Gähnende Leere oder majestätische Weite?

Einschüchternd und menschenleer: Der neue Sechseläutenplatz

Einschüchternd und menschenleer: Der neue Sechseläutenplatz

Die ersten frühlingshaften Tage lassen die Auseinandersetzung um den «grauen Platz», wie manche den Sechseläutenplatz in Anhlehnung an den «Roten Platz» in Moskau bereits nennen, aufflammen.

Von «grosszügiger Weite» und «mutiger Öffnung» sprechen die Einen, wenn sie vor der grossen Granitfläche vor dem Opernhaus stehen. Es sei eine städteplanerische Meisterleistung, ein mutiger Coup, der die Stadt wieder atmen lasse, schwärmt ein befreundeter Architekt.

Die andere Hälfte meiner Freunde spricht von «verschwendeter Leere», nennt den Sechseläutenplatz «die Wüste Globi» (mit Bezug zum Globus). Wo die anderen architektonische Vision erkennen, sehen sie Platzverschwendung.  Sie bemängeln, dass man früher auf der Umgrenzungsmauer «Zmittag» essen konnte, jetzt aber auf das überteuerte Collana oder auf eine der beiden Inseln, in denen bald einige wenige Bänkchen aufgestellt werden, verdrängt wird.

Ein Augenschein zeigt, dass die Schüler und Angestellten aus dem Seefeld über Mittag wirklich kurz auf den Platz kommen. Aber sie bleiben nicht. «Los, der Stein ist zu kalt, gehen wir rüber an den See» meint ein junges Mädchen zu ihren Essen schleppenden Kolleginnen. Offenbar geht sie davon aus, dass der Steinboden am See wärmer sein könnte. Und sie bringt es auf den Punkt: Die Leere wirkt nicht gemütlich, sondern majestätisch – und abweisend.

Auf dem Platz bleiben Touristen stehen und drehen sich beeindruckt einmal um die eigene Achse, bevor sie ein Foto schiessen und weitergehen. Der Platz ist eindrücklich, verbreitet einen Hauch Weltstadt, ich glaube «imposant» wäre das richtige Wort. Aber offenbar nur für Besucher. Ein Strassenkünstler lässt vereinsamt ein bauschiges Etwas durch die Luft schweben, allerdings ohne dass die Passanten auf dem Weg vom Stadelhofen zum See stehen blieben.

«Das wird im Sommer sicher belebter», meint mein Freund, der Architekt. Irgendwie wage ich das zu bezweifeln: Soweit ich mich erinnern kann, werden unbeschattete Steinflächen bei Sonneneinstrahlung unangenehm heiss. Aber vielleicht hat er ja recht, und die Leute braten sich im Sommer ihr Mittagessen gleich auf dem heissen Stein.

Noch kann ich mir kein abschliessendes Urteil über den Platz bilden. Es kann sein, dass der grossen Steinfläche doch noch Leben eingehaucht wird. Vielleicht von Fahradakrobaten, Skatern oder Rollschuhläufern, wenn die Stadt dies denn zulässt. Zur Zeit könnte man noch denken, die Parkplatzlobby hätte den Parkplatzfrieden von anno 1992 gebrochen sich in Zürich mit der grauen Weite ein Denkmal gesetzt.