«Heiliger Zorn treibt mich an»

Tabea Oppliger massiert in Zürich Prostituierte, damit diese wieder ein Gefühl für ihre Körper entwickeln. Ein Arbeitsrapport vom Sihlquai. Aufgezeichnet von David Sarasin

«Das Elend hat mich immer nur noch mehr angespornt»: Tabea Oppliger (35), die Masseurin vom Sihlquai. Foto: Sophie Stieger

«Meine Arbeit am Sihlquai beginnt um 23 Uhr. Im Gepäck habe ich Getränke und Sandwiches. Aber nicht für mich, sondern für die Damen, die sich während unserer Schicht massieren lassen. Ich betreibe den Aufenthaltstraum unterhalb des Passbüros mit zwei Sozialarbeitern einmal pro Woche. Es ist auch ein Übersetzer vor Ort, denn die Mädchen, die zu uns kommen, sprechen alle nur Ungarisch. Auch im Bordell an der Langstrasse, wo ich ebenfalls einmal pro Woche nachmittags massiere, sprechen die meisten Mädchen eine fremde Sprache. Doch wenigstens gibt es dort bereits Massageliegen.

Rund 20 Mädchen besuchen uns an einem Abend am Sihlquai. Dass es den Massageraum gibt, hat sich bereits herumgesprochen. Im Winter stehen die Mädchen vor dem Eingang Schlange. Auch die Zuhälter schätzen unser Angebot, heisst es, weil die Frauen danach wieder besser arbeiteten. Dies hat mir eines der Mädchen erzählt. Es gibt Frauen, die wollen gar nicht massiert werden. Doch die Wärme im Zimmer und die Möglichkeit, sich zurückziehen zu können, schätzen sie. Einige geniessen vor allem das Essen. Nicht wenige verschlingen unsere selbst gemachten Sandwiches förmlich. Und das hat einen Grund: Gewisse Mädchen bezahlen bis zu 150 Franken täglich für ein Zimmer. Dazu kommt, dass gewisse Frauen für einen Geschlechtsakt gerade mal 30 Franken erhalten. Da verzichtest du dann halt mal aufs Essen.»

Zweimal pro Woche im Milieu

«Es ist klar: Die Zustände am Sihlquai sind prekär. Die meisten Mädchen hätten auch eine psychische Betreuung nötig. Die gibt es punktuell ja auch. Wir aber bieten vor allem das Körperliche an, die Massage. Ich weiss aus Erfahrung, dass Frauen, die ihren Körper verkaufen, diesen irgendwann nicht mehr richtig spüren. Die Massage soll ihnen helfen, wieder zu einem gesunden Körpergefühl zurückzufinden. Ausserdem möchte ich als Präsidentin eines Vereins, der sich gegen Menschenhandel einsetzt, wissen, was an der Front passiert. Ich möchte Gesichter sehen und Menschen erleben. Geld verdiene ich damit nicht. Tagsüber arbeite ich ebenfalls als Masseurin, allerdings in einem normalen Massagestudio für Sportler und dergleichen. Nur zweimal pro Woche bin ich im Milieu unterwegs.

Das Schwierigste an meinem Job ist es, die Mädchen nach einer Massage wieder auf die Strasse zu schicken – zu den Löwen, wie ich die Freier immer nenne. Denn am liebsten würde ich den Mädchen bei uns für eine längere Zeit Unterschlupf gewähren und ihnen eine andere Perspektive anbieten. Irgendwas in der Kosmetikbranche oder in einem Restaurant. Ich hatte immer schon eine Wut gegenüber Männern, die derart mit Frauen umspringen. Doch seit ich am Sihlquai arbeite, ist es nur schlimmer geworden. Das ist fast unvermeidbar. Wobei es natürlich auch gute Männer gibt. Die Frauen, die zu uns kommen, wirken oft hilflos und gleichgültig zugleich. Es sei denn, sie sprechen von ihren Kindern, dann leuchten ihre Augen. Sonst nie. Es waren auch schon welche bei uns, die am ganzen Körper zitterten. Einmal hatte eine von einem Freier gefälschte Banknoten gekriegt. Weil sie sich beschwerte, hat er sie mit dem Messer bedroht. In solchen Momenten bist du als Masseurin hilflos. Doch das Elend hat mich immer nur noch mehr angespornt, dagegen anzukämpfen. Manchmal nennen meine Freunde das, was mich antreibt, auch ‹heiliger Zorn›. Damit liegen sie gar nicht mal so falsch.»

Die Mädchen winken

«Wir arbeiten nicht nur vor Ort, sondern versuchen auch jeweils herauszufinden, woher die Mädchen stammen, damit wir mit ansässigen Menschenrechtsgruppen in Kontakt treten können. Wir wissen, dass viele Mädchen aus Grossfamilien stammen, sogenannte Clans. Die Väter wissen, als was ihre Töchter in der Schweiz arbeiten. Sie sind damit einverstanden, weil die Tochter ja regelmässig Geld heimschickt.

Bevor man den Prostituierten hier eine neue Perspektive anbieten kann, müsste man sie aus ihren Familie lösen. Das macht die Sache sehr schwierig. Doch bisweilen gibt es Erfolgserlebnisse: Zwei Mädchen arbeiten nun, auch dank unseres Engagements, in Restaurants. Wenn ich nach einer dreistündigen Schicht, so gegen 2 Uhr, die Tür abschliesse, dauert der Arbeitstag für viele Frauen noch ein paar Stunden länger. Das ist halt so. Im Auto fahre ich dann das Sihlquai entlang nach Hause, in einer Kolonne mit den Freiern. Und wie ihnen winken die Frauen am Strassenrand auch mir zu – weil sie mich ja nicht richtig sehen können hinter den Scheiben. Zu Hause schlafen meine drei Kinder schon lange.

Tags darauf unterrichte ich jeweils Indoor Cycling. Das ist eine Gelegenheit für mich, mal wieder richtig durchzuatmen. Dabei vergesse ich aber nie, dass es Frauen gibt, die nur ganz selten zum Durchatmen kommen. Vielleicht ist es das, was wir wollen: den Frauen die Möglichkeit geben, durchzuatmen – und sei es auch nur für zehn oder zwanzig Minuten.»

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