Möge der Teufel mit euch sein!

Bald geht die letzte Karaoke-from-Hell-Show im Zürcher Club Mascotte über die Bühne. Wir besuchten die Zürcher Nachtlebeninstitution noch einmal. Und sangen mit.

Zieht sein Ding durch: Unser Autor am Mic, begleitet von Karaoke-from-Hell-Gitarrist Boris Müller. Foto: Reto Oeschger

Zieht sein Ding durch: Unser Autor am Mic, begleitet von Karaoke-from-Hell-Gitarrist Boris Müller. Foto: Reto Oeschger

Und dann stehe ich doch mal noch auf der Bühne. Scheinwerfer blenden. Die Band hinter mir schmettert Riffs durch den Raum. Zuschauer starren. Meine Stimme versagt. Ich komme nicht einmal in die Nähe der Tonlage, die ich locker halten zu können glaubte. Stattdessen gibts mehr oder weniger Gekrächze. Aber das ist egal. Hier geht es um die Energie, hier geht es um Rock ’n’ Roll.

Das Lied meiner Wahl: «Teenage Kicks» der Band Undertones. Der einzige Song, den John Peel in seiner legendären Radiosendung zweimal hintereinander gespielt hat – und dessen Einstiegszeilen heute Peels Grabstein zieren: «Teenage dreams so hard to beat.» Teenager-Träume, so schwer zu schlagen. Der Song passt zu meinem ersten Karaoke-from-Hell-Auftritt, weil er kurz ist und einprägsam und wenig Instrumentalteile enthält, während denen man nicht weiss, was man mit seinen Händen anstellen soll. Und er passt zu Karaoke from Hell selber: Es war der allererste Song, der je bei an einem solchen Anlass aufgeführt wurde.

Jeden verdammten Dienstag

Seit zehn Jahren nun spielt die Band jeden verdammten Dienstag: Boris Müller an der Gitarre, Andreas Brändle am Bass und Siro Müller am Schlagzeug. Der Sänger, wie beim Karaoke so üblich, kommt aus dem Publikum. Den Zampano gibt Martin «Celtic Frost» Stricker, der mit markigen Sprüchen die Stimmung aufheizt. Die Band spielt Lieder aus einem Repertoire von mehr als 150 Songs – von Black Sabbath über Rage Against The Machine bis zu Slayer. 1125 Stunden standen die Musiker in den zehn Jahren auf der Bühne. Mehr als 100 000 Zuschauer haben die Show in dieser Zeit miterlebt, also quasi jeder vierte Zürcher. Doch jetzt soll Schluss sein damit. Dabei war man versucht zu glauben, Karaoke from Hell wäre unzerstörbar wie der Heavy Metal selbst. Doch bald fährt die Show zur Hölle, um in der Terminologie der Betreiber zu bleiben. Oder besser gesagt, sie nimmt sich eine Auszeit.

Doch erst einmal eröffnet Stricker den Abend: «Nice Boys don’t play Rock ’n’ Roll!» Auch wenn diese Rock-Gesten bisweilen etwa gleich verstaubt daherkommen wie die Goldenen Schallplatten in Steven Tylers Wohnzimmer, man nickt und ist einverstanden. Denn man gehört zu denen, die bald auf der Bühne stehen werden. Wartet auf den Auftritt, wie man etwa auf einen Schulvortrag wartet: mit leichtem Ziehen im Bauch, konstant überhöhtem Adrenalinpegel, gesteigertem Harndrang. Da steht man nun also und beobachtet diejenigen auf der Bühne, die scheinbar ohne Adrenalinüberschuss und ohne Texthilfe auskommen und die beim Singen den Fuss lässig auf den Monitorboxen parkieren. Oder auch jene, die dastehen wie Eichen an einem windfreien Sommertag – und deren Stimmen den Tonartwechsel so scheuen wie, na ja, der Teufel das Weihwasser.

Was würde Chris von Rohr tun?

Um meinen Auftritt nicht allzu hölzern aussehen zu lassen, bat ich am Nachmittag vor dem Auftritt den Schweizer Vollblutrocker Chris von Rohr per Mail um Rat: «Lieber Herr von Rohr», schrieb ich, «(. . .) auf was muss ich bei meinem Auftritt am meisten achtgeben (Hände in den Hosen, ja oder nein? Welche Pose? etc)? Und welchen Song würden sie empfehlen?» Seine prompte Antwort in Versalschrift: «BEI UNS IM JURASÜDFUSSROCK GIBTS KEINE POSEN – MAN STEHT HIN WIE MAN SICH FÜHLT – IST SICH SELBST, AUTHENTISCH DAVID – SEI DICH SELBST UND SCHEISS AUF DIE BÜHNE, WENN DU SO FÜHLST . . . AUF JEDEN FALL NO HEKTIK – BLEIB LOCKER IST DIE NO 1 RULE . . . UND SCHÖN IMMER DEN BLONDEN FRAUEN INS AUGE SCHAUEN!! – ICH ZÜND NE KERZE FÜR DICH AN.»

Im Anhang ein Bild von ihm mit Sonnenbrille, vornübergebeugter Haltung und zwei Fingern, die in die Linse zeigen. Fast so wie einige der weiter oben erwähnten Sänger im Mascotte. Nun gut, der Rocker Number one from Solothurn half mir. Und ich versuchte deshalb, mein Ding zu machen, authentisch David zu sein. Was in den ersten 30 Sekunden auf der Mascotte-Bühne etwa so aussah, dass ich mit beiden Händen den Mikrofonständer umfasste. Der Song huschte nur so an mir vorbei, irgendwann blickte ich zur Band, die mit vollem Körpereinsatz drauflosspielte. Von da an wurde es besser. Die letzte Strophe sei mir nicht mal schlecht gelungen, sagte ein Freund im Nachhinein. Ein paar Bekannte klopften mir auf die Schultern. Danke.

