«Chrüsimüsi am Stauffacher»: Morgenshows im Test

Als Radio noch das Leitmedium war.

Als Radio noch das Leitmedium war.

Seit Radio 105 vor kurzem in Konkurs gegangen ist, regt sich in Zürich wieder die Diskussion über die Medienvielfalt. Roger Schawinski plädiert für den Erhalt des Radios, während man Daniel Büchi von Energy Zürich nachsagte, er wolle mit Radio 105 gleich die Konkurrenz beerdigen. Gut, die Diskussion hat sich gestern erledigt. Wir wollten die Medienvielfalt in der Lokalradio-Szene trotzdem mit eigenen Ohren hören und zappten ab sechs Uhr früh in die Morgenshows. Herr El Arbi vornehmlich in die von Radio 24 und Herr Sarasin in die von NRJ. Dazu gabs etwas Lora und Radio 1. Morgenshows deshalb, weil diese als Visitenkarten der Lokalradios gelten. Heraus kam eine Morgenshow über Morgenshows.

5.55 Uhr

Reda El Arbi: Schon online? Hast du genug Kaffee?

David Sarasin: Eimalzin. Dafür stark gefilterte Musik en masse. Calvin Harris. Wen wollen sie eigentlich damit wecken? Einen Elefanten aus der Vollnarkose?

El Arbi: Kriegen wir einen Frühaufsteherbonus? Ich kenn Leute, die so früh aufstehen müssen. Aber ich glaube nicht, dass die sich Morgenshows anhören. Eigentlich kann ich mir gar niemanden vorstellen, der morgens bereits Sendungen wie «Ufsteller» oder so was hören will. Das ist, als ob man aufwacht und den Wecker nicht mehr abstellen kann.

Sarasin: Stell dir vor, du hast einen Radiowecker und dir strählt als erstes Wacherlebnis des Tages eine Schubiger-Werbung über die noch zerzauste Friise. Bei mir reden sie momentan nonstop, ich kann keine einzige Information aufnehmen.

El Arbi: Was diese Moderatoren wohl für Drogen einwerfen, um so früh schon so fröhlich zu sein? Das musst du Hässig unbedingt fragen, wenn du dich mit ihm triffst.

Sarasin: Klar.

El Arbi: Ja, und ob die vom Sender bezahlt werden. Die Drogen.

Sarasin: Erst mal Nachrichten, mit Reto Suter. Mit dem war ich glaub mal im WK. Ich gewöhne mich nie an Zürichdeutsche Nachrichten. «Es hät gchlöpft am Stauffacher!» Ein Unfall offenbar.

El Arbi: «Es grosses Chrüsimüsi am Stauffacher!» Auch hier auf Radio 24. Ich kann sogar per Livestream den Moderatoren zuschauen. Wer macht denn so was? Radio zum Zugucken. Dominik Widmer im Streifenpulli am Stehpult. Spannend. Dabei wollten wir bloss mal wieder Radio hören.

6.18 Uhr

Sarasin: Bist du eigentlich ein Radio-Z- oder ein Radio-24-Kind?

El Arbi: Radio 24. Der Claim ist einfach einmalig, jeder erinnert sich daran («Raaaadio 24, Raaadio 24»). Bin dann aber schnell auf DRS 3 umgestiegen.

Sarasin: Bis der auch bachab ging. Irgendwann um die Jahrtausendwende muss das gewesen sein. Ich wechsle rasch nach Winterthur, zu Radio Stadtfilter. Die kriegen das mit dem guten, nicht völlig durchkommerzialisierten Sendeformaten auch irgendwie hin da drüben. Es läuft etwas Jazziges mit Tuba. So was bräuchte es in Zürich! Mehr Tuba!

6.25 Uhr

El Arbi: Und was ist mit Lora?

Sarasin: Martes Latino, Latino-Dienstag. Es spricht einer lang und mit wenig Phrasierung. Ich glaube, es geht um Medikamente.

El Arbi: Und lass mich raten: Es gibt immer wieder Pausen.

Sarasin: . . .

6.38 Uhr

Sarasin: Hässig spricht über Fitness. Er zieht über die Fitnesstrainerin her. «Sie sieht aus wie ein Mann.» Und dann noch eine Umfrage zu Fitness: «Gefällt es Ihnen, wenn eine Frau viel trainiert?» Man hört weg, auch beim Song von Jack Johnson.

El Arbi: Die Parodie auf den Bestatter ist ganz witzig. Vujo Gavric als «Der Begatter».

Sarasin: Das würde ich gern hören.

El Arbi: Schon wieder vorbei, jetzt Weichspül-Lalalala. Was das bloss ist?

Sarasin: Einfach schon wieder Musik. Ich döse weg.

