Casino: Ein Mann sieht rot

Stets lächeln sie, die Croupiers. Auch im neuen Casino in Zürich. Bild: Keystone

Nachdem alle über die Casino-Eröffnung berichteten, wollten wir vom Stadtblog nun noch den praktischen Nutzen dieses Spieltempels überprüfen. Lässt sich damit Geld verdienen? Oder macht es wenigsten Spass? Nach dem Aufenthalt, draussen vor dem Casino, quälten mich eher Fragen wie: «Soll ich nochmals kurz rein? Ein einziges Spiel vielleicht noch?»

Eine Stunde zuvor: Ein bulliger Mann im dunkeln Anzug checkte am Eingang die Kleidung. «Kein Kragen, kein Casino», sagt er. 120 Franken hatte ich in der Hosentasche, 30 wollte ich gewinnen, es war kurz vor Mittag.

Der Plan: Mir meinen heutigen Lunch durch Roulette erwirtschaften und die 10 Franken Eintritt wieder einnehmen, die jeder hier sowieso liegen lässt. Also 30 Franken. Das Vorgehen: Auf Rot setzen. Beharrlich. Konsequent. Verliere ich beim ersten Spiel, setze ich den Verlust beim zweiten wieder ein. 30 plus 30. Verliere ich wieder, 60 plus 30. Und so weiter bis 120.

«Wenn Sie viermal hintereinander auf diese Weise spielen, ist die Chance, dass Sie verlieren 7 Prozent», hatte Christoph Luchsinger, Dozent für Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik an der Universität Zürich am Telefon vor dem Besuch gesagt. Die Rechnung:  0,5 (entspricht 50 Prozent Chance) hoch 4, also 0,5 x 0,5 x 05 x 0,5. Was 6,25 Prozent Verlustchance ergibt. Rechnet man die Null mit, erhält man aufgerundet jene 7 Prozent, von der der Mathematiker spricht. Gar nicht so schlecht.

Kennen Sie noch ein anderes System, Herr Luchsinger? «Am besten, Sie spielen gar nicht, das Casino gewinnt am Schluss immer.» Doch: «Falls Sie unbedingt spielen müssen, setzen Sie besser einmal viel anstatt oft und wenig – und verlassen Sie nach dem Spiel das Casino schnellstmöglich.»

«Wo steht Tristesse Royale?»

Es bleiben noch 30 Minuten bis der Tisch öffnet. Im künstlichen Licht drücken bereits zahlreiche Leute im Pensionsalter auf zahlreiche Knöpfe, zahlreiche Lampen leuchten auf. Alle Spieler mit Hemdkragen, die meisten sitzen alleine vor ihren fiependen Kisten, die Namen tragen wie Diana’s Realm, Kitty Cash oder Midnight Diamonds. «Wo steht Tristesse Royale?», frage ich eine Bedienstete. «Haben wir nicht», sagt sie mir und lächelt ein Bediensteten-Lächeln.

Ob Casino-Sprecher Martin Vogel diese Leute hier mit meinte, als er im «Tages Anzeiger» von «gefährdeten Gästen» sprach, bleibt offen. Doch laut den «griffigen Sozialkonzepten» sollten ja eben keine «gefährdeten Gäste» ins Casino gelassen werden. Alles ok also.

Ein Mann in weinroter Weste setzte den Roulette-Tisch Punkt zwölf in Gang. Erstaunlich: Neben mir kauft einer Chips für 4400 Franken. «Haben Sie auch 4400?», fragt mich der Croupier und lächelt. Ich legte eine Hunderternote auf den Tisch. «Kleine Chips», bat ich, cool wie Lemmy «Ace of Spades» Kilmister.

Dann musste es schnell gehen: Beim allerersten Spiel des Tages setze ich sechs 5er-Chips auf Rot – mein Tischnachbar zehn Hunderter auf gerade. Die Kugel zirkulierte bereits um den Zylinder. Und bald: «Nichts geht mehr.» Die längste Pause der Welt. Die Kugel springt auf die rote Zwölf. Blut schiesst durch meinen Kopf.

Der risikofreudige Tischkollege hat soeben 1000 Franken gewonnen. Er blickt zu ernst drein, als dass ich ihm dazu gratulieren würde. Kurz noch drehe ich die Chips in meiner Hand. Und dann weg.

«Das Gesetz der grossen Zahl spielt gegen Sie», hallten Luchsingers Worte noch auf der Stauffacherbrücke in mir nach. Soll heissen: Das Spiel ist erst zu Ende, wenn ich tot bin. Doch wer lebt, muss essen.

