Letten – Catwalk der Eitelkeiten

Doppelt in Pose geworfen: Vorne Blondine für Facebook, hinten Badigast fürs gemeine Publikum.

Doppelt in Pose geworfen: Vorne Blondine für Facebook, hinten Badigast fürs gemeine Publikum.

Nachdem wir letzte Woche eine klassische Familienbadi am See unter die Lupe nahmen (Willkommen im Dschungel), wurden Stimmen laut, wir würden die Hipster-Badis und Szene-Tümpel verschonen. Tun wir nicht. Wir waren da, mitten im Oberen Letten.

«Isch scho fresh, aber easy», begrüsst mich einer der Badegäste auf dem Lettensteg auf die Frage, ob das Wasser kalt sei. Soweit, so viel Klischee. Der Typ war auch wirklich schon im Wasser, weil die Posen für die Vorübergehenden authentisch sein müssen (siehe Bild). Rechts vor ihm steht eine hübsche Blondine, die ihren Kolleginnen in Süddeutschland auf Facebook zeigen will, an welch coolem Ort sie  baden geht.

Schon kurz vor Mittag warf ich mein Tüechli auf der kleinen Wiese oberhalb des Lettenstegs aus, aber die Eile wäre gar nicht nötig gewesen. Um Elf gehen die letzten Leute, die morgens nach der Party noch schnell in die Sonne liegen, und erst um zwei kommt die nächste Schicht beachvolleyballgestählter, braungebrannter Luxuskörper. Erst gegen vier Uhr nachmittags, wenn alle ausgeschlafen sind, wirds eng auf dem Steg und der kleinen Wiese. Schattenplätze sind übrigens was für Weicheier. Es gibt nur einen, und der bleibt frei, bis alle Plätze auf dem Sonnengrill besetzt sind. Dann balancieren selbst die hipsten Hipster wie betrunkene Störche auf den wenigen Millimeter breiten Rasenstreifen zwischen den Tüechli.

Langsam füllt sich die Badi mit kleinen Grüppchen, die sich gegenseitig mit eingeübten Handschlag begrüssen, um Zugehörigkeit zu markieren. Die meist frisch zugewanderten Stadtzürcher, sogar eine kleine Gruppe brasilianischer Adonisse (Mehrzahl von Adonis?), haben alle etwas gemeinsam: sie sind jung, schön und tätowiert. Man könnte annehmen, das Leben in Zürich sei ein endloser Baccardi-Werbespot mit Lachen, Bikinis und Lebensfreude.

Wenn da nur Eines nicht wäre: Hier ist man nur untereinander gelöst und lacht (man erinnere sich, der eingeübte Handschlag). Aussenseitern gegenüber sind die jungen Leute hier in erster Linie cool. Also versuch ich auch, cool zu wirken, man will sich ja integrieren. Ich kriege aber schon nach einigen Minuten einen Kieferkrampf und ein Ziehen in den Schläfen vom coolen Blick. Also geb ichs auf und beobachte ich wieder schamlos, glotze wie ein Tourist auf diesen Laufsteg der Eitelkeiten. Und ich entdecke sogar ein Grüppchen, das nicht kifft.

Dreitagebärte, so akkurat wie aufgemalt, beherrschen die Männergesichter.  Dafür zähle ich, verteilt auf alle Frauen der Badi, eine gefühlte Million mit bläulicher Tinte an allen möglichen Orten in die Haut gestochene Sternchen . Sternchen sind offenbar die Arschgeweihe des neuen Jahrtausends. Und natürlich Sonnenbrillen für Kater-Augen. Männer wie Frauen liegen da, als ob ein Fotograf Anweisungen gäbe.  Man bewegt sich elegant, lässig, entspannt. Man gibt vor, das Publikum sei egal, obwohl man mit versteckten Blicken nach versteckten Blicken blickt.

Die Terrasse für die Punkterichter auf dem Catwalk der Eitelkeiten.

Die Terrasse für die Punkterichter auf dem Catwalk der Eitelkeiten.

Oben entdecke ich die Spanner-Terrasse. eine kleine Plattform über der Badi, von der man die Szene schön überblickt. Irgendwie erwarte ich dort Punktrichter, die für die schönste Selbstdarstellung Nummern mit Zahlen hochhalten. Aber da steht nur ein einsamer Mann, der den Bikinis die kalte Schulter zeigt. Vielleicht weil ich ihn beobachte.

Hier verbringen also die Menschen ihren Sommer, die ihre geistige Kapazität brauchen, um Partylabels auseinander zu halten und DJ-Namen auswendig zu lernen. Junge, schöne Menschen, die meinem Selbstwertgefühl nachhaltig zusetzen. Nach zwanzig Minuten merke ich, wie ich meinen Hals betaste  – zu viele Falten? – während meine andere Hand ohne mein Zutun prüfend in meine Speckröllchen kneift. Ich komme mir vor wie einer dieser schmierigen alten Kerle, die auf Schulhöfen rumgammeln. Genug!

Ich mache mich auf, um im überteuerten Restaurant nebenan einen Kaffee zu trinken. Hier gibts dann die volle Dosis. Die Leute, die zwischen den Café-Bänkchen und dem Flussgeländer den Lettensteig hoch wollen, werden mit der Intensität eines Mikrowellengrills angegafft. Und wehe, sie stossen kein Rennvelo oder Fixie …

Fazit: Den Menschen hier ist das Coolsein so wichtig, dass sie darüber alle Coolness verlieren. Sie werden wohl in ein paar Sommern rüber in die Badi Enge wechseln, zu den erwachsenen Hipstern und den Senior-Szenis. Bis dahin fehlt ihnen aber noch die nötige Tiefe: Mindestens ein abgebrochenes Studium in Kunst , Publizistik oder Politikwissenschaften und ein eigenes Atelier. Wir werden uns da aber bald umsehen.

Statussymbol Nr 1: Ein altes Rennvelo

Statussymbol Nr 1: Ein altes Rennvelo