Bauschänzli: Ausflug in die Hölle

Es gibt viele Gründe, Deutsche zu mögen. Das Oktoberfest ist keiner davon.

Es gibt viele Gründe, Deutsche zu mögen. Das Oktoberfest ist keiner davon.

Die Zürcher mögen an Deutschen ausgerechnet das, was man ihnen am meisten vorwerfen könnte. Unser deutschstämmiger Autor macht einen Besuch in der Hölle des Kulturexports: Oktoberfest auf dem Bauschänzli.

Von Alex Kühn
Über den mehr oder minder real existierenden antideutschen Reflex in Zürich haben Betroffene und Beobachter längst erschöpfend berichtet. Viel bemerkenswerter als das recht platte Phänomen, dass der kleine dem grossen Nachbarn gegenüber Vorurteile besitzt und sorgsam hütet, ist aber der Umstand, dass das Volk wie zum Trotz gerade jene deutschen Kulturgüter heiss liebt, die mir eine vollständige Identifikation mit dem Land meines Vaters trotz Gerhard Polt, Heinrich von Kleist und trockenem Riesling aus Rheinhessen verunmöglichen. In Zürich mag man – warum auch immer – Franz Beckenbauer, dicke Audis mit Sportsitzen und Sportfelgen, entsetzlich seichte TV-Formate, Billigfrass aus Billigsupermärkten und vor allem das Oktoberfest. Jene Mischung aus Schunkelei, schlechter Musik, schlechtem Essen und Bier in zu grossen Behältnissen, die sich wie die Metastasen eines Krebsgeschwürs ausgebreitet hat und jeden Herbst das Bauschänzli und die vernünftigerweise für einen Gemüsemarkt zur Verfügung zu stellende Bahnhofshalle befällt.

Wahlweise kostümiert mit Dirndl oder Lederhosen und dummdreistem Tirolerhut aus Filz steigen Bankangestellte, Versicherungsverkäufer, Call-Center-Agents und Primarlehrerinnen beschwipst auf die langen Holzbänke, um den „Anton aus Tirol „oder „Griechischer Wein“ in die vollgepferchte Halle zu brüllen. Wer sich in einer frühen Phase des Langzeitgymnasiums infolge der überbordenden Auseinandersetzung mit der Römischen Antike einmal für ein dem gemeinen Pöbel entrücktes, weil überlegenes, Wesen hielt, dem sei der Besuch des Zürcher Oktoberfests auf dem Bauschänzli empfohlen. Hier stellt sich jener von den Lehrern konservativer Kantonsschulen einst verbreitete Kulturdünkel im Handumdrehen wieder ein, widersteht man der Versuchung, sich mit Bier alles schön zu saufen.

Ein kulinarisches Sodom und Gomorrha ist das grosse weissblaue Zelt erst recht. Die Nürnberger Rostbratwürste, wohl erst gerade dem Plastikpack entschlüpft, sind so labberig, dass man sie mit dem Chilbi-Luftgewehr vom Schiessstand in der Eingangshalle gnadenhalber exekutieren möchte, um ihnen die Schmach zu ersparen, in diesem Zustand verzehrt zu werden. Das Brathähnchen mit Pommes frites gemahnt an den Goldbroiler der untergegangenen DDR, während der Kartoffelsalat an einem kollektiven Geschmacksexorzismus teilgenommen zu haben scheint. Zum Bild der DDR-Kulinarik passt, dass die Leute vor der Gaststätte Schlange stehen müssen, ob es nun drinnen genügend Platz gibt oder nicht.

Zum Glück gibt es da auch noch jene Spassvögel, die über den Tirolerhut noch eine Art Haarreif mit pailettenbesetzten Hasenohren stülpen und schon zu früher Stunde aus dem gelobten Bierzeltland zurück ins kalte Alltags-Zürich torkeln, um den Wartenden ein wenig Unterhaltung zu bieten. Ich selbst muss auf die Darbietung ihrer Künste bis in alle Ewigkeit verzichten. Der eine Besuch am hiesigen Oktoberfest hat mir vollauf genügt. Ich esse lieber Wiediker Rostbratwurst, Rösti und Vermicelles drüben im Zeughauskeller. Davon werde ich zwar auch fett, aber immerhin schmeckt es mir. Und die Japaner und Amerikaner, die dort einkehren, singen auch nicht, sondern schmatzen höchstens ein bisschen, wenn sie ihr Bürgermeisterschwert verspeisen.