Boy George, AIDS & die verlorene Unschuld

Boy-George im Aura: Auch er hat die 90er irgendwie überlebt.

Boy George im Aura: Auch er hat die 90er irgendwie überlebt.

Boy George spielte am Samstag anlässlich der AIDS-Charity «Unite» live im Zürcher Club «Aura». Um es vorweg zu nehmen: das Konzert des alternden Popstars aus den 80ern war sehr gut. Für einmal war ich wirklich froh, dass Zürich nur eine Hand voll Promis hat, die an so einem Anlass aufkreuzen. So konnte man in gemütlicher Clubatmosphäre den stimmgewaltigen, etwas verwitterten Glamourboy bei seinen bluesigen Akustic-Versionen geniessen.

Aber darum gehts ja hier nicht. Der Anlass war ja gedacht, um bei Zürchern wieder ein Bewusstsein für die HIV-Infektion, deren Auswirkungen und Gefahren, zu schaffen. Eigentlich erstaunlich, dass dies in einer Stadt wie Zürich, mit ihrer Vergangenheit, notwendig ist.

Insofern war es vielleicht gerade passend, dass Boy George den Anlass bespielte. Schliesslich stehen seine bunten, flockigen Popsongs für die Zeit, unmittelbar bevor Zürich seine Unschuld verlor. Nachdem er mit seinen «New Romantic»-Songs aus den Hitparaden verschwand, versank Zürich in einer wahnhaften Welt von Drogen, Exzess, Tod und eben: HIV-Infektionen.

Viele der Menschen, die mit mir auf ihrem Kassettenrecorder die Hitparade mit den Songs von «Culture Club» aufgenommen hatten, waren einige Jahre später auf einem Tripp in eine gefährliche andere Welt. Die Einen verfolgten den poppigen, synthetischen Pfad in ein psychiatrisches Universum der Raves und der Drogen MDMA, LSD, sowie sonstiger Spielarten chemischer und psychedelischer Substanzen. Da spielte HIV in erster Linie bei zugedröhntem Sex auf Club-Toiletten eine Rolle. Vielen war noch nicht klar, dass man sich mit dem berauschten Minuten-Abklatsch von Liebe den Tod holen konnte.

Die andere Hälfte, darunter ich, stiegen hinunter in die düstere Heroin-Hölle von Platzspitz und Letten. Für die meisten von uns war Sex nicht die Gefahr, ausser vielleicht für die jungen Frauen, die ihren Konsum auf dem Strich verdienen mussten. In der Zürcher Drogenszene gab man sich das Virus mit einer gebrauchten Spritze weiter. Die Zürcher Junkies waren wohl die am Besten über HIV informierte Bevölkerungsschicht Europas, nur war es ihnen meist einfach egal. (Mein Glück war wohl, dass ich Angst vor Spritzen hatte. Ich werde sogar bei Impfungen ohnmächtig.)

Es gab damals wohl niemanden, der nicht ein Familienmitglied, einen Mitschüler- oder Studenten, einen Bekannten oder einen Arbeitskollegen an HIV verlor. Ich weiss nicht, an wie vielen Beerdigungen ich war, an denen in der Kirche die Songs «Another One Bites The Dust» oder «Who Wants To Live Forever» spielten, quasi die Sterbe-Hits von Freddie Mercury, der selbst an HIV starb.

Das Tabu der Seuche war schnell gebrochen, jeder wusste von der Gefahr, Radios spielten Kondom-Werbesongs, die Stadt gab Spritzen ab. AIDS beherrschte eine Zeit lang die Medien. Und verschwand dann, im neuen Jahrtausend, aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit. Heute hört man im Tram Teenager darüber fantasieren, dass HIV heilbar sei. Ist es nicht. Und wenns denn einmal heilbar sein sollte, dann nur für uns hier im Westen. In Afrika, Asien, Russland oder Südamerika, wo sich AIDS noch heute so ausbreitet wie in Zürich in den 90ern, werden sich die Leute die Medikamente wohl kaum leisten können.

Nun,  einige von uns haben die Exzesse von damals überlebt. Genau wie Boy George die Neunziger überlebte. Und es macht wirklich Sinn, dass ich Boy George quasi auf der anderen Seite des Abgrunds wieder treffe, wo er mich an meine unschuldige Kindheit erinnert. Und an die Menschen, die ich seither durch das Virus verloren habe: Lorenz, Urs, Sandy, Monique und wie sie alle hiessen.

