Backpacker-Abenteuer in Zürich

Ich bin also jetzt Tourist, so richtig Traveler, mit Schlafsack im Gepäck und einem knappen Budget. Nur toure ich nicht wie früher durch Südostasien, Mittelamerika oder Nordafrika, nein, ich bleibe. Weil ich erfahren möchte, wie Backpacker in Zürich reisen.

Ich komme, wie wohl alle, mit dem Zug am HB an und lade mir die Wegbeschreibung zum Backpacker Hostel Langstars an der Langstrasse herunter. (Die Roaminggebühren würden einen normalen Backpacker wohl eine Woche seiner Reise kosten):

«Zu Fuss sind es nur 15 Minuten (1,2 km). Nimm den Sihlpost-Ausgang (der ist am anderen Ende der Geleise 5–18 -> laufe zwischen den Gleisen bis zur Rolltreppe, die nach unten führt -> dort gehst du nach links und dann kommst du beim Sihlpost-Ausgang rauf). Jetzt gehst du gerade aus an der Post vorbei bis zum New-Point-Kebab-Restaurant …»

Zuerst denke ich, dass kein Schwein den Weg finden würde. Nach kurzem Überlegen muss ich aber zugeben, dass ich in anderen Städten meine Unterkunft auch ohne jede Weganweisungen gefunden habe. Traveler sind ja nicht auf den Kopf gefallen.

Angekommen, empfängt mich eine hübsche junge Dame mit undefinierbarem Dialekt und Hipsterbrille überaus freundlich. Sie unterdrückt auch die Frage, warum jemand mit Zürcher Dialekt in einem Zürcher Backpacker Hostel übernachten will. Diskretion wie in einem 5-Stern-Hotel. Dann kommt der Chef und verrät, wer ich bin. Ich kriege trotzdem ein Schoggistängeli zu den Worten «Welcome in Switzerland» und bin gerührt. Kurze Einführung in die Hausregeln. Grundsätzlich: Nach 22 Uhr Ruhe und keine Junkies ins Haus lassen. 

Erste Eindrücke

Da ich ja neu in der Stadt bin, muss ich erst ein Gefühl für meine Umgebung entwickeln. Dazu sitze ich vor dem Hostel mit einem (sehr guten) Kaffee an ein Tischchen und lasse die Szenerie auf mich wirken. Wäre ich ein reisender Stockholmer Gymnasiast, wäre ich wohl etwas irritiert. An der Bushaltestelle auf der gegenüberliegenden Strassenseite laufen gerade einige mehr oder weniger auffällige Drogendeals. Freundlich werde ich von einer jungen, überaus schönen, lateinamerikanischen Dame angezwinkert, und das schon abends um acht. Selbst ich brauche ungefähr dreissig Sekunden, um zu begreifen, dass es hier nicht um meine unschlagbare Ausstrahlung, sondern ums Geschäft geht. Das ist mir als Zürcher noch nie passiert. Offenbar hab ich mit meiner Rolle als Tourist unbewusst auch die Zürcher Attitüde abgelegt. Ich werde auch von Dealern, die mich sonst ignorieren, gefragt, ob ich Drogen kaufen will. Aber vielleicht sind das nur die Nachwirkungen der Street-Parade, die den Umsatz für Psychedelika und Kokain für ein Wochenende in die Höhe schnellen liessen.

Gemütliche Ecke, um bei anderen Travelern mit seinen Reiseabenteuern anzugeben.

Gemütliche Ecke, um bei anderen Travelern mit seinen Reiseabenteuern anzugeben.

Für ängstlichere Touristen organisiert das Hostel in den Sommermonaten am Abend einen Grillplausch, was sehr gut ankommt. Für zehn Franken kann man sich ein Stück Fleisch auf den Grill werfen, dazu gibts Salate und frisches Brot. Fast alle nutzen dieses Angebot. Aber wohl eher, weil sie sich die Restaurantpreise in der Stadt nicht leisten können, denn aus Angst vor unserem Rotlichtmilieu. Ich hab von meinem veranschlagten 50-Franken-Budget bereits zehn Prozent für einen Kaffee ausgegeben. Eigentlich müsste ich das Busbillett, 4.20 Franken, auch anrechnen, aber ich lass es. Schliesslich will ich auch noch ein wenig raus nach dem Grillieren.

