Public Partying

Wenn die Schweiz gewinnt, sind alle Schweizer. Wie unsere Mannschaft.

Wenn die Schweiz gewinnt, sind alle Schweizer. Wie unsere Mannschaft.

Selten feierten die Fans eine WM so ausgelassen wie diese. Analysen und Kommentare aus dem Stadtblog-WM-Studio an der Langstrasse.

Spätestens nach dem ersten Schweiz-Spiel war uns klar: Das wird eine der besten Fussball-Weltmeisterschaften aller Zeiten. Und jetzt nach den Gruppenspielen müssen wir gestehen: Wir hatten recht. Nicht fussballerisch, das zu beurteilen ist nicht unser Metier, sondern feiertechnisch. Als die Schweizer Nati ihren Letzte-Minute-Sieg im ersten Spiel gegen Ecuador einfuhr, barst die Piazza Cella, wo wir für diese WM unser Haupt­quartier aufschlugen, beinahe aus allen Nähten. Doch nicht nur dann. Bald wurde uns auch klar, dass man auch Unentschieden feiern kann wie Weltmeistertitel, dass das Wort «wir» während der WM an Bedeutung gewinnt, und vor allem, dass es von jedem Team, das am Turnier teilnimmt, in Zürich ein paar Fans gibt und dass diese nach dem Ab­pfiff schnurstracks an die Langstrasse fahren. Doch erst mal ein paar Fakten und Beobachtungen rund um die Vorrundenfeierlichkeiten.

Elektroroller
Es gab bei dieser WM Innovationen im Bereich der Rasensprays zu verzeichnen. Doch auch bei den hupenden Autokolonnen gab es Neuerungen: Vermehrt gleiten die Fans dieser Tage im Elektrorollerkonvoi durch die Langstrasse. Die sind umweltfreundlich und in etwa so leise wie eine Katze, die über einen Samtpullover tappt. Doch deren Hupen funktionieren, wie wir merkten, recht ordentlich. Zum Einsatz kamen sie etwa nach dem Eröffnungsspiel der kroatischen Elf, als deren Fans die Startniederlage ihres Teams feierten.

Memphis
Die Bar direkt an der Langstrasse hat die Erfolgsformel für die WM recht früh im Turnier geknackt: Radiohits und günstiges Bier. Das ist mehr als genug, um die Fans nach den Spielen um sich zu scharen wie der Schiedsrichter die Spieler nach einem unglücklichen Entscheid. Songs wie «We are the Champions» oder «Seven Nation Army» stehen im Memphis dabei sehr hoch im Kurs und schallen auch mal nach einem Vorrunden-Unentschieden durch die Strasse. Dreimal in Folge. Doch der Erfolg gibt dem Memphis recht. Besagtes Sturmduo wird auch bei den kommenden Spielen schwer zu stoppen sein.

Der Stelzenmann
Bedeutend viel bunter noch als die Schuhmode an der diesjährigen Weltmeisterschaft ist die feiernde Menge nach einem Spiel der Schweizer Nationalmannschaft auf der Piazza Cella. Der Stürmer mit Rasta­frisur und mit dem rot-weissen Hut erhebt stolz seine Faust, die Frau aus ­Puerto Rico im Mittelfeld schwenkt gekonnt ihre Flagge, und Hans Meier aus Brüttisellen singt, eingebunden in eine engmaschige Viererkette freilich, das einlullende «Schweizer Nati olé, olé»-Mantra.

Der Secondo aus dem Maghreb währenddessen hupt sich durch die solide Verteidigung. Doch erst als der Captain auf den Zweimeterstelzen und mit der Schweizer Fahne in der Hand auf der Bildfläche erscheint, gerät die Menge ausser Rand und Band. Ein unwiderstehliches Team haben wir in diesem Jahr. Wir zählen ganz besonders im Achtelfinal wieder auf folgende typischen Schweizer Tugenden: Leidenschaft, kreatives Chaos, Lust am spontanen Feiern. Oder bringen wir hier etwas durcheinander?

Entsorgung und Recycling
Zu den erfolgreichsten und fleissigsten Mannschaften an dieser WM gehört die Putzmannschaft. Anstatt von 4 Uhr in der Früh bis 22 Uhr sind die weissen Wagen mit den grün-blauen Wappen des ERZ an den Spieltagen während 24 Stunden im Einsatz. Was nicht unbedingt für ihre Stärke spricht: Sie fegen vor allem Flaschen vom Feld. Harhar.

Die Schiedsrichter
Man diskutiert ja viel und gern über die Männer mit der Pfeife im Mund. Es war nach dem ersten Schweiz-Spiel, als in der Menge mit den feiernden Fans auch einer mit einem entsprechenden gelben Referee-Trikot auftauchte. Er demonstrierte, was wir eigentlich schon immer wussten: Fan sein hat nie etwas mit der Stärke des Teams zu tun. Ausserdem blieb der Mann unauffällig und liess das Spiel trotz einiger Grobheiten laufen. Es scheint fast so, als ob die Stadtpolizei in diesem Jahr ihre Strategie diesem ein­samen Schiedsrichter abgeschaut hat. Weiter so!

