Sex, Drugs & die Jagd nach Glück

Partygirls-Front

Nachdem der Stadtblog bereits mit Junkies und einem Casanova unterwegs war, begleiteten wir in dieser lockeren Serie über Leute ausserhalb des moralischen Mainstreams nun eine Nacht lang zwei Partygirls beim Feiern.

Fiona* badet und checkt in der Wanne per SMS das Outfit ihrer Freundin. Man sollte sich absprechen, damit man zueinander passt, aber nicht im Partnerlook daherkommt. Clubben ist eine ernsthafte Sache, die offenbar etwas Vorbereitung braucht. Zuerst mal einen Joint. Das Gras stammt von einem Freund und wird wahrscheinlich irgendwo in der Nordschweiz angebaut.

Ich traf eine halbe Stunde zuvor, es war ca. 21 Uhr, bei Fiona ein. Viel zu früh für einen Samstagabend, an dem man sich nicht vor 1 Uhr aus dem Haus begibt. Fiona wollte heute eigentlich gar nicht raus. Sie geht nicht mehr so oft wie früher in die Clubs feiern, aber sie liebt das Tanzen in Clubs und ist Single – oder eher Mingle. Sie hat einen Lover, der regelmässig vorbeischaut, dem sie sich aber zu nichts verpflichtet fühlt. So kommt es, dass sie nach einer durchfeierten Nacht ab und zu einen Mann mit nach Hause bringt. «Ich liebe es, zu tanzen, und ein wenig geniesse ich auch die Aufmerksamkeit.»

Zählt nicht zu den «Drogen»: Gras aus Schaffhausen

Zählt nicht zu den «Drogen»: Gras 

Sie zieht sich in ihr Umkleidezimmer zurück, probiert verschiedene Outfits an. «Heute nehm ich keine Drogen», erklärt sie beim Umziehen. Mit Drogen meint sie MDMA, andere Pillen, Pilze, Koks oder LSD. Früher habe das eher dazugehört. Gras zählt für sie nicht in diese Kategorie. Alkohol wohl auch nicht. Sie führt ihr gewähltes Kleidchen vor, ein kleines Schwarzes mit tiefem Ausschnitt und beinahe freiem Rücken. Sie wechselt noch zweimal die Schuhe, inzwischen ists kurz vor Mitternacht.

Wir wechseln die Location und holen ihre Freundin Andrea* ab. Andrea ist noch mitten im Klamottendilemma. Röckchen passt nicht zur Frisur, Schuhe nicht zum Röckchen, Jacke nicht zu den Schuhen und überhaupt, das Leben ist scheisse. (An diesem Punkt würde der Autor wohl einen Schnaps trinken, wenn er noch Alkohol trinken würde). Die Damen genehmigen sich eine Flasche Prosecco zum Aufwärmen. Und einen weiteren Joint.

Aufwärmen

Die Reihenfolge der Clubs, die wir später besuchen wollen, wird diskutiert. DJ-Namen, die mir überhaupt nichts sagen, werden gewichtig erwähnt. Wir einigen uns darauf, im Club Zukunft, bzw. in der Bar 3000, zu beginnen und uns dann weiterzuhangeln. Der Club ist überfüllt mit Touristen (Die Zukunft wird inzwischen in allen Reiseführern empfohlen) und einigen Studenten. Oben in der Bar dann die übliche Zürcher Szene: Gute Musik, Leute, die herumstehen, ekstatisch mit dem Fuss wippen und an ihren Drinks nippen. Ein Mann an der Bar kippt Fionas Drink um, einen Hugo, entschuldigt sich auf Englisch und drückt ihr hundert Dollar in die Hand, ohne Hintergedanken, da er den Club gleich darauf verlässt. Ich staune. Andrea langweilt sich, obwohl die Musik gut ist. (Ich muss das sagen, Kollege Sarasin war am Auflegen). Andrea will weg, sie hatte mal was mit einem Freund des Besitzers. Den will sie nicht treffen. Ausserdem sind hier zu viele Pärchen.

Wir ziehen weiter, schauen kurz im Café Gold vorbei und gehen schliesslich in einen Club, dessen Namen ich hier nicht erwähnen will (Es könnte beinahe jeder Club der Stadt sein). Hier ist die Konkurrenz für die Girls gross. Jede Menge gut aussehende Frauen um die dreissig, herausgeputzt und mit cooler Attitüde. Meine Begleitungen verschwinden direkt ans DJ-Pult, um zu tanzen. Ich halte mich im Hintergrund. Einige Männer tanzen heran, aber offenbar ist keiner darunter, der das Interesse der Girls weckt.

«Hast du Koks?» – «Bist du Single?»

