Der Juniortrainer

Begeisterung und Disziplin? Fussball ist für Kinder sozialer Massstab.

Begeisterung und Disziplin? Fussball ist für Kinder sozialer Massstab und für den Trainer offenbar Kampf.

Unser Juniorentrainer ist ein grosser Kerl, sicher über eins neunzig, eine markante Erscheinung, Kraushaar, Halbglatze. Als Erstes brachte er uns Eltern und den Kindern Pünktlichkeit bei. «Wer zu spät kommt, muss einen Kuchen backen», sagte er, und alle dachten, er mache Witze. Es gab Eltern, die murrten. «Es sind Kinder», sagten sie, wenn sie vor einem Hallenturnier in der Morgendämmerung am Samstag zum Treffpunkt kamen, «es sind Zweitklässler, Drittklässler. Sie hatten eine harte Woche.»

Doch unser Juniorentrainer blieb hart. Und als wieder ein Junge zu spät zum Training kam, drohte er, dass er den Nächsten, der nicht zur Zeit da sei, beim Turnier nicht aufstellen werde. Das wirkte.

Er selber war immer pünktlich. Zum Training kam er im eisigsten Winter mit dem Velo. Bei den Spielen fuhr er in seinem alten VW-Bus vor, mit dem er sonst seine grosse Familie herumkutschiert, er hat vier Söhne, die grösseren spielen alle Fussball. Meist lud er noch ein paar Junioren in den Bus, dann fuhren sie los, zur Musik von Geier Sturzflug: «Ja, ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt.» Oder es lief «Chumm, bringen häi» von Baschi.

Eigentlich sei er ein grosser Fan von Bruce Springsteen, erzählte unser Juniorentrainer, und als der Boss im Frühling 1999 in die RocknRoll Hall of Fame aufgenommen wurde, flog er nach New York und schaffte es in den Ballsaal des Waldorf Astoria, wo die Zeremonie stattfand, Bono hielt eine legendäre Rede, es muss ein grossartiges Wochenende gewesen sein.

Man hört viel von der integrativen Kraft des Fussballs, der unser Land zusammenhält, all die Einwanderer, schwarz, weiss, Schweizer, Kosovaren – aber in unserem Quartier schickt eher der Mittelstand die Buben zum Fussball, unterer, mittlerer, oberer Mittelstand. Was nicht heisst, dass unserem Juniorentrainer die pädagogische Arbeit ausging, er brachte den Kindern bei, ihre Fussballschuhe zu binden und ihre Taschen zusammenzuhalten, ihre erste Schule der Selbstständigkeit, gejammert hat niemand.

Und dann mussten sie lernen, ihm zuzuhören. Unser Club nimmt alle auf, Talente und Ungeschickte, manchmal war das Training chaotisch, ein Sack voll Flöhe. Aber langsam wurden sie besser, im Verlauf des Winters gewannen sie ihr erstes Turnier, ausgerechnet in Deutschland, auf der anderen Seite der Grenze, in den Pausen fuhr unser Trainer mit dem Bus zum Supermarkt und machte einen Grosseinkauf für seine Familie. Zurück in Zürich feierten wir unseren Sieg, wir sassen lange zusammen, und ich hatte das Gefühl, zu einem Quartier zu gehören.

Bei allem Jubel vergass er nie, zu sagen, dass wir einen zweiten Kunstrasenplatz brauchen. Damit seine Junioren auch im Regen trainieren können, wie bei anderen Clubs in der Stadt. Jetzt habe ich gehört, dass unser Juniorentrainer vor den Sommerferien aufhört. Eine schlechte Nachricht. Wir werden ihn verabschieden, voller Wehmut, wir werden ihn ehren, aber den Kunstrasenplatz für den FC Wollishofen werden wir ihm nicht schenken können. Der Kampf geht weiter, Philipp.

MiklosMiklós Gimes ist Reporter beim «Magazin», Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Filmemacher («Bad Boy Kummer»). Jeden Donnerstag lesen Sie seine Stadtgeschichten hier bei uns im Stadtblog und auf der Bellevueseite in der Printausgabe.

6 Kommentare zu «Der Juniortrainer»

  • adam gretener sagt:

    Ich kann aus persönlicher Erfahrung beitragen, dass eigentlich alle Junioren-Trainer so oder ähnlich sind. Skifahren, Eishockey und Karate, ich habe noch nie einen schludrigen und schlampigen Trainer/Leher gesehen.

    Wie in vielen Tätigkeiten mit Kindern sind die Kinder das kleinste Problem. Herr Gimes musste hier erzogen werden.

  • Norbert sagt:

    Würde mich wundernehmen, wie oft ein solcher Trainer heute mit dem impliziten Vorwurf konfrontiert ist, ein potentieller Pädophiler zu sein. Mein Respekt für den, der heute als Mann noch mit Kindern zusammenarbeitet. Wobei, er hört ja auf. Ob für ihn ein anderer anfängt? Oder haben wir in Zukunft nur noch politisch korrekte weibliche Fussballtrainerinnen für die Jungen?

    • tststs sagt:

      Mhmmmm, ist irgendwie komisch… ich (ICH, also subjektive Wahrnehmung) lese und höre immer wieder nur, dass die Männer einem leid tun, weil sie heute unter Pädogeneralverdacht stehen (was übrigens sehr bedauerlich ist); in letzter Zeit ist mir aber aufgefallen, dass ich noch nie so einen konkret geäusserten Vorwurf gehört oder gelesen hätte…
      Ich frage mich langsam, ob dies nicht einfach ein Konstrukt der Medien ist…

  • KMS a PR sagt:

    scheint mir ein trainer von altem schrot und korn zu sein, der wertvolle tugenden vermittelt.

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