Ein Requiem für die Street Parade

Die ursprüngliche GEist der Street Parade ist tot. Das Zürcher Nachtleben braucht eine neue Ausdrucksform im Sommer. Bild: motleyphotos.net

Die ursprüngliche Geist der Street Parade ist tot. Das Zürcher Nachtleben braucht eine neue Ausdrucksform im Sommer. Bild: motleyphotos.net

Die Musik war kommerzieller Mist. All die Karnevalsjecken, die denken, uniforme Gruppenverkleidungen seien lustig, hätten in den See geschubst gehört. Ebenso diese unsägliche Marketingbühne von Opel, mitsamt den arschwackelnden und mit Schmetterlingsflügeln bewehrten Hupfdohlen. Und hätte sich einer der besoffenen Idioten, die in der Menge Restposten ihres 1. August-Feuerwerksarsenals gezündet haben, nicht noch einen Chinaböller für den vorbeituckernden Ballermannjockey Oliver Pocher aufsparen können? Es war ein farbenfrohes Trauerspiel mit 950‘000 Stillosen.

Falls Sie nun der Ansicht sind, dass sei nur miesepetriges Gewäsch von einem Altszeni, der nicht damit fertig wird, dass man ihm irgendwann zwischen 1995 und 2002 ‚seine‘ Parade gestohlen hat… dann haben Sie recht. Irgendwann in dieser Zeit hat sich der letzte angesagte Undergroundclub vom Umzug verabschiedet, die Street Parade ist vom Spiegel der Zürcher Clubkultur zur Massenfasnacht mit Beschallung mutiert. Unsere Party ist nun ein Fest der anderen und die Angehörigen des Organisationskomitees fortan nicht mehr  aus den Reihen der Zürcher Clubszene, sondern egoistische Eigenbrötler ohne Bezug zu jenen, denen sie alles zu verdanken haben. Zieht man aber die Kränkung des vermeintlichen Verrats ab, bleibt die Street Parade einfach ein kommerzielles Erfolgsprodukts, das nicht mehr vom Hype des Neuen umweht wird.

Die Schuld dafür kann niemandem in die Schuhe geschoben werden, es ist bloss der Lauf der Dinge. Und es gibt keinen Weg zurück: Alle Versuche des Zürcher Nachtlebens und der Street Parade sich wieder anzunähern sind gescheitert, weil der Umzug längst nicht mehr zu den Clubs gehört, sondern einen Teil der städtischen Imageförderung darstellt. Deshalb sollte diese auch ihre Pflicht endlich wahrnehmen und die Street Parade in gebührendem Masse fördern und das Organisationskomitee nicht alljährlich unter grösstem finanziellem und organisatorischem Druck arbeiten lassen. Wann finden sich denn mehr gutgelaunte Menschen in Zürich ein als an diesem Tag im August? Wann bestaunen denn mehr Leute auf einmal die Schönheit der Stadt und fahren mit einem Lächeln wieder nach Hause? Kann es eine bessere Werbung für Zürich geben, als dieses Fest?

Die Stadtverwaltung scheint die Street Parade jedoch mit demselben abschätzigen Blick zu taxieren, wie die Anführer des Nachtlebens und tut sehr viel, um sie zu regulieren und viel zu wenig, um sie zu erhalten. Die Nightlifemacher hingegen sollten so langsam ihren Liebeskummer überwinden, sich mit dem Gedanken abfinden, dass die Street Parade längst nicht ihnen gehört und sich auf die Suche nach einer neuen Ausdrucksform machen. Das muss ja nicht gleich wieder zu einem Monstrum in den Dimensionen einer Street Parade avancieren, es darf ruhig auch ein paar Nummern kleiner sein. Hauptsache die Zürcher Clubs finden wieder eine Möglichkeit, um ihr Schaffen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, um gemeinsam und mit Freunden und Interessierten zu feiern, ganz so wie es an den Street Parades bis Mitte der 90er der Fall war. Es ist an der Zeit loszulassen, den einsamen Schmollwinkel zu verlassen und um sich eine neue, kollektive Liebe anzulachen.

Alex-Flach1Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft.