Wiesn ohne Ende

Darum gehts: Saufen ohne Ende.

Darum gehts: Saufen ohne Ende.

Im Hauptbahnhof findet zwischen 24. September und 11. Oktober die achte Züri-Wiesn statt. Neben Brezn, Weisswurst und Bier gibt’s Musik von Charly’s (mit Apostroph) Partyband und den Schilchern zu hören. Am 5. Oktober, am «Schlagerfeuerwerk» namens Wiesn-Stadl, stehen gar Francine Jordi, Stefanie Hertel, Leonard und Linda Fäh auf der Bühne.

Vom 10. Oktober bis zum 8. November findet das Bauschänzli-Oktoberfest statt. Ein Schlagertrommelfeuer mit vier prominenten Reitern der Heile Welt-Apokalypse wird hier zwar nicht geboten, bei schätzungsweise 80‘000 Liter Bier, die an circa 40‘000 Gäste (auf der Page liebevoll «Bierfreunde» genannt) ausgeschenkt werden, dürfte die Stimmung auf dem Bauschänzli aber trotzdem ganz okay sein.

Aber nicht nur dort und im Hauptbahnhof wird geschunkelt: Auf dem Üetliberg (Uto Kulm), in der Mausefalle, im neuen Club Enge beim gleichnamigen Bahnhof, im Club Escherwyss beim gleichnamigen Platz, in der Bierhalle Wolf, im Plaza-Club, in der Amboss Rampe und in unzähligen weiteren Lokalen wird’s in den nächsten Wochen bierselig und weisswurstig. Kaum einer der bis Ende Oktober nicht mit einer Einladung an irgendein Oktoberfest konfrontiert und kaum eine die nicht zur Kollektivschunkelei gedrängt wird.

Wer schüchtern den Finger hebt, um gegen die penetrant-bayrische Invasion zu protestieren, ist ein Spassverderber und läuft Gefahr, zum Sonderling gestempelt und im Büro zum Aussenseiter zu werden. Selbst Leute, die sonst bei jeder Gelegenheit maulen, es werde in der schönen Schweiz langsam aber sicher zu Deutsch, verfallen ohne mit der Wimper zu zucken dem Oktoberfestfieber und stören sich nicht daran, dass das gute, alte Blau/Weiss Zürichs zum bayrischen mutiert.

Doppelmoral? Ah geh, so a Schmarrn! Das erste Oktoberfest fand 1810 und im Rahmen der Feierlichkeiten zur Hochzeit zwischen Kronprinz Ludwig von Bayern und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildeburghausen statt. Jährlich strömen sechs Millionen Besucher auf die Münchner Theresienwiese. Seit 2005 existiert das Projekt «Ruhige Wiesn» (nur Blasmusik bis 18 Uhr) und seit 2010 eine «historische Wiesn» mit altem, bayrischem Brauchtum.

Diese Massnahmen sollen, dem immer penetranter werdenden, Ballermann-Charakter des Oktoberfests entgegenwirken, also just jener Interpretation der Volksparty, der auch hierzulande gefrönt wird: Weder Brauchtum noch Geschichte des Freistaates spielen an den Zürcher Oktoberfesten eine spürbare Rolle und es existieren auch keine Bemühungen, dies zu ändern.

Die Zürcher Sicht auf die Oktoberfest-Tradition ist jene Homer Simpsons: Sauferei, Völlerei, Schunkelei. Damit gehören die hiesigen Oktoberfeste in eine Gruppe mit den Holi-Events, an denen sich die Besucher gegenseitig mit Farbbeuteln bewerfen, ohne einen Dunst vom sakralen Hintergrund des hinduistischen Brauchs zu haben. Die Schweizer Holi-Festivals und die hiesigen Oktoberfeste sind nur oberflächliche Kopien ausländischer Bräuche gemacht für Leute, die einen allgemein akzeptierten Anlass benötigen, um sich wieder einmal so richtig daneben zu benehmen. Und vielleicht ist dies auch der eigentliche und einzige Wert dieser Feste für die Gesellschaft.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Nordstern Basel, Rondel Bern, Blok und Zukunft

29 Kommentare zu «Wiesn ohne Ende»

  • Paul Jud sagt:

    Gute Kolumne, aber ein Punkt fehlt. Was passiert da mit der schönsten Bahnhofhsalle weltweit? Die SBB würde sogar ihre Grossmutter vermieten, wenn es Geld brächte. Ein Kulturschande, bloss um Geld zu machen.

