Unter die Rollen – die Girlz und ich

Wenig Platz für schlüpfrige Gedanken: Der Autor umringt von Rollergirlz.

Kampfbereit ins Spiel: Der Autor umringt von Rollergirlz.

Ein Sturz. Ein Pfiff. Ein Schiedsrichter, der schreit: «Verlassen Sie den Platz, das wars nun für sie!» Dabei wollte ich bloss mittun, mit den Zürich City Rollergirlz, die mich für ein Training eingeladen haben. Und mich an diesem Abend ausstatteten mit Helm (zu klein), Gelenkschonern und vor allem – Rollschuhen.

So bekleidet warteten wir in der Halle des Puls 5, dieser ehemaligen Industriehalle, die bereits zum zweiten Mal in ihrer Geschichte zur Ruine wird. So ist die Halle meist leer – bis abends um Sieben die Girlz anrollen.

Hier warteten nun also rund 20 junge Frauen, viele tätowiert,  mit Namen auf ihren Shirts wie Bunny Butcher oder Pink Riot Rocket, alle mit Hotpants und Strümpfen. «Und du schaust, dass es keinen Unfall gibt!», sagt die Trainerin zu ihrer Kollegin – und ich weiss, sie meint mich.

Und sie hat recht! Wie lange ist es her, seit ich das letzte Mal auf Rollschuhen stand? 25 Jahre? 100? Also auf solchen mit vier Rädern und zwei Achsen, die gibt es ja heute nur noch im Museum oder beim Spezialisten. Wie nur sollte ich mich mit den Dingern ins Gefecht stürzen? Ich lächelte und schwitzte gleichzeitig.

Die Mädchen zogen ihre ersten Bahnen, während ich ein paar Extralektionen erhielt. «Richtig fallen ist das Wichtigste», sagte die Trainerin. Ein schöner Satz, dachte ich. In die Realität umgesetzt, büsste er freilich von seiner Poesie ein. Ich plumpste zwei-, dreimal aus voller Fahrt auf die Knieschoner, schaute mich um, wartete auf das Kichern der Girlz, das ich dann und wann auch durch die Halle echoen hörte.

Ich war bereit für die erste Runde, schloss mich dem rollenden Trott an. Der Boden war glatt wie Stahl. Das Rollschuhlaufen gelang besser als gedacht. Doch waren wir nicht zum Rollkunstlauf gekommen, es ging um Checken, Durchtanken, Schreien und eben: richtig Fallen.

Kurz die Regeln: Zwei Teams drehen in einer ovalen Bahn ihre Runden, fünf gegen fünf. Vier pro Team bilden fahrenderweise Mauern, eine Person vom anderen Team muss durch die Mauer hindurch. That’s it.

Das Resultat ist ein massives Chaos, zumindest an diesem Abend. Eines freilich mit zahlreichen Verboten: keine Ellbogen, keine Hände für Checks, bloss Schultern und Hüften, denn «Frauen haben Power in der Hüfte» (Trainerin). Man möchte ihr nicht widersprechen.

Doch für schlüpfrige Gedanken blieb wenig  Zeit. Vielmehr war ich damit beschäftigt, mitzurollen, und kämpfte mental gegen meine immense Deplatziertheit an. Denn ich war nicht nur der einzige Mann (neben dem Schiedsrichter), sondern auch eineinhalb Köpfe grösser als die meisten, und mindestens doppelt so schwer.

Dies wollte ich mir im Spiel zum Vorteil machen. Doch nach einem Massencrash, dessen Verursacher am Schluss nicht mehr auszumachen war, stellte mich der Schiedsrichter harsch vom Platz – auf welchem er schliesslich der Hirsch war. «Foul!» schrie er und setzte mich auf die Strafbank, wo ich Liegestützen machen musste. Ela No Regrettes betreute mich: «Er war jetzt etwas streng.»

Doch im Spiel hat niemand Rücksicht genommen, was mir gefiel. Bisweilen erhaschte ich beim Vorüberfahren sogar böses, von Zahnschonern verzerrtes Lächeln. Auf in den Kampf!

Warum macht ihr diesen Sport? «Er ist körperlich und gleichzeitig ästhetisch», sagte etrwa Ela No Regrettes. Es hat etwas für sich. Bisher sind die Zürich City Rollergirlz aber das einzige Team in der Schweiz. Deshalb reisen sie schon mal für Spiele ins Ausland, nach Wien, oder Ludwigsburg.

Schaut man sich die Videos etwa der Schwedischen Liga auf Youtube an, kriegt man noch mal eine ganz andere Idee vom Spiel.

Was mich betrifft, warf ich nach eingangs zitiertem Ausruf des Schiedsrichters den Beutel hin. Ich war eine Gefahr, vor allem für mich selbst. Wieder so ein Satz wie aus dem Arthouse-Drama. Wie dieser: Richtig fallen ist eine Kunst. Beim nächsten Mal wohne ich dem Derby von der Tribüne aus bei. Denn aufnehmen werden mich die Girlz ja nicht.

Website: rollerderby.ch

Wenig Platz für schlüpfrige Gedanken: Der Autor (hinten) ringt um Fassung.

Wenig Platz für schlüpfrige Gedanken: Der Autor (aussen) ringt um Haltung.

1 Kommentar zu «Unter die Rollen – die Girlz und ich»

  • Chris sagt:

    Einfach mal „Whip It“ anschauen. Neben dem, dass es ein toller Film ist kriegt man die ganzen Rollerderby Regeln mit. 🙂

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.