Mit Luc durch die Stadt

    David Sarasin hat es mit seinem zweijährigen Neffen Luc ganz ohne Tränen bis in die Bäckeranlage geschafft. Foto: Sophie Stieger

David Sarasin hat es mit seinem zweijährigen Neffen Luc ganz ohne Tränen bis in die Bäckeranlage geschafft. Foto: Sophie Stieger

Ja, er ist noch sehr klein. Luc Marty-Sarasin, zwei Jahre und drei Monate alt. Erstes und bisher einziges Kind meiner Schwester Mirjam. Wohnhaft in Wollishofen, blond, erste Nebensätze bildend, bereits auf zehn zählend. Mit grossen Augen erhascht er rund um sich Sympathie. Als meine Schwester ihn zu mir an den Paradeplatz bringt, von wo aus wir vorerst zu dritt Richtung Franz Carl Weber schlendern, richtet er diese Augen auf mich. «David au mit?» – «Ja!»

Der Franz Carl Weber ist die erste Station an diesem Herbstnachmittag, an dem ich zum ersten Mal in meinem Leben alleine mit einem Kind in Zürich unterwegs sein soll. Meine Gemütslage entspannt sich erst wieder, als Luc und ich zwei Stunden später beim Sirup in der Bäcki sitzen und er mir getrocknete Beeren entgegenstreckt. «David au Beereli!»

Doch erst mal von vorn. Wir stehen vor dem Schaufenster des Franz Carl Weber, als meine Schwester sich verabschiedet. Sie gehe rasch einkaufen, sagt sie, was stimmt. Der Moment der Wahrheit. Ich bin geschmeichelt vom Vertrauen, das meine Schwester mir entgegenbringt, und gleichzeitig nervös wie vor einem Blind Date. Wie werden wir miteinander auskommen? Schaffen wirs samt Kinderwagen ins Tram? Was, wenn Luc Durchfall bekommt?

«Wo ist Mama?»

Meine Schwester überreicht mir noch dies: einen Kinderwagen, ein kleines Täschchen mit Windeln, Feuchttüchlein, Wickelunterlagen und dem Buch «Pixi in der Schweiz» drin. Ausserdem einen Plastiksack, darin zwei Plastikschaufeln, ein Kesselchen, ein Spielzeuglastwagen und ein Ball. Ebenso eine Essensbox mit einem Weggli, einer Banane, besagten Beeren und Salzbrezeln. Zudem eine grosse Tasche mit einem Notfallset, dem Nachthuscheli Kuno («Falls gar nichts mehr hilft»), eine Kappe, nochmals Feuchttüchlein. Wir sind gerüstet. Doch Luc befeuert meine Angst: «Wo ist Mama?» – «Die ist einkaufen gegangen und kommt nachher wieder!»

Doch man muss auf äussere Reize setzen. Also hocken wir uns vor einen Fernseher und schauen Kasperli. Alles bestens. Ich fragte: «Wollen wir weiter auf den Spielplatz?» – «Wo ist Mama?» Ich suche nach Ablenkung. Baggern, Einkaufswägeli, Micro-Trottinetts oder hoffentlich nicht allzu finster dreinblickenden Viechern mit komischen Augen. «Willst du auf den Spielplatz?» – «Noch ein bisschen schauen.»

Der kleine Anarchist

Als wir endlich wieder auf der Bahnhofstrasse stehen, helfen uns Hunde und die Plastikgänse im Schaufenster des LouisVuitton-Ladens über das dünne emotionale Eis, auf dem wir uns noch immer befinden. Eigentlich plante ich den Gang mit dem kleinen Anarchisten ins Café Sprüngli, in dem er Lachsbrioche essenden Damen hätte Hallo sagen können. Doch wir haben bereits eine Menge Zeit vor Holzhäusern und Plüschtieren verstreichen lassen.

