Selbstzensur: «Darüber schreiben wir nicht.»

Über einige Themen ist bereits alles gesagt.

Über einige Themen ist bereits alles gesagt.

Wir sassen wieder mal zusammen in unserer Redaktionssitzung, wie immer mit heissem Capu … Cappuch … Cappucch … Kaffee mit Milchschaum und gezücktem Kugelschreiber, und veranstalteten unser wöchentliches Themen-Brainstorming. Und wie’s manchmal so geht, kamen uns jede Menge Sachen in den Sinn, über die wir nie wieder schreiben wollen. Nur, ein letztes Mal müssen wir unseren Lesern mitteilen, über welche Themen wir nichts mehr berichten werden. Nie mehr. Und wenn doch, dann nur unter Androhung von Gewalt. Hier also unsere «No comment»-Themen:

Wir werden ganz sicher nicht mehr über den 1. Mai berichten. Ihr wisst schon, die Autonomen-Chilbi, bei der auch die Urania-Truppe in Kostümen mittanzen darf. Jedes Jahr dasselbe. Unterschiede nur im Umfang des Sachschadens und bei der Zahl der Verhafteten. Auf beiden Seiten Blablabla-Rhethorik:  «verhältnismässiger Einsatz» in umständlichem Beamtendeutsch, von der anderen Seite «Provokation seitens der Polizei» in der revolutionären Sprache von 1917. Gähn. Für die Leute, die noch was darüber lesen wollen, setzen wir einen Text-Bot ein, der die Berichte der letzten Jahre nimmt und um aktuelle Zahlen ergänzt.

Über FCZ-Fans lesen Sie hier auch nichts mehr. Das ist vollkommen hoffnungslos. Sobald man «Südkurve» schreibt, hat man nur noch aggressive Hater-Kommentare im Forum. Leute, die uns verprügeln wollen, weil wir über die Fankultur schreiben, Leute, die die Leute verprügeln wollen, die uns verprügeln wollen. Und dann noch die Basler, die alle verprügeln wollen. Nope, nicht hier.

Dann berichten wir auch nicht mehr von den Menschenmassen, die sich im Sommer am Oberen Letten um die paar Quadratmeter gelbliche Wiese streiten.  Erstens ist das ein Thema, das eigentlich eher in einen Blog über die Agglo gehört. Und zweitens: alle, dies interessiert, sind die, die sowieso dort sind – und sich eben um einen Platz beim Schaulaufen an der Limmat streiten. Wir berichten dann wieder, wenn sich eine neue Drogenszene da gebildet hat. Hipster-Getränke, Kokain und XTC zählen wir nicht dazu.

Ach ja, wenn wir schon beim Schaulaufen sind: Von uns hört ihr auch nie mehr was über die Street Parade. Nein, nicht mal mehr Bikini-Bilder werden wir dazu veröffentlichen. Die Street Parade ist so out, dass sogar alles Street Parade-Bashing schon wieder out ist. Und das Revival und das Bashing übers Revival. Es gibt dazu nichts mehr zu sagen.

Und übers Sechseläuten berichten wir auch nicht mehr. Es sei denn, Frauen werden als vollwertige Zunft aufgenommen. Und dann berichten wir auch nur darüber, wie blöd es ist, wenn Frauen sich in einer Art emanzipieren, die eigentlich nur eine Zelebration mittelalterlicher Traditionen ist – per Definition eine Zeit, in denen Frauen eh nichts zu melden hatten. Ansonsten gehts bei den Zünften sowieso nur um ein inzestuöses Finanz-Wirtschafts-Filz-Verbrüderungsritual. Alles was die restlichen  Zürcher daran interessiert, ist die Chilbi und das Magenbrot.

In Zukunft werden wir auch nicht mehr beim Parkplatzzählen mitmachen. Alle paar Monate behaupten die Bürgerlichen, es gäbe zu wenig Parkplätze, während die SP und die Grünen behaupten, es seien noch alle da, wenn man denn richtig zählen könne. Es wird mit unheilschwangerer Stimme geklagt, dass der heilige, historische Parkplatzfrieden von anno 1990 verletzt wurde. Dann kommt das Gejammer, die Stadt ersticke im Verkehr, oder, die Stadt blute ohne den Privatverkehr aus und wir würden alle in Konkurs gehen. Nun, falls da mal was Neues kommt, werden wir uns vielleicht der Thematik wieder annehmen.

Übers Knabenschiessen werden sie hier auch nichst mehr finden. Jeder dumme Witz über erschossene Knaben und jeder dumme Witz über Mädchen am Knabenschiessen ist bereits gemacht. Ja, wir mögen uns auch nicht mehr darüber echauffieren, dass ein Mädchen mal wieder Schützenkönigin wurde und wie unheimlich fortschrittlich damit doch das Knabenschiessen sei. Vielleicht machen wir, wie beim Sechseläuten, einen Hinweis, dass es wieder Magenbrot und Zuckerwatte in der Stadt gibt.

Wir werden auch nicht mehr übers Züri-Fest berichten. Vielleicht im Vorfeld, wenn wieder mal darüber gestritten wird, ob es Sinn macht, 750 000 Franken in Form von Feuerwerk zu verbrennen, wenn die Stadt sowieso schon Geldprobleme hat. Die Leute, die’s mögen, waren meist selbst da, und die Leute, die wegen des Grossanlasses aus der Stadt geflüchtet sind, wollen sicher nicht noch etwas darüber lesen.

Auch Hipster-Bashing werden Sie bei uns nicht mehr finden, wir verprechens! Hipster werden und wurden schon so ausführlich ausgelacht, dass wir es nicht mehr vor unserem Gewissen verantworten können, da mitzumachen. Schliesslich fühlen wir uns dem Schutz von benachteiligten Minderheiten verpflichtet, dem Tierschutz und dem ganzen Gutmenschenzeugs, Sie wissen schon.

Und, zum Schluss: Sie werden in den nächsten Wochen hier nichts über den absolut unerwarteten Wintereinfall lesen, nichts über die Autofahrer, die jedes Jahr überfordert sind und nichts über die VBZ, die wie hawaiianische Strandbewohner über den unerklärlichen Schneefall staunen und den Betrieb wohl wieder beinahe einstellen müssen.

So, Sie sehen, wir müssen uns echt Mühe geben mit den Themen, wenn wir nicht wollen, dass Sie immer wieder denselben Mist lesen müssen. Und das tun wir, wir versprechens!