Das Geschenk einer neuen Stadt

Am Tischchen draussen komme ich mit drei Touristen aus England in Kontakt. Sie sind mit dem Interrail unterwegs und kamen am Abend zuvor aus Amsterdam an. Sie lieben die Schweiz, alles so sauber, das Hostel Spitzenklasse und die Zürcher freundlich. Ich stutze. Die Zürcher freundlich? Alle anderen Schweizer empfinden uns als arrogant und unfreundlich. Aber nein, sagen sie mir, sehr höflich seien wir, sehr hilfsbereit (Ich erzähle ihnen nichts vom Täschligate, sie würden mich auslachen).

Schon nach kurzer Zeit entscheiden wir uns, noch einen kleinen Spaziergang durchs Quartier zu machen, tagsüber waren sie am See und im Niederdörfli, aber vom Langstrassenquartier haben sie noch nichts gesehen. Ich führe sie ein wenig stolz durch unsere verrufene Sündenmeile. Sie finden unser Rotlichtmilieu «cute» (herzig), die Bäcki mit den Randständigen, die brav ihr Bier auf den Bänken trinken, «wonderful» und die Kanzlei mit den ganzen Hipstern wünschen sie sich auch in England. «Die spielen hier Boule! Wenn man in unserer Stadt jemandem eine Stahlkugel in die Hand drückt, landet sie im nächsten Schaufenster. Oder an deinem Kopf, während du ausgeraubt wirst», versuchen sie mir England schwarzzumalen. Später räumen sie ein: Wir jammern gerne über England, so schlimm ist es gar nicht.

Wenn man mit Fremden durch die eigene Stadt streift, erscheinen bald die selbstverständlichsten Dinge in einem neuen Licht. Ich kann plötzlich wieder mit Staunen auf Zürich sehen, auf den Luxus, einen See und einen Fluss mitten in der Stadt zu haben. Plötzlich ist es nicht mehr selbstverständlich, in der Stadt mit einer der höchsten Lebensstandards der Welt zu leben. Es fühlt sich an wie eine Katharsis, wie wenn eines dieser neuen Superwaschmittel einen grauen Schleier von der Wahrnehmung zupft und man wieder die richtigen Farben der eigenen Umgebung sieht. Sehr heilsam.

Meine neuen englischen Freunde versuchen, mich am Arm zurückzuhalten, als ich einfach auf die Strasse latsche. In England wäre man tot, wenn man das versuchen würde, werde ich aufgeklärt. Ich schmunzle plötzlich über die Sorgen unserer Städter, über das Gejammere wegen zu wenig Freiräumen, über die Angst vor Kriminalität und über was wir uns sonst noch so aufregen. Die Touristen haben mir das Geschenk einer funkelnden, nigelnagelneuen Stadt gemacht.

Wie im Pfadilager: Rotweiss karierte Bettdecken.

Wie im Pfadilager: Rot-weiss karierte Bettdecken.

Wir schlendern nach ein paar Drinks (für deren Gegenwert ich in Thailand ein eigenes Dorm kaufen könnte) zurück ins Hostel, meine neuen Freunde sind müde, wollen sich aufs Ohr legen. Ich bleibe noch einige Zeit im Barraum und fühle mich wie auf meinen Reisen in Übersee. Aus den Boxen rumpelt alter Reggea, dann Jack Johnson und immer wieder mal Red Hot Chili Peppers. Die anderen Gäste unterhalten sich über Essen und Unterkunft auf ihrer bisherigen Reise und alle geben ein wenig an mit ihren Erfahrungen. Auch ich. Der Eigentümer tauscht sich mit einem japanischen Touristen über das Reisen in Brasilien aus, das auch nicht mehr dasselbe sei. Drei Jungs kritzeln Sachen in ihren Reiseführer. Alles sehr gesittet. Eigentlich hatte ich viel mehr Chaos und Party erwartet. So jedenfalls hatte ichs aus meinen eigenen Reisen in Erinnerung.

Eine Gruppe von circa fünf jungen Männern gibt dann doch noch ein wenig Gas. Natürlich können sie sich bei den hiesigen Getränkepreisen nicht auswärts volllaufen lassen. So holen sie im 24-Stunden-Shop nebenan einige Bier und setzen sich in einen Hauseingang, wo sie nach einer Weile laut lachen und auch ab und zu eine (irische?) Ballade grölen. Wäre da nicht der Sprachunterschied, könnte man sie mit ihren Billigbüchsen leicht mit einheimischen Randständigen verwechseln.

Ich mache mich nun auch auf in mein Bett, gebucht habe ich eines in einem 12er-Dorm. Dazu muss ich bis in den 4. Stock und werde da positiv überrascht. Das Zimmer ist gemütlich und erinnert mehr an Pfadilager als an eine der Absteigen im Hafen von Piräus oder eines der stinkenden Massenlager, wie man sie ab und an in Alphütten findet. Es stehen sechs Doppelstockbetten im Raum, nicht zu eng, und ich freue mich wie ein Sechsjähriger, dass ich oben schlafen darf. Ich brauche nicht mal meinen Schlafsack, weil die Betten mit extrem schweizerischen, rot-weiss-karierten Bettdecken bestückt sind. Der Eigentümer will sowieso nicht, dass die Leute ihre eigenen Schlafsäcke benutzen. Damit werden nämlich Wanzen aus unzivilisierteren Übernachtungsgelegenheiten eingeschleppt. Ich erinnere mich an Kakerlaken in der Grösse von kleinen Hunden in einem Dorm in Bangkok und schlafe friedlich ein – vorerst.

Geräusche der Nacht

Da lieg ich dann, lausche dem Lachen der Biertrinker vor dem Haus und getraue mich nicht, mich zu bewegen. Ich könnte den Brasilien-erfahrenen Japaner im Bett unter mir stören. Nun, ich weiss nicht, obs an mir persönlich liegt oder an der Schweizer Mentalität, aber plötzlich ist mir alles zu intim: das Atmen der anderen, die Schmatzgeräusche im Schlaf, aus denen ich autoerotische Aktivitäten zwei Betten weiter herauszuhören glaube. Ich will mich ablenken und mache das kleine Nachtlicht an. Auch das traue ich mich aber kaum, nehme mir aber ein Vorbild an einem der anderen Gäste, der ohne Scheu mit Licht liest. Ich suche nach meinem Buch und merke, dass das noch in meiner Freitagtasche steckt, eine urzürcherische Erfindung, die auf jeden Fall nicht für Dorms entwickelt worden ist. Ich zerre am Klettverschluss, aber das hört sich in der Stille an, als ob ein Riese seine nasse Bettwäsche entzweireisst. Also nichts mit Lesen. So tippe ich auf meinem Smartphone herum und döse dann irgendwann doch noch ein. Aber jedes Mal, wenn jemand zur Toilette stapft, bin ich wieder wach und wälze mich auf die andere Seite. Einer schnarcht. Dann schnarchen zwei, eine davon eine Frau, aus Schweden, glaub ich. Ich mag Schweden plötzlich nicht mehr so sehr. Schlafen in einem Dorm ist überall auf der Welt gleich: anstrengend.

Irgendwann lächeln die ersten Sonnenstrahlen durchs Dachfenster und ich bin dankbar für den dämmernden Morgen. Es ist noch zu früh, um ans Frühstücksbuffet zu gehen, aber ich kenn mich ja aus und mach mich auf, um zwei Blocks weiter, am Helvetiaplatz, einen Espresso zu trinken. Dann zurück ins Hostel. Zwei Stück Toast und ein wenig Marmelade ess ich aus Sympathie, ich will ja den Gastgebern nicht das Gefühl geben, ihr Frühstück sei schlecht. Ist es auch nicht, ich esse nur nichts am Morgen.

