One Night in Zurich: St.Georges

Das Zweisternhaus St.Georges am Hallwylplatz trägt stolz die Fahne aus Aussersihl.

Das Zweisternhaus St.Georges am Hallwylplatz trägt stolz die Fahne Aussersihls.

Nachdem ich letzte Woche im Dolder war, werde ich mich nun in einem Zürcher Hotel einmieten, das meinem Status entspricht. Wäre das St. Georges in einer fremden Stadt, ich würde durchaus dort absteigen. 120 Franken pro Nacht, wenn man Dusche und WC im eigenen Zimmer haben möchte, ist ein angemessener Preis. Oder zumindest: ein bezahlbarer.

Das St.Georges liegt direkt am ruhigen, von der Szene bisher noch etwas vernachlässigten Hallwylplatz. Über dem Eingang flattert, flankiert von einer Schweizer- und einer Zürcher-Flagge, die weisse Fahne mit dem schwarzen Anker: das Symbol von Zürich Aussersihl. Man weiss im St.Georges offenbar, wohin man gehört. Auch wenn – oder gerade weil – der Kreis 1 gleich auf der anderen Seite der Sihl beginnt.

Am Hallwylplatz jedenfalls ist es ruhig. Beinahe kein Verkehr, keine Menschenansammlungen, nur eine stattlicher Brunnen, der ständig plätschert. Rundum drei Beizen, ein Velokurier und etwas weiter hinten das Zürcher Amtshaus. An einer Ecke das Zweisternehaus St. Georges. Zwei Sterne bedeuten unter anderem Frühstücksbuffet, Leselicht am Bett oder Badetücher.

Hallo St.Georges.

Hallo St.Georges.

Um meinen Besuch zusätzlich aufzupeppen, stelle ich mir mich als Gast in Zürich vor. Gegen Abend checke ich ein: dazu gehört ein kurzes Gespräch mit dem Concierge («Neu in der Stadt?»«Ja, klar») und das Ausfüllen eines Coupons mit Durchschlag. Das Zimmer Nummer 21 ist klein, hat aber im Gegensatz zu anderen im Haus eine eigene Toilette. An der Wand prangt ein Zürcher Stich und auf dem Kissen liegt ein Hug Nusshärzli. Tele Züri ist auf dem Sendeplatz Nummer eins programmiert. Ich schaue die Nachrichten mit Maria Rodriguez.

«Stange ist offeriert»

«Wo gibts hier ein gutes Beizli?», frage ich wieder zurück in der Lobby den Concierge. «Gleich da drüben, auf der anderen Seite des Platzes», sagt er und deutet auf einen dunkelgrauen Block, darauf der neonblaue Schriftzug Werdguet. Es ist die Heimat der einzigen Aussersihler Zunft, erfahre ich später. Nach einem Teller mit Hirschpfeffer spaziere ich durchs Quartier. Und verliere in den gleichfömrigen Gassen zwischen Hallwylplatz und Bahnhof Wiedikon bald die Orientierung. Wohin führt schon wieder die Schöntalstrasse? Meine Bemühungen fremd zu sein, werden endlich belohnt.

Doch findet die Illusion in der Bar Si o No ein abruptes Ende, als mir die Angestellte eine Stange mit den Worten hinstellt: «Ist offeriert». Experiment gescheitert, wir kennen uns von früher. Ich fühle mich sehr heimisch.

Dabei gehöre ich nicht mal zu jenen Menschen, die sich so ganz alleine am Tresen ungemein wohl fühlen würden. Daran hat auch Zürich seine Schuld. Weil es hier schwieriger ist allein zu sein als anderswo. Das dürfte bald auch einer kennelernen, der für ein paar Tage in der Stadt verweilt.

Zurück in der Lobby, nehme ich noch mal die Dienste des Concierge in Anspruch: «Und welche Bar gibts hier in der Gegend?» Der gesetzte Mann überlegt kurz und deutet wiederum auf ein Gebäude auf der anderen Seite des Hallwylplatzes. In der Morgarten-Bar gelingt die Masquerade als Neuankömmling erneut nicht. Der Betreiber erinnert sich an mich, weil ich mal über sein Lokal geschrieben habe. Den Grappa bezahle ich trotzdem selber.

Der Schlaf kommt bald im St.Georges. Weil es so ruhig ist. Fast wie auf dem Land. Den Hallwylplatz habe ich bei meinem Aufenthalt gut kennengelernt, auch dank dem Concierge.

Daumendicke Brotscheiben

Einer der schönsten Momente in einem Hotel ist jeweils der Gang zum Frühstücksraum. Wenn es in den Korridoren bereits nach Kaffee und Toast riecht. Der etwas stockig-

Der Frühstücksraum.

Der Frühstücksraum verströmt eine muffig-gemütliche Stimmung.

gemütliche Raum ist gut besucht. Ein englisch sprechendes Pärchen redet nur sehr sporadisch. Eine Gruppe Japaner verköstigt sich am Buffet. Das übrigens sieht präzise so aus, wie man es sich in so einem Hotel vorstellt: Daumendicke Pfünderlischeiben, gekochter Schinken, Filterkaffe, Joghurt und verpackte Butterportionen auf Eis. Dazu Erdbeerkonfitüre und Orangensaft in zu kleinen Gläsern. Ich bin zufrieden.

Die Atmosphäre im St.Georges ist familiär. Was auch mit der Pächterin des Hotels, Elisabeth Meerkämper, zu tun hat. Sie ist eine Patronin, wie sie im Buche steht. Stolz auf ihr bescheidenes, aber wohlorganisiertes Reich, das sie seit fast 20 Jahren regiert. Viele ihrer Angstellten arbeiten schon viele Jahre im Betrieb. Wäre man tatsächlich in Zürich zu Gast, man würde mit dem St.Georges ein sehr typisches Zürcher Hotel kennenlernen. Fast wie das Dolder.

17 Kommentare zu «One Night in Zurich: St.Georges»

  • Maiko Laugun sagt:

    Darf man fragen, ob in diesem Blog auch ein Bericht über das Suff-Hotel bei der Polizei geplant ist?

    • Andreas Mörker sagt:

      das hängt wohl schwer vom wille von herr sarasin ab, aktiv-benutzer oder passiv-benutzer zu sein. letzteres wäre wohl schreiberisch geeigneter aber nicht so authentisch im umgang mit den concierges 😉

  • Simon sagt:

    Sehr geehrter Herr Sarasin
    falls Sie tatsächlich schon länger in ZRH wohnen und arbeiten, dann finde ich es schade, dass Ihnen kleine Trouvailles, wie das St. Georges erst jetzt aufgefallen ist, zumal es kein 100m neben der Tagi-Redaktion liegt. Für mich ein weiteres Bsp. dafür, dass in Zürich der SCHEIN (der BHF-Strasse) mehr zählt, als das SEIN der netten kleinen Orte, gleich um die Ecke…..Es lohnt sich mit offenen Augen durch die Gassen der Nachbarschaft zu gehen und vielleicht trifft man ja noch andere interessante Hotels/Bars….oder so….und „Züri-Wasser“ ist in jedem Hotel und Restaurant in Zürich ohne Bedenken zu konsumieren, die chemische Reinigung findet in BS statt…..und die Verschmuzung chemisch-organischer Natur in St. Moritz….Viva! S.

  • Franz Studer sagt:

    Schon ein Zufall, dass gerade nach dem Legionellen Fiasko im K Tipp ein so schöner Bericht über das Hotel im Tagi erscheint. Bitte das nächste Mal Werbung besser kennzeichnen.

  • Peter sagt:

    Ja wenn man mit offenen Augen durch die Stadt geht, können auch Vorurteile abgebaut werden!

  • Irene feldmann sagt:

    Wo die Pächterin schon 20 Jahre regiert…..Qualität eben!! Toll!

  • Alfred Frei sagt:

    Fahr jeden Tag daran vorbei. es hat das geilste Raucherecklein der Stadt. direckt neben dem Haupteingang. Schade, dass er nicht mit aufs Bild kam.

  • Fluri sagt:

    ja, wenn da nur nicht das kleine Detail gewesen wäre in der Zeitschrift SALDO. Trinkwasser im Hotel nicht nur unhygienisch sondern gefährlich verunreinigt. Ich nehme aber an, dass dies unterdessen in Ordnung gebracht worden ist.

    • Maiko Laugun sagt:

      Keine Sorge! In Aussersihl trinkt niemand Wasser. Zudem hat das Züri-Wasser überall einen Anteil von Medikamenten-Rückständen drin. Anstatt die Medikamente von der Pillen-Mafia in Basel zu kaufen, würden die Zürcher besser gleich das Wasser ab dem Wasserhahn trinken. Dort ist schon alles drin.

    • Philip sagt:

      Das was in Zürich als „gefährlich verunreinigt“ gilt, ist dort, wo die meisten Aussersihl-Touristen herkommen, vermutlich Mineralwasserqualität und wird in Flaschen abgefüllt. Zudem hat @Maiko sehr recht, die gängigen Destilier- und Brauverfahren machen die Flüssigkeit Keimfrei. Wie heisst es jeweils so schön, „für die Anwohner besteht keine Gefahr“ :).

  • Hansi sagt:

    Ist schon wahnsinnig, wie viel ein solches **-Haus verlangt. Mir ist das hohe Preisniveau Zürichs bewusst, dann ist es klar, dass das Hotel die Kosten weitergeben muss. Jedoch verstehe ich jeden Tourist, der sich „verarscht“ fühlt, wenn er für 120 Franken ein dürftiges Zimmer bekommt, wenn er mit dem gleichen Geld woanders im Ausland ein tolles ****-Hotel kriegen würde – halt nicht in Zürich.

    • Andreas Mörker sagt:

      bitte ans lohnniveau denken, das ist im ausland auch nicht (meistens) so hoch wie in tsüri und gehen sie mal in eine jugi, die ist dann im einzel auch nicht gerade günstig…

  • KMS a PR sagt:

    ist doch schön, dass es im überteuerten zürich noch charmante und zahlbare hotels gibt. find‘ ich gut.

  • tststs sagt:

    „Weil es hier schwieriger ist allein zu sein als anderswo.“
    Bin etwas ratlos…weil man hier – kaum hat man es sich alleine vor einer Stange gemütlich gemacht – sofort angesprochen wird… weil Mitleid die Stärke der Schweizer ist… weil… sorry, Hilfe….????
    Bitte um Aufklärung…

    • Réda El Arbi sagt:

      Weil der Autor im eigenen Quartier dauernd erkannt und angequatscht wird? 🙂

      • tststs sagt:

        Ahhh-haaa, das ist des Rätsels Lösung 🙂 Da war ich/meine Lesekompetenz wohl schon in den Ferien… Und ich dachte echt, Sie wollen Öl ins „in-Züri-isch-niemert-nett“-Diskussionsfeuer schmeissen!

        Übrigens, habe mich das erste Mal richtigrichtig in Züri und meinem Quartier angekommen gefühlt, als die Dame vom Tabaklädeli nach meinen Ziggis griff, bevor ich etwas sagen konnte (so von wegen wiedererkennen und so…) 🙂

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