Tschüss Jugendkultur!

Nimmt den Jungen den Platz weg: David Guetta , 46

Nimmt den Jungen den Platz weg: David Guetta , 46

Berufsjugendliche haben der Jugend die Kultur gestohlen. Spätestens seit den 50er Jahren und mit dem Rock’n’Roll und der Beatnik-Bewegung hatte die Jugend stets ihren eigenen kulturellen Garten, der nur ihr vorbehalten war und den sie exklusiv gestalten durfte. Nicht dass den Altvorderen der Zutritt explizit verboten gewesen wäre, jedoch war die Rebellion (oder zumindest die Abgrenzung) gegenüber der Welt der Eltern stets eine tragende Säule dieser Ären, was ein Ausschluss von Menschen ab circa 30 Jahren automatisch impliziert – «we don’t trust anyone over 30» (Jack Weinberg).

Auf die Beatniks folgten die Hippies, auf die Hippies die Punks, auf die Punks die Goths, die Popper und die Heavys (Metalheads) und die wiederum wurden durch die Raver und die Skater abgelöst. Zur Jahrtausendwende machte sich dann der Hip Hop breit, auf den aber nur noch kurzlebige Seltsamkeiten wie Emo oder Cosplayer folgten. Erwachsene spielten bei all diesen Kulturbewegungen eine Rolle, jedoch nur als Mentoren, Mäzenen und Strippenzieher hinter dem Vorhang. Sie hatten die Macht und das Geld um aus Strömungen globale Hypes zu machen und sie waren es jeweils auch, die wussten wie man eine Jugendkultur und deren Anführer mit Gier infiziert, wie man sie zu Geld machen und damit dem Untergang weihen kann.

EDM ist die Abkürzung für Electronic Dance Music und EDM ist die Musik, die derzeit aus den Teenager-Zimmern dröhnt. Ursprünglich ein Sammelbegriff für alle elektronischen Musikstile, ist EDM mittlerweile zu einem eigenen Genre mutiert, wobei niemand so genau sagen kann, wie dieses definiert wird. Von Dubstep, Trap und Breakbeats über gewisse Elektro- und House-Spielarten bis hin zu Trance findet alles unter dem EDM-Dach Platz.

Als die US-Amerikaner, welche die gesamte Technobewegung der 90er Jahre verpennt haben, die elektronische Musik für sich entdeckten, erkannten DJs im fortgeschrittenen Alter wie David Guetta (46), Tiësto (45) und Steve Aoki (36) schnell das Potential der EDM-Definitionslücken: Tiësto, bis dato der bekannteste Trance-DJ der Welt, gab 2010 bekannt, dass er das Ende von Trance gekommen sieht und er sich daher fortan auf Elektro-House fokussieren werde. Eine geniale Geschäftsfinte, denn dieser Begriff ist dermassen schwammig, sodass er seine bisherige Kompositionsweise nur geringfügig modifizieren musste um zu verhindern, dass der Niedergang des Trance auch zu seinem eigenen wird.

Viele etablierte Senioren wie Paul van Dyk (42) oder altgediente Schweizer wie Dave202 (41) folgten seinem Beispiel und erklärten, dass sie fortan als EDM-DJs bezeichnet werden wollen. Klar gibt es auch viele junge EDM-Leader wie Avicii (24), Skrillex (26) oder Calvin Harris (30), aber sie teilen sich ihr Spielfeld mit den genannten grauen Electronica-Panthern. Eben deshalb ist EDM keine Jugendkultur: Wenn ein Teenager heute Tïesto aus seinen Boxen in seinem Zimmer dröhnen lässt, riskiert er nicht mehr eine Standpauke seines erbosten Vaters, sondern dass ihm dieser begeistert mitteilt, dass er bereits an der Street Parade 1998 zu den Songs des Holländers abgegangen sei. Es ist höchste Zeit, dass sich die Jugend wieder selbst bewegt und zwar unter Ausschluss von Acts die ihre Eltern sein könnten.

Alex FlachAlex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter Anderem für die Clubs Supermarket, Hive und Zukunft.

60 Kommentare zu «Tschüss Jugendkultur!»

  • tststs sagt:

    Nach dem Studium der Kommentare rufe ich die neuste Schublade in der Genderfamilie aus: „Jugendliche/r“.
    Es gibt einerseits die biologische Definition von Jugend. Und andererseits dasjenige, was die Gesellschaft darunter versteht. Jugend ist dann eher eine Frage von Einstellung (offen für Neues, aber auch sehr blauäugig), Charakter („auf der Suche“ gemischt mit übertriebenem Selbstbewusstsein in der Gruppe), Verhalten (ledig, kinderlos, freundeskreisorientiert) und hängt nicht mehr mit dem tatsächlichen Alter zusammen.