Ich gehe hoch in den Raucherraum und setze mich in eine Ecke. Zwei Frauen steuern auf mich zu und beschiessen mich mit umwerfendem Augenaufschlag (Frauen sind hier in Zweier- oder Dreierteams unterwegs). Ob ich Koks hätte, fragen sie mich. Nein, kein Koks, aber Fragen. Ob sie Single sind. Sie kichern und die eine meint mit kokettem Blick: «Mehr oder weniger.» Ob sie auf der Suche nach Sex seien? «Nein, eigentlich nicht, aber wenn sichs ergäbe …» Die eine wird schon ein wenig nervös, zupft die andere am Ärmel und deutet auf einen grossen Typen mit rotem Haar, Bart, Tattoos und Baseballmütze. Er scheint kleine Tütchen mit Koks und einzelne Pillen unter die Leute zu bringen. Ich verschwinde aus ihrer Wahrnehmung und sie trippeln rüber zu ihm.

Der Weg ins emotionale Lala-Land: MDMA

Der Weg ins emotionale Lala-Land: MDMA (Um die Wirkung zu spüren, draufklicken)

Ich gehe wieder runter zu meinen beiden Begleiterinnen. Sie tanzen noch immer vor dem DJ. «Den könnte ich mit nach Hause nehmen», meint Fiona. Ich schau mir den DJ an, und ehrlich, ohne Konkurrenzgedanken, der Kerl sieht einfach nicht gut aus. «Das ist nicht wichtig, er spielt gute Musik.»

Die «richtigen Wichtigen»

An der Bar unterhalte ich mich mit diversen Leuten, aber die Substanz des Gesprächs ist so seicht, dass sogar der Begriff «Smalltalk» eine wohlwollende Bezeichnung wäre. Dann kommen zwei weitere Partygirls, Vanja* und Leah*, die ohne männliche Begleitung im Club sind. Ob man im Zürcher Nachtleben Männer kennen lerne, und ob sich daraus auch Beziehungen ergeben, frage ich. Ja, meint die eine voller Überzeugung. Eine ihrer Freundinnen sei jetzt schon einige Monate mit einem Clubbesitzer zusammen.  Aber es funktioniere nicht immer gut. «Die Konkurrenz ist gross!», sagt sie und erzählt von einer Freundin, die ein Clubverbot habe, weil der Besitzer gerne ein wenig flirte und seine Freundin dermassen eifersüchtig sei, dass sie hübschen Frauen ein Verbot ausspreche. Ich staune. «Viele DJs haben Vorzeigepuppen, Girls, meist jünger, die von Saison zu Saison wechseln.» Aber die seien billig. Die Girls, nicht die DJs natürlich.

Die beiden ärgern sich, dass sie die richtige Aufmerksamkeit von den falschen Typen kriegen. Es gibt eine unklare Klassifizierung für Männer, die irgendwie mit Länge der Zugehörigkeit zur Szene, Job im Nachtleben, Bekanntschaft mit Clubbesitzer und/oder DJ und der Freigiebigkeit mit Drogen zu tun haben muss. Das Ziel ist nicht, mit irgendwem ins Bett zu gehen, sondern mit einem von den Wichtigen.

Wieder im Raucherraum, sehe ich die beiden Kokskäuferinnen von vorher. Die eine knutscht mit einem der letzten Zürcher Hipster, die andere sitzt gelangweilt daneben. Ich setze mich zu ihr und sie erzählt mir von ihrer Jagdstrategie, wenns um Männer geht. «Man will sich nicht mit einem Loser einlassen. Das ist schlecht für den Ruf. Manchmal, so wie jetzt, ist es auch hart. Auf MDMA bin ich voller Zärtlichkeit und suche die Nähe. Da muss sich mein Kopf über mein Knutschbedürfnis hinwegsetzen, weil ich sonst mit irgendeinem Deppen auf dem Sofa lande», sagt sie mit Seitenblick auf ihre Freundin.

Drogen schlagen durch

Überhaupt scheinen die Drogen sich jetzt, um 4.30 Uhr, durchzusetzen. Ein weiteres Partygirl, auch um die dreissig, lehnt sich zu mir und meint, sie fühle sich alleine. Dann wackelt sie mit dem Kopf, um ihren Blick auf mich zu fokussieren, und erklärt mir, dass sie ihren Freund vermisse, der offenbar auf Geschäftsreise ist. Er habe ihr einen Heiratsantrag gemacht.

