«Die Unsicheren, die Arroganten & die Idioten»

Nichtbeachtung erzeugt Interesse. Verkehrte Welt.

Nichtbeachtung erzeugt Interesse. Verkehrte Welt.

Zürich gilt als Stadt für Singles. Das ist durchaus nachvollziehbar: Auf der einen Seite haben wir all die Nightlife-Möglichkeiten und Orte der Begegnung, die viele Menschen in Beziehungen nicht mehr nutzen und die als Tummelplatz für Singles gelten. Auf der anderen Seiten haben wir eine Flirtkultur, die dafür sorgt, dass Singles auch Singles bleiben – und die uns darüber staunen lässt, dass wir noch nicht ausgestorben sind.

Gestern durfte ich Zeuge eines Gesprächs zwischen zwei Frauen um die Dreissig werden, das mir die Augen für das komplizierte Paarungsverhalten in der Stadt öffnete:

Frau 1: «Immer wenn ich mich ein wenig zurechtmache, getraut sich nachher keiner mehr, mich anzusprechen. Es ist, als ob ich zu sexy zum Flirten wär. Die Männer schauen nur ein wenig und wenden gleich den Blick ab, wenn ich zurückschaue. Sie haben einfach nicht mehr die Eier, eine Frau anzusprechen.»

Frau 2: «Aber das stimmt doch gar nicht! Gestern am Match hattest du das Sommerkleid an und mindestens zwei Typen haben dich angequatscht. Und der Dunkelhaarige hat dir zwei Mal mit seinem Bier zugeprostet. Das nenn ich keine schlechte Ausbeute.»

Frau 1: «Ja, aber das waren Idioten. Hast du das T-Shirt des Dunkelhaarigen gesehen? Abercrombie? Da kann ich ja gleich an eine Ü30-Singleparty. Und die anderen Beiden waren einfach nur aufdringlich und plump. Echt. Der an der Bar hingegen war süss, aber der hat nur alle paar Minuten rübergelinst, ohne die Cojones, mich anzusprechen. Und der geile Typ später am See hat mich nicht mal beachtet. In Spanien war alles viel lockerer, offener. Die Männer sind da eher noch Männer.»

Aus der Sicht des Mannes ist das ein unlösbares Dilemma: Wenn wir auf eine Frau zugehen und sie ansprechen, sind wir «einfach nur aufdringlich», kurz Idioten. Wenn wir zurückhaltend flirten und ab und zu den Blickkontakt suchen, sind wir Weicheier. Wirklich interessant werden wir aber nur dann, wenn wir die Frauen, die uns faszinieren, ignorieren, also die Arroganz raushängen lassen. Schaffen wir es, die Angst zu überwinden und eine Frau anzusprechen, kriegen wir einen Korb, der, egal wie oft eingefangen, immer wieder weh tut. So schauen wir die Frauen an, denken, dass diese Schönheit sowieso nichts für uns ist, und nippen weiter an unserem Bier.

Inzwischen verstehe ich, dass Männer gar nicht mehr versuchen, jemanden Neuen kennen zu lernen. Die meisten normalaussehenden Männer ohne speziellen Status haben vor ihrem 30. Lebensjahr ihre tausend schmerzhaften Abweisungen eingefahren. Das prägt und nimmt die Lust, auf Frauen zuzugehen. So werden wohl auch in Zukunft die meisten Beziehungen am Arbeitsplatz oder im erweiterten Freundeskreis entstehen, ohne den kitzelnden Flirt.

Für die Zürcher Single-Frauen hab ich einen Tipp: Versuchen Sie mal den 1. Schritt zu machen und sich eine Abfuhr abzuholen. Spüren Sie der Erniedrigung etwas nach und machen Sie sich klar, dass Männer das oft verspüren, wenn sie den Mut aufbringen, eine Frau anzusprechen. Vielleicht entlockt Ihnen dann der nächste Versuch ein Lächeln, und wenns nur eins ist, das die Abfuhr versüssen soll.

Und bevor Sie über den fehlenden Flirtelan der Zürcher Männer jammern und sich nach ihrem Ferienort sehnen (wo doch alles viel lockerer und offener war), fragen Sie sich doch mal, wie viel lockerer und offener Sie selbst da unten am Strand waren. Und dann stehen Sie auf, gehen Sie auf einen Mann zu und beginnen Sie ein freundliches Gespräch. Wir leben schliesslich im 21. Jahrhundert.