    Und in der Tat macht es das den tatsächlichen, sprich altersgemässen Jugendlichen schwer, sich über den Begriff der Jugend von den Erwachsenen abzugrenzen. Aber sooo tragisch ist das IMHO nicht; dies ist schlussendlich nur auf der Meta-Ebene relevant; im Alltag geschieht dies Abgrenzung (also Zeichen eines Abnabelungprozesses) in und an kleinen Dingen; eben solche, die bei den Erwachsenen anecken. Ich gehe sogar soweit und sage, der Inhalt sei nicht einmal mehr so relevant, die erzielte Wirkung ist der Massstab!

    • tststs sagt:

      Oh, und da fällt mir gerade auf: Wir erwarten von den Jugendlichen, dass sie rebellisch sind, sich ihren eigenen Anführer aus ihren Reihen schaffen etc… Und was machen die Jugendlichen? Sie verhalten sich genau… gegenteilig…und tun so gar nicht, was die Erwachsenen von ihnen erwarten… 😉
      In diesem Sinne: alles im Lot

  • grandmasterdust sagt:

    nicht nur das uropas und uromas den jugendlichen die kultur klauen
    verstellen sie ihnen auch noch den weg
    wer braucht „kuenstler“ die ihre eigene musik von vor dekaden auf buehnen samplen.
    auch wenn sie alt und gierig sind, und das geld brauchen, ihre zukunft liegt hinter ihnen
    nehmt den jungen nicht ihren platz weg, dankt flott ab, sonst gibts frueher oder spaeter stress
    p.s.
    70 jaehrige berufsjugendliche auf der buehne, mir is schlecht und jimmy hendrix kotzt den ganzen tag
    und janis joplin schaemt sich fremd

    • fabian sagt:

      es sage das mal einer zu den arbeitern, nicht zu den kultur-kuratoren:
      „nehmt den jungen nicht ihren platz weg, dankt flott ab, sonst gibts frueher oder spaeter stress“
      da müssen wir dem freien markt ja danke sagen, dass er wenigstens im büezer-alltag dafür sorgt, dass die alten den jungen nicht den platz wegnehmen, bloss weil sie das geld brauchen.

  • fabian sagt:

    Weshalb schreiben eigentlich immer Opas über Jugendkultur?
    :-p

  • Roger sagt:

    David Guetta sei dank, der hat dumpfbackigen Rap veredelt und so auf geniale Art für eine breitere Hörschaft zugänglich gemacht!

  • Tom sagt:

    Wenn sich früher in den dunklen Partykellern neue Strömungen formten, dann hatten sie dank der damaligen Medienträgheit und gesellschaftlichen Stimmung immer einen komfortablen Vorsprung gegenüber den Vereinnahmungsgelüsten der Industrie. Bis eine ‚Bravo‘ mal entschieden hatte, ob sie über Punk berichten soll, war die Welle schon wieder vorbei. Damals war die einzige coole Quelle für autentische Jugendkultur-News eine einstündige Sendung namens ‚Musik aus London‘ auf dem einzigen Schweizer Radiosender SRG. Mit Jugendkulturen breit Werbung zu machen war auch undenkbar, da diesen in den angespannten Zeiten des ‚Kalten Krieges‘ immer auch das Ettiket des latent Linken anhaftete. Erst das Ende dieser Zeit, das auch die Medien freier und mit MTV&Co mächtiger machte, lies diesen Vorsprung kleiner werden und heute scheint er umgekehrt. Die Industrie zeigt der Jugend pausenlos was cool ist, auf allen Kanälen. Die Akteure der Techno-Generation tun nur das, was jene der Punk- und Hippie- etc. Generationen auch getan haben. Sie schauen wo sie bleiben. Ich als 50jähriger warte aber auch auf den Sound, den ich definitiv nicht mehr verstehe.

    • adam gretener sagt:

      Mal hier langsam anfangen nicht mehr zu verstehen.

      http://www.youtube.com/watch?v=YJVmu6yttiw

      • Tom sagt:

        Bin sicher nicht so typisch für meine Generation, aber wer den Schallwellen von Aphex Twin oder Ilsa Gold Einlass in seine Hirnwindungen gewährt hat, ist so nicht nachhaltig zu erschüttern. Trotzdem, erfrischende Sache! Danke!