Nun, wie gesagt, wir hatten unheimliches Glück und haben überlebt. Und wir scheinen eine Aufgabe zu haben: Wir können die Leute daran erinnern, dass es vielleicht für uns hier sicherer ist, aber da draussen wütet das HI-Virus  immer noch. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal überlegen, wem Sie etwas spenden wollen.

Hier noch das übliche illegale, deshalb auch qualitativ schlechte, heimlich aufgenommene Video des Konzerts:

41 Kommentare zu «Boy George, AIDS & die verlorene Unschuld»

  • Bazillenschleuder sagt:

    @Dani
    Deine Ansichten machen selbst 2 Jahre später noch sprachlos.
    … geh‘ sterben.

  • Hallo…

    vielen Dank für den Artikel und alle Komentare.

    Ich war wieder dort, für einige Minuten, wie ich so oft, in meinen Gedanken zurückgehaltee.

    Winter 1983. es ist ein eisig kalter spätabend. Ich bin am Zürcher Bellevue. Gemischt unter den Passanten und Menschen, die auf ihren nächten Tramanchluss warten, vermischt.
    Drinnen, im Rondell, sind alle Bänke besetzt von zumeist junge, obdachslose Heroinsüchtige, Es war jämmerlich anzuschauen und
    sehr schmerzvoll, dazuzugehören.

    Ich stand da, in der kälte, da kam mir ein damals Gassenfreund mit seiner Lebenpartnerin. Er hatte etwas mitzuteilen.
    Soeben hatte man ihnen, im UNI-Spital mitgeilt, dass er einen Virus trage, dass übertragbar ist, durch Spritzen und sexuelle Kontakte…dass es in jedem Fall zum Tod führt und keine Behandlung dafür gebe.
    Seine Freundin hatte sich nicht angesteckt, weil sie die Drogen nicht pritze und sie immer geschützt Liebe machten, um eine Schwangerhaft zu verhindern.

    Wir hatten Spritzen geteilt, wir und alle. Es gab keine gratis Spritzen und manchmal schwierig sich neue zu verschaffen. Darum war er so verantwortlich mir und den Anderen dies mitzuteilen.
    Mitteilung
    Wenige Monate später war ich in einer Drogenentzugstation, wo ich untersucht wurde und mitteilten ich ei HIV+ Frühling 1984, ich war 21 Jahre jung.

    Wie die Meisten von uns dort, war ich straftätig geworden, so habe ich die Chance genutzt, die mir die Zürcher Justizdirektion gab, eine Masnahme… Ich durfte einer Therapie eintreten. Ich bin sehr dankbar dafür, es hat mein Leben gerettet.

    Ich lebe noch.
    Es geht mir den Umständen entsprechend gut und bin zur Zeit normal gesund und OHNE Behandlung. 30 Jahre nun. Was in diesen 30 Jahren war und wie es sich mit so einer schwerwiegenden Diagnostik, in der Gesellschaft lebt…. ist eine andere Sache.

    Nochmals vielen herzlichen Dank der Stadt Zürich- Ich liebe Zürich und ein grosser Teil meines Herzens, wird immer dort sein.

    Ich wünsche Allen einen wundervollen Sommer

    Liebe Grüsse
    Arlette Canales (Elche/España)

  • sepp z. sagt:

    War die Doris F. auch am Konzert?
    Welten, die da aufeinanderprallen.

  • Hélène Lindgens El-Arbi sagt:

    toller beitrag… stolz!

  • Dani sagt:

    Für mich etwas unverständlich ist, warum man zur Spendenanimation einer AIDS-Charety zur ausgerechnet einen verurteilten, drogenabhängigen sexualstraftäter engagiert, welcher durch seine „vorbildliche“ lebensweise wohl kaum zu einer Unterbindung der Verbreitung von AIDS beigetragen hat. Über Verantwortung und Schuld wird nicht gerne gesprochen, doch aus- und wegblenden sollte man dieses Thema auch nicht. Zur Eindämmung von AIDS braucht es vielmehr als Geld, viel Aufklärung und eben auch eine Veränderung der Lebensweise und der Lebensumstände.

    • Reda El Arbi sagt:

      Hm, ich dachte, nicht moralische Verurteilung schütze vor HIV, sondern Kondome …

      • Dani sagt:

        Und ich dachte mehr Aufklärung, Selbstverantwortung und Vorsicht bekämpf die Ausbreitung effektiver als nur Kondome. Die dogmatischen Ausschliessung von Moral dieser Sache sicherlich nicht dienlicher!