Draussen vor der Tür, an der frischen Luft, steht ein weiterer Dealer und fragt, ob ich was brauche. Jep, frische Luft, aber die ist eben noch gratis. Neben mir lehnen ein Mann und eine Frau an der Wand. Er erzählt ihr, wie einfühlsam er ist, wie sehr er seine Freundin liebt, auch wenn er sich gut mit anderen Frauen unterhalten könne. Er verstehe die Typen nicht, die nur mit den Frauen ins Bett wollten, nuschelt er in ihren Ausschnitt. (Später seh ich sie auf dem Sofa, seine Hand unter ihrem sparsam bemessenen Röckchen.)

Vor dem DJ-Pult tanzen meine Begleiterinnen vom Anfang des Abends gedankenverloren. Sie werden gerade von zwei anderen Frauen angetanzt und scheinen das auch zu geniessen. Fiona: «Manchmal muss man einfach nur rumknutschen, sich selbst und das Gegenüber spüren, ohne dass es gleich zu Sex kommen muss. Und das geht mit Frauen einfach besser.» Eine andere junge Frau ist nicht so entspannt. Sie tanzt mit starrem Blick und harten Mundwinkeln etwas gekünstelt in einer Ecke, wechselt den Standort, sobald sich ihr jemand nähert, tanzt dann wieder eine Weile, bis neue Jäger auftauchen und sie wieder den Standort wechselt. Es erscheint anstrengend, dauernd durch den ganzen Club zu tanzen, um der Aufmerksamkeit zu entgehen. Wieder an der Bar, macht sich eine junge Dame über meine Fragen lustig: «Wir haben einen Wettbewerb: Wer von uns die meisten Männer herablassend abweist, hat gewonnen.» Als Mann kommt mir das gar nicht so weit hergeholt vor. Welcher Mann hat schon nicht mehrere Abfuhren auf der Tanzfläche abgeholt?

Knutschbedürfnis und Verstand

Bei Vanja im Raucherraum scheint inzwischen das Knutschbedürfnis über den Verstand gesiegt zu haben. Sie liegt/sitzt halb auf einem der alten Sessel und versucht herauszufinden, wie tief sie ihre Zunge in den Hals ihrer neuen Bekanntschaft stecken kann. Ich versuche herauszufinden, ob ihre neue Bekanntschaft zu den «wichtigen Richtigen» gehört oder ein Loser ist. Ich kann es nicht erkennen.

Die Magie der Ekstase verlässt den Raum, die Sonnenstrahlen durchs Oberlicht zeigen, dass man sich in einem Meer von kalten Zigarettenstummeln lümmelt. Unten auf der Tanzfläche bewegen sich die, die sich noch bewegen können, entweder schackig von Koks oder schaumig vom MDMA. Eine Blondine, die man sich gut in einem Grossraumbüro vorstellen kann, teilt mir ungefragt mit, dass sie nur LSD nehme, keine Drogen.

Jetzt ist die Stunde der Hyänen. Männer, die in die Clubs kommen, um jene abzuräumen, die verzweifelt genug sind: Mädchen, die nach einer Nacht mit Avancen von den Losern unter einem angeschlagenen Selbstbewusstsein leiden und sich nicht mehr für begehrenswert halten. Auf dem Klo wird gevögelt, wie ich beim Wasserlassen hören kann, und davor versucht ein Mann zu stehen, der beim Trinken die dünne Linie zwischen Spass und Spastik überschritten hat.

Vor der Tür die Reste der rosa Brille, die das Partyleben erträglich macht.

Vor der Tür die Trümmer der rosa Brille, die das Partyleben erträglich macht.

Ich verabschiede mich von Fiona und Andrea, die mich nur noch am Rande ihrer Pupillen wahrnehmen, und gehe. Es ist kurz vor acht Uhr morgens, und draussen vor dem Club spritzt ein Mann mit einem Schlauch Erbrochenes, Zigaretten und die Reste von Pulverträumen vom Asphalt. Im Tageslicht werfen die Augenringe Schatten.

Mir ist noch nicht ganz klar, ob die Girls Jäger oder Beute sind, aber eine Jagd findet unbestreitbar statt – die Jagd nach Glück. Einige der Girls wurden heute Nacht fündig, die einen bei Drogen, die anderen bei Männern, die dritten bei beidem. Ein kleiner Fetzen Glück zwischen Freitag und Montag. Die Drogen halten ein paar Stunden, die Männer ein paar Tage, bevor sich der Glanz verliert. Die Sehnsucht nach Bestätigung und Erfüllung bleibt treu bei den Mädchen – sonst wären die Clubs am nächsten Wochenende leer.

PS: Die meisten Frauen sagen, dass sie nur zum Tanzen in die Clubs gehen. Nur, keine konnte mir beantworten, warum sie sich dafür zwei Stunden aufbrezeln und das Haus verlassen muss, wenn sie doch die geile Musik auch daheim zum Tanzen zur Verfügung hat. Ich bitte um Aufklärung.