.

Wer sich die Bilder der Kollegin von Tilllate.com ansehen will, kann das hier tun