«In Zürich ist zuviel los»

Über den Dächern von Zürich: DJ Kalabrese steht David Sarasin Red und Antwort.

Über den Dächern von Zürich: DJ Kalabrese steht David Sarasin Red und Antwort.

Ein Café an der Langstrasse. Ich warte auf Kalabrese, den Zürcher Musiker und Produzenten. Auf meinem Kopfhörer läuft derweil sein neues Album «Independent Dancer», das morgen erscheinen wird. Die Musik ist zurückgelehnt und gleichzeitig treibend. Vertraut knarren die für ihn so typischen Bässe. Darüber purzeln die Instrumente: Kuhglocken, Xylofone… diese Musik verströmt Wärme. Wie Kalabrese oder Sacha Winkler mit bürgerlichem Namen selber. Er setzt sich an den Tisch.

D.S.: Rauchst Du?
Kalabrese: Nein, ich habe noch nie geraucht. Warum?

Deine neuen Songs klingen wie der perfekte Soundtrack zu einer Zigarette auf dem Balkon. Abstand nehmen, in sich versinken, inhalieren. Einverstanden?
(lacht) Das kann man so sehen. Wobei mir in meiner Musik auch der gemeinschaftliche Gedanke wichtig ist. Leute zu vereinen, die sonst nicht zusammenkommen würden. Als DJ habe ich ja auch diese Aufgabe, eine wild zusammengewürfelte Truppe bei Laune zu halten.

Klingt Deine neue Platte deshalb so poppig?
Kann sein. Ich bin ein Harmoniemensch und beschreibe meine Musik lieber als Sommergewitter denn als Sturm.

Du bist schon Jahre im Zürcher Nachtleben tätig, auch als Mitbetreiber des Clubs «Zukunft». Wie geht es der Partystadt?
Früher steckte mehr Liebe im Detail. Die Partys waren origineller und spontaner, die Leute dementsprechend offenherzig. Heute ist alles viel mehr zum Geschäft geworden. Das Nachtleben ist ein Industriezweig wie andere. Im Grunde ist heute zu viel los in der Stadt.

Du bist mit der «Zukunft» Teil dieser Entwicklung.
Das stimmt natürlich, auch wenn wir immer versuchen, innovativ zu bleiben und ein Publikum anzuziehen, das nicht bloss konsumiert, sondern die Musik liebt. Es gibt jedoch Momente, da frage ich mich, wie es wäre, wenn die Zukunft weniger gut laufen würde und wir etwas Neues auf die Beine stellen müssten. Das könnte spannend sein.

Als Club hält sich die Zukunft seit Jahren von der Street-Parade fern. Warum eigentlich?
Die Street-Parade ist ein Auslaufmodell. Es ist dort weder Charme noch eine gemeinsame musikalische Idee zu spüren. Jeder macht, was er will, Hauptsache die Publicity stimmt.

Zurück zu Ihrer Musik. Seit Deinem Debütalbum sind sechs Jahre verstrichen. Wieso haben Sie so lange gebraucht?
Letztlich deshalb, weil ich nur etwas mache, wenn ich mich inspiriert fühle. Ich habe mit vielen Musikern sehr viel ausprobiert. Dabei ging es immer darum, diesen bestimmten Schwebezustand zu erreichen, wie man ihn vom Club her kennt. Doch der richtige Flow stellt sich eben nicht immer so leicht ein, also habe ich nichts rausgebracht. Ich bin kein Geschäftemacher, ich bin Künstler.

Wann funktioniert ein Track auf der Tanzfläche?
Die Musik braucht Swing. Der entsteht aus dem subtilen Zusammenspiel vieler kleiner Bestandteile. Ich experimentiere gerne mit afrikanischer Perkussion. Auf einem Track gibt es sogar Blockflöte. Ausserdem sollte man als Musiker den Blues spüren, weil er ein Weg ist, die Umstände, in denen man lebt, zu reflektieren. Und natürlich braucht es viel Bass. Ich bin süchtig nach Basslinien.

Was für einen Bezug hast Du eigentlich zum Sihltal, das Du auf einem Stück besingst?
Als kleiner Bub bin ich oft mit meiner Familie dahingefahren. Seither ist die Gegend jenseits der Allmend so etwas wie ein Sehnsuchtsort für mich. Es gibt dort wirklich noch diese Stille. In Kombination mit einer seltsamen Kargheit bekommt dieser Teil der Stadt für mich eine Art Magie. Solche Plätze sind wichtig, die Stadt wird ja immer überfüllter.

Wie vor Jahren am Letten, während der Opening Party. In den letzten Jahren hast Du da aufgelegt, nun nicht mehr. Wieso?
Heute würde ich höchstens noch am Closing spielen (lacht). Ich habe schon immer die weniger aufgeregten Sachen gemocht. Auch im Club entsprechen mir die Randzeiten viel eher. So gegen Schluss wirds richtig gemütlich, wenn die Leute ihre Anspruchshaltung bereits abgelegt haben. Da hat man als DJ viel mehr Freiheiten und kann die Gäste mit auf eine Reise nehmen.

«Independent Dancer» erscheint morgen. Plattentaufe am 1. Mai im Kaufleuten.

7 Kommentare zu ««In Zürich ist zuviel los»»

  • Daniel sagt:

    Ich habe alle Lieder gehört und der Sound ist genial! Lustig fand ich „Willkomme in Züri“, über den Chreis Cheib. Das Bildlich vorzustellen, genial!

  • Rico sagt:

    Sie oder nicht Sie , es ist ein gutes Interview. Und mit dem Staement bezüglich Streetparade trifft er den Nagel ziemlich genau auf den Kopf. At Extremis könnte man sagen dass es nicht mehr lange dauert und die Streetparade ist Sächsilüüta 2.0.
    Lieber ein Album in 6,7,8 acht oder mehr Jahren, dafür etwas das zeitlos zu schaffen ist gerade heutzutage eher selten in elektronischer Musik, Beatport lässt Grüssen. Deshalb Hut ab wenn sich Kalabrese lieber Zeit nimmt etwas mit Tiefgang zu creieren als nur hush hush ein rmx’s abzuliefern und ev selber eine zwei ep. produzieren um Geld zu machen. Das hat Zukunft 😉

  • Lorio sagt:

    Er wirkt authentisch. Mir gefaellt die Denkweise. Ich freue mich auf das Album und auf jeden Fall braucht es mehr Kalabreses in dieser Stadt. Hut ab und weiter so!!

  • Gregi sagt:

    Da unterhalten sich ein Journi und ein DJ über eine neue Platte, und sie siezen sich im (abgedruckten) Interview. Wie ‚oberschtier‘ ist das denn?..:-) Etwas mehr Lockerheit, die Herren! Sowieso bei solch einem Thema…..

    • Reda El Arbi sagt:

      Das ist erst im Print erschienen. Da müssen wir alle Siezen. Normalerweise Siezen wir hier nur Leute, denen wir nicht trauen 😀

      • Gregi sagt:

        Dann ist es wohl an der Zeit, die ‚Print-Regeln‘ (zumindest für solche Formate) mal neu zu definieren. Wir leben ja nicht mehr im vorletzten Jahrundert…:-)

        • Rolf Gnaedinger sagt:

          Ah,meine guete, definieren Sie doch mal die Print Regeln neu und schicken sies dem tagi, vielleicht koennen Sie ja den Rest Ihres Lebens in das stecken wenn Sie einen Sinn darin sehen? Koennte man nicht einfach mal alle noergelis blockieren (mich warsch inklusive da ich gerade am noergeln bin…)?

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.