El Arbi: Und jetzt der Radio-24-Wetterfrosch, der heisst wirklich so. Sehr schweizerisch alles. Auch die Werbung vom BMW-Autohaus.

Sarasin: Du meinst so: Und-nachher-gehts-mit-der-Swiss-Date-Flotte-auf-einen-feinen-Apéro-ins-Seedammcenter-zürcherisch?

6.45 Uhr

El Arbi: Bei mir stimmen die Songs in der Onlineanzeige nicht mit denen überein, die sie wirklich spielen. Aber es sind sowieso einfach die Songs aus der Hitparade der letzten drei Jahre. Sachen, die man mitsummen kann, wobei man aber keine Ahnung hat, wer den Song verbrochen hat.

Sarasin: Auf 105 nur Musik, ähnlich wie bei NRJ, nur keine Moderatoren. Die sind glaubs schon alle bei NRJ angestellt jetzt. (Anmerkung: Sind sie nicht!)

6.52 Uhr

El Arbi: Auf Radio 1 eine Reise in die Steinzeit: David Lee Roth und Smokie. Ich weiss grad nicht, was schlimmer ist: aktuelles Mainstream-Lala oder Retro-Mainstream-Lala. Oh Gott, ich hör mich an wie ein Hipster.

Sarasin: Ein Merkmal der Züri-Radios: Sie machen aus Menschen mit durchschnittlichem Musikgeschmack Hipster mit ausgeprägter Profilneurose.

6.49 Uhr

El Arbi: Schon über 20 Minuten ohne richtige Werbung. Man fragt sich, wovon diese Lokalradios leben.

Sarasin: Es Chrüsimüsi am Stauffacher.

El Arbi: Es Chrüsimüsi am Stauffacher.

Sarasin: Ah, endlich etwas Lokales. Interview mit Stadtpräsi-Kandidat Filippo Leutenegger. «Ich finde Corine Mauch attraktiv», sagt er auf die Frage, ob er die Stadtpräsidentin sexy findet. Und, was er besser machen würde: «Zürich ist momentan ein Wunschkonzert. Das möchte ich ändern.»

El Arbi: Vielleicht sollte ihm mal jemand erzählen, dass Frau Mauch eine Lebenspartnerin hat und plumpe Anmache im Radio bestimmt nicht als Kompliment versteht.

Sarasin: Halt! Die Frage geht auch anders rum. «Finden Sie Filippo Leutenegger sexy?» – «Das hab ich mir noch nie überlegt.» Diplomatischer geht nicht, aber was soll sie schon antworten auf diese Frage. Wobei sie auch bei den anderen Fragen fast gar keine Stellung bezieht.

7.14 Uhr

El Arbi: Chrüsimüsi am Stauffacher.

Sarasin: Chrüsimüsi am Stauffacher. Achtung, Morgengame! «Fünf gewinnt, im Variété des wachen Geistes. Täglich ofenfrisch», sagt einer mit ultrakomprimierter Radiostimme. Gibt es eigentlich eine empfohlene Kompressionsrate bei Stimmen beim Lokalradio?

El Arbi: Frag später Hässig. Was muss man denn im Quiz beantworten?

Sarasin: Fünf Kantonswappen, ob jeweils blau drin vorkommt. Erste Flagge Zürich, Frederika aus Wald sagt Nein. Hässig ist gnädig und lässt sie nochmals raten. Luzern und Aargau meistert sie souverän, bei Genf gerät sie ins Stocken. Am Schluss gewinnt sie aber doch den Gutschein für ein international operierendes Elektronikfachgeschäft.

El Arbi: Gratulation! Bei mir: Endlich wieder Werbung. Ich stelle mir gerade die Musiker vor, die diese Werbejingles schreiben und einspielen müssen.

Sarasin: Macht das nicht Roman Camenzind?

El Arbi: Hier jetzt auch ein Morgengame: Hörer müssen Fragen zu Popkultur beantworten. Wenn der Moderator schneller ist, haben sie Pech gehabt und kriegen keinen Toaster. Der Moderator gewinnt.

Sarasin: Ah. Unfall am Stauffacher.

El Arbi: Man wünscht sich mittlerweile einen anderen Unfall, so zur Abwechslung. Vielleicht eine Kollision am Bahnhofquai?

7.53 Uhr

Sarasin: Bald ist fertig. Ziehen wir ein Fazit?

El Arbi: Morgenradio ist das Prozac der Büromenschen und Autobahnpendler, ohne ärztliche Verschreibung erhältlich und auch noch frei Haus geliefert.

Sarasin: Ein Zuckerschub, der sich ungefähr so schnell wieder verflüchtigt wie etwa eine Flatulenz auf dem San-Bernardino-Pass.