Der 31er
Erkenntnis: Nicht jeder Hühnerhaufen verursacht eine Strassensperre. Trotz des Sieges der beiden eigentlich feierstarken Teams Griechenland und Kolumbien konnte der Busbetrieb der Linie 31 durchgehend gewährleistet werden. Da drücken sie bereits wieder durch, die alten Schweizer Tugenden.

Schland
2014 geht als Jahr in die Geschichte ein, in dem die Deutschland-Fans in Zürich so richtig loslegen. Nach dem fulminanten 4:0 der deutschen Auswahl gegen Portugal war man als Nicht-Deutscher zuallervorderst gespannt, wie die Fans der deutschen Elf auftreten würden, nachdem sie beim letzten Turnier eher verhalten, ja fast etwas schüchtern agiert hatten. Doch bald schon füllte sich die Langstrasse mit Schwarz-Rot-Gold-Tüchern, bald brausten erste Ruhrpott-BMW an, bald erschallten aus der Memphis-Bar Schlager, bald ging die Sause so richtig dicke durch die Decke. Ein beinahe schon weltmeisterlicher Einsatz, der uns überraschte und auf die Finalspiele hoffen lässt.

Wetteinsätze
Apropos Einsatz. Eine Empfehlung, die sich in der Vorrunde an der Langstrasse herauskristallisiert hat: Setzen Sie nie auf ein Team, dessen Fans bekannt sind, die ganze Nacht durch die Gassen zu hupen.?Und wetten Sie auch nicht gegen?die Feiertätigkeit etwa der Mexikaner oder der Chilenen. Da ist mächtig was los. Dann schon viel eher auf bissige Spieler.

Drohnen
Analog zur Torkamera der Fifa hat auch die Nachbarschaft technisch aufgerüstet. Über der Menschenmenge auf der Piazza Cella kreiste nach dem Spiel Honduras gegen die Schweiz nämlich eine Drohne (fachsprachlich: Multikopter). Doch ganz im Gegensatz zur Torkamera bleibt diese Technik bei den Fans an der Langstrasse umstritten. Klar ist: Von nun an bleibt kein Treffer mehr unentdeckt.

Idaplatz
Glaubt man dem «Blick», gibt es am anderen grossen Spielort in der Stadt, am Idaplatz, reichlich Zoff. Weil der Kiosk an der Ecke nicht mit dem gleichen Signal sendet wie alle anderen Lokale rund um den Platz, die sich extra für die WM abgesprochen haben.

Also jubeln die Fans beim Kiosk zehn Sekunden früher als alle anderen auf dem Platz. Man nennt diese Taktik auch Sieg durch Verwirrung, an der Lang­strasse wird sie bisher nur ganz selten ange­wendet.

Hipster
Eine Erkenntnis: Fanutensilien der Schweizer Nationalmannschaft taugen nicht zum ironischen Statement, wie es Hipster mit ihrer Kleidung gern abgeben. Diese Nachricht ist offenbar noch nicht bei jenen jungen Menschen mit den Fussballkäppis angekommen, deren Statement schlicht und einfach in der feiernden Masse untergegangen ist. Sicher­lich eine schmerzhafte Erfahrung.

23 Kommentare zu «Public Partying»

  • adam gretener sagt:

    Bin eben erst wirklich darüber gestolpert. Der Typ mit dem Schirishirt ist einfach grossartig. Mutig, aber grossartig.

    Irgendwo habe ich das aufgeschnappt, eine tolle Idee. Weltweit lassen sich alle Fussballfans, die eine Fan-Shirt kaufen hintendrauf nicht irgendeinen Fussballer-Name drauf flocken lassen, sondern einfach Fuck Fifa.

  • Samuel sagt:

    Der Stelzenmann mit Fahne scheint sich sehr nahe der Oberleitung zu bewegen, hoffentlich geht das gut.

    Da ich keine Zeit für Fernsehen habe, habe ich auch kein Gerät. WM schaue ich online via Rechner. Da das Gerät den Stream erst puffert, höre ich immer schon 20 Sekunden vor dem Tor den Jubel von einer Restaurantterrasse in der Nähe. Das erspart die Dramatik und man kann noch in Ruhe einen Satz zu Ende schreiben, bevor man sich dem nahenden Tor widmet.

    Im Fazit finde ich die Energie und Leidenschaft der Menschen zur WM grossartig, hätten sie die doch auch im Rest des Jahres.

    • adam gretener sagt:

      Das sind keine Oberleitungen, das sind Sicherungsseile für den Stelzenmann, dann kann er sich daran festhalten wenn ihn das hübsche Mädchen an den Füssen umarmen möchte.

      Ich habe auch eine Verzögerung. Mir gibt das die Gelgenheit, ein Goal erst zu erkenne. Dann kann ich genau hinäugen und erkenne jedes Detail, sollte ich mal meine Brille tragen. Was nicht passiert.