        • Reda El Arbi sagt:

          Naja, Aufklärung über Kondome, Selbstverantwortung beim Benutzen von Kondomen und Vorsicht im Umgang mit Kondomen. Ohne Kondome kein Schutz vor HIV, trotz aller Aufklärung, Selbstverantwortung und Vorsicht. Ausser, Sie wollen Sex nur in monogamen Beziehungen nach einem Test. Und dann, mein Lieber, leben Sie im falschen Jahrtausend. Moral ist etwas, das der Moralist braucht, um mit dem Zeigefinger auf andere zu zeigen. Wenn bei HIV Moral ins Spiel kommt, sind wir bald bei widerlichen Sachen wie „Du bist ja selbst Schuld.“

          Dann sind wir genau noch einen Millimeter von „Gottes Strafe für die Sünde“ entfernt. Und genau da könnte ich kotzen. Aber das ist ja nur meine persönliche Meinung.

          • Marcel sagt:

            Reda: Aber wenn man trotz Wissen und Aufklärung um die schützende Wirkung eines Kondomes mit einem Risikopartner ungeschützten Sex macht, dann ist man auch meist selberschuld, wenn es einem erwischt. Das hat gar nichts mit Moral zu tun sondern einfach nur mit Nachlässigkeit oder Blödheit…ist nun mal halt leider so, das Virus kennt keine Moral – nur die Gummisperre kann es aufhalten!

            • Reda El Arbi sagt:

              Naja, wer ohne Nachlässigkeit ist, werfe den ersten Stein. Ich kenn niemanden, der IMMER vernünftig war.

          • rentapwha sagt:

            aufklärung. und nochmals aufklärung.
            schuld ist wenig hilfreich. im gegenteil, bei unaids und anderswo finden sie argumente, studien etc welche stigmatisierung als treibende kraft der verbreitung sehen.
            wer mit diskriminierung und kriminalisierung rechnen muss, ist verletzlich. verletzlich heisst hier: nahe am risiko oder/und nahe an der gefährdung. evt ungetestet. ohne zugang zu behandlung.

            adequate risiko-einschätzung und darum -minimierung ist nur möglich, wenn die fakten zugänglich sind, wenn wissen möglich ist. unzensiert und ohne bewirtschaftung von unrealistischer ängstigung und sündenbockstrategie.
            zudem entsteht genau bei der schuld-anstatt verantwortungsfrage eine scheinbare sicherheit der menschen, die meinen, dass es sie ja nichts angeht. sie sind sauber. unschuldig, moralisch integer etc…

            übrigens das virus selber interessiert sich nicht für moral. es heisst nur retro-virus.

            tatsächlich gibt es *einfache* handlungsempfehlungen die einiges realistischer und zielführender sind in der handhabe.
            kommunikation, kondome, sterile einwegspritzen, sti-screaming und evt behandlung, schwangerschaft unter therapie oder nicht-nachweisbare virenlast bei erfolgreicher behandlung sind einige der möglichkeiten.

            kurz: schuld fördert die verbreitung. weltweit.
            hindert an kommunikation, zugang zu information , adequater risikoeinschätzung, zugang zu präventionsmittel/massnahmen und zugang zu behandlung.

          • Dani sagt:

            Auch wenn Sie für Kondome so argumentieren wie die National Rifle Association für den Schutz vor Kriminalität durch Waffenbesitz, wird das Präservativ trotzdem nicht zum ultimativen Allerheilsmittel gegen die Ausbreitung von AIDS. Kondome sind eine gut Sache, aber zentraler für den Rückgang der Infektionen ist die Reduzierung von Risikobegegnungen.. ob Sie das wahr haben möchten oder nicht. Ganz nüchtern betrachtet weisen die „moralististen“ Länder, wie z.B. Saudi Arabien die niedrigsten HIV-Raten auf. Moral ist nicht etwas, was der Moralist braucht, sondern die Gemeinschaft. In einer amoralischen Gesellschaft gibt es keine Würde und kein Respekt mehr. Moral hat die Funktion die Menschen davor zu schützen, sich gegenseitig zu verletzen oder unrecht zuzufügen. Moral hat nichts mit einem Gott zu tun. Wenn Sie es zum kotzen finden, wenn jemand AIDS als Strafe für sündiges Verhalten erachtet, was ich übrigens nicht tue, dann ist das eine überaus moralistische Ansicht. Ein enthemmter Hedonismus führt zu unethischem Verhalten. Wenn Sie das Grundprinzip von Ethos nicht verstehen, werden Sie auch nicht verstehen, warum es mehr als nur die Aufklärung über die Anwendung, Selbstverantwortung und Vorsicht beim Benutzen von Kondomen benötigt, um den Kampf gegen das HIV-Virus zu gewinnen. Aber vielleicht gibt es auch eines Tages eine medizinische Lösung.

