Toter Wohnraum

Teuer, luxuriös, aber seelenlos und austauschbar.

Teuer, luxuriös, aber seelenlos und austauschbar.

Es wäre zum Lachen, wenns der Stadt nicht solchen Schaden zufügen würde: Der Luxuswohnungsmarkt erwürgt sich selbst. Mit viel Geld sind die grossen Player – Allreal, Implenia und wie sie alle heissen – in die alten Quartiere der Stadt eingefallen und haben teuer neu gebaut oder saniert, um noch mehr Geld herauszuholen. Dabei wedelten sie mit Zertifikaten der höchsten Lebensqualität in Städterankings, wurden von Stadt und Wirtschaft hofiert und hofften auf Expats, Tennisspieler und Manager, die sich dann Zweizimmerwohnungen ab 4000 Franken als Zweitwohnsitz in der Stadt leisten würden.

Nun, die Rechnung scheint nicht aufzugehen. Wie der Tages Anzeiger heute berichtet, stehen immer mehr dieser Luxusbleiben leer. Die Immobilienkonzerne müssen den Preis runtersetzen und bringen die «Apartements» trotzdem nicht los. Und sie verstehen es nicht. Schliesslich hats in London, Schanghai, Singapur und Bangkok doch auch funktioniert. Mit denselben Architekten und vergleichbaren Preisen.

Aber es liegt nicht nur an den hohen Preisen. Es liegt daran, dass gerade der Teil Zürichs Lebensqualität ausmacht, den diese Renovationen und Neubauten vertreiben. Der Mix aus Familien, Kulturen, WGs, kleinen Läden und altem Stadtcharme ist das erste Opfer der Bauinvasion. Und wo der Charme fehlt, will keiner wohnen. Und warum soll man sich als Expat oder Aufenthalter auf Zeit eine überteuerte kleine Wohnung in einem seelisch abgemurksten Quartier leisten, wenn man für denselben Preis 20 Autominuten entfernt ein klassisches Bauernhaus mieten kann? Zürich ist nicht LA. Hier kommt man innert nützlicher Frist in die Innenstadt.

Die Investoren haben an Zürichs Image vorbeigebaut. Sie gingen davon aus, dass eine Finanzstadt auch ein kühles Business-Image hat. Aber meine Expat-Freunde sind nach Zürich gekommen, weil ihnen der alte Charme der Limmatstadt gefiel, das Kleine, das Gemischte. Sie haben das Wort «herzig» auf Deutsch gelernt, um bei ihren Freunden in London, Schanghai und Singapur mit Zürich angeben zu können.

Es ist auch nicht nur die fehlende Seele, die den gentrifizierten Quartieren die Attraktivität nimmt. Ich bin ja kein Architekt oder Architekturkritiker, aber man fragt sich schon, ob die Studenten während des Architekturstudiums  gebrainwasht wurden, damit sie nachher mit fünf nicht zu unterscheidenden Glas/Beton-Konzepten geprägt werden konnten. Und nebenbei: Auch die Leute die da wohnen sollen, sind keine Architekten oder Architekturkritiker. Es sind Leute, die ein Zuhause wollen, keine Bühne wie im Film «Wolf of Wallstreet», um sich vor ihren reichen Freunden in Szene zu setzen. In einem Magazin mögen solche Wohnungen geil aussehen, aber wenn man schon Geld hat, will man wohl lieber Lebensqualität als Design. (Vielleicht sollte man grundsätzlich alle Architekten zwingen, mindestens fünf Jahre in ihren eigenen Entwürfen zu leben. Und fünf Jahre im Haus gegenüber, wo sie ihre eigenen Entwürfe jeden Tag ansehen müssen).

Die Luxuswohnungen sehen dann auch alle gleich aus, ein wenig offene Lounge, ein wenig Geometrie, die Raumeinteilung absolut familienuntauglich – und wenn man nicht aus dem Fenster sieht, weiss man nicht, in welcher Stadt man sich gerade befindet. Teuer, aber trotzdem nicht exklusiv, sondern beliebig und austauschbar. Es fehlt die Identität, die entweder mit Kreativität geschaffen werden kann, oder eben durch eine eigene Geschichte entsteht.

Nun werden also die superteuren Wohnungen billiger. Das heisst nicht, dass sie dann für Normalsterbliche, kleine Angestellte oder Familien erschwinglich würden. Es ist nur ein Trick, um den Verlust durch die ausfallenden Mieten für die Bilanz ein wenig zu verkleinern. Dass man planungstechnisch an der Seele Zürichs vorbeigebaut hat, würde niemand zugeben. Dass man in einer Stadt, in der seit dreissig Jahren Wohnungsnot herrscht, auch gleich noch Wohnraum abmurkst, ist ein zusätzliches Verbrechen.

«Schliesslich hats doch auch in Schanghai funktioniert», bleibt das weinerliche Credo der Projektplaner. Und damit machen sie sich auf, in die nächste Stadt, ins nächste Quartier, in die nächste Nachbarschaft einzufallen. Wo sie weiteren toten Wohnraum schaffen.