Tarantino trifft Gotthelf

Silvia Tschui bringt in ihrem Debut «Jakobs Ross» heutige Themen in geschichtlichem Dekor.

Silvia Tschui bringt in ihrem Debut «Jakobs Ross» heutige Themen in geschichtlichem Dekor.

Alphörner stöhnen im kleinen Saal des Dadahauses Cabaret Voltaire. Der Saal ist voll, es ist heiss, die Technik spinnt und die Autorin ist nervös. Dann wirds still und es folgen urchige Sätze voller Blut, Hoffnung – und Humor. «Gotthelf trifft Tarantino», hiess es in einer Kritik. Gelesen wird die Geschichte vom Elsie, von ihrem Traum, in Florenz Musik zu studieren und von ihrer Realität zwischen Armut, Magie und Not in einer Zeit, in der in Herrenhäusern noch Herren lebten. Der Stadtblog sprach mit der Zürcher Autorin Silvia Tschui über Leben, Schreiben und Geld.

«Ja, wenn das Elsie das Lied vom Blüemlistaler Bauern, wo vor Heimweh in der Fremde verräblet, nur wieder einmal in einem Salong singen und fidlen könnte, anstatt in diesem Finstereseer Chuestall nur das Rösli und das Klärli mit je einer Hampflen Heu in der Schnörre als Piblikum zu haben. All den feinen Herren würd ob der traurigen Geschichte das Augenwasser nur so heraussprützen», liest die Autorin Silvia Tschui aus ihrem Debutroman «Jakobs Ross».

Silvia, wieso dieses ganze heimatliche Schweizerzeugs? Ist Swissness einfach gerade Trend?

Vielleicht für die Medien, die schweizerischen Inhalten etwas mehr Aufmerksamkeit schenken. Für mich wars eher ein Zwang. Ich hab das Buch in Etappen über fünf Jahre geschrieben, und jedesmal Hochdeutsch angefangen und konnte mich stets nach ein paar Seiten den sich aufdrängenden Helvetismen unmöglich entziehen. Es ist, als ob ich die Geschichte nur in der Sprache schreiben konnte, in der sie die Hauptperson erzählt hätte: Als ungebildete, junge Schweizerin, die versucht via hochdeutsches Erzählen ihrer Geschichte mehr Relevanz zu verleihen – die  aber natürlich kein Hochdeutsch kann. Zuerst hatte das Buch rund 400 Seiten Umfang, dann hab ichs auf knapp über 200 gekürzt und die Sprachschwankungen zwischen Dialektal und Hochdeutsch zu nivellieren versucht.

Ausserdem: «heimatlich» würde ichs ja gar nicht nennen – die Sprache lullt den Schweizer zwar ein, er fühlt sich zunächst aufgehoben und geborgen – und dann kommts 1. knüppeldick und 2. ironisiert auch die Sprache dank einer – wenn ich das selber sagen kann – lakonischen Erzählhaltung dieses «Heimatdings» komplett.

Du wirst nicht reich werden, da du den Markt mit der Sprache auf die Schweiz eingeengt hast.

Erster Teilsatz ja, leider, zweiter Teilsatz stimmt nicht ganz. In Deutschland sind die Lesungen auch ganz gut aufgenommen worden. Und ehrlich, wer schreibt in der Schweiz schon, um reich zu werden. Es gibt ein paar wenige sehr etablierte Autoren, die nicht noch nebenbei arbeiten müssen, um sich den Luxus des Schreibens zu finanzieren.

«Der Jakob kommt zu rennen, da liegt das Elsie schon auf der blossen Erde und chrampft und wimmeret, und am Füdli ist alles voller Bluet und vorne auch, und dem Jakob wird trümmlig, er rennt dann aber doch, um eine Gable frisches Stroh zu holen», liest Tschui. Das Publikum kichert zu Beginn bei den vertrauten Helvetismen, bis die Tragik der Geschichte in die Lesung sickert.

Weshalb schreibt man dann in der Schweiz ein Buch? Kein Geld, nur Ruhm und Ehre?

Die Anerkennung tut sicher gut, aber deswegen schreibt man nicht. In «Jakobs Ross» ist ja gerade diese Spannung zwischen Kunst, Leidenschaft und Sachzwängen herausgearbeitet. Ich habe die Geschichte in einer Zeit angesiedelt, die in ihrer Langsamkeit den archaischen Aberglauben und die magischen Elemente – künstlerisches Schaffen, Liebe und sorgfältiges Handwerk – glaubhaft macht. Ausserdem musste ich das Elsie ein Zeitlang in ihrer Situation verharren lassen und das würde in einer mobilen, zeitgemässen Gesellschaft nicht gehen.

Du hast also im Buch eigentlich das Leiden der Autorin thematisiert, die sich fünf Jahre lang immer wieder tageweise Zeit vom Brotjob abklemmen muss, um ihr Buch zu schreiben?

Ganz so schlimm ist es natürlich nicht. (lacht) Aber es ist schon nicht einfach, neben der Arbeit und meinem kleinen Sohn noch ein Buch fertigzustellen, und alles für die Veröffentlichung vorzubereiten, ohne wirklich Geld dafür zu kriegen. Diverse Stipendien und Stiftungsgelder sind offenbar für Egomanen oder Singles gedacht. Wer kann sich mit einer Familie oder einer Partnerschaft schon leisten, für ein halbes oder ganzes Jahr in ein Schreibatelier in Rom, New York oder Timbuktu zu verschwinden, auch wenns bezahlt ist? Nein, schreiben muss eine Leidenschaft sein, sonst sollte man es in der Schweiz gar nicht erst versuchen.