35 Kommentare zu «Casino: Ein Mann sieht rot»

  • Daniel sagt:

    Schlussendlich muss ja jeder selbst wissen, wie weit er/sie gehen will und für sich selbst verantwortung übernehmen!

  • Pat sagt:

    «Kein Kragen, kein Casino» werden sich die Zürcher Daddelhallen-Betreiber wie ihre Gschpänli in Baden nicht lange leisten können – auch fette Hausfrauen in Jogginghose schieben Cash in die Automaten – und – das Casino gewinnt immer, auch an unpassend gekleideten Gästen!

  • Charlie Zimmermann sagt:

    Zwei Rechnungsfehler hat der Autor gemacht: Er hatte 120.- dabei. 10 Franken musste er Eintritt bezahlen – also hatte er noch 110.-. Er wollte 30.- setzen, hätte er verloren, würde er 60.- setzen, würde er wieder verlieren, würde er 90.- setzen, und falls es auch diese verliert, würde er 120.- setzen.
    Zwei Probleme: Wenn er auch die 90.- verlieren würde, hätte er also bereits 180.- verloren (30 + 60 + 90), selbst wenn er mit 120.- gewinnen würde, dann wäre er mit 60.- im Minus! 3 Mal verlieren ist sehr wahrscheinlich (13.5%)! Und trotzdem wäre er im Minus (aber in 6.75% hätte er am Schluss sogar ein Minus von 300.-)!
    Nun zum Problem zwei – er hatte nur 110.- dabei: Er verliert das erste Spiel: 30 sind weg, er verliert das zweite Spiel – also sind bereits 90.- weg. Er hat nur noch 20.- in der Tasche, er würde also nur 2 Runden überstehen! In 26% der Fälle wäre er also nach zwei Runen pleite (bis auf 20.-), und hätte 100 Franken im Casino liegen gelassen.

    Also – noch einmal nachrechnen;)!

    • Timo le Grand sagt:

      Es gibt eben schon Leute die kein Leben haben…

      • Charlie Zimmermann sagt:

        Ich gehe stark davon aus, dass Sie mich meinen? SInd für Sie also alle MathematikerInnen Personen, welche „kein Leben“ haben? Oder reicht dazu auch, dass man mathematische Grundkenntnisse hat? Grundsätzlich: Ich kann Ihnen versichern, dass ich ein Leben habe, ein ziemlich gutes sogar;). Für mich stellt sich eher die Frage: Haben jene kein Leben, welche mathematisch gebildet sind, oder sind es vielleicht doch eher jene, die Personen diffamieren müssen, da diese Fähigkeiten haben, die man selber nicht besitzt, oder deren Meinung man vielleicht als „nicht wertvoll“ einschätzt? In diesem Sinne, hoch die Tassen, ich geniesse mein (anscheinend inexistentes) Leben weiter:)!

        • Oliver sagt:

          @Timo le Naiv
          Diese Leute haben vielleicht kein Leben, dafür noch ihr Geld. Denn sie merken nicht erst nach der zweiten Runde am Roulett-Tisch, dass ihre Superstrategie nicht funktioniert ;).
          Danke für den Input Charlie. Korrekt hochgerechnet wird die Strategie, welche hier angewendet wird sehr schnell sehr teuer…

  • Marc Freyburger sagt:

    Welcher Soiniggel von Interior Designer hat eigentlich das Casino eingerichtet?

    • T.Z. sagt:

      Das ist ja wohl der beste Kommentar seit langem. Danke, schon lange nicht mehr so herzhaft gelacht!

      • Maya sagt:

        ..ich vermute stark, der Auftrag wurde irgendwie an Frau I. Beller vergeben, ihrer Wahl der persönlichen Outfits nach zu schliessen ist diese Vermutung gar nicht mal so abwegig 🙂

  • Rene sagt:

    Gute Milchbuchrechnung mit den Wahrscheinlichkeiten. Beim American Roulette gibts aber noch die grüne 0. Das lernt man an der Uni nicht. Somit stimmt auch die Theorie mit dem Verdoppeln nicht.

    • Reeth sagt:

      Aber genau lesen lernt man an der Uni…

    • Salvatore sagt:

      Rene, zero points: zurück auf Start und nochmals lesen.

      • dominik sagt:

        Und am Low-bet Tisch gibts im Amerikanischen Roulette sogar noch die grüne Doppel-Null. Das lernt man dann eher, wenn man am Tisch sitzt. Und die Theorie mit dem Verdoppeln stimmt trotzdem, die W’keit, dass man länger spielen muss, ist einfach ein bisschen höher.