            • Reda El Arbi sagt:

              Naja, ohne Kondom ist jede erste sexuelle Begegnung eine Risikobegegnung.

              Ihr Vergleich mit der NRA-Meinungsmache sagt eigentlich nur Eines: Sie sind unheimlich ignorant und versuchen, mit eigentlich kranken Vergleichen ihre Position zu unterstreichen. Fehlt nur noch, dass Sie irgendwo einen Nazivergleich einbauen. Dann sind wir auch gleich und sofort von Ihrer Meinung überzeugt. Ich schwör!

    • Marcel sagt:

      Reda: Logisch kannst Du nachlässig sein – Bei 33’400 HIV Positiven in der CH seit 1985, davon 9500 mit AIDS und schon viele davon gestorben ist die Chance relativ klein, dass man sich als Heti das Virus holt.
      Da bleiben noch rund 2000-3500 Frauen in der CH als potentielle Ansteckungsquellen mit HIV. Wenn man davon ausgeht, dass Dir davon vielleicht 25% gefallen, sind es noch einige wenige hundert und die Chance dass Du eine solche kennenlernst ist vielleicht 1:100 oder noch kleiner…dann ist die Chance wirklich minim – vermutlich holt man sich heutzutage eher einen Tripper als HIV (als 0815 Heti) bei einem Abenteuer.
      .
      Am Schluss entscheidet dann auch Glück oder Pech über eine Infektion. Aber wir können ja froh sein, dass wir im sexuellen Wohlfühlparadies Schweiz solche Zustände haben — im südlichen Teil Afrikas ist fast jede zweite Nachlässigkeit fatal

  • Ike Conix sagt:

    Sogar meine Grossmutter (sie war übrigens lange vor AIDS aktiv, aber auch damals gab es schon tödliche Infektionen) war damals begeistert von Boy George’s Musik. Bis ich dann zufälligerweise mal feststellte, dass sie die Gruppe Vaya con Dios bzw. Dani Klein meinte. Deren Stimme klingt tatsächlich ähnlich.

  • Jack sagt:

    Danke, für diesen Gefühl- gefärbten Beitrag aueiner anderen und doch neuen Zeit. Und Danke für das illeg Vid :-))

  • xyxyxy sagt:

    danke Reda – für diesen offenen Blog, der mich sehr angesprochen hat.
    Was es bedeutet, das tote Schiff überlebt zu haben, weiss nur einer, der dabei war.

  • tststs sagt:

    Wenn Platzspitz und Co eine gute Seite an sich hatte, dann diese: jeglicher Präventionsunterricht war hinfällig; ein Aug voll nehmen und man war wieder abgeschreckt auf Jahre hinaus…

    RIP Hampi…

  • Ramona sagt:

    Der Toten zu Gedenken ist wichtig. Aber welchen Sinn hat so eine Gala im kleinen, geschlossenen -informierten- Kreis?!
    Wäre es nicht wichtiger/sinnvoller die Jungend abzuholen?
    Warum organisiert man keine attraktive Parties/Konzerte für die aktuelle Zielgruppe die offenbar dringendst wieder mehr Informationen bedarf?
    Ein Ticket bekommt der, der online ein Info-/Aufkärungsquiz zum Thema HIV, Verhütung und Geschlechtskrankheiten absolviert…

    • Reda El Arbi sagt:

      Die Gala sollte Geld für die Aids-Prävention in Afrika sammeln. Aber Sie haben recht: Das Thema muss breiter und zielgerichteter an die Jugend adressiert werden.

