Frohe Weihnachten, Zürich!

Weihnachtliches in zwei Preislagen: Filet im Teig.

Weihnachtliches in zwei Preislagen: Filet im Teig.

«Dann machen wir jetzt einen auf ‹Kassensturz›-Konsumtest?», fragt Sarasin am Eingang des Globus an der Bahnhofstrasse. «Kassensturz für Anfänger», meint El Arbi. Es ist Freitagnachmittag, das letzte Wochenende vor Weihnachten. Ein paar Frauen stürmen in den Laden. Unser Vorhaben: eine Einkaufstour entlang der Einkommensgrenzen des Stadtzürcher Mittelstands. Dasselbe Weihnachtsessen, einmal bei Globus eingekauft und einmal bei Aldi in Altstetten. Einmal obere, einmal untere Messlatte.

Der Globus ist prall gefüllt mit Menschen. Man könnte meinen, es gäbe etwas gratis. Doch ist das Gegenteil der Fall: Die Leute scheinen sich darum zu reissen,  für ihre Waren so viel wie möglich hinblättern zu dürfen. Aber es sind Festtage, da lässt man es sich gut gehen, da spielt der Preis doch keine Rolle.

Das denken auch wir und setzen uns in der Globus-Delicatessa erst mal an die Bar. Ein paar Leute sitzen schon da und trinken Cüpli. «Wenn schon am Nachmittag trinken, dann so», sagt Sarasin und bestellt einen Prosecco. Auf den Merlot für 21 Franken pro Deziliter verzichten wir. Ebenso auf den Kaviar für 49.90 je 20 Gramm. Der Barbesuch gibt uns gleich das Gefühl von gesellschaftlichem Aufstieg. El Arbi drängt auf die Shoppingtour, während Sarasin noch vom Geschmack des Prosecco schwärmt. Wir gehen los.

Ein Apfel für 19 Franken

Unser Menü, grob zusammengefasst: Schweinefilet im Teig mit Pilzen, Teigwaren und Parmesan als Hauptspeise, zuvor etwas Lachs auf Toast und eine Festtagspastete, dazu eine Flasche Wein. Zum Dessert Panettone. Solide Festtagskost und überall erhältlich. Auf Labels wie Bio, Freiland oder Regional achten wir diesmal (wie viele andere auch) nicht. Wenn im selben Laden, in dem Rind vom Biobauernhof in Bonstetten angeboten wird, auch Glücksäpfel aus China (18.90 das Stück) im Regal stehen, bringt das nichts. Da wiegt der CO<sub>2</sub>-Verbrauch eines Apfels die nachhaltige Aufzucht einer ganzen Kuh gleich wieder auf. Wir holen das übers Jahr dann wieder auf.

Also ab durch die professionell ausgeleuchteten Regale. Bei jedem Blick in eine Vitrine steht gleich eine beschürzte Fachkraft bereit und erklärt uns, was wir da anschauen. Schwarze Wintertrüffel zum Beispiel, Jamon Iberico Puro de Bellotta oder Langusten-Stücke. Nur wenn wir nach dem Preis fragen, stutzen die Verkäufer, geraten für einen kurzen Moment aus ihrer sonst so distinguierten Fassung.

Vom Jamon Iberico dürfen wir sogar kosten. Und natürlich haben wir ein schlechtes Gewissen, Schinken zu essen, der sein Gewicht in Gold wert ist, ohne ihn wirklich kaufen zu wollen. Aber das ist wohl einfach sehr schweizerisch.  Wir notieren: Im Globus rechnet man solche Kleinigkeiten nicht nach. Weiter zum Fischkühlregal, wo der Räucherlachs liegt. Wir entscheiden uns für 300 Gramm für 28.90 Franken. Ein paar Schritte weiter schnappen wir uns einige Scheiben Toastbrot für beinahe 10 Franken. Nun ja, es wird wohl von glücklichen, freilaufenden Weizenfeldern stammen. Aus einer Vitrine nehmen wir die Festtagspastete (eher ein Pastetchen) für 15 Franken und wir lassen uns ein Schweinefilet im Teig für 50 Franken einpacken.

