In der WM-Zentrale

Sepp Blatter winkt uns zum Abschied.

Sepp Blatter winkt uns zum Abschied.

Manchmal darf man Einladungen auch einfach mal annehmen. «Das Home of Fifa ist die Heimat, das Zuhause unserer weltweiten Fussballgemeinschaft», schreibt Sepp Blatter in einer Broschüre. Wir fühlen uns angesprochen und würden gerne im Hauptgebäude der Fifa ein Spiel schauen. Dort, wo alte Männer Entscheide über Schaumsprays treffen und wo Couverts nicht nur an Geburtstagen herumgeschoben werden sollen. Ja, böse Zungen vergleichen das Gebäude gar mit den ausgehöhlten Bergen in Bond-Filmen. Orten, wo Bösewichte Katzen massieren und versuchen, die Welt zu kontrollieren. Dass der Vergleich hinkt, sollten wir am vergangenen Dienstag bald herausfinden.

Private-public Viewing

Begonnen hatte unsere Mission mit einem Mail von der Fifa. Man versicherte uns darin, die Angestellten schauten zwar dann und wann gemeinsam Spiele, doch Auswärtige hätten keinen Zutritt.

Wir lassen uns nicht beirren und versuchen, Einlass in den heiligen Tempel des Fussballs zu erhalten. Es ist so gegen 16 Uhr, und als Erstes stossen wir auf die Spuren der Demonstranten, die am letzten Samstag den gleichen Pilgerweg auf sich genommen haben. Das Fifa-Logo schimmert trotz offensichtlicher Putz­bemühungen noch immer rötlich vom Farbanschlag. Ganz sauber wird das wohl nie mehr, denken wir.

Wie die Fifa-Konzernstruktur: Eine Pyramide auf den Schultern der Massen.

Wie die Fifa-Konzernstruktur: Eine Pyramide auf den Schultern der Massen.

Vorbei am Haupttor, betreten wir den Vorgarten, ein mit Spazierwegen durchzogenes, kultiviertes Stück Land. Jeder Teil der Anlage ist einer der sechs Weltföderationen gewidmet. Mitten im afrikanischen, offenbar einer Savanne nachempfundenen Teil, türmt sich wie ein Totem eine zu einer Fussballerpyramide geschnitzte Holzplastik. Uns aber bleibt wenig Zeit, all diese wunderbaren Dinge auf uns wirken zu lassen, schliesslich wollten wir rein, ins 240-Millionen-Bauwerk. Beim Standaschenbecher am oberen Ende des Hauses treffen wir auf ein paar Angestellte. Zeit für einen Schwatz gibts nicht. Per Fingerprint-Scan öffnen sie die Schiebetüren und huschen davon. Ernst Stavro Blofeld hätte seine Freude an der Szene gehabt.

In der Empfangshalle treffen wir auf eine Gruppe knipsender Japaner. Wir lesen in der Broschüre zum Gebäude: «Einzelne sollen sich aufgenommen fühlen, viele räumlich nicht bedrängt.» Wir glauben den wohlformulierten Zeilen und fühlen uns bald sehr wohl. Unsere Hoffnung schwillt an wie ein Heissluftballon bei der Wärmeflutung – denn über allem thront das Objekt unserer Begierde: eine Leinwand fürs Public Viewing, das eigentlich ein Private Viewing ist: «Hier können nur Angestellte die Spiele schauen, und das auch nur an ausgewählten Tagen», bestätigt die Frau hinter dem Pult das Mail, freundlich, aber bestimmt. Sogar ein kleiner Rundgang bleibt uns verwehrt. Was bleibt uns übrig, als in der Broschüre zu lesen, was wir alles verpassen: den in Lapislazuli eingelassenen Grundstein des Hauses, den riesigen Kristallleuchter im Hauptsaal und auch den Andachtsraum (!), «ein leuchtender, sich nach oben ausweitender Onyxkörper», werden wir nicht sehen. «Licht und Beleuchtung ?– eine entscheidende Bedeutung», schreibt die Broschüre unter dem Titel «Nah am Herzen». Ein Herz aus Stein, wie wir finden, ausgeschlossen wie Favela-Kinder vor dem Stadion.

Die einladende Fassade des Fifa-Hauptsitz.

Die einladende Fassade des Fifa-Hauptsitz.

Nachdem wir einen kurzen Moment mit dem Gedanken gespielt haben, einen mit FIFA™ beschrifteten Artikel im Merchandise-Shop zu kaufen, verlassen wir das Fifa-Gelände. Leicht enttäuscht zwar, doch auch erleichtert, dieser Mischung aus Esoterik und James Bond unbeschadet entkommen zu sein. Zurück im Tal, besuchen wir eine der vielen gut bevölkerten WM-Bars, wo das Bier fliesst und der Lärmpegel beachtlich ist. Das andere «Zuhause der weltweiten Fussballgemeinschaft». Unseres halt.