Untypisch für Zürich

Es war jetzt halb eins. Der Saal noch gut gefüllt. Überall schwarz Gewandete mit langen Haaren und dunklen T-Shirts. So gelöst wie nach diesem Auftritt war ich in letzter Zeit selten, und so gelöst erlebt man Zürich fast nie. Kein Halbkreis vor der Bühne, überall Hände oder Gläser in der Luft, eine singende und feiernde Masse. Dazu kommt ein nicht abreissender Energiestrom von der Bühne her. «Fuck you I won’t do what they tell me!», singt der ganze Saal und wirbelt kurz darauf durcheinander. Für einen Moment nochmals diese wunderbare Scheissdrauf-Attitüde überstülpen wie stinkige und abgetretene Schuhe, die perfekter fast nicht sitzen könnten.

Hier im Mascotte hat diese Rockhaltung nun zehn Jahre lang eine Heimat gefunden. Schön, nochmals Teil davon gewesen zu sein. Möge der Teufel auch in Zukunft mit euch sein!

 

Interview Boris Müller, Gitarrist bei Karaoke from Hell

Der 40-jährige Boris Müller ist Gründungsmitglied von Karaoke from Hell und war in diversen Zürcher Bands aktiv.

Hat sich das Format ­Karaoke from Hell abgenützt? Oder warum hört ihr auf?
Wir haben aus dem Format herausgeholt, was wir konnten. 500 Shows im Mascotte, ein Fotobildband, ein Auftritt am grössten Metalfestival der Welt, dem Wacken Open Air. Ebenso einer am Montreux Jazzfestival 2013. Wir sagen nicht, dass wir für immer aufhören. Wir machen einfach mal eine Pause, treten in den Black Sabbatical, wie wir es nennen.

Du warst bei jeder einzelnen der 500 Shows dabei?
Ich habe damals die Band zusammengestellt und in zehn Jahren nur ein einziges Mal gefehlt – wegen Schweinegrippe.

Welche Erlebnisse sind dir denn ­besonders in Erinnerung geblieben?
Da gibt es sehr viele. Einmal ist einer, ohne einen einzigen Ton gesungen zu haben, auf der Bühne eingepennt. Und an der 100. Show sprang ein Typ nackt und mit erigiertem Penis aus einer Torte und hat «I Got Erection» von Turbonegro gesungen. Ein andermal ist eine Tele-Züri-Reporterin von der Bühne gestürzt und hat sich die Nase gebrochen. Ausserdem haben schon Mitglieder von Bands wie den Foo Fighters, Placebo und Sepultura bei uns gesungen. Ebenso Ueli Beck und der Rennfahrer David Coulthard.

Wie konnte Karaoke from Hell im hart umkämpften Zürcher ­Nachtleben so lange überleben?
Ich glaube, bei uns herrschte eine spezielle, für Zürich untypische Atmosphäre. Viele haben stets mit vollem Körpereinsatz mitgemacht. Einige haben sich auch an unserer Show kennen gelernt und sind über all die Jahre immer wieder gekommen. Man sieht das auch daran, wie gut einige mittlerweile auftreten. Die Show ist zum fixen Bestandteil des Zürcher Nachtlebens geworden.

Was wirst du nach dem 18. ­Februar jeweils am Dienstagabend machen?
Endlich mal anständig Gitarre spielen lernen (lacht).

 

10 Kommentare zu «Möge der Teufel mit euch sein!»

  • Michael Haenni sagt:

    Immerhin scheint David Sarasin besser auszusehen als Feargal Sharkey. Das ist doch schon was.

  • KMS a PR sagt:

    äh ja. also. wahres hell-karaoke erlebt man NUR in der mausefalle, nach dem 7. kübel. ich schwör. und am andern tag heisst es dann „der tag kommt…johnny walker bleibt….“.

  • Shooting Star 15 sagt:

    „Und Stadtblogger David Sarasin holte sich seine 15 Minuten Ruhm auf der Bühne.“
    Okay, und nachdem ich gelesen habe, wer den Blog verfasst hat, weiss ich auch, wer David Sarasin ist. Seine 15 Minuten Ruhm sind wohl auf den kleinen Kreis der Insider bezogen.

    • Adam Gretener sagt:

      15 Minuten Ruhm gratis für jemanden, der eine Ode an einen schönen Zürcher Abend nicht von einer Reuters-Meldung unterscheiden kann. Konfetti!

  • Thomas Hitz sagt:

    Hätte gerne „Paint It Black“ gesungen. Und von meinem Ex-Mitarbeiter Stricker angeheizt zu werden, wäre auch cool gewesen 😉
    But I’m to shy….

  • irene feldmann sagt:

    ahahahahhhhhhhhhhah, da hab ich voll was verpasst, toent ja so praechtig das ganze…………..!

  • stefan gruber sagt:

    karaoke from hell ist etwas vom grossartigsten, was das zürcher nachtleben je hervorgebracht hat!!!!
    danke für 10 jahre rock ’n‘ roll!!!!
    sehr schöner text übrigens.

  • Urs Dudli sagt:

    Wirklich sehr schöner Text David. Hätte Dich gerne gesehen und gehört… gibts was auf Youtube?

  • Adam Gretener sagt:

    Sehr sehr schöner Text.

    Meine Karaoke-Karriere ging nach dem ersten Auftritt im Acapulco auch schon zu Ende. Rausgebuht und das mit allem Recht.

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