Alter Traubensaft für 69 Franken

Beim Wein lassen wir uns natürlich beraten. Als wir dem Sommelier in Globus‘ Diensten sagen, wir hätten eigentlich keine preisliche Obergrenze, leuchtet sein Lächeln und wir kriegen eine Flasche 04er-Rioja für 69 Franken. Gekauft! Der Wein sei noch länger in der Flasche gereift und sehr begehrt. Wir sind beeindruckt.

Um es kurz zu machen: Für unseren Einkauf haben wir im Globus mehr als 250 Franken bezahlt. 253.60 Franken, um genau zu sein. Doch das ist ein Klacks, betrachtet man die Rechnungen der anderen Kunden vor uns an der Kasse. Unter 200 Franken kommen auch die mit den kleinen Körben nicht weg. Einige belaufen sich über tausend. Wir fragen einen Angestellten, ob er auch manchmal im Globus einkaufe. «Manchmal, aber selten», antwortet er. Trotzdem: Das Geschäft läuft, die Wirtschaft boomt, wir können uns glücklich schätzen.

Vielleicht halten wir dann in unserem Festschmaus auch einen Augenblick inne, während wir den südsibirischen Lachs oder den schwarzen Wintertrüffel auf der Zunge zergehen lassen, und denken kurz an jene, die sich den Globus nicht leisten können. Darum geht es ja bei Weihnachten. Um jene, denen es nicht so gut geht, zum Beispiel der Typ, der mit seiner schwangeren Frau obdachlos durch den Nahen Osten irrte. Wir jedenfalls können uns den Globus grad noch leisten – und tun es für einmal auch. Warum auch nicht? Wir hoffen, dass uns der chinesische Glücksapfel die Schicksalsgöttin auch in den nächsten Jahren noch wohlgesinnt stimmt.

Waren in Kartonkisten

Am Löwenplatz betreten wir den 31er Richtung Schlieren. Nach 10 Minuten steigen wir beim Letzipark aus. Bald stehen wir vor dem Aldi. Hinter uns rauscht die Hohlstrasse. Ein Betonbau ohne jegliche Weihnachtsbeleuchtung und auch ohne grossen Kundenandrang.  Fürs reine Einkaufen ist das ganz angenehm, aber irgendwie kommt bei fehlenden Lämpchen und abwesenden gestressten Menschenmassen kein richtig weihnachtliches Gefühl auf. Wir treffen auf Familien, die sich mit den notwendigen Lebensmitteln für die Festtage eindecken, Deutsch hört man hier wenig.

Die Präsentation ist einfach und übersichtlich. Da stehen die Kartons mit den Waren, die zu verkaufen sind, bereit. Wir finden den Lachs in der Kühltruhe. Leider ist das Preisschild abgefallen. Eine Angestellte fragt für uns herum, ob jemand den Preis auswendig weiss. Der Preis ist bald ermittelt und wir suchen uns noch ein Packung Toastbrot dazu. Optisch ist sie nicht von der Globus-Variante zu unterscheiden. Sie kostet aber nur ein Viertel davon. Beim Wein sind wir ein wenig hilflos. Wir entscheiden uns dann einfach für die teuerste im Laden erhältliche Flasche für 19.75 Franken. Wir kriegen das letzte Schweinefilet, 500 Gramm für 16 Franken, dazu 500 Gramm Teig für 2 Franken. Der Panettone steht, wie sein Bruder im Globus, neben der Kasse und kostet statt 5.39 nur 4.99 Franken. (Globus: 30 Franken).

Hier endet unsere Kassensturz-Mission. Auf den geschmacklichen Vergleich verzichten wir. Hauptsache Lachs auf dem Tisch am Weihnachtsabend. Und eine Pastete und ein Schweinefilet im Teig. Für alles bezahlen wir im Aldi 72.22, dreieinhalb Mal weniger als im Globus (253.6). Mission Kassensturz abgeschlossen, wir nehmen wieder den Bus in die Stadt.

Wir sind wenig erstaunt über den Preisunterschied. Eher darüber, wie viele Menschen sich die teurere Variante des Weihnachtseinkaufs leisten, und wie wenige auf die Billigversion zurückgreifen. Uns gehts gut. Schwein(-efilet) gehabt.

Frohes Fest!