  • Ferdinand sagt:

    Mei is des a Gaudi, all diese Kommentäre san ja sowas von wunderlich …. aba oana kummt jetzt no von mia:

    A Lebensweisheit von uns Bayern hoast: „Lebn und Lebn lass’n“

    Des wär aba woas…wenn diese baierische Philosophie weltweit Gültigkeit hätt, gell

    Pfüadt’s eich und an schöna obend.

    Ferdinand, a Bayer aus Minga der scho seit 20 Joarn in Bern läbt.

    • Johannes sagt:

      Deshalb geben die Bayern auch überall ihren Senf dazu, Leben und Leben lassen gilt da nur soweit, wie es das eigene Leben vorteilhafter macht, inakzeptabel.

  • T. Roll sagt:

    ist doch egal wie das fest heisst.
    hauptsache es generiert steuereinnahmen und stellt die proleten ruhig.

  • KMS a PR sagt:

    bierher-bierher-oderichfallum-bumm!

  • viktor sagt:

    jaja, über feste und vorlieben von anderen herzuziehen ist halt immer einfach. aber sich jedes weekend in einem club mit alkohol (oder anderem) zu irgendwelchem elektro, nu-beats oder wie der neuste bummbumm grad genannt wird zuzudröhnen, das ist natürlich schwer ok. nein, das ist sogar kultur. und muss gefördert werden.

    er stadtblog ist in wahrrheit ein bünzliblog, der anderen den spass schlecht redet.

    und nein. ich bin kein oktoberfestgänger. aber mir machts nix aus, wenn andere das lustig finden.

    • Alex Flach sagt:

      Dazu passend finde ich den Beitrag von Thomas eins unten toll.

    • Hannah sagt:

      Kollektives Saufen und Schunkeln auf der Bierbank ist nun mal anspruchslos und niveaulos. Wer selbst in der Freizeit in der uniformen Masse untergehen muss, hat zu wenig Kraft für Individualität.

      • Réda El Arbi sagt:

        Unterscheidet sich für mich wenig von restlichen Nachtleben. Es gibt Leute, die geniessen das Bierzelt und andere den Club. Andere Drinks, anderer Beat, anderes Outfit. Sonst eigentlich dasselbe.

  • Thomas sagt:

    So ist es! Ich war gerade dieses Wochenden an einem Wiesenableger in einer süddeutschen Stadt am Bodensee. Es war herrlich, ich konnte mich richtig gehen lassen. Es war mir eine wahre Freude unter einer Horde wildgewordener Menschen zu weilen. Bei all dem Krieg und Elend auf der Welt war es wohltuhend, mit jung und alt zu schunkeln, zu singen und zu grölen. Trotz dem massiven Alkoholkonsum habe ich keine einzige Pöblei gesehn, es war nur Peace, Love and Happyness…und die Lederhosen bzw. Dirndl haben einen super Nebeneffekt: Es ist wie eine Uniform. Ob reich oder arm, ob dick oder dünn, rechts oder links, alle sind irgendwie gleich. Ohne Vorurteile und ohne Ausgrenzung wird gefeiert. Ich finde das ganz ok, kann aber auch verstehen, wenn man dieser Völlerei kritisch gegenüber steht.

  • Johannes sagt:

    Oktoberfest ist so deppert, da treffen sich die intellektuell eher einfach Gestrickten, ein sehr guter Indikator. 😉

  • elhazzle sagt:

    Oktoberfest Zeit in Zürich ist etwas seltsames und nicht nur weil es viele Leute in seltsamen „bayrischen“ Kostümen herumlaufen. Habe mir vorgenommen in den nächsten 3 Jahren das in München zu besuchen, genau aus dem erwähnten Grund:

    „Damit gehören die hiesigen Oktoberfeste in eine Gruppe mit den Holi-Events, an denen sich die Besucher gegenseitig mit Farbbeuteln bewerfen, ohne einen Dunst vom sakralen Hintergrund des hinduistischen Brauchs zu haben“

    Ich glaube das diese Events nur da sind um Überschüssiges schlechtes Bier zu verkaufen und Geld zu scheffeln….

  • Peter sagt:

    Oktoberfest? Was für ein Fest? Ist das überhaupt ein Fest. Was wird denn da gefeiert, wenn so heftig gefestet wird, im Oktober. Und wieso wird darüber so heftig geschrieben? Berichtet, wieviele Liter Bier gesoffen werden oder wurden, etc.? Wieso wird darüber überhaupt eine Wort berichtet. Ist doch soooo was Nebensächliches. Ehrlich!

    • Alex Flach sagt:

      Es wäre schön wenn dem so wäre, aber sogar Sie lieber Peter sehen sich genötigt etwas zum Thema verlautbaren zu lassen.