Während ich dann auschecke, geht mir mein Ausflug in die eigene Stadt nochmals durch den Kopf. Ich hatte einen tollen Abend mit Leuten, die ich sonst nie kennen gelernt hätte (ich hab sie eingeladen, auf dem Rückweg bei mir zu übernachten), eine frische Sichtweise auf die eigene Stadt, und selbst die beinahe schlaflose Nacht konnte ich nicht wirklich dem Hostel ankreiden. Es ist nur so, dass ich wohl zu alt und zu schweizerisch bin, um meine Intimsphäre mit reisenden Studenten zu teilen. Alles in allem könnte ich mir durchaus vorstellen, das Ganze zu wiederholen, wenn mich das Reisefieber packt, ich aber gerade keine freien Tage hab, um nach Übersee zu fliegen.

 

37 Kommentare zu «Backpacker-Abenteuer in Zürich»

  • Mani sagt:

    Ich finde es wirklich klasse, dass Sie sich all diese Mühe machen und die Informationen aufbereitet für uns präsentieren. Weiter so!

  • sepp z. sagt:

    reda, wann gehst die sexboxen testen?
    ich warte gespannt.

  • Ursi sagt:

    Der Artikel ist wirklich super gut geschrieben, Kompliment! Auch ich reise viel und komme immer wieder gern nach „Züri“ zurück!

  • reto sagt:

    geile Schreibe (toll geschrieben, meine ich )….passt perfekt zu meinem morgenkaffee weit weg von zuerich

  • ich danke ihnen viel mal diesen artikle zu schreiben.ich wohne schon uber 60 jahre in amerika.aber bis vor zwei jahren kamen mein mann und ich jedes jahr in die schweiz um meine verwanten zu besuchen.das letzte mal war am 13 marz dieses jahr.aber zurich hat sich sehr verandert.aber ihren article machte mir freude und hatte hin und da ein lacheln.ich bin ihnen dankbar so ein inteligenten und lustiger article zu schreiben
    kepp it up.best regards rosmarie lefebvre.

  • Peter Ringger sagt:

    Gegen Schnarcher, Raschler, Stinker, Blender usw. in den Massenschlägen von Dorms und Hostels hilft ein Einzelzimmer. Das kostet meistens nicht viel mehr und ist in der Regel immer noch deutlich billiger als in einem Sternehotel. Wo keine Einzelzimmer vorhanden sind, kann man häufig gegen etwas Aufpreis auch alleine in einem Mehrbettzimmer schlafen. Habe damit in meinen Interrail-Jahren fast immer gute Erfahrungen gemacht.

    • Franz Mueller sagt:

      Dass die CH zu den teuersten Ländern der Welt zählt, wissen selbst Buschläufer aus Namimbia und Hottentotten aus Südafrika. Ich und ein Dorm? Lieber nicht, weder hier noch anderswo. Als junger Kerl, der jahrelang in Asien trampte, schlief ich lieber draussen mit Schlafsack und Gummimätteli als Unterlage, als in einen verwanzten, gruusigen Schlag anzumieten. Heute kann ich mir immer in der CH irgendwo einen billiges Zimmer leisten, wenn es denn sein muss. Oder gar ein besseres DZ, meine Freundin aus Tombouctou (Timbuktu) Mali, schätz unsere sauberen Mittelklasse-Hotels sehr, vor allem die in den Bergen, mit glorreichem Ausblick auf Eiger, Mönch und Jungfrau etwa, traumhaft ! Viens chèrie, regard le panorama, magnifique.. Eh bien, ermattet stehe ich auf, – tu a raison mon amour de Mali. Tu as bien dormi? Qui,- wir grinsen beide geheimnisvoll. Nicht nur wegen den sauberen Betten, guten Matrazen und weichen Kissen.

      • Peter Ringger sagt:

        Ich habe vergessen zu erwähnen, das ich nur in Westeuropa unterwegs war. Wanzen habe ich keine gesehen, gruusig war es nur in wenigen Ausnahmefällen. Viele Hostels und Dorms, vor allem im Süden Europas, verstehen unter „sauber“ allerdings einen möglichst penetranten Chlorgestank. Manchmal hätte ich es mir wirklich ein bisschen dreckiger, dafür duftneutraler gewünscht.
        Heute leiste ich mir auch Vierstern in den Ferien, aber die Interrail und Hostel Zeit war toll und ich habe sehr viel gesehen und gelernt. Ich würde es wirklich bereuen, wenn ich das ausgelassen hätte, nur weil ich mir damals keine teuren Hotels leisten konnte.