Nachdem wir auf der Bank am Paradeplatz erstmal zwei Nicht-Kobra-Trams vorüberziehen lassen – wie soll man da bloss mit Wagen und Kind einsteigen? –, betreten wir ein Niederflurtram, das uns bequem einsteigen lässt und Richtung Stauffacher rollt. Auf dem Weg zur Bäckeranlage kreuzen wir den eingezäunten Spielplatz neben der Kirche St. Jakob. «Willst du auf den Spielplatz?» – «Ja.» Lucs Stimmung stabilisiert sich, während er auf die kleine Rutschbahn klettert. Die Kinder der Krippe Schneeflocke tragen leuchtend gelbe Bänder und stehen ebenfalls Schlange vor der Rutsche. Die Leiterinnen plaudern. Man lächelt sich zu. Bald wackelt Luc gemeinsam mit den Kindern auf der Wiese herum. Die Kinder zählen bis drei und stolpern los. Luc zählt bis zehn und bleibt stehen. Das schwere Los eines Hochbegabten? Quatsch, ich denke schon wie ein Vater.

Wir müssen los, die Fotografin wartet. Auf dem Weg sollte Zeit bleiben, um über den Artikel nachzudenken. Doch wer mit einem Kind unterwegs ist, so viel wird bald klar, kommt nicht zum Denken. Man ist an den Augenblick gefesselt wie ein Cowboy an den Marterpfahl. «Warum liegt dieses Velo am Boden?» – «Der Schwanz vom Hund macht wuschwusch!» – «Das Tram ist schnell!» Die aktuellen Bedürfnisse sind ebenso trivial wie kompromisslos dringlich. Es bleibt kein Raum für Sachen, die nichts mit dem Kind zu tun haben. Kein Drama, keine bösen Nachrichten.

Endlich getrocknete «Beereli»

Im Bäcki-Restaurant ist dann zum ersten Mal Ruhe. Vor der Tür sitzen Heerscharen von Müttern auf Festbänken, die Kinderwagen reihen sich daneben auf wie SUV vor dem Media-Markt. Im Sandkasten herrscht Hochbetrieb, den Sand haben die Kinder bereits so flach getrampelt, dass Luc mit seiner kleinen Schaufel nicht mehr viel ausrichten kann. Die Mamis rundherum sehen herausgeputzt aus. Wir gehen ins Bistro, bestellen Sirup und kramen die Box mit den Esswaren hervor. Endlich getrocknete «Beereli»!

Luc nutzt jede Sekunde auf dem Spielplatz zum Springen, Hüpfen oder mit der Schaufel im Sand zu stochern. Die Bäcki ist wunderbar für Kinder. Ein Satz übrigens, den ich in meinem Leben niemals schreiben wollte. Doch stehe ich für einmal auf der anderen Seite. Das Verhältnis von jungen Familien und Kinderlosen verhält sich ähnlich wie jenes von Auto- und Velofahrern. Man hasst sich zwar herzhaft, doch hat man die Fronten schneller gewechselt, als einem lieb ist. Während man das «Kafi für Dich» als Kinderloser nachmittags meidet, ist man in Begleitung eines Kindes froh darüber, dass die Kinder herumspringen und die Wände mit Kreide bemalen dürfen.

Luc könnte in jeder Stadt aufwachsen. Der Zufall wollte es, dass er es in Zürich tut. Und das ist gut für ihn. Wobei es ihm im Moment noch herzhaft egal ist. Was zählt, sind wedelnde Hundeschwänze, Velos auf Gehsteigen oder Gänse im Schaufenster des Louis-Vuitton-Stores. Abhörskandale oder Terroranschläge, wie jener in Norwegen, der sich wenige Tage vor Lucs Geburt ereignete? Bedeuten nichts. Im Moment jedenfalls nicht. Was zählt: Wir gehen wieder einmal gemeinsam auf Tour, der kleine Mann und ich. Wenn er schon etwas grösser geworden ist.