  • Sandro Lang sagt:

    Sehr schöne Kolumne. Trifft den Nagel auf den Kopf. Gibts noch zusätzliche Oktoberfeste im Rayon Zürich (nebst den aufgezählten) damit ich diese Plätze meiden kann…? (8-ung…Ironie 🙂 ). Langsam glaube ich der Mensch ist zum „saufen geboren“. Frühling Fasnacht/Karneval, Sommer Ballermann, Herbst Oktoberfest, Winter Apres Ski 😉 🙂

    • tststs sagt:

      „Langsam glaube ich der Mensch ist zum “saufen geboren”“ Ob’s das Saufen sein muss, lasse ich mal unkommentiert; aber ganz sicher ist der Mensch zum Rausche geboren 😉

  • geezer sagt:

    „die penetrant-bayrische Invasion“! wie wahr. geht doch alle nach münchen, wenn ihr das so toll findet!..:-)

    es war mir schon immer schleierhaft, warum sich schweizer in eine lederhose oder ein dirndl zwängen, um dann am HB oder einer sonstigen blau-weissen hundsverlochete in dieser stadt zu idiotischer schlagermusik zu schunkeln und sich ein paar mass hinter die binde zu giessen.

    es wäre noch interessant zu erfahren, wie viele von denen bier eigentlich gar nicht mögen. aber weils halt ’so lustig‘ ist, wird munter mitgemacht. ich kann das ganze jahr über oktoberfest (oder fasnacht) machen, dafür brauche ich kein festzelt, auch keine weisswurscht und schon gar nicht einen bestimmten monat im jahr.

    • tststs sagt:

      „wie viele von denen bier eigentlich gar nicht mögen“ Mhmmmm, so kann/muss ich zugeben, dass ein Geschäftsausflug aufs oktoberliche Bauschänzli zu meinem einzigen Chrüterschnaps-Räuschli geführt hat… wirklich lecker war es nicht, aber im Dienste der Erträglichkeit…

  • tststs sagt:

    „um sich wieder einmal so richtig daneben zu benehmen“
    Absolut! Ich glaube, die Schweiz ist deshalb schliesslich und schlussendlich so ein friedliches Land, da es für jede Gruppe einen Purge Day gibt. Und besonders auffällig ist der Hang der Schweizer zur Kostümierung, wenn sie eben diesen begehen…(Street Parade, Sächsilüüte, Oktoberfest, Schwingfest und natürlich der Klassiker: die Fasnacht) ;-)!

    • geezer sagt:

      ohne kostüm sind wir schweizer zu feige, um richtig auf den putz zu hauen. der nachbar oder chef könnte uns ja sehen…..typisch!

    • Steffan Wolf sagt:

      Die Aufzählung von tststs ist ziemlich abschliessend, aber zwei fehlen noch: Die Polterabend-Polonaisen mit Bunnykostümen o.ä. im Dörfli und natürlich der Klassiker in Tsüri schlechthin: Die vermummten Buben vom schwarzen Block am 1. Mai.

    • tststs sagt:

      @Geezer: Einerseits verstehe ich total was sie meinen… andererseits braucht es doch eigentlich noch etwas mehr Mut… und eben; hauptsache wir hauen überhaupt auf den Putz 😉
      @Steffan Wolf: Aahhh ja genau, und natürlich die Ländlerversion: der Alpabzug, da werden sogar die Kühe verkleidet.
      Und selbstverständlich gibt es auch Mini-P.D.s, die nicht einmal pro Jahr, sondern in höherer Kadenz stattfinden, zB Fussball- und Hockeymatches…

  • Michi B. sagt:

    Mir gefällt:“Selbst Leute, die sonst bei jeder Gelegenheit maulen, es werde in der schönen Schweiz langsam aber sicher zu Deutsch, verfallen ohne mit der Wimper zu zucken dem Oktoberfestfieber und stören sich nicht daran, dass das gute, alte Blau/Weiss Zürichs zum bayrischen mutiert. “ Wahre Worte!
    Leider werden dir die meisten Schweizer entgegenhalten, dass Bayern ja eh ein Freistaat ist und eigentlich gar nicht so richtig zu Deutschland gehört; eigentlich…

    • Alex Flach sagt:

      Da muss man aber entgegenhalten, dass selbst die Bayern diese Zugehörigkeit bisweilen etwas selektiv handhaben. Je nach Thema… ich bin einfach mal von der offiziellen Version ausgegangen. 🙂

    • Johannes sagt:

      Die Südländer verkörpern das biedere D, was die meisten nicht mögen. Wenn man es lockerer, cooler und kreativer mag, dann muss man schon nach Berlin, NRW und Hamburg..

  • Venty sagt:

    Uh, danke fuer die Warnung!

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