      • Ramona sagt:

        Dass es auch um Spenden geht, ist schon klar. Und es ist auch wichtig, dass Länder unterstützt werden, die in der Prävention noch in den Kinderschuhen stecken. Aber würden die Spender das nicht auch machen, wenn sie kein entsprechendes Abendprogramm geboten bekämen?
        Mich nimmt bei solchen Anlässen immer wunder, wie da das Kosten/Nutzenverhältniss ist. Wie am Life Ball am WE in Wien… wieviel haben die ganzen Flugtickets, Hotelübernachtungen, technische Infrastrucktur…usw. wohl insgesammt so gekostet? Klar, über so einen medienwirksamer Anlass wird berichtet… und vieles läuft über Firmenspenden… trotzdem, hält sich da die Waagschale?
        Das ist einfach mal so ein Gedanke.

        • James sagt:

          Life Ball hat ein Budget von ueber 10 Millionen Euro. Uebrig bleiben 1.5 Millionen fuer die AIDS Hilfe! Es ist eine schrille Party wo sich Leute profilieren und zeigen wollen. UNITE AIDS Gala ist da ganz anders. Das Spital von Prof. Dr. Luethy in Zimbabwe welches durch die Swiss Aids Care International geleitet wird. Die Leute welche an UNITE teilnahmen gehen wegen der Unterstuetzung des guten Zwecks hin und um ihn zu unterstuetzen, und nicht um sich zu zeigen. Es ist kein Schaulaufen von Promis, auch wenn Supermodel Dji Dieng als Goodwill Botschafterin (bekam keine Gage) dabei war. Alle glauben an UNITE und Swiss Aids Care International weil UNITE authentisch und transparent ist.

  • rentapwha sagt:

    schade. da wäre mehr drin gewesen, ausser an der oberfläche zu kratzen und „nur“ an prävention zu erinnern.
    überleben hat noch ganz andere facetten.

    übrigens, vielleicht wär auch mal angesagt zu recherchieren: wem gespendet werden kann und zu welchem zwecke etc…
    oder warum bei der aids-charity leben mit hiv so kaum ein thema ist.

    • Reda El Arbi sagt:

      Ja, wahrscheinlich haben Sie recht. Nur, für einen Blogeintrag in dieser Grösse war das Ziel, die Gedanken überhaupt wieder mal auf das Thema zu bringen, die Diskussion wieder anzufachen. Wenn Sie zusätzliche Informationen einbringen wollen, nutzen Sie die Comment-Funktion, wir sind dankbar für jeden Input.

      • rentapwha sagt:

        wenn ich an verstorbene freunde und freundinnen und bekannte denke, merke ich oft, dass auch meine inneren bilder immer noch geprägt sind von damals. ich stolpere über veraltete ängste vor krankheitverläufen. viele von „uns“ langzeit-überlebendwen haben, je nach erfahrungs“schatz“ ihren persönlichen horror vor gewissen krakheiten. meiner heisst citomegalie bzw hirnbeteiligung.
        gleichzeitig verdränge ich immer wieder auch die möglichen folgen der lagzeitbehandlung. was auch durchaus „gesunde“ aspekte hat.

        oder ich erwische mich dabei etwas sehnsüchtig an die zeit zu denken, als viele in den communities noch engagiert waren.
        dass „wir“ heute von der einzigartigen medizinischen erfolgsgeschichte profitieren hat auch dazu geführt, dass privatisieren fast zur norm wurde. was nicht heisst, dass ich dies nicht nachvollziehen kann, bzw, dass dies nicht viele vorteile hat.

        manchmal ist überleben aber auch mit trauer und schwere, gar mit schlechtem gewissen verbunden. und mit dankbarkeit:
        viele verstorbene, in reichen wie armen ländern, haben- auch aktiv&massgeblich- einen beitrag zur forschung geleistet und sind beteiligt an unserem überleben. gerade in afrika und asien nicht oft unter ethisch zumindest fragwürdigen bedingungen.

        andere hatten nicht das glück zu überleben…da keimt manchmal die frage auf:warum ich?
        schwein gehabt.
        … und viele haben auch heute noch nicht das glück auch ins leben zurück zu finden, anstatt bloss zu überleben. ganz zu schweigen von all den menschen, welche keine zugang zu information, präventionsmassnahmen und behandlung haben. oder in angst vor ent-deckung ihrer erkrankung oder auch nur ihres lebensentwurfes (zum beispiel als homosexuelle) auch keine chance haben entweder mit risiken adequat umzugehen, geschweige denn selbstverständlich und anerkannt teil der jeweiligen gesellschaft sein zu können.