    • hans hugentobler sagt:

      ez kostet nicht viel mehr? auf welchem planeten den bitte schön? wenn sie wirklich ein budget-reisender sind, dann kommt man zumindest in europa nicht um einen massenschlag herum. ein einzelzimer kostet da gerne mal doppelt so viel. im übrigen bieten heute viele herbergen in europa einen anständigen standard in punkto hygiene und ausstattung. ich habe schon in min einem dutzend länder in europa in hostels übernachtet und bin selten auf eins gestossen, dass wirklich in einem üblen zustand war.

      • Adam sagt:

        Also ich bin auch keine 20 mehr und muss trotzdem gestehen, dass mich so ein richtiges Hotelzimmer langweilt. Sobald man an der Reception mit einem Sir oder Mister oder Herr angesprochen wurde, und man sich dann umsieht, wo der Vater steht, geht es schon komisch los.

        Anschliessend zieht man die Zimmertüre hinter sich zu und die hermetisch schliessende Pforte hüllt einem in absolute Stille, bis der Fernseher automatisch angeht und einem die leere Zwischenrechnung präsentiert.

        Also das Radisson SAS in Düsseldorf ist ja nicht wirklich High-Class, mir aber schon zu viel. Gas-Cheminée mit Klimaanlage gleichzeitig? Nicht mein Ding.

        Ich übernachtete mal wegen Schlüsselverlusts in der Jugi Wollishofen. Wunderbar. Whisky trinken bis morgens um 4 mit Australiern die Augen machten, sobald man nicht gleich auf dem WC einen Joint drehte.

  • Martin sagt:

    Interessante Frage: Was ist für ein Land schlimmer – die Sex-Touristen oder die Backpacker ?

    • Peter Ringger sagt:

      Wer immer in diesem Land weniger Geld ausgibt, alles andere interessiert heute nicht mehr. Wäre es nicht so, hätten sie sicher auch Luxustouristen erwähnt. Wahrscheinlich sind also die Backpacker die „schlimmeren“.

  • Lio Budoir sagt:

    Also die Wegbeschreibung ist wirklich desaströs? Was heisst denn bitteschön „am anderen Ende der Gleise 5-18“???

  • KMS a PR sagt:

    ich liebe horror-filme mit backpackern. ob in rumänien, (hostel), oder tief im australischen outback, (wolf creek), ist es immer wieder wohltuend, wenn die berucksackten naivlinge mehr oder weniger hinterhältig abgeschlachtet werden. natürlich nur im film. die normalität kann ich nicht beurteilen, weil ich zu alt und zu bequem bin, mir sowas im richtigen leben anzutun.

  • Michael Sold sagt:

    Der wunderbare Artikel bestätigt wieder einmal, dass man die eigene Welt ab und zu mit anderen Augen sehen sollte. Zürich ist die little big world City mit all ihren kleinen Macken und Kanten und doch liebevoll. Ich hatte die Gelegenheit an Stadtführungen teilzunehmen, die nicht das alltägliche zeigen und wurde immer wieder überrascht wie viel Sehenswertes es gibt. Als „eingeschweizerter“ 🙂 fällt mir leider immer wieder auf, wie zurückhaltend der /die Schweizer ihr Land vertreten und sich meist herunterspielen. Man muss nicht arrogant auftrumpfen, wie man das ja gerne von Zürchern behauptet und immer eines besseren belehrt wird, aber man darf schon zu Zürich und der Schweiz stehen. Es ist und bleibt für mich nach all den Reisen um die Welt immer wieder der schönste kleine Ort um zurückzukehren.

