Werdinsel: Familien, FKK und Toleranz

Egal welche Religion, welche sexuelle Ausrichtung, welche politischen Einstellungen, welches Einkommen, welchen IQ oder welche Badehose: Vor dem Fluss sind alle Menschen gleich.

Egal welche Religion, welche sexuelle Ausrichtung, welche politischen Einstellungen, welches Einkommen, welcher IQ oder welche Badehose: Vor dem Fluss sind alle Menschen gleich.

In unserer Serie über Zürcher Badis besuchte unser Autor die Badi auf der Flussinsel Werd. Und offenbar hat er dabei sein Lieblingsschwimmbad entdeckt.

Die Betonbrücke über die Limmat, über die man von der Tramhaltestelle  bei der Europabrücke die Werdinsel erreicht, lässt noch nichts Gutes ahnen. Offenbar durfte sich da in den Achzigern einer dieser Stadtplaner/Architekten/Künstler austoben. Hat man dann aber dieses hässliche Stück Schaumstein hinter sich gebracht, findet man sich in einem der angenehmsten Flusschwimmbäder der Stadt wieder.

Ich suche mir einen Platz am linken Ufer, wo der Fluss, der die kleine Insel umspült, etwas breiter und flacher fliesst. Auf der anderen Seite springen Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die das Kind in sich wiederentdeckten, von der Brücke in den kanalisierten, schnell fliessenden Fluss und lassen sich quietschend von der Strömung treiben.

Ich installiere mich, hole einen der bereitstehenden Aschenbecher und einen Kaffee am Kiosk. Auf dem Rückweg staune ich über die Durchmischung der Badegäste. Auf der Südseite meines Badetuchs turtelt eine Gruppe Gymischüler unbeholfen, während nebenan eine islamische Familie picknickt, deren Töchter in T-Shirt und halblangen Hosen Spass im flachen Wasser haben. Eine Zürcher Kleinfamilie, ich tippe auf Kreis 6, sitzt im Schatten, Papa schaukelt das Baby, während Mama die Sonntagszeitung liest.

Ein paar jugendliche Secondos mit ausgearbeiteten Muskeln schlendern vorbei und versuchen die einige Jahre älteren blonden Back-Officeassistentinnen (schätz ich mal) mit coolen Posen zu beeindrucken. Dazwischen immer wieder Gruppen von Kindern, die herumrennen und spielen. Niemand nervt sich, und der Fussball, der immer mal wieder in einer Gruppe von Sonnenbadenden landet, wird immer freundlich zurückgespielt. Man hilft sich aus, mit Federball, Frisbee und Flaschenöffnern.

Eine junge Frau mit Audrey-Hepburn-Sonnenbrille und iPhone-Kopfhörern unterstreicht mit Leuchtstift Passagen in einem Reklam-Büchlein. Etwas weiter Richtung Kinderbad mit Rutschbahn bereiten einige alte Szeni-Familien einen Znacht aus mitgebrachten Tupperwareschüsseln, einer der Männer mutig in einer Badehose, die wohl aus einem 70er-Jahre-Duschvorhang geschneidert wurde. Daneben zwei Mütter, vielleicht alleinerziehend, die sich bei einer Flasche Bier irgendwelche offenbar lustigen Geschichten erzählen.

Es ist, als ob man aus jeder Zürcher Badi eine Handvoll Besucher genommen und  auf der Insel in entspannter Gemeinsamkeit ausgesetzt hätte. Es ist ein friedliches Nebeneinander, keine Wettbewerbe in Coolness (nur bei Teenagern, und da ist es entschuldbar), kein Gemotze wegen Kindern, niemand steckt sein Terrain ab und bewacht es.  Man hört verschiedene Dialekte, darunter viel Züridütsch, aber auch Portugiesisch, Thai, Serbisch, Kroatisch, Deutsch und Englisch. Cosmopolitischer als alle anderen Bäder, die ich kenne.

Natürlich könnte der Grund für dieses tolerante Zusammensein auch ein paar Meter weiter unten auf der Insel liegen. Da geniessen nämlich die Anhänger der Freiluftgenitalien die Sonne, braten ihre nackten Hintern in der natürlichen UV-Strahlung, sowohl Männer wie Frauen. Dieser Teil der Insel ist ja weithin als Begegnungszone für kopulierbereite Homosexuelle bekannt. Normalerweise ist das für Verfechter von Sitte und Anstand, sowie für prüde Moralisten und Berufs-Engstirnige, nicht unbedingt ein Ort, an dem man seine Freizeit verbringt. Denn in den unteren Teil der Werdinsel gehen und da verbal die Moralkeule zu schwingen, ist in etwa so, wie wenn ein Veganer in einer Metzgerei predigt.

So hat die Werdinsel einen leicht anrüchigen Ruf. Was das bedeutet? In erster Linie bedeutet es offenbar, dass sie Menschen anzieht, die damit leben können, dass die Stadt ein heterogener, bunt gemischter Raum ist, und dass die Badi ein Abbild einer weltoffenen, toleranten Gesellschaft ist. Man muss nicht leben wie die Anderen, aber man teilt gerne den Fluss mit ihnen. Meine Lieblingsbadi.

PS: Was mich aber noch immer beschäftigt, ist, warum man in den Seebädern Eintritt bezahlen muss, während die Flussbäder trotz Infrastruktur gratis sind. Fragen über Fragen.