        • Charlie Zimmermann sagt:

          Sie sagen es richtig: „Verdoppeln“. Der Autor wollte aber lediglich den kurzfristigen Verlust (des letzten Einsatzes) setzen, das heisst ab der dritten Runde würde er verlieren. Er hat nicht verdoppelt, sondern lediglich adiert;). (Siehe mein Post oberhalb).

  • Kevin Maria Sonderegger alias Philipp Rittermann sagt:

    casino ist eine art freikirche für menschen, deren bibel die slot-machine ist. und auch hier ist der glaube nicht freiwillig; denn die mehrzahl der nicht vermögenden schäfchen erliegen dem spieldrang. die paar gelangweilten aus der elitärschicht reichen nun mal nicht aus, um ein casino dauerhaft in der gewinnzone zu halten. somit bin ich eigentlich gegen die „casino-religion“.

  • Kevin Maria Sonderegger alias Philipp Rittermann sagt:

    he jungs – ist zwar off-topic aber trotzdem rege ich zu einem interkulturellen hauptstadt-wettbewerb an -> was macht eine hauptstadt aus – ist zürich nicht die wahre hauptstadt der ch?!

    http://newsnetz-blog.ch/kulturstattbern/blog/2012/11/07/parade-erinnerungen/#comment-23982

      • Kevin Maria Sonderegger alias Philipp Rittermann sagt:

        das ist in der tat ein anfang! ich finde aber, man sollte auch bern eine chance geben, ihre äh-stärken ausführlich zu publizieren. ich wäre somit für einen vergleich über die duellanten sartorius vs. el arbi. das gäbe eine interessante gegenüberstellung der städte mit posts beider lager! wir wollen zündstoff – yeah-baby-yeah!! gimme your vote!!

    • Pascal Jäggi sagt:

      off-topic finde ich gut, aber ich glaube Sie vergleichen die falschen Blogs Herr Rittermann. Die Berner haben seit neustem ein Ding, das sich der „Hauptstädter“ nennt. Ist von den Themen her dem Stadtblog näher (ob besser weiss ich nicht, Stadtberner Themen interessieren mich nicht brennend). KulturStattBern wäre dann eher sowas wie der Züritipp. Und die von den Kulturblogs haben ja „nichts anständiges gelernt“, um Sie zu zitieren. Der Vergleich ist also nicht sehr fair;)

  • g.d sagt:

    Sehr schön, aber wars das schon? Schade. Kommen sie schon Herr Sarasin, da liegt sicher noch ein bisschen mehr drin. Sie in solch einer Sündenburg…da ist der Film dazu in meinem Kopf schon beim Sequel.

  • Herbert Willi sagt:

    Die Strategie mit dem Verdoppeln des Einsatzes bei Verlust und dem ständigen Setzen auf nur eine Farbe habe ich selbst schon 3x angewendet und habe damit 3x das Casino „reicher“ verlassen als ich es betreten haben (bei ebenfalls nur kleinen Einsätzen). Die Frage, die sich mir stellt – ist das eigentlich legal, d.h könnte ich vom weiteren Spielen ausgeschlossen werden, wenn man mir auf die Schliche kommt? Die Frage ist auch interessant, weil ich das selbe ja mit sehr hohen Beträgen auch betreiben könnte …

    • Massimo sagt:

      Die Strategie ist legal, kann im kleinen funktionieren, ist aber nicht wirklich zu empfehlen. 2 Gründe: 1. das Casino riegelt die Einsatzhöhe gegen oben ab, irgendwann ist das mit der Progressierung zu Ende; die Verluste sind aufgelaufen. Die Gewinnmöglichkeit ist tief, maximal der Ersteinsatz schaut raus.

    • Gabriel G. sagt:

      Die Strategie ist weder verboten, noch verpönt. Viel eher von den Casinobetreibern erwünscht. Die Strategie geht so lange auf, bis nicht einmal eine relativ lange Serie der anderen Farbe auftaucht. Serien von 8x Schwarz oder 8x Rot kommen halt relativ häufig vor…und die Situation ist halt nicht gerade prickelnd, wenn man das 9x verdoppeln muss, um schlussendlich den Grundeinsatz zu gewinnen. Die Rechnung geht halt nur für das Casino auf. Im schlimmsten Fall, muss das Casino den Grundeinsatz bezahlen. Von mir aus auch 10-20x an einem abend. Aber dann kommt halt die Serie von 10x schwarz, in welcher man halt immer auf rot mit 5 franken begonnen hat und muss das 11x doppeln und setzt 5120 Franken um schlussendlich 5 Franken gewinn zu haben (sprich: 10235 Franken hat man bis da eingesetzt).