  • Hannah sagt:

    Einen Blick nach außen finde ich auch immer sehr hilfreich, dann versteht man, warum es so viele Zuzugswillige gibt. Auch in Berlin ist das so, bloss dass die Stadt dort inzwischen überrannt wird mit Zuzüglern aus Südeuropa etc. Zugleich denke ich die Sicht nach außen hilfreich zur Bewusstmachung vieler Vorzüge, jedoch kein Grund sich auszuruhen. Wie alle wissen, gibt es auch vor Ort noch sehr viel zu optimieren und da wäre eine Orientierung nach unten nicht hilfreich.

    • Reda El Arbi sagt:

      Hm, laut Studien ist Zürich die Stadt mit dem höchsten Lebensstandart und den besten Bedingungen. Da wirds schwierig, sich nach oben zu vergleichen. Und ehrlich, Zürich wäre ohne „die Zuzügler aus Südeuropa“ nicht die Stadt, die sie ist. Ohne die Migranten wär Zürich ein langweiliges, homogenes Städtchen mit mittelalterlichem Charme und ebensolcher Kultur. Und was Verbesserungen anngeht: Jede „Verbesserung“ wird von anderen als Einschränkung empfunden. Das gute am Schweizerischen Politsystem ist, dass es immer einen Konsens schafft, mit dem die Meisten leben können. Was für die einen eine Vision darstellt, kann für die anderen ein Albtraum bedeuten. Grundsätzlich ist es meine Erfahrung, dass Leute, egal ob von links oder rechts, die die Stadt „verbessern“ wollen, eigentlich nur mehr Vorteile für sich suchen. Und: Das Bessere ist immer der Feind des Guten. Etwas Dankbarkeit für die exklusive Situation, in der wir leben, ist meines Erachtens angebracht. Sonst müsste man Zürich einfach mal wieder verlassen und eine Weile in London, Bangkok, Phnom Penh, Paris oder sonstwo leben.

      • Hannah sagt:

        Du das bestreite ich auch garnicht, wenn Du aus Kerneuropa kommst und in viele Regionen der Welt reist, bist Du doch oft dankbar, aus Deiner Heimat zu kommen un dahin zurück zu können. Allerdings wird dieser vermeintliche Vorteil auch oft von einigen Interessengruppen genutzt, um Sozialstandards etc. nach unten anzupassen, da es ja vielen global weit schlechter gehen würde. Daher bin ich immer etwas vorsichtig, mich als Einwohner eine Landes, das auch eine ganz andere Tradition und Historie hat, mit in der Hinsicht unvergleichbaren gleichzustellen. Diese müssen vielmehr mit Hilfe auf ein hohes Niveau gehoben werden, anstatt dass man sich selbst nach unten anpasst. Und Vielseitigkeit hinsichtlich der Einwohner einer Stadt ist grandios und abwechslunsgreich. Wenn jedoch Probleme in den Sozialsystemen entstehen und es zu einer gravierenden Preissteigerung auch bei kleinsten Wohnungen kommt, sind das Probleme, die diskutiert werden müssen.

        • Reda El Arbi sagt:

          Klar. Das ist einer der Hauptnachteile der Stadt. Die hohe Lebensqualität zieht Leute an, die für Wohnraum jeden Preis zahlen. Darunter auch Firmen, die für ihre Mitarbeiter Wohnraum zu horrenden Preisen mieten. Insofern muss der Anteil an städtischen oder genossenschaftlichen Wohnungen nochmals um einen guten Teil angehoben werden. Die Qualität der Stadt ergibt sich nämlich aus der Bevölkerung, nicht nur aus der Architektur oder der Infrastruktur. Wenn sich „Normalos“ das Leben in der Stadt nicht mehr leisten können, stirbt die Stadt und wird zu einem Wirtschaftszombie.

          • Sebastien sagt:

            Ja das ist in Europa gerade extrem problematisch. Freizügigkeit ist ja ganz toll, aber wenn aufgrund inszenierter Krisen grosse Wanderungswellen einsetzen und man erst spät merkt, dass das die Sozialsysteme eines Landes nicht mehr aushalten und auch viele Einheimische dort nicht mehr wohnen können, hat die Politik viel falsch gemacht. Dann die Standards dann allgemein für alle weit nach unten zu setzen, ist erstens für die Menschen im Zuzugsland falsch und sinnlos und zweitens hilft es den Herkunftsstaaten nicht. Denn heute wird in Griechenland, Spanien, Portugal argumentiert, baut Euren Sozialstaat ab, verkauft alles Öffentliche, privaisiert es und ihr esst von goldenen Tellern. Dass das aber genau die falsche Lösung ist, merken die Menschen zu spät. Die Politik wusste es im Zweifel schon vorher, denn die massiven Wirkungen nicht abzusehen, so dumm mag selbst kein Politiker sein.

