Wo ist der nächste Hype?

Waren die Clubs früher wirklich unique - oder hatten sie einfach weniger Konkurrenz?

Waren die Clubs früher wirklich unique – oder hatten sie einfach weniger Konkurrenz? (Oxa)

An diesem Wochenende hat Ricardo Abenojar alias Mas Ricardo im Club Supermarket sein dreissigstes Plattenleger-Jubiläum gefeiert. Er war bereits in den 80er Jahren Resident-DJ in Jean-Pierre Grätzers Club Roxy und war Teil des Tarot-Veranstalterteams, das mit seinen Afterhour-Partys dem Oxa zu internationaler Bekanntheit verhalf. Er war Mitte der 90er Jahre einer der Initianten der Grodoonia-Partys in Rümlang und zwischen 1996 und 1999 einer der Betreiber des Clubs Sensor in Oerlikon, in dem mit Sven Väth, Paul Oakenfold und Kruder & Dorfmeister die einflussreichsten DJs und Clubmusiker zu hören waren. Danach wurde es ruhiger um Mas Ricardo.

Roxy, Grodoonia, Tarot und Sensor waren Meilensteine am Weg des elektronisch geprägten Zürcher Nachtlebens von seinen Anfängen in den 80er Jahren bis hin zu seiner heutigen Form. Die illegalen Bars in der ersten Hälfte der 90er Jahre, die frühen Blushin Pink-Partys, der Club Garage (heute Supermarket), Dani Königs Donnerstage im Kaufleuten, die Dachkantine und die Hermetschloo-Partys waren weitere Publikumsmagneten, welche die Spreu vom Weizen zu trennen vermochten: Wer hier feierte gehörte dazu, alle anderen waren bloss Zaungäste.

Der Erfolg heute legendärer Partymarken gründete jeweils nur bedingt in ihren Line Ups, denn viele verzichteten zeit ihres Bestehens komplett auf Bookings teurer ausländischer DJs. Wie auch bei anderen Hype-Marken, beispielsweise in der Mode oder der Computertechnologie (die Preise von Apple-Produkten lassen sich wohl nicht mehr mit einem Technologie- und Design-Vorsprung des Riesen aus Cupertino gegenüber seiner asiatischen Konkurrenz erklären), muss man in der Diffusionstheorie nach Gründen für den Erfolg suchen.

Die Betreiber der genannten Clubs und Partylabels haben das System der Adaption, das Spiel zwischen Meinungsführung und Übernahme durch andere, besser für ihre Zwecke zu nutzen verstanden, als ihre Mitbewerber. Ihr Fehler bestand jedoch zumeist darin, dass sie Club und Label zu fest an ihre eigene Person gebunden haben: Als der Hype um ihr Produkt abflachte, gelang es ihnen jeweils nicht, ihren Erfolg zu wiederholen, da auch sie selbst, und damit alles was sie künftig versucht haben, nicht mehr als hip galten. Der mehrfach erfolgreiche Mas Ricardo, und auch diverse heute erfolgreiche Gastro-Unternehmer, agierten und agieren aus der Gruppe heraus und achten darauf, dass ihre Unternehmen nicht zu stark mit ihren Namen assoziiert werden.

Ein Club oder eine Eventreihe, die in der Szene als imperative Hingeher gelten, sind aktuell nicht auszumachen. Einen Hype zu generieren, wie er seinerzeit von den Blushin Pink-Machern um Oliver Nater kreiert wurde, ist heute ungleich schwieriger geworden: Die Anzahl Zürcher Clubs und Partylabels ist seit dem Jahrtausendwechsel exponentiell gewachsen und eine in sich geschlossene Szene wie in den 90ern, in der sich alle kannten und die alle gemeinsam dieselben Lokale und Partys besuchten, existiert nicht mehr. Jedoch lieben Clubber Hypes mehr als alles andere: Daher wartet das nächste dicke Ding wohl trotzdem bereits hinter der nächsten Ecke.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft.

25 Kommentare zu «Wo ist der nächste Hype?»

  • Markus Schellenberg sagt:

    Da steht einer Pult und mixt und alle sind verzückt…das war einaml. Viele wollen etwas erleben, Teil eines eines aussergewöhnlichen Ganzen sein… also inovativ, kreativ und phantasievoll hilt bei der Gestaltung eines Events. Ich habe vom Flamingo/Big Apple/Dillons und Roxy gute Erinnerungen….mit etwas Distanz gesehen haben die Clubs selten etwas originelles geboten…ich denke nicht das das heute anders ist.

