Züspa oder zurück in die Kindheit

Hello Züspa – und danke für den netten Empfang.

Ein Freitagnachmittag in Oerlikon. Adrett frisierte Rentner schreiten gruppenweise von der Tramstation zum Eingang der Messehallen, wo an der Sonne vor einem nachgebauten Chalet bereits Raclette serviert wird. Das Käfeli gibts hier für einen Franken zusätzlich mit Schuss, im Hintergrund wirbt ein Radio mit: «Das isch Züri». Was passt. Denn nirgends tritt das städtische Gewerbe konzentrierter auf als hier. Die Zürcher Herbstmesse ist so was wie das «Tagblatt der Stadt Zürich» zum Anfassen.

Als Junge bin ich jeweils mit Plastiktüten bepackt durch diese heiligen Hallen der Kleinbetriebe stolziert. Voller Erwartung auf Werbegeschenke oder auf die eine oder andere Konfrontation mit der Erwachsenenwelt, für die ich dieses Reich der Fernsehgeräte, Sofaecken und Allround-Mixer damals hielt.

Nun watsche ich also wieder durch die Züspa, als Erwachsener zwar, doch immer noch mit einer Tüte in der Hand. Und fühle mich von Beginn an wohl. Wohin man schreitet, lächeln die Menschen ihr zugeneigtes Verkäuferlächeln und reagieren stets freundlich auf Fragen – selbst wenn man keine Sekunde ausstrahlt, je etwas kaufen zu wollen. Trotzdem erfahre ich Details zu abgeschrägten Rollladensystemen (die Werbung dazu: «Die Besonderen»), zu Ethanol-Kaminen für die Stube («vom Feinsten») oder zur vollautomatischen Katzentoilette («The Dream for Cats»). Bei der Stadtpolizei schiesse ich ein Verbrecherfoto (!) zum Mit-nach-Hause-Nehmen.

Doch auch das Kulinarische lohnt einen Besuch: Vom Fondue-Chinoise-Sösseli bis zum Rafzer Landwein gibts alles. Gleich bei der Rolltreppe im Untergeschoss liegt ein Raclette-Stübli, welches ich erst mal auslasse, stattdessen nehme ich einen Aperitif an der Cynar-Bar. Denn man trinkt früh an der Züspa.

Die alleinigen Könige der Messen treffe ich kurz darauf. Die Marktschreier präsentieren im Scheinwerferlicht Produkte wie den Maspo-Super-Schwamm oder den Ronic-Allround-Mixer. Ein kerniger Mittfünfziger im Kurzarmhemd kredenzt mit Letztgenanntem innert weniger Minuten eine annehmbare Meerrettichsuppe. Die 50-jährigen Frauen und ich sind erfreut. Seine Fingerfertigkeit verblüfft und muss jahrzehntelanger Erfahrung verschuldet sein.

Auf diese greift auch die Dame um die 50 am Stand der Dusch-WC-Systeme zurück, die mir detail- und kenntnisreich den aufsetzbaren Toilettenring mit integrierter Wasserdusche für Anus oder Vagina vorstellt. «Mit diesem Strahl lösen Sie jede Verstopfung, er ist so stark wie ein Einlauf», sagt sie. Sie spricht ruhig und professionell, als ginge es um Hausratsversicherungen. Warum auch nicht.

Es ist diese Professionalität, die selbst Verkäufern von nutzlosen Dingen Würde verleiht, denke ich. Ihre absolute Spezialisierung, ihr Expertentum. Gleichzeitig wirkt aber ihr eiserne Glaube von Herstellern und Kunden ans Glück, das mittels  Eigenheim eintreten soll, zumindest befremdend.

«Eine Marktlücke», heuchle ich dann und wann, ganz der Erwachsene, der ich geworden bin. Trotzdem bin ich angetan von der Mischung aus unbewusster Verrücktheit und Gemütlichkeit, die uns die Züspa offeriert. Und die einem auch Zürich ein Stück näherbringt. Nachdem ich 20 Stutz bei der Tombola liegen gelassen habe, bestelle ich zum Abschluss noch «es Käfeli mit Schuss». Was sonst.

Der Marktschreier kredenzt in wenigen Minuten eine annehmliche Meerrettichsuppe.