Drogen, Korruption und ein schwarzer Plot

Er befasst sich auch in der Freizeit mit Drogen, Korruption und Gewalt.

Er befasst sich auch in der Freizeit mit Drogen, Korruption und Gewalt: Michael Herzig. Bild: Pino Ala, Zürich

Fixerstübli, Waffengewalt und die Strichboxen in Altstetten gehören zum Arbeitsfeld von Michael Herzig. Er war jahrelang Drogenbeauftragter der Stadt Zürich und ist jetzt Vize-Chef der Sozialen Einrichtungen der Stadt. Mit was beschäftigt sich der Kader-Sozialarbeiter in seiner Freizeit? Genau: Mit Drogen, Gewalt und Polizeikorruption – in Buchform. Michael Herzig veröffentlichte diese Woche seinen neuen Züri-Krimi um die hartgesottene Polizistin  Johanna di Napoli. Wir sprachen mit ihm über die dunkle Seite der Limmatstadt.

Michael, du schreibst «Hard Boiled»-Krimis im klassischen US-Stil, die aber hauptsächlich in Zürich spielen. Ist der harte Macker, in diesem Fall die harte Polizistin, in der Schweiz des Polizisten Wäckerli und des Wachmeister Studers glaubwürdig?

Klar, die Figuren sind ja nicht einfach hart und böse, sondern machen eine Entwicklung durch, die dem Leser glaubwürdig verständlich machen soll, wie auch hier Menschen verhärten können. Natürlich ist es überzeichnet, wie ja auch die harten Bullen in der US-Krimis nicht wirkliche Menschen sind.

Wenn die Lebensumstände in L. A. oder New York einen Polizisten korrupt und gewalttätig werden lassen, leuchtet das ein. Aber am Zürisee?

Wir müssen nicht lange zurückschauen, um eine kriminell einzigartige Situation in der Stadt zu finden. Im Sumpf der grossen Drogenszene in den Neunzigern, am Letten und am Platzspitz, waren die Voraussetzungen durchaus gegeben, um einen halbwegs anständigen Polizisten in Versuchung zu führen. Deshalb hab ich die Wurzeln meiner beiden Bösewichte in dieser Zeit angesiedelt.

Damals, vor allem am Letten, standen die Polizisten an vorderster Front in einem Krieg der Schweiz gegen die eigene Jugend. Überlastet und hilflos mussten sie zusehen, wie Dealer, die sie am Tag zuvor verhaftet hatten, bereits wieder Geld machten. Weil dem Suchtproblem mit repressiven Mitteln nicht beizukommen war, bestand eine Hauptaufgabe der Polizisten damals darin, den Handel zu stören, also Geld und Drogen aus dem Verkehr zu ziehen. Bunker mit packweise Heroin und bündelweise Geld zu finden und zu beschlagnahmen, kann schon eine Versuchung sein, etwas in die eigene Tasche zu stecken. Gerade wenn man von der Situation bereits frustriert und zynisch geworden ist.

Als Drogenbeauftragter der Stadt Zürich hattest du in den letzten sechzehn Jahren Einblick in die Mechanismen der Drogenkriminalität und der Polizeiarbeit in diesem Bereich. Sind deine Figuren der Realität entnommen?

Nein, meine Figuren sind frei erfunden. Um ihnen jedoch die Glaubwürdigkeit einzuhauchen, die sie benötigen, verwende ich die eine oder andere Geschichte, die ich während meiner Arbeit miterlebt oder gehört habe.

Die Stadtpolizisten in deinem Krimi werden am Letten/Platzspitz erst korrupt, danach wechseln sie die Seiten komplett und erscheinen in der Gegenwart als richtige Verbrecher. Machst du dir mit diesem Bild von der Stapo nicht Feinde unter den Leuten, mit denen du beruflich noch zusammenarbeiten musst?

Nein, ich denke nicht. Die Stadtpolizisten, von denen ich einige sehr gut kenne, können das einordnen. Sie sind die Ersten, die zugeben, dass die Situation in der offenen Drogenszene damals auch für Polizisten die Hölle war und dass der eine oder andere daran zerbrach und seine moralische Orientierung verlor. Aber genau deshalb ist heute auch die Situation bei der Stapo eine andere. Zum Beispiel gehört das Kennenlernen von Einrichtungen der Drogenhilfe wie z.B. der Fixerstübli zur Ausbildung bei der Stadtpolizei. Die Ideologien der 70er, 80er und 90er Jahre sind einem nützlichen Pragmatismus gewichen. Alle Beteiligten legen mehr Wert darauf, Probleme zu lösen, als sie niederzuschlagen. Man erwartet von den Polizisten, dass sie die Problematik verstehen, der sie täglich begegnen.

Ist die Situation denn nun wirklich besser? Erst gerade hatten wir den Fall «Chilli’s», bei dem sich Polizisten von Milieu-Figuren bestechen liessen.

Ja, ich denke wirklich, dass die Situation besser geworden ist. Man siehts gerade am Fall «Chilli’s». Die Verantwortlichen gingen so schnell und so hart gegen die eigenen Leute vor, wie es früher kaum der Fall gewesen wäre. Damals hätte man das wohl eher intern erledigt und den Ruf des Corps und die Kollegialität hätten Vorrang gehabt.

Hast du nicht genug Einsicht ins Elend in den letzten Jahren als Verantwortlicher für Drogenhilfe, Prostitution und die damit zusammenhängende Kriminalität, musst du auch noch in deiner Freizeit darüber schreiben?

Ich schreibe schon seit ich ein kleiner Junge bin. Schreiben ist, neben Musik (er spielt in der Punkband «The Goodbye Johnnys») die Leidenschaft in meinem Leben. Für mich ist es nur natürlich, dass ich die Fiktion in Aspekte meiner Realität einbette.

Aber es stimmt schon, meine Haut war früher dicker, die Realität, gerade in der Arbeit mit der Strassenprostitution, kann sehr zermürbend sein. Die Hoffnungslosigkeit und das Elend in diesem Milieu muss man ertragen können. Aber während ich mich dem in der Realität stellen muss, kann ich in den Büchern das Ende selbst vorgeben.

Zum Buch

Cover HerzigJohanna di Napoli versucht, ihr Leben in den Griff zu kriegen, mit ihrer ersten stabilen Beziehung seit langem zurechtzukommen, ihren Alkohol- und Tabakkonsum zu reduzieren und sich in ihrem Job als Revierdetektivin bei der Stadtpolizei Zürich nicht mit zu vielen Vorgesetzten gleichzeitig anzulegen. Dann wird sie für einen verdeckten Einsatz nach Deutschland geschickt. Ausgerechnet di Napoli soll einem im Rockermilieu ermittelnden Beamten als Rockerbraut zu mehr Glaubwürdigkeit verhelfen. Der Einsatz endet in einem Fiasko, und Johanna erkennt, dass die heiße Spur in dieser Ermittlung direkt zurück in die Schweiz und in eine unrühmliche Episode der Geschichte der Stadtpolizei Zürich führt. Erschienen im Grafit Verlag Dortmund.