Röbi schafft das

Beni Frenkel am Donnerstag, den 21. September 2017

Zuckeranteil in Schokolade? Immer ein Thema bei der Ernährungsberatung. (Foto: Doris Fanconi)

Viele denken, der Besuch bei der Dentalhygienikerin sei das Schlimmste auf Erden. Das ist natürlich Blödsinn. Häufig stammen solche Pauschalisierungen von Menschen mit wenig Lebenserfahrung. Der grässlichste Ort ist ganz klar die Ernährungsberatung. Ich gehe da jeden ersten Mittwoch im Monat hin. Wegen meines Diabetes. Die Frau Ernährungsberatung freut sich jedes Mal, wenn ich komme.

Auf ihrem Tisch liegt ein Stapel Karten mit Bildern von Lebensmitteln. Daneben eine Dose mit Zuckerwürfeln. Frau Ernährungsberatung deckt eine Karte auf: Ketchup. «So, Herr Frenkel, heute haben wir Ketchup. Wie viele Zuckerwürfel stecken wohl in einer Flasche?» Ich nehme fünf Würfelzucker. «Bitte bauen Sie einen Turm damit.» Mache ich. Er sieht aus wie der Freitag-Tower bei der Hardbrücke. «Mehr, Herr Frenkel, viel mehr!» Ich nehme nochmals fünf Würfel. «Mehr!»

Sie greift jetzt auch in die Dose, unsere Fingerkuppen berühren sich. Erotische Gefühle kommen aber nicht auf. Am Ende türmen sich 60 Würfelzucker in die Höhe. Die Bauzeit dauerte fünfzehn Minuten, weil der Turm immer wieder in sich zusammenfiel. Normalerweise hätte ich längst den Raum verlassen, aber das geht hier nicht. Frau Ernährungsberatung ist eine strenge Lehrerin. Eine Lektion geht 45 Minuten. Wir bauen viele Zuckertürme. Es gibt ja noch Gipfeli, Schokolade und Joghurt.

Die letzte Session war aber spannend. Ich lernte bei Frau Ernährungsberatung, dass Schnaps keinen Zucker enthält. Kein Zucker? Das ist toll, denn ich bin bei Röbi eingeladen. Lange hatte ich mir überlegt, was ich Röbi schenken könnte. Er ist arbeitslos. Eigentlich habe ich zu Hause ein passendes Buch: «Richtig online bewerben». Aber Röbi ist kein Büchernarr. Der liest keine Bücher. Also habe ich im Coop einen mittelpreisigen Schnaps gekauft. Der arbeitslose Röbi wohnt in Wallisellen. Ich steige in den Bus. In der Hand den Schnaps. Es ist sechs Uhr abends, und die Leute gucken mich doof an. Darf man in Wallisellen nicht mehr mit einer Flasche Schnaps herumlaufen? Röbi winkt mir zu. Er hat schon alles vorbereitet.

Im Ofen brutzeln Schnitzel. «Du, Röbi, die darf ich nicht essen. Die sind unkoscher und enthalten zehn Würfelzucker.» Er guckt mich traurig an. Er ist schon den ganzen Tag am Schnitzelbacken. Ich zeige ihm den Schnaps, und da muss auch Röbi lachen. Wir setzen uns in den Garten und öffnen die Flasche. Ich gucke mir Röbi genauer an. Mein arbeitsloser Freund lebt allein. Er trägt ein dreckiges T-Shirt. Die Gesichtshaare hat er seit mehreren Tagen nicht entfernt. Hätte ich ihm doch das Buch «Richtig online bewerben» mitgebracht. Ich bin etwas gehemmt. Worüber redet man mit Arbeitslosen? Ich frage ihn: «Röbi, schaust du dir jetzt mehr Erotikfilme an?» Er schüttelt den Kopf. Er muss jeden Monat zwölf Bewerbungen schreiben. An wen? Völlig unwichtig. Hauptsache zwölf Bewerbungen.

Nachdenklich trinken wir das erste Gläschen leer. Beim dritten sind wir fröhlicher. Irgendwann stehen wir auf und singen. Der Nachbar klopft an die Scheibe. Die Flasche ist leer. Über uns donnert ein Flugzeug. Röbi wird wieder traurig: «Kommst du mich wieder besuchen?» Ja, das mache ich. Röbi, du schaffst das!

Generation Flixbus

Miklós Gimes am Mittwoch, den 20. September 2017

Auf der Post herrschte Betrieb, drei Minuten Wartezeit waren angezeigt. Junge Frauen mit Kinderwagen standen zwischen den Gestellen, neue Leute kamen herein, die Wartezeit kletterte auf vier Minuten, ein Mann mit einem Baby im Tragtuch klemmte sich zwischen die Kinderwagen, die Wartezeit betrug jetzt fünf Minuten.

Am Schalter rechts zählte eine Frau Kleingeld ab, vor dem mittleren Schalter war ein Gespräch im Gang, eine kleinere, ältere Frau, dem Akzent nach Spanierin, hörte nicht auf zu reden. Dabei hatte sie schon bezahlt, doch jetzt senkte sie ihre Stimme ins Vertrauliche. Sie trug einen wattierten Regenmantel, Foulard, Brille, kurze Haare, so sehen spanische Arbeiterfrauen über fünfzig aus. Das kann noch lange dauern, dachte ich.

Im Süden würdest du diese Szene mögen, sagte ich mir, das Getratsche und Gerede. Das ist Lebensqualität, würdest du denken, dass man sich einen Schwatz gönnt. Mit dem Onlineservice verschwindet das alles, und genau deshalb kämpfen die Leute um ihre Poststellen, damit das bleibt, dass sie miteinander reden können.

Vielleicht hat sie niemanden, die mollige Spanierin, dachte ich, niemanden ausser das Fernsehprogramm. Die junge Postbeamtin war nett, trotz der