          • barbara sagt:

            Soifz… Reda: irgendwie musst Du wohl mein Bruder sein. Sowohl Dein Artikel wie auch Deine Antwort auf Hannahs Kommentar sprechen mir zutiefst aus der Seele. Auch wenn ich früher Leute eher durch die aargauische Provinz und landschaftlichen Schönheiten, dann durch die Stadt-bernische Gassen und Pärke und jetzt wieder zurück durch den Aargau führe (und nun ab und an auch Tipps für Stadt Zürich raus geben, obwohl da meine Kenntnisse limitiert sind): das Gefühl bleibt das Gleiche.

  • Muki sagt:

    Bin beruflich seit bald vier Jahren in Istanbul. Ab un zu darf ich kurz auf einen Heimaturlaub in die Schweiz. War zuletzt in Maerz in Zürich. Einfach wunderschön, kein Verkehr (im Vergleich zu IStanbul), freundliche, zivilisierte Menschen, Regeln and die sich praktisch alle halten…naehe zur Natur, wenig Laerm…einfach paradisisch….verdammt, ich glaub ich hab Heimweh

  • Mäse sagt:

    Kommt mir sehr bekannt vor. Als meine heutige Frau die ersten Male aus Mexiko City nach Zürich kam, ist ihr zuerst die Höflichkeit!! aufgefallen. Sowas gibts nämlich in DF nicht, da laufen (auch aus guten Grunde) alle mit sehr verschlossenen Gesichtern rum. Die Höflichkeit und Freundlichkeit kommt dort nämlich erst beim Gespräch zum Ausdruck. Gleiches habe ich Jahre Später von uns besuchenden Freunden aus Mexiko vernehmen dürfen. Wie auch Reda habe ich meine Stadt und auch mein Land mit meiner Frau aus ganz anderem Blickwinkel kennen gelernt. Dinge die ich schon gar nicht mehr wahr genommen habe oder als nicht erwähnenswert befunden habe, hat meine Frau gesehen und mir Löcher in den Bauch gefragt. Solche Erfahrungen möcht ich nicht missen und wenn ich manchmal hier im Tagi die frustrierten Kommentare lese, frage ich mich, ob die Zürcher überhaupt wissen, was sie an ihrer Stadt haben. Heute lebe ich in Mexiko und empfinde meine Heimatstadt als eine der schönsten und lebenswertesten die ich je besucht hatte. Was mir aber nicht fehlt ist die Verkrampftheit und die machmal doch recht übertriebene Reglementierung einhergehend mit einer gewissen Neidkultur. Zwei der Argumente kann jeder mit einem Lächeln verändern 🙂

  • Mary sagt:

    Kakerlaken in der Grösse von kleinen Hunden 😀

    So lustig erzählt. Eine schöne Gute Nacht Geschichte. Danke.

  • Remo Fritsche sagt:

    Da kann man noch anfügen, dass es fast täglich einen Gratis-Gig gibt. Mal besser mal schlechter, aber die internationale Stimmung und die Crew sind wirklich top. Ein Boxenstop im Langstars gehört zu jeder Bartour im Kreis 4/5!