      Manche denken an dieser stelle, dass das sistem mit unmengen an geld funktionieren würde. Stimmt, dies wäre sogar möglich. Die casinos haben aber dieser möglichkeit auch schon einen riegel geschoben: Jeder tisch hat einen Tischmaximum. Sprich man kann höchstens eine bestimmte summe xy pro farbe, pro zahl, pro drittel ect. setzen. Sobald man an diesem Maximum angekommen ist, kann man auch nicht mehr verdoppeln.

      die wichtigste frage ist aber eher: will man einen 3-4stelligen betrag setzen um schlussendlich 5 franken zu gewinnen?

      • Marc sagt:

        @Gabriel: Stimmt schon was sie sagen bis auf einen Punkt. Man läuft schlussendlich natürlich nicht mit dem Grundeinsatz zur Türe hinaus falls man nicht alles verliert. Die gewonnen Runden behält man. Bsp. Setze 10, gewinne, setze 10, gewinne, setze 10, verliere, setze 20, verliere, setze 40, gewinne…alleine der letzte Gewinn deckt meine Verluste + Grundeinsatz, die Gewinne aus den ersten Runden habe ich jedoch immer noch.

    • Roger sagt:

      Die Strategie funktioniert auf Dauer nicht. Beispiel: Der Ersteinsatz ist 10 Fr., die Wahrscheinlichkeit, dass man 6 Mal hintereinander verliert ist 1.8%. Wenn man dann verliert, verliert man 630 Fr. Der mögliche Gewinn von 10 Fr. beträgt aber nur 1.6% des möglichen Verlustes. Auch wenn das Risiko eines Verlustes klein ist, auf Dauer verliert man mehr, als man gewinnen kann. Deshalb ist diese Strategie auch nicht verboten.

      • Andreas M. sagt:

        Am ehesten würde dieses System funktionieren, wenn ich mit dem ersten Einsatz warte, bis bereits viermal Rot gekommen ist (oder viermal gerade Zahl), und dann auf schwarz setze. Wenn ich über längere Zeit konsequent nur nach einer solchen vierer Serie Geld setze, ist die Wahlscheinlichkeit mit mehr Geld heim zu gehen grösser als irgendwie sonst. Das Problem liet jedoch in der Disziplin!

        • Patrik Eschle sagt:

          Der Tisch sollte keine Gedächnis haben, ein guter Zufallsgenerator hat keines. Die Wahrscheinlich für rot oder schwarz ist immer 50 %, auch wenn vorher 10, 100,1000 mal die gleiche Farbe gekommen ist.

        • Matt sagt:

          Das ist ein verbreitetes Missverständnis. Die Chance, dass nach vier mal rot gleich noch mal rot kommt, ist genau gleich gross wie die Chance, dass dann schwarz kommt, nämlich knapp 50% (weil es noch die „0“ gibt, sonst wäre die Chance genau 50%). Der Tisch hat kein „Gedächtnis“. Oder anders gesagt: Die Kombination rot – rot- rot – rot – schwarz kommt genau gleich häufig vor wie rot – rot – rot – rot – rot. Da hilft alles Zählen und Taktieren nichts – beim Roulette gibt es keine anwendbare Strategie – es ist pures Glück, wenn man gewinnt. Ein Schimpanse, der zufällig einen Chip auf den Tisch wirft, hat die gleichen Gewinnchancen wie der Mathematik-Professor.

        • Thomas Lanz sagt:

          Sie tappen in die Folgende Falle. 10x Rot ist zwar relativ unwahrscheinlich. Wenn allerdings schon 9x rot gefallen ist, ist auch der ganze unwahrscheinliche Teil schon vorbei. Übrig bleibt dann nur noch die knapp 50% Wahrscheinlichkeit, dass nocheimal (also zum 10mal) Rot kommt. Grundsätzlich gilt, je öfter Sie im Casion spielen, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Casino gewinnt und Sie verlieren.

    • Salvatore sagt:

      Ist legal und eine totsichere Verdienstmöglichkeit, Herbert. Am besten gleich das Ersparte abheben und auf zum Haus Ober. Tipp: möglichst mit hohen Einsätzen anfangen.

  • Elisabeth sagt:

    Ich danke für einen unterhaltsamen Artikel!

    • Felix sagt:

      Ich danke für die unterhaltsamen Kommentare.
      Bin erstaunt, wie sehr sich einzelne Leute hier komplett überschätzen: Wäre eine bestimmte Strategie (wie Verdoppeln nach Verlust) wirklich erfolgreich – glaubt hier tatsächlich jemand, da hätten Spielen nicht schon vor 100 Jahren die Casinos ruiniert damit? Gäbe es einen „Trick“, er wäre längst bekannt, da brauch ich (Laie) nicht mal nachzurechnen.

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