13 Kommentare zu «Mit Luc durch die Stadt»

  • Nicole sagt:

    Schade eigentlich, dass der Onkel den Luc erst wieder mitnehmen will, wenn dieser grösser ist. Mein Schwager hat sich da zum Glück trotz gleicher Unwissenheit sehr schnell unserem Sohn angenommen und sich so auch klar für die Rolle als Götti fürs zweite Kind „qualifiziert“.

  • erika sagt:

    .. da hat der onkel david aber mal schön gemerkt, was mütter so alles leisten… und ins nichtniedeflurtram kommt man, indem man auf’s trittbrett steht und jemanden um hilfe bittet: die kinderwagengriffe nach oben zum einstieg hin (und soherum auch wieder raus), sonst leert man das kind noch aus und es ist viel anstrengender!

  • Jean-Marc Nia sagt:

    «Die aktuellen Bedürfnisse sind ebenso trivial wie kompromisslos dringlich.» Wesentliches auf einen Satz reduziert. Hut ab!

  • In den Kindern erlebt man sein eigenes Leben noch einmal, und erst jetzzt versteht man es ganz.

    Søren Kierkegaard

  • Irene feldmann sagt:

    Sehr schöner Artikel…..man lernt durch machen….

  • Sarah sagt:

    Süß der Luc und wie umsichtig bereits, dass er auf dem Bild prüft, ob dem Onkel auch kein Hund auf den Fersen folgt.

  • Danielle sagt:

    Schön erzählt, zeugt vom Feingefühl des Autors. Kinder (und Hunde, ob mit oder ohne wedelnde Schwänze) verlangen 100% Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt, und so geht man mit ganz anderen Augen durch den Tag (bzw. die Stadt). Erfrischend.

  • John Kipkoech sagt:

    Lieber David, warten Sie nicht bis Luc wirklich grösser ist – gewährend Sie ihm mindestnes alle 3 Monate einen Nachmittag mit Onkel David. Ich bin überzeugt, sie werden beide profitieren. Ich dachte auch immer ich käme nicht mehr zu der „Kinder-Erfahrung“ – aber der Herrgot hat mich noch mit 54 Jahren mit einer hübschen Tocher beschert! Ich gäbe Sie nicht für 1000 Millionen wieder her.

  • Hermann Gladbeck sagt:

    Grüezi Sarah & Franz

    Wenn Sie die Kündigung Ihres Abo von Artikeln wie diesem abhängig machen, sind Sie vielleicht besser in der Belletristik Abteilung bei Orell Füssli aufgehoben.

    Es grüsst recht freundlicher

    Euer Hermann

  • KMS a PR sagt:

    …und wenn er etwas grösser ist und zu trinken beginnt…macht die tour dann auch wirklich spass. 🙂

    • Maiko Laugun sagt:

      Vor dem gemeinsamen Trinken kommt noch die Phase, wo der Onkel Sarasin dem Kleinen eine Modelleisenbahn schenkt und dann selber damit spielt, so mit einer Bähnlermütze auf dem Kopf und einer Trillerpfeife im Mund. „Bitte zurücktreten! Der Zug auf Gleis 2 fährt gleich ab! Tschipfu Tschipfu Tuuuuuut…..“

  • Sarah sagt:

    Ich mag David Sarasin. Ich mag auch Luc. Aber was ich momentan schwierig finde, ist dass ich fast jeden Artikel des gedruckten TA in irgendeiner Form wieder online finde. Ausser das Tagi-Magi (von welchem auch immer mehr Berichte online erscheinen) lohnt sich ein Abo praktisch nicht mehr! Ich bin im Clinch, da ich ja einerseits den Tagi gerne unterstütze, andererseits jeden Artikel online schon gelesen habe oder dann einen Tag später sehe, wie dieser Artikel über Luc.

    • Franz sagt:

      ja, mir geht es genau gleich; die (dummen) TA-Abonnenten subventionieren ganz offensichtlich die on-line-Ausgabe in grossem Stile. Da muss sich der Tagi etwas überlegen, mein (noch vorbehaltener) Entschluss zur Abo-Kündigung wird wohl bald umgesetzt…

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.