  • Hämpu sagt:

    Genial geschrieben! Ha Schwedisches Schnarchen fehlt noch in meiner Geräuschsammlung…

  • Dany sagt:

    Hallo Reda

    Deine Erfahrung konnte ich die letzte Zeit oft auch machen. Durfte die letzten Monate X Mal Zürich Auswärtigen (Studenten) zeigen. Mit jeder Fürhung durch Zürich lernt man neue Aspekte kennen, die man als Einheimischer noch nie gesehen hat. Der Blick vom Lindenhof in der Abenddämmerung mit Limmat. Die Alten altlen im Oberdorf. Oder halt einfach unser Luxusproblem Zürich, wo Handtaschen und Tramgeleise (die ganz gefährlich sind für Velos…) die anscheinend die grossen Probleme sind (zumindest im Sommerloch). Ist allen Heimischen zu empfehlen, ladet eure Bekannte ein und informiert euch mal über Zürich. Macht einen Rundgang (auch die Stadtführung ist sehr zu empfehlen…). Auch Zürcher kommen ins schwärmen 🙂

  • Willi Forrer sagt:

    Ja, schon wieder ein sehr unterhaltsamer Blog. Das mit den Kakerlaken ist ein klein bisschen übertrieben, wenn auch sehr amüsant formuliert. Allerdings störten mich in Zürich die bedeutend kleineren, aber irgendwie ekligeren schwarzen slawischen Schaben mehr. Na ja, dreckig, aber harmlos. Beängstigend sind schon eher die Centerpieds, Kraids und (v.a. Königs-) Kobras. Aber ähnlich wie in „Züri“ verkleinert sich auch hier die Anzahl Backpackers kontinuierlich, die bevorzugen derzeit Kambodscha. Weltweites Faktum, individuell reisen wird leider immer schwieriger. Auch Burma, das sich z.Z. massiv öffnet, ist für Rucksacktouristen nicht unbedingt geeignet. In folge übersteigerter Nachfrage überteuert, aber, infrastrukturmässig auch für Rollkoffer noch nicht ideal (apropos überdimensionierten Viechern; dort hatte ich die grössten Ratten gesehen, nicht übertrieben, katzengross), das Land ist aber immer noch eines der letzten Paradiese.. Aber, Kompliment, in Anbetracht der wenigen Backpackers die es noch nach Zürich verschlägt, hast Du das Sommerloch exzellent gefüllt.

  • Cello sagt:

    Den Engländern würde es gut tun, ihr Land mal so zu entdecken, wie Reda Zürich neu entdeckt.
    Verirrt man sich nämlich nicht in eine Stadt, trifft man auf ein sauberes Land mit supernetten Leuten. Ich versuche jedes Jahr, ein paar Wochen dort oben zu sein, und komme in dieser Zeit mit viel mehr Leuten ins Gespräch als im restlichen Jahr in Zürich. Autofahren ist ein Genuss, man muss förmlich darum kämpfen, wer dem anderen den Vortritt gewähren darf.

  • Robert Herz sagt:

    Wir waren diesen Sommer einige Tage in Oslo (mit Rollkoffer statt Backpack und ein paar Sternen mehr am Hotel). Aber nach einigen Drinks in Oslo findet man die Preise in Zürich plötzlich wieder ganz angemessen….

  • Alpoehy sagt:

    Hmm, irgendwie istbdas Zitat nicht mitgekommen…
    Ahoi Reda, wieder mal ein gelungener Artikel. Merci.
    Ich bin beruflich oft in Asien und wenn ich jeweils zurückkomme und durch Tsüri spaziere habe ich oft das gleiche Gefühl.
    Aber am schönsten war dieser Satz: Ich erinnere mich an Kakerlaken in der Grösse von kleinen Hunden in einem Dorm in Bangkok.
    Köstlich !
    So, muss noch in die Bahnhofstrasse um ein Täschli zu kaufen, cheers.

  • Alpoehy sagt:

    Ahoi Reda, wieder mal ein gelungener Artikel. Merci.
    Ich bin beruflich oft in Asien und wenn ich jeweils zurückkomme und durch Tsüri spaziere habe ich oft das gleiche Gefühl.
    Aber am schönsten war dieser Satz:
    Köstlich !
    So, muss noch in die Bahnhofstrasse um ein Täschli zu kaufen, cheers.

  • Martin sagt:

    Hallo Reda,
    genial…mir geht es auch so mit dem Neuentdecken ¨meiner Stadt¨ wen ich Freunden auf Besuch unsere Stadt (id deiesem Falle Barcelona) zeigen kann. Diese Besuche/Führungen stellen immer wieder die Dinge in ihr richtiges Licht.

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