22 Kommentare zu «In der WM-Zentrale»

  • Frritzz Peter sagt:

    Selten was Dümmeres gelesen und wenn, dann höchstens im Tagi. Grüsse Fritz Peter

    • Réda El Arbi sagt:

      Leider gibts das Humorverständis online nicht mit zum Blogpost dazu. Aber wir sprechen mal mit der Abo-Abteilung. Vielleicht liefern die das mit der Printausgabe.

      Bis dahin einen schönen Abend.

    • Mörker Andreas sagt:

      Wohl bei der Ausgabe für Humor zu spät gekommen, weil am Hammstern gewesen beim Verteilen der Nörgelei?

  • Patrick Benkert sagt:

    Grossartig! Scharf, humorvoll und doch…das Lächeln friert ein. Sepp Blatter macht die Fifa, aber vor allem sich selbst zu einem Joke. Wird das was folgt nur ein klein bisschen Besserung bringen?

  • Peter Riese sagt:

    „Sogar ein kleiner Rundgang wird uns verwehrt“? Ach, und bei der Tamedia kann man also einfach auftauchen und sich mal ein bisschen umschauen? Das wollte ich schon immer mal…

    • Réda El Arbi sagt:

      Sobald Tamedia eine Broschüre herausgibt in dem sie sich als „Zuhause für alle Leser dieser Welt“ anpreist, gibts sicher auch freie Führungen.

      • Peter Riese sagt:

        „frei“ sind die Führungen schon jetzt – aber halt nicht unangemeldet…. Ansonsten ein guter Punkt 😉

        • Violetta sagt:

          Ich fand die Führung gut. Wenn auch ich sie aus architektonischen Gründen besuchte. Ein echter Scherzkeks, der uns Glauben machen wollte, dass die 20min-Leute soviel cooler seien als die vom Tagi 🙂

    • adam gretener sagt:

      Kann man. Da gibt es nur einen kleinen Unterschied. Die tamedia ist eine AG, die FIFA ist ein steuerbefreiter Verein.

      http://www.tamedia.ch/de/unternehmen/tamedia-erleben/fuehrungen/

      • Rolf sagt:

        Informieren sie sich vorher: Die Fifa ist kein steuerbefreiter Verein.

        • Réda El Arbi sagt:

          Nein, nicht mehr. Aber sie zahlen als Verein immer noch nur Prozente von dem, was sie als Firma bezahlen müssten. Insgesamt haben sie glaubs 17 Millionen bezahlt. was nicht mal einem Promille ihrer Gewinne in den letzten 12 Jahren entspricht.

        • adam gretener sagt:

          Sehen Sie, Rolf, ich wurde bereits so darauf geeicht von der Fifa, dass ich die Änderung gar nicht mitbekommen habe. Bei 1,4 Milliarden (offiziell) Umsatz 2012 sind 17 Millionen Steuern natürlich schon genug Belastung.

          • Peter Riese sagt:

            nur bezahlt man Steuern halt noch immer auf dem Profit und nicht auf dem Umsatz……

            • Réda El Arbi sagt:

              Tja, aber wenn man nur den Profit der letzten vier Weltmeisterschaften nimmt, sind die 17 Millionen nicht mal ein Promille. Was aber sowieso schwierig ist, da die Vereinsform keine rechtlich verbindliche Profitberechnung zulässt. Niemand hat gesagt, dass Blatter und die Fifa dumm sind. Es wird ihnen nur Gier vorgeworfen.

      • Peter Riese sagt:

        Danke für den Link. Ich sehe den Unterschied nicht ganz bezüglich der Spontanität einer Führung, und nur darum ging es mir eigentlich. Wie auch immer. Die FIFA hat übrigens in den letzten zwei Jahren je 17 Millionen Steuern bezahlt…

  • Maiko Laugun ★Flanken-Gott★ sagt:

    Der schwarz-katholische Blatter ist unfehlbar und in seiner Funktion dem Papst gleichzusetzen. Das Herumschieben von Couverts entsprechen Kollekten-Sammlungen, dienen Völker verbindenden Massnahmen und sind dem Finanz-Geschäftsgebahren der Vatikan-Bank angepasst. Alles andere sind unchristliche Unterstellungen. Hoffentlich bekommt der werte David Sarasin für diesen ungläubigen Beitrag vor dem Jüngsten Gericht nicht (mindestens) die Gelbe Karte. Amen! 🙂

    • Adam Gretener sagt:

      Ich gebe es nicht gerade gerne zu, aber Sternchen-Maiko hat hier mit einem Pfeil das Hinterteil eines anderen Pfeils getroffen. Amen.

  • Kofinas sagt:

    Was ist an dieser Fassade einladend??? Für mich sieht das eher nach einem Militärischen Bunker aus – mit einem Schlitz zum raus schiessen…

  • Adam Gretener sagt:

    Herr Sarasin. Ihr Stil zu schreiben ist jedes Mal eine Freude. Wunderbar. Aber Sie tun Blofeld unrecht, Blatter ist eher sowas wie Mini-Me.

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