Was kommt als Nächstes? Mehr Kühe, mehr Not?

Ich geb mir die Kugel! Nein, als nächstes vielleicht irgendwas Alternative-Realität-Mässiges, irgendwas mit aus dem Ruder gelaufener Gentechnologie schwebt mir vor. Die Entwicklung unserer Gesellschaft hat mich schon immer fasziniert. Aber eben, ich bin Mutter und muss auch von etwas leben. Also werd ich mich wieder um das Schreiben herum organisieren müssen. Bloss wie, weiss ich noch nicht ganz.

Jetzt, zwischen den Kapiteln, singt die Autorin, begleitet von Gitarre, abgewandelte Lieder der Rockgeschichte. Sie erzählt Elsies Leiden nochmals, in zeitgenössischen Worten, englisch, und macht klar, dass man ein Elsie nicht nur in der Vergangenheit findet.

 

Tschui_JakobsRoss_RZ.inddZum Buch:
Die junge Magd Elsie träumt von einer Karriere als Musikerin. Kein leichtes Unterfangen in der Schweiz im 19. Jahrhundert, in dem neben der festen sozialen Ordnung auch Gewalt und Aberglaube herrschen. Der Hausherr fördert das Talent der Magd auf seine Weise; und als Elsie von ihm schwanger wird, erhält der Rossknecht Jakob sie zur Frau. Elsie fügt sich ihrem Schicksal – bis ein Fahrender auftaucht, der sich für ihre Musik begeistert. Ihre heimliche Liebe kostet seiner gesamten Sippe das Leben. Und Elsie kommt beim Kampf um ihre Selbstbestimmung beinahe selber um. Mit ungeheurer Wucht erzählt Tschuis Debüt eine Gotthelfsche Geschichte voller Magie und unbändiger Lebenskraft.

6 Kommentare zu «Tarantino trifft Gotthelf»

  • Sandra P. sagt:

    Ich kann verstehen, dass sich beim Schreiben eine Sprache aufdrängt, aber diese Sprache hier!?!?! Sorry, aber so spricht kein erwachsener Mensch hochdütsch! Überhaupt niemand. Zeugt meines Erachtrens nicht für viel Liebe zu der eigenen Figur. Und: Helvetismen sind das auch nicht! In Kunst und Literatur kann man schon jeden Blödsinn verzapfen, und die Leute glaubens!

  • rimaka sagt:

    Ich war begeistert von der Lesung die ich im Radio gehört habe! Ich mag Dialekte überaus! Wahrscheinlich kaufe ich mir das Buch aber ich habe ein bisschen Schiss vor der traurigen Geschichte. Viel Erfolg. Übrigens schreiben kann man NUR aus Leidenschaft!

  • Maiko Laugun sagt:

    Ich wünsche der Autorin viel Erfolg, obwohl ich persönlich das Buch nicht lesen werde. Schweizer Dialekte sind ein Kulturgut und man soll sie auf jeden Fall erhalten. Zum Lesen eignen sie sich aber nicht wirklich. Die deutsche Schriftsprache hat sich nicht umsonst durchgesetzt. Die Dialekte im ganzen (deutschen) Sprachraum sind zu unterschiedlich und es gibt zu viele davon. Auch wenn es in diesem Buche nicht nur um die damalige Epoche geht, so scheint mir das Thema etwas abgelutscht zu sein, zumal schon im deutschen TV ganze Serien aus früheren Zeiten produziert wurden und mich der Artikel hier spontan an die CH-Produktion „Sahlenweidli“ erinnert. Leider nicht mein Ding. Interviews tun diesem Blog aber gut.

    • Marcel Claudio sagt:

      Hallo Maiko – ist zwar offtopic, aber hast den Weg von Uebersee auch in den Stadtblog gefunden — im Tagi wollen sie ja jetzt Geld, wenn man seine 20 Klicks im Monat verschossen hat — aber der Stadtblog scheint ja immer noch eine gebührenfrei Zone zu sein….
      .
      Ob wir das wohl Reda zu verdanken haben – wenn dem so sei – vielen Dank Reda und kämpfe dafür, dass es so bleibt, wir „beglücken“ Euch dann auch weiterhin mit unseren Ergüssen aus Uebersee…:-)

  • Irene feldmann sagt:

    Voller Magie??? Schwangerschaft ohne Alternativen??? Kompromiss da sie keinen unabhängigen Status hatte??? Auslöschen einer Sippe da Gesellschaft Klassenunterschiede praktiziert??? All das im Namen der Musik??? Queen: to much Love will kill you….ich hoffe schon das, dieses Buch nicht die Wehmut nach lang hinter uns gelasene Wurzeln auslöst…..amen

  • KMS a PR sagt:

    klingt interessant. ich habe mir das buch eben bestellt. es ist meine erachtens eine erhebliche gratwanderung zwischen der darstellung des erhabenen und der geimeinen unterschwelligkeit der heuchlerei, die da allgegenwärtig ist. ich mag gotthelf; und habe sämtliche filme von tarantino. somit -> wenn der alpenfirn sich rötet, tötet, freie schweizer, tötet. bin gespannt.

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