  • Diego sagt:

    Wie mir die ganzen Gute-Laune-Event-Ole-Ole-Mongo-Nati Fans auf den Sack gehen…auf einmal finden sogar in Zürich alle Fussball toll.
    Zum Glück kann man bald wieder mit ein paar wenigen Hartgesottenen in den unsäglichen Letzigrund gogen Trübsal blasen gehen 🙂

    • Mike sagt:

      Ist ja bekanntlich nicht nur hierzulande so, dass Nationalmannschaften, bzw. solche Kommerz-Events ein anderes Publikum anziehen als Clubmeisterschaften.
      Freue mich auch auf das Stadtderby zum Saisonbeginn, ohne Fasnächtler und sauglatte Partypeople.

      • Herr Fehr sagt:

        Public Viewing – Unwort des Jahres!

        • Maiko Laugun ★WM Sex-Muffel★ sagt:

          Welches Jahr meinen Sie? Public Viewing gibt es schon lange und der Titel hier lautet eigentlich Public Partying.

          • Herr Fehr sagt:

            2014 natürlich.
            Der Begriff „Public Viewing“ ist der breiten Bevölkerung wohl seit der WM 2006 in Deutschland bekannt und wird dieses Jahr von den hiesigen Medien bis zum Erbrechen strapaziert. Hören Sie mal einen der Gaga-Sender Energy, 24 etc.,dann wissen Sie was ich meine.

        • Barras sagt:

          Street Parade mit Ball, statt Musik…ich behaupte mal 90% der Eventis waren noch nie in einem Stadion.

          • Sebastien sagt:

            Haben aber deutlich mehr Spass als im Stadion und mehr attraktive Frauen sind auch dabei, die auch mehr Spass haben als im Stadion… 😉

          • Barras sagt:

            Na dann ist ja gut. Euch Wellenreitern der Spass – uns Stadiongängern die Leidenschaft.

          • Sebastien sagt:

            Party im öffentlichen Raum ist schöner als immer privat kommerziell weggesperrt, lets waveriding! 🙂

          • Diego sagt:

            Pahaha…ein „Public-Viewer“ redet über Kommerz 🙂

  • Irene feldmann sagt:

    Ahahahahahah……ja dä Moser Verschats läbää……

  • geezer sagt:

    gut geschrieben! ich staune echt ab der effizienz unserer stadtreinigung. wenn ich am frühen morgen jeweils auf dem arbeitsweg wieder durch die langstrasse radle, siehts immer wieder ganz anständig aus!

    aber irgendwie tschegge ich einfach nicht, was an diesem kollektiv glotzen und feiern dran sein soll. d. h. ich glotze an einer wm oder em auch gerne kollektiv, aber im intimeren rahmen. zu hause bei freunden oder in einer kleinen bar. aber diese massenaufläufe an der langstrasse sind mir im zusammenhang mit fussball ein graus. und irgendwie kommt mir dieses kollektive ‚mega gut drauf sein‘ auch etwas künstlich vor. brasilianern oder afrikanern würde ich das schon eher als ‚echt‘ abnehmen. aber beim durchschnittsschweizer habe ich da schon meine zweifel….

    • Samuel sagt:

      Einer der wenigen Anlässs, um endlich mal locker und weniger kommerziell im öffentlichen Raum Menschen kennenzulernen, funktioniert prima, egal ob Frau oder Mann, probieren Sie es aus.

  • KMS a PR sagt:

    pane et circenses, herr sarasin, pane et circenses…und das haben wir auch bitter nötig, in diesem lande…je länger je mehr. da kommt jede „verlocheten“ recht. sowieso, wenn es darum geht, den u.a. von „unserem…“ bundesrat diminuierten nationalstolz – wenn auch auf relativ triviale weise, am leben zu erhalten…

    • Homer Simpson sagt:

      Sie hatten wohl einen Fensterplatz im Latsch! Es heisst „paneM et circenses“. Nachsitzen!

  • Maiko Laugun ★WM Sex-Muffel★ sagt:

    Kompliment, schön geschrieben! Hier in China gibt es kein Public Viewing, die sind ja auch nicht qualifiziert. Hingegen beklagen sich die Frauen, weil die Männer ihren ehelichen Pflichten nicht nachkommen. Nachts gucken sie WM und tagsüber gehen sie müde zur Arbeit 🙂

    • KMS a PR sagt:

      herr laugun. das ist der normalzustand bei den chinesen. ich hielt dort schon vorträge, wo 3/4 der anwesenden ein nickerchen auf dem mahagoni-tisch machten – und das ist nicht nur meinen präsentations-möglichkeiten zu zuschreiben…

  • tststs sagt:

    So ist es….
    herrlich geschrieben…
    freue mich auf Dienstag…
    wird noch herrlicher…
    😉

    • KMS a PR sagt:

      …ein bisschen raufen, ein bisschen saufen – und nur die schönsten frauen kaufen – ein bisschen morden ein bisschen meucheln, in der taverne – das wünsch‘ ich mir! 🙂 (melodie – nicole, „ein bisschen friede“).

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