      • Tom sagt:

        Kommt mir spontan das in den Sinn:
        http://www.youtube.com/watch?v=I4agXcHLySs
        Gekonnt zitiert würde ich sagen. Egal welche Epoche, sind doch genau jene Künstler interessant, die diese Grenze von Kunst und Kommerz auszuloten wagen. Dann kommen auch Geschmacksfragen ins Spiel und es wird spannend. Das darf man alles nicht mit der ‚wir sind alle glücklich‘ Partygymnastik a la Guetta vergleichen und die gibt es ja nicht erst seit kurzem.

      • Oliver sagt:

        Ein bisschen Drum’n’Bass, ein bisschen Aphex Twin, ein bisschen Fat Boy Slim… äh, dieser Skrillex-Titel wäre schon vor über 15 Jahren nicht aus dem Rahmen gefallen. Weiterhin im Westen nichts neues.

  • SrdjanM sagt:

    Ah, ja über die Jugendkultur wollten Sie sich unterhalten.
    Der Artikel Ihrer Kollegin Binswanger hilft da ev. auch weiter…

    M.M.n kann es keine eindeutige Jugendkultur mehr geben, weil der Begriffe „Jugend“ und „Kultur“ überbesetzt und damit nichtssagend geworden sind.
    Alle wollen jugendlich bleiben und jugendlich sein, und seit den Neunzigern Jahren schaffen es auch Menschen welche weit über 40 sind, als Jugendliche durchzugehen.
    Das hat aber eher mit dem Wohlstand und dem Individualismus in der westlichen Gesellschaft zu tun, nicht mit den Kulturgütern welche an der Basis produziert werden um dann vom Mainstream vereinnahmt zu werden.
    Vor allem die Musik und die Mode sind zeigen diese Zersetzung der „Strömungen“, aber auch in der modernen Kunst gibt es keine Richtung mehr, nur die Diversität.

    Und wie wollen sich nun Jugendliche absetzen, egal wie sie es machen, fallen Sie kaum mehr auf?
    Und wozu auch, gegen was sollte man denn rebellieren?

    • Alex Flach sagt:

      Gegen die Kultur der Eltern. Nicht mal zwingend rebellieren, sondern sich einfach abgrenzen. Die Rede ist auch nicht von Techno beispielsweise; das war die Musik der Ravekultur, also diejenige der Leute, die in den 90ern ihre eigene kulturelle Welt schufen, sondern von dem was man heute unter EDM ablegt. Klar… Guetta, Tiesto und Co. ist kein Vorwurf zu machen; wieso aufhören mit der Geldscheffelei wenn sie einem gestattet wird? Jedoch ist es ein Novum, dass es dermassen vielen (prozentual) „Senioren“ gestattet ist, eine Jugendkultur mitzugestalten. Bei früheren Jugendkulturen war es so, dass die Leader aus der Jugend selbst stammten. Ob Punk, ob Hippiezeit, ob Skaterszene, ob Techno (Ende 80er, Anfang 90er), ob Goth… Exponenten über 30 waren immer die Ausnahme. Weil (eben) Jugendkultur immer auch Abgrenzung gegenüber der Welt der Eltern bedeutete. Ich denke diese Abgrenzung ist insofern wichtig, weil sich dadurch eine Generation eine eigene Identität schaffen kann. Die Schuld von Guetta und Co ist das nicht. Es läge an der Jugend sich diese Kultur zu schaffen.

      • G. Nardone sagt:

        @Alex Flach:
        – „Bei früheren Jugendkulturen war es so, dass die Leader aus der Jugend selbst stammten.“
        Stimmt gar nicht, denn wer waren die Gurus der Beatniks und Hippies? U.a. Jack Kerouac ,Thimothy Leary, Ginsberg! Wie alt waren denn diese Leute zur damaligen Zeit?

        • Alex Flach sagt:

          Die Beat Generation war etwas älter; Kerouac und Ginsberg waren Anfang 30 und damit trotzdem weit davon entfernt Mitte 40 zu sein – als Kerouac On the Road geschrieben hat, war er gar erst Mitte 20. Die Beatniks waren aber dennoch ein Sonderfall, da die bestimmende Kulturform weniger die Musik und mehr die Literatur war… Timothy Leary hatte den Status eines Mentors, alleine schon wegen seines Backgrounds als Professor. Leary war mehr Guru als Künstler. In allen Bewegungen werden sich einzelne Anführer finden die älter sind. Aber der Anteil über 40jähriger heute steht in keinem Vergleich zu jenem früherer Jugendkulturen.

          • G. Nardone sagt:

            @Alex Flach:
            – „Kerouac und Ginsberg waren Anfang 30“
            Allen Ginsberg wurde am 3.06.26 geboren, im Jahre 1960 war er also 33 Jahre alt und 1968 41-jährig.
            Jack Kerouac wurde am 12.03.22 geboren, aber die Beatniks kamen ja vor den Hippies und damit könnten Sie recht haben.
            – „da die bestimmende Kulturform weniger die Musik und mehr die Literatur war“
            Und warum spielt diese Unterscheidung eine Rolle in Sachen Jugendkultur? Bei den Skaters gehts ja um das ‚Skaten‘ und nicht die Musik … Ausserdem haben Sie die Beatniks als solche erwähnt.
            – „Timothy Leary hatte den Status eines Mentors, alleine schon wegen seines Backgrounds als Professor. Leary war mehr Guru als Künstler“
            Ja eben, ein Mentor weil Professor und Guru ist doch auch eine Art ‚Leader‘ und ein Künstler muss noch kein autom. Leader sein. Und gerade in diesem Zusammehang sollte man vielleicht eben auch Drogen erwähnen, waren doch bestimmt auch ein entscheidender Einfluss was ja vor allem die Hippie- sowie die Techno-Bewegung betrifft.
            Und sind Sie sich so sicher, dass es bei den Punks unter den Leaders oder halt unter den einflussreichen Künstler es nicht auch Leute über 30 gab?

          • Alex Flach sagt:

            nehmen wir die wichtigen werke als massstab, war ginsberg 32 als er howl geschrieben hat. kerouac war 26 bei on the road (yep… Ihr beispiel greift da nicht so ganz…). wegen der unterscheidung mit beispiel „skater“; die skater der gleichnamigen jugendkultur waren alle (alle ist mit „in den allermeisten fällen“ zu übersetzen) in den 20ern. zumindest (eben) die allermeisten. ob es bei den autoren (beatniks) tatsächlich eine rolle spielt…. meine mutmassung (ohne gewähr); autoren brauchen vielleicht etwas länger um zum künstlerischen peak zu gelangen. die verwendung des begriffs „sonderfall“ ist so zu interpretieren, dass es die einzige bewegung ist, die von autoren geführt wurde – es existieren keine vergleichswerte. sonderfall im sinne des begriffs. leary; es gab wohl in jeder jugendkultur leader die älter waren als die „konsumenten“ der jeweiligen kultur. der anteil im bereich EDM (wenn es denn eine jugendkultur ist, dann ist sie eine musikbezogene) ist jedoch frappant höher als bei früheren. da ich beim text nicht von ausnahmen ausgehe sondern von der regel, da sich der text sonst erübrigt… Sie werden keine Jugendkultur finden, bei der der Anteil über 40jähriger vergleichbar hoch war.

          • G. Nardone sagt:

            @Alex Flach:
            – „Sie werden keine Jugendkultur finden, bei der der Anteil über 40jähriger vergleichbar hoch war“
            Und das spielt sowas von keine Rolle! Jugendlich zu sein ist doch nicht einfach eine leblose materielle Angelegenheit, sondern auch eine geistige; jung im Geiste oder im Herzen zu sein, egal wie alt der Körper ist. Denn es geht ja um den Konflikt bzw. der Herausgestaltung von neuen Ideen, neuer Lebensstil, eben eine neue Kultur, gegenüber konservativen, alten Ideen und nicht ‚junger Körper‘ gegen ‚alter Körper‘. Um was denn sonst als ’neue Ideen & neue Lebensweise‘ kümmert sich eine sog. neue Jugendbewegung? Spielt es irgendeine eine Rolle von wem die neuen Ideen kommen? Die entscheidende Voraussetzung ist, dass die Ideen NEU sind. Und diese neuen Ideen werden natürlicherweise eher von jungen Menschen als von älteren Menschen viel leichter aufgegriffen und damit ensteht eine Massen-Bewegung. Ältere Menschen tendieren zum Konservativen, jüngere tendieren zum Fortschrittlichen.

          • G. Nardone sagt:

            @Alex Flach: Nachtrag:
            – “Sie werden keine Jugendkultur finden, bei der der Anteil über 40jähriger vergleichbar hoch war”
            Was Sie hier kritisieren betrachte ich im Gegensatz als evolutionärer Fortschritt; denn immer mehr eher ältere Menschen sind Neuem ggü. offener, ändern ihre Meinung oder ihr Weltbild aufgrund von neuen Erkenntnissen. Früher war das harziger; es brauchte ja eine sog. ‚Jugend-Revolution‘ um neue Ideen gesellschaftsfähig zu machen. Je älter man wird, desto weniger verändert man sein eigen geformtes Weltbild trotz neuen Erkenntnissen aufgrund von Angst vor Reputations-Verlust oder was auch immer.

        • Alex Flach sagt:

          Da werden wir uns wohl nicht finden, Herr Nardone. 🙂 Ich finde schon, dass es wichtig wäre, dass die Jugend eine eigene Kulur hat, aus der die Generation ihrer Eltern ausgeschlossen ist. Aus Gründen der Identitätsbildung. Etwas, das nur ihr gehört, das sie selbst kreiert hat, das ihr Helde beschert, die ihr Alter haben, die zu ihnen gehören. Ein paar, wenige ältere Semester stören sicher nicht. Aber sie sollten nicht das Gros der Anführer ausmachen… was ist das für eine Jugendkultur, die nicht von der Jugend selbst geschaffen und geführt wird (kreativerseits)?

    • Alex Flach sagt:

      In allen Generationen seit (spätestens) den frühen Fünfzigern gibt es eine kulturelle Bewegung die exklusiv einer Generation, einer Jugend vorbehalten war. IHRE Kultur. Das hat die Angehörigen dieser Kulturgenerationen nicht unentscheidend geprägt. Ich bin mir nicht sicher, ob das auch funktioniert, wenn man sich diese Kultur mit der Generation der Eltern teilt, respektive wenn diese derart grossen Anteil an ihrer Entwicklung haben. Die Rebellion gegen die Welt der Eltern ist ein evolutionäres Urbedürfnis, eine Sprosse auf der Leiter zum Erwachsenwerden, zur Selbständigkeit. Dieses Bedürfnis ist tief in uns verankert und äussert sich in unserer Gesellschaft seit Jahrzehnten durch die Schaffung einer eigenen Kultur durch die Jugend, aus der die Erwachsenen jeweils ausgesperrt wurden. Das ist hier nicht der Fall. Aber eventuell ist EDM gar nicht die neue Jugendkultur, sondern nur ein Vorgeplänkel zur eigentlichen; es gab in der Vergangenheit ja immer Phasen zwischen den einzelnen Kulturbewegungen, in denen die vorangegangene kommerzialisiert und damit für die Jugend als Mittel zum Zweck unbrauchbar gemacht wurde. Oder in denen sie einfach „erwachsen wurde“. Es ist vielleicht schwieriger geworden sich eine eigene Kultur zu schaffen. Aber dass sich dieses Urbedürfnis wegen der, zweifellos komplexer gewordenen, kulturellen Rahmenbedingungen kein Ventil mehr schaffen wird, halte ich für eine falsche Schlussfolgerung.

      • SrdjanM sagt:

        Aber wie soll eine Abgrenzung funktionieren, wenn die Eltern und ihre Kinder die gleichen Ideale, Werte und Vorstellungen teilen und aus der Ferne fast ununterscheidbar gleich aussehen?
        Im Detail sind es aber nur Individuen welche sich unabhängig und je nach Lebensumständen immer neu definieren wollen, über mehrere Generationen hinweg… Da passen einige Begriffe aus der „alten“ Deutung (Jugend, Generation…) nicht mehr.

        Deswegen gibt es auch für Anonymus (wenn wir mal annehmen wollen dass diese eine „Bewegung“ ist) keine Identifikationshilfen.
        Die Mitglieder können nicht unterschiedlicher sein, nur ganz wenige Gemeinsamkeiten bringen sie zusammen.
        Und das ist auch übertragbar auf die „Clique“, welche neu nur auf einem mickrigen gemeinsamen Nenner basiert.
        Wie soll so was zu einer globalen Bewegung wachsen können?!

        • Alex Flach sagt:

          Ich weiss nicht wie sie funktionieren oder wie sie aussehen wird. Das wusste man im Vorfeld nie, bis die neue Bewegung da war. Aber ich denke (eben) dass die Rebellion gegen die Welt der Eltern als Urbedürfnis und Schritt zum Erwachsenwerden nicht durch gestiegene kulturelle Komplexität und Diversivität wegradiert wird. Man darf das Thema, so glaube ich, nicht aus der Warte der kulturellen Rahmenbedingungen betrachten, sondern muss es aus jener des Urbedürfnisses der Abnabelung von der Elterngeneration bewerten. Wenn man davon ausgeht, dass dieser Drang jeder Generation zueigen ist, wird er sich einen Weg freischlagen. Und wir werden wohl überrascht sein, wie dieser aussehen wird – wie es auch unsere Elterngeneration bei uns war, wie es die Generation unserer Grosseltern bei jener unserer Eltern war. Es wäre wohl vermessen (und unfair) anzunehmen, dass die jetzt heranwachsende Generation sich damit begnügt, in der ausgelatschten Spur der vorherigen zu watscheln.

          • SrdjanM sagt:

            Hoffentlich werden wir überrascht.
            Ich glaube aber nur ganz wenig daran, weil wir als die Elterngeneration sehr flache und undeutliche Spuren hinterlassen.
            Wenigstens wenn es um gesellschaftliche und kulturelle Spuren geht…

          • Alex Flach sagt:

            Allzu einfach hat es eine Generation der nächsten ja noch nie gemacht; Keine (Generation) hat je bei der Schaffung ihrer eigenen Kultur darauf geachtet, dass es der folgenden nicht so schwer fällt ihre eigene Bewegung zu kreieren. Und trotzem haben sie es immer wieder hingekriegt, mal besser, mal schlechter, je nach Sichtweise. Man sollte optimistisch bleiben. 🙂

          • Maiko Laugun ★Der mit der Kultur tanzt★ sagt:

            Da bin ich nicht einverstanden. Bei mir in China schaffen es die Jungen, uralte (Familien-)Traditionen auch in der modernen Welt aufrecht zu halten und zeigen Respekt vor den älteren Generationen. Wenn sie Neues tun – und das tun sie auch hier – dann aus Freude daran und nicht aus Prinzip, um zu rebellieren und dies dann auch noch als neue Kultur bezeichnen. Unter Kultur versteht meine Wenigkeit, wenn sich etwas Neues flächendeckend durchsetzt und sich langfristig erhält. Neue (jugendliche) Musikrichtungen würde ich somit als Zeiterscheinungen und nicht zwingend als Kultur bezeichnen.

      • G. Nardone sagt:

        @Alex Flach:
        – „Die Rebellion gegen die Welt der Eltern ist ein evolutionäres Urbedürfnis“
        Aber bei diesem evolutionärem Urbedürfnis geht es doch nicht um ‚gegen die Eltern zu sein‘ sondern; das Neue Fortschrittliche gegen das Konservative.

        • Alex Flach sagt:

          uuuuh…. da bin ich anderer Meinung. Nicht gegen die Eltern sein sondern sich von ihnen abnabeln! 🙂 Als Abgrenzung manifestierte Abnabelung von den Eltern (respektive von deren Generation) als Schrit auf dem Weg zur erwachsenen Selbständigkeit. Oder was denken Sie?

  • SrdjanM sagt:

    Die elektronische Tanzmusik ist auch etwas älter geworden. Sollte man nun einem DJ der seit 30 Jahren dabei ist, und sich weiter- und mitentwickelt hat aussperren?
    Da hätte man ja den Rolling Stones schon in den 80ern das Auftreten verbieten sollen?

    Es gibt immer wieder Musiker die nicht wissen wenn es Zeit ist zum Aussteigen, und aber so lange sie fette Gagen einkassieren können und Massen sie bejubeln, warum sollten sie auch?
    Der Fehler liegt also nicht bei Musikern und DJs, sondern bei Vertrieben und Veranstaltern.

  • Thomas sagt:

    Ich finde es spannend, wieso zur Zeit keine breit abgestützte Jugendkultur existiert. Mein Eklärungsversuch:

    Schnelllebigkeit, Pop Up Kultur: heute ist alles Out, was heute Morgen noch inn war. Bestand hat nur noch die Veränderung. Durch social media verbreitet sich alles rasend schnell, man hat das gefühl überall dabei zu sein, weil man von jedem ereignis bilder, informationen und berichte findet. Schnell ist ein untergrundbewegung voll im mainstream und verliert den rebellischen charakter.

    Fehlende politische Bewegung: die jungen haben keine politischen anliegen. Die welt ist in ordnung, solange ihr Iphone akku hat. Sie bereisen die welt mit dem Geld der Eltern, sie posten ein selfie vor dem hotel in Vegas, in Matchu Pichu oder gehen als holy colour festival und machen auf hippie für ein wochenende. Im Zentrum steht der konsum, geld gegen Freude. Kein Wunder findet der Schwarze Block keinen Nachwuchs mehr, alle sind zufrieden, niemand ist wütend.

    Keine gesellschaftlichen Umwälzungen: irgendwie haben sich die jungen mit den alten arrangiert. Man versteht sich. Es gibt keinen Streitpunkt, anwelchen die Jungen sich auf breiter front an den alten aufreiben.

    Eigentlich gäbe es genug Dinge, die dazu dienen könnten: ständig neue regeln und gesetzte, fehlender freiraum, überwachungsstaat, steigende anforderungen in beruf und schule, usw.

    Vielleicht ist es ja bald wieder so weit.

    Bis dahin gilt: die jugend ist langweilig und angepasst!

    • hobbyläuferin sagt:

      Genau und wenn die Jugend für Freiräume protestiert (Siehe Winterthur, Standortfucktor, absolut gewalt- und randalefrei), kommen die erwachsenen Polizisten und sorgen dafür das ein Mädchen auf einem Auge blind wird dank Gummigeschossen.

      Die Jugend gilt immer als kriminell. Seniorin hat Billet vergessen -> Ausnahme, Jugendlicher hat Billet vergessen -> Busse.

      Ich kenne keinen Jugendlichen deren Welt in Ordnung ist, solang das IPhone Akku hat. Im Gegenteil: Meine Freunde engagieren sich politisch, leiten Jugend-Theaterverein, leiten die Kleinen in der Pfadi und interessieren sich für das Geschehen in der Welt.
      Wenn das langweilig ist, haben sie eine komische Vorstellung.

  • Maiko Laugun ★Der gegen den Hauptstrom schwimmt★ sagt:

    Wenn ein Idiot etwas Neues tut und ihm 100 Millionen folgen, dann bedeutet das nicht, dass der Idiot kein Idiot ist…..

  • adam gretener sagt:

    Jugendkultur ploppt sozusagen über Nacht auf und wir Alten sehen es eben nicht kommen. Das war schon immer so.

    Heute müssen Jugendliche eben nicht mehr heimlich eine Platte aus Amerika importieren und leise in Vaters Partykeller hören. Eine Bewegung wird zwar durch die Musik hör- und sichtbar, das ist aber immer nur ein Teil einer Bewegung.

    Die Jungs und Mädels einfach mal machen lassen, die brauchen keine Tipps von uns Veteranten.

    • alex flach sagt:

      Ich gebe keine Tipps ab. 🙂 Ich nehme nur den Ist-Zustand auf. Die Rede ist auch explizit von Jugendkultur und nicht Jugendbewegung. Politische Movements gab’s ja in jüngerer Vergangenheit einige. Jedoch auch da: Früher hatten diese (politischen) Bewegungen eine eigene Begleitmusik. Die fehlt bei (beispielsweise) Anonymous.

      • Mike sagt:

        Ist auch alles schon mal da gewesen.
        Die gute Musik endete in ihrer Entwicklung mitte Achtziger nach Punk und New Wave und seit Techno gab es auch nicht wirklich was Neues.

        • Alex Flach sagt:

          Seltsamerweise ist bei allen die beste Musik genau dann erschienen, als sie zwischen ca. 22 und 30 waren. Das hat aber weniger damit zu tun, dass nachher tatsächlich keine gute Musik mehr erschienen ist, sondern mehr damit, dass man irgendwann aufhört sich auf dem Laufenden zu halten.

          • adam gretener sagt:

            Ganz genau so ist es, Meister Flach. Die eigenen Generation ist sowieso immer die Letzte, die noch Ahnung hatte. Von allem.

          • Mike sagt:

            Das ist so. Aber was gab es denn wirklich Neues seit Techno und seinen Ablegern?

        • Alex Flach sagt:

          Eben nicht wirklich. Und es wäre langsam an der Zeit.

          • tststs sagt:

            Also wenn es etwas Neues gab, dann IMHO die Tatsache, dass man heute (resp. so seit 5/7 Jahren) so ziemlich alles zusammenmixen darf, was gefällt…
            Ganz ehrlich, hätte man mir vor 18 Jahren gesagt, dass Hip-Hop mal so elektronisch wird, hätte nur die Augen verdreht und was von Realness geschwafelt…

  • tststs sagt:

    Öööööhm ja, nur weil Sie und ich nichts (mehr) davon mitkriegen, heisst das nicht, dass es nicht eine Untergrund-Musik-Jugend-Bewegung gibt…
    😉

    Uuuund, haben nicht auch wir schon begeistert die Musik unserer Eltern gehört (Jimi und Queen) und auf den aktuellen Mainstreamkack (Kelly Family und Take That) geflucht… Wenn Kids also auch heute den alten Scheiss hören, den die Eltern schon vor 15 Jahren an der Streepi hörten, ist das nur normal… nur eben ist es leider wirklich ALTER SCHEISS…*gg*

    • alex flach sagt:

      Die Rede ist von durchbrechenden Jugendkulturen, von globalen Bewegungen.

      • tststs sagt:

        Hätten Sie ein Beispiel aus der Vergangenheit, damit ich weiss, was Sie meinen? Gab es das je? Also ich mein jetzt so wirklich weltumspannend?

        • Alex Flach sagt:

          ist alles im Text: „Auf die Beatniks folgten die Hippies, auf die Hippies die Punks, auf die Punks die Goths, die Popper und die Heavys (Metalheads) und die wiederum wurden durch die Raver und die Skater abgelöst. Zur Jahrtausendwende machte sich dann der Hip Hop breit, auf den aber nur noch kurzlebige Seltsamkeiten wie Emo oder Cosplayer folgten.“

          • tststs sagt:

            Ja, aber das waren doch keine globalen Trends?!?
            Ich mein, als Hip-Hop bei uns Fuss fasste, war es in den USA schon Mainstream; umgekehrt ist die Ami-Jugend-EMD-Musikwelle bei uns schon Seniorenprogramm…

            Und eben, das Ganze muss ja zuerst aus dem Untergrund zu uns durchdringen, bevor wir dann so ca. 2026 darüber schreiben können, was in den 20-10er Jahren so untergrund- und jugendmässig los war… 😉

          • Alex Flach sagt:

            nur wenn etwas auf unterschiedlichen kontinenten zu unterschiedlichen zeitpunkten stattfindet, bedeutet das ja nicht, dass es nicht global ist.

          • tststs sagt:

            Aber das wäre doch, wie wenn jetzt der Amijugendliche hinsteht und was verzapft von EMD isch voll de Undergrundshit… da kann Europa nur müde lächeln… Neinein, so einfach gestrickt und in einen Topf zu werfen sind die Jugendlichen nicht, auch global 😉

            Und natürlich ist alles Menschliche, wenn es nicht mehr zeitgleich stattfinden muss, global…?!?

            Evtl. verstehe ich einfach nicht, worauf Sie hinaus wollen… *kratzkratz*
            Ooooooder Sie verwechseln „westlich“ mit „global“… 😉

          • Alex Flach sagt:

            Letzteres ganz bestimmt, da ich nun wirklich keine Ahnung habe, was bei den Teenagern in Bangalore gerade aus den Boxen dröhnt.

  • KMS a PR sagt:

    schon so. die generation x ist bequem geworden, (sprich zur bequemlichkeit erzogen worden). man hat ja alles. mainstream auf hohem level. uninspiriert und rein fun-orientiert. das kann ja nichts geben. -> ein wenig provokativ: woraus resultierte der blues – ach ja…richtig….

    • tststs sagt:

      Mmmhhhh, ob „die Möglichkeit alles zu haben“ wirklich soooo bequem ist?!?
      Und auch für Sie, mein tapferer Ritter, nur weil wir nicht mehr an die Tafelrunden eingeladen werden, würden wir es uns doch zu einfach machen, die Jugend generell als „uninspiriert und rein fun-orientiert“ zu bezeichnen…

      • Mike sagt:

        Also bitte, schauen Sie sich die Kids auf der Strasse doch mal an. Wie uninspiriert die alle rumlaufen, kein Individualismus, kein Abgrenzen, nichts, alle sehen gleich aus. Die Erwachsenen zwar auch, das macht es aber nicht besser.
        Mainstream rules.

        • tststs sagt:

          Jaja, aus der reinen Schau ergibt sich ja auch ein profundes Bild…Ich habe einen etwas anderen Blick auf die Jugendlichen, weil ich mit ihnen arbeite. Und ganz ehrlich: tausendmal lieber arbeite ich mit Jugendlichen (und Kindern) als mit Erwachsenen, sie sind so viel offener, ehrlicher, inspirierender und manchmal auch kritischer…
          Ja, sie sind noch auf der Suche nach dem Individuellen, aber ist ein Suchender nicht ehrlicher/sympathischer, als einer, der von sich behauptet, fündig geworden zu sein?!?

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