  • Nicole Veress sagt:

    Ich kann Alex nur beipflichten , es war eine Super-Zeit damals und ich war mittendrin !
    Eine wichtige Pionier-Party wurde hier leider noch vergessen ; nämlich : die „Parfümerie-Parties“ noch vor all den vorhin Genannten !
    Anbei gab es damals noch keine Handys und man hat wundervolle Flyer gestaltet ; vom Kartoffeldruck bis hin zu „Always Ultra“ bedruckten Slip-Einlagen …… Lach ….
    Ich möchte an dieser Stellle noch erwähnen , dass ich 2 volle Migros-Einkaufstaschen voller Flyer aus dieser Zeit besitze ….
    Vielleicht interessiert das jemand ….. für ein Event oder Ausstellung …..
    lieber Gruss von mir

  • Simon sagt:

    Kann man das alles nicht einfach als Opfer der Gentrifizierung abtun? Hoffe nur eines, dass das, was an der Gelorldstrasse ist, lebt, leibt und brummt un d surrt, noch lange andauern wird. Es graust mir der Gedanke, dass dort irgendwann mal Wohnungen stehen werden, die ich mir nicht mal im Traum leisten kann, da „nur Musik-liebender Durchschnittsbürger“. Eigentlich müsste die ganze Geroldstrasse unter Denkmalschutz gestellt werden. In den 80er Jahren gingen Studenten auf die Strasse (züri brännt), heute interessiert es uns gar nicht mehr, wenn ein „Güterbahnhof“ oder das „Labitzke-Areal (wo es ja auch gute Clubs hatte)“ dahingerafft werden. Es interessierte uns auch nicht, als eine „Säulenhalle“, das ganze Toni-Areal, etc. irgendwelchen top-modernen Bauten weichen mussten. Schade.

    • Claas sagt:

      Ja die Kommerzialisierung findet schleichend statt und irgendwann hat man nur noch unkritische Vertrter der Generation head down, die die ganze Zeit auf ihre Massenmarktapfelscheiben starren, krank eigentlich, aber das merkt nur die Generation, die schon intensiv abgefeiert hat.

  • Pablo sagt:

    Soweit ich mich erinnern kann, gab es zwischen der Garage/Kaufleuten/BlushinPink-Vocalhouse-Fraktion – mit ihren hellblauen Cowboyhütchen und den Glitzer-Blazern – und den All/Hermetschloss-Leuten keinerlei Überschneidungen.

    • Alex Flach sagt:

      …kommt drauf an wie „Überschneidung“ gemeint ist…. Blushin Pink und Garage hatten ihren Hype teilweise parallel wenn ich mich recht entsinne und die entsprechenden Macher waren auch sehr eng miteinander befreundet (gilt auch für einen Teil der Kaufleuten-Crew damals). All (habe ich nicht drin) und Hermetschloo wüsste ich jetzt nicht wie sie zueinander stehen.

      • partypapst sagt:

        doof. bald machen wir ein museum auf. dann brauchts noch eine grafik wer mit wem ins bett ist. partys gibts nach wie vor. es ist einfach 2014. also jetzt! und ich gehe praktisch nur an private oder illegale partys und an festivals. viel negatives hat auch die kommerzialisierung verursacht, die genau über solche kanäle wie hier stattgefunden hat. über partys muss man nicht schreiben und lesen, man macht sie am besten gleich selber!

        • Alex Flach sagt:

          🙂 ich esse auch gerne zuhause und koche auch selbst. Trotzdem gehe ich gerne auswärts essen und möchte mich auch informieren welches die richtigen Restaurants sind und warum. Wieso bist du der Ansicht dass man nur etwas davon angeboten kriegen soll (zuhause essen und selber kochen) wenn man alles haben kann (auswärts essen, darüber lesen, etc)? DAS ist doof.

          • partypapst sagt:

            „alles haben kann“ das gibts ja sowieso. bedeutet aber einen tisch zu reservieren und für teures geld abgefertigt zu werden. oder im vorverkauf ein ticket zu kaufen und dann auch noch in partystimmung zu sein. das wird nix. dinge im kleinen und neu, machen viel mehr spass. wenn die medien darüber berichten ist meistens schon vorbei.

          • Alex Flach sagt:

            Ich würd’s mal mit Clubs versuchen in denen man kein Tischchen reservieren kann, die aber Line Ups mit musikalischem Gehalt bieten. Kommt halt drauf an was man will… wenn man sich für den Sound interessiert, bietet Zürich enorm viel mit Clubs wie Zukunft, Cafe Gold, Friedas Büxe, Revier, Supermarket, Moods, Exil, Stall 6, Hive, aber auch mit seinen diversen Live-Clubs wie dem Catrina, dem El Lokal… ich glaube „Tischchen“ kann man in keinem dieser Lokale reservieren. 🙂 Wenn man sich einfach nur mit Freunden betrinken und eine gute Zeit haben will und wenn dabei der Sound nur eine sekundäre Rolle spielt… klar. Zuhause, Mixtape einschmeissen, ab die Post. Was die Zeitungen betrifft ist das eine ziemlich pauschale Aussage… der Züritipp und auch das Nightfever 20minuten sowie RonOrp und Formate auf SRF Virus, Kanal K, etc. sind ziemlich gut informiert und bieten auch Leuten Background, die sich nicht so gut auskennen.

          • Alex Flach sagt:

            Ah ja… die allerwenigsten Clubs bieten für ihre Partys einen Vorverkauf an. Gibt’s eigentlich nur für Festivals, Konzerte und dergleichen.

        • partypapst sagt:

          wir reden nicht vom gleichen. und ich werde hier garantiert nicht anfangen orte aufzuzählen die für mich funktionieren. die musik in den meisten clubs ist völlig belanglos und austauschbar. sowie auch das publikum. es geht um freiräume und deren gestalltung. um freunde und interessante menschen.

          • Alex Flach sagt:

            Ah… doch dieser Partypapst also. Nein. Von Freiräumen habe ich nicht gesprochen, weil der erste Antworter oben von Homepartys geredet hat. Freiräume sind wohl überall (in allen Ballungszentren) ein Problem, mittlerweile gar in Berlin. Erst wurden sie in Mitte rar, dann am Prenzelberg, nun auch in Friedrichshain und sie werden weiter verschwinden. Es war schon immer schwierig ideal geeignete Raumnischen zu finden und leichter ist es in den vergangenen Jahren bestimmt nicht geworden… Was die Musik betrifft bin ich anderer Meinung. Ausser man erwartet, dass das gesamte musikalische Spektrum in den Clubs abgedeckt wird. Innerhalb der elektronischen Musik ist die Vielfalt ziemlich gross, finde ich. Und auch die Qualität des Gebotenen stimmt.

          • partypapst sagt:

            private oder illegale partys sind nicht zwingend homepartys. sind aber ganz klar freiräume. wobei du in deinem Bericht auch solche als gutes Beispiel aufführst. 70% der elektronischen DJ^s sind beliebig austauschbar. Und dies wird durch die clubbooker gesteuert. Viele dj plätze sind schon für ewig fest vergeben. langweilig!

  • KMS a PR sagt:

    früher war alles besser! – wirklich? – ja, ALLES! den spruch hört man ja oft. nur. er ist realität. in den 80ern waren die clubs darkrooms. und heute sind darkrooms die neuen clubs. fragen?

    • tststs sagt:

      Jaja, FRÜHER als die alten Säcke und Säckinnen den Jungen noch nicht in Foren klarmachen konnten, wie uncool jene doch sind… 😉

  • Toerpe Zwerg sagt:

    Auf den Punkt. Anzufügen wäre noch, dass der letzte Hype massgeblich durch gesetzgeberische Veränderungen der Rahmenbedingungen befeuert wurde. Ob solche auch wieder gleich hinter der Ecke lauern – ich befürchte ja, aber diesmal in den andere Richtung.

    • Alex Flach sagt:

      Gemeint sind eher die Hypes im kleinen. Also Hypes um Labels und Clubs. Nicht den gesamtheitlichen Hype, den das Nachtleben nach dem Fall Huber und der entsprechenden Anpassung des gesetzlichen Rahmens erfahren hat (wobei sich da das Angebot einfach nur explosionsartig der Nachfrage angepasst hat, denke ich…)

  • tststs sagt:

    „eine in sich geschlossene Szene wie in den 90ern, in der sich alle kannten“
    Rosarückblickbrille?!?

    • Alex Flach sagt:

      Wenn es nur eine Handvoll Clubs gibt kennt man zwangsläufig bald einmal alle die dort regelmässig verkehren.

      • tststs sagt:

        Okee, vllt verstehe ich unter „Club“ etwas anderes als Sie, aber es gab schon ein paar mehr als die, die Sie aufgezählt haben… vorallem auch jenseits elektronischer Musik… aber ich vergass, dass waren ja dann die „Zaungäste“…

        • Alex Flach sagt:

          …die Aufzählung ist (wie im Text erwähnt: „waren weitere“ nicht „waren DIE weiteren“) nicht abschliessend, da eine komplette Liste (erstens) den Rahmen des Textes gesprengt hätte und (zweitens) für die Funktionalität des Beitrages nicht zwingend nötig ist. Zudem ist das mit den Zaungästen selbstverständlich aus Sicht jener formuliert, die damals zu diesem Umfeld gehört haben….

          • Claas sagt:

            Stimmt absolut, in der Pionierzeit des Elektro, zu der wir die Musik gross gemacht haben, kannte in den wenigen Clubs nahezu jeder jeden, man sah immer die gleichen innovativen Freaks, die einfach Lust auf die Musik fern jeden Kommerzes hatten, und man kannte eh alle DJs, gab ja noch so wenige.

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