        trotzdem ist das überleben auch mit viel freude verbunden. denn wer hätte das gedacht? ich hatte vor 20jahren keine hoffnung auf mehr als eine verlängerte gegenwart. mit den verfallsdaten im gepäck, war an zukunftsplanung nicht zu denken. oft war die folge berentung, bruch in der karriere und zum beispiel auch grosse finanzielle einbussen.
        ich habe mir meine pensionskasse ausbezahlen lassen und in reisen investiert….sprich die altersvorsoge ist weg.

        heute bin ich priviligiert und vielleicht auch wieder übermütig genung sogar weiterhin an meine zukunft zu glauben.
        was mich aber erschüttert, ist, dass auch heute hiv-infektionen mit schuld und scham verbunden sind, dass die vorurteile nach wie vor diesselben sind und stigma und selbststigma zwar längst als motor der hiv-verbreitung anerkannt sind, aber kaum im zentrum der präventionsbotschaften zu finden sind.

        natürlich sind handlungsanleitungen unabdingbar, nur: aufklärung wäre mehr, als nur angst-bewirtschaften und risikominimierung. und dies ist als überlebende wirklich grund zur trauer, gerade auch in gedanken an alle, die wir verloren haben.

        .

  • KMS a PR sagt:

    hmja. in den 80ern sah die parade-transe ja noch ir-gend-wie sexy aus….heute ist er aufgeschwemmt und erinnert mich stark an harald glööckler.

  • Marcel sagt:

    Das schlimme ist ja, dass es heute oft fast wieder so unvorsichtig und unbedarft getrieben wird wie damals in den frühen 80er Jahren, wo man sich vielleicht mal einen Tripper holen konnte im schlimmsten Fall. Die HIV Infektion hat ihren Schrecken verloren, meinen doch viele Jugendliche heute, es sei mit genügend Pharmazeutika wieder heilbar.

    Welch weltfremde Zustände in Zürich noch bis 1986 geherrscht haben, zeigte folgendes Beispiel:
    In Zürich durften bis September 1986 keine Spritzen an Heroinabhängige abgegeben werden. Im Jahr 1985 drohte der damals noch amtierende Kantonsarzt Gonzague Kistler, unterstützt vom kantonalen Gesundheitsdirektor Peter Wiederkehr, Ärzten und Apothekern mit „patentrechtlichen Maßnahmen bis hin zum Bewilligungsentzug“, falls sie sich nicht an das Verbot der Spritzenabgabe halten würden. Erst im September 1986 änderte der Zürcher Regierungsrat die Heilmittelverordnung und gab den Spritzenverkauf frei.

    Dieser Entscheid hat in Zürich wahrscheinlich hunderte Leben gerettet, da sich das Virus erst um diese Zeit begann sich stark zu verbreiten.

    Unvergessen auch die zahlreichen Spots der Aids-Hilfe : Röllele, Röllele, Röllele…

    Von dem her ist gut, wenn das Thema AIDS immer wieder in Erinnerung gerufen wird – das oder der Virus (ursprünglich das Virus aber umgangsprachlich wurde daraus der Virus – macht ja auch Sinn, da ein Virus kein Geschlecht hat) lebt immer noch weiter und steckt auch heute noch zu viele Menschen an.

  • Barbara sagt:

    und ich denke wieder an die nächtelangen Diskussionen 1986 mit einem Arbeitskollegen der einen Bruder mit HIV hatte und an den Arbeitskollegen mit dem ich während der Schwangerschaft durch Bern geschlendert bin, ich kam vom Schwangerschafts-Untersuch und er vom Aids-Untersuch resp. von der Behandlung. Versuche zu verstehen und zu begreifen. Trauer, Angst und Trost. Das gehört für mich heftig zu der Zeit. Und hat mich geprägt bei der Kindererziehung. Ich wünsche meiner Tochter keine Aengste wie wir sie hatten. Man vergisst schnell… Gut werden wir ab und zu wieder dran erinnert. Danke für Deine offenen Worte, Reda.

  • Anouk B sagt:

    Guter und wichtiger Inhalt – Danke dafür …. traurig in Gedanken an die Verstorbenden….dennoch hoffnungsvoll für die Ueberlebenden…

  • Zujung Um Dabeigewesen-Zusein sagt:

    Ein ungewöhnlich intimer Stadtblog. Sorgt für einiges Nachdenken, leer Schlucken und Kloss im Hals. Und trotzdem – oder gerade deshalb: Danke, toll geschrieben!

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