Bist du Stadtzürcher?

Städter sind ja gut und recht. Doch nicht alle wollen sein wie sie. (Bild: Keystone)

Wie wichtig ist es eigentlich für in der Stadt lebende Menschen, sich als Stadtzürcher zu definieren? Ein Dauerbrennerthema, worüber zu sinnieren sich lohnt.

Man kennt das: Party, fremde Gesichter, fröhliches Geplapper. Und nach einer kurzen Kennenlernphase die Frage einer fast fremden Person: «Bist du ein Stadtzürcher? Ach, ich bin in der Agglo… Da beim Flughafen… Egal. Du?»

Erst mal: Es scheint einen Unterschied zu machen, ob man in der Stadt Zürich aufgewachsen ist oder, sagen wir, in Oberglatt. Irgendwas in der Ausstrahlung, in der Art, wie man sich bewegt. Wie man redet oder riecht. Projektionsfläche ahoi!

Und es stimmt ja auch: Die Vororte offerieren einem oftmals bloss ein dünnes Angebot an Lebensentwürfen – dafür ein umso breiteres an Rauschmitteln, das aber ist ein anderes Thema.

Klar ist: Wer sich für, sagen wir, Theater interessiert, muss sich in Niederhasli mit einer Laienbühne begnügen. Wer ins Kino möchte, sieht in Bülach bloss synchronisierte Blockbuster. Und wer gerne am Nachtleben teilnimmt, muss in Uster mit dem Pub vorliebnehmen.

Die Stadtzürcher dagegen haben es scheinbar einfacher. Die Subkulturen oder generell die Felder für experimentierfreudige Unternehmer sind hier vergleichsweise riesig. Du kannst dein Leben in der Stadt bestens abseits von Vereinskultur und Feuerwehr geniessen. Es gibt zahlreiche Alternativen zur Mainstreamkultur.

Das Angebot an Rauschmitteln ist in der Stadt zwar ebenso riesig, doch nehmen die Sachen hier sowieso viel mehr Leute. Und ja: Man spricht generell weniger über andere. Alles top.

Und das ist genau der Grund, warum wir alle in Zürich leben wollen, auch wir ehemaligen Agglo-Kinder – vorausgesetzt natürlich, wir finden eine Wohnung. Wir lieben die Anonymität, die kulturelle Vielfalt und das Grossstadtgefühl, das wir zuweilen auch gekonnt nachahmen – eine Zürcher Spezialität übrigens.

«Provinz ist eine Geisteshaltung und kein Ort», dies sagte mal ein gescheiter Mann. Doch stimmt das nur halbwegs. Denn die Umgebung formt meines Wissens auch den Geist. Ich halte mich deshalb lieber an Thees Uhlmann, den Sänger von Tomte, der einst sagte: «Du bringst die Leute zwar aus dem Dorf, doch das Dorf nicht aus den Leuten.» Soll heissen: Ich bleibe ein Agglo-Kind – und ich kann damit leben.

Und ist es am Schluss nicht viel eher so, dass diese sogenannten Agglos die Vorzüge der Stadt fast noch besser zu schätzen wissen als die Städter, weil sie den Kontrast am eigenen Leib erfahren haben? Wie ein Kind, das sein Leben lang in einer Höhle verbracht hat und plötzlich Tageslicht sieht?

Und wäre die spannendere Frage an einer Party nicht eigentlich die: Warum lebst du in Zürich? Wäre es nicht spannender, dem Stadtleben damit Konturen zu verleihen und es damit auch immer wieder zu prägen? Ausserdem müsste man dann nicht, wie so oft, bloss das Bedürfnis des Fragers nach Kategorien befriedigen. Das aber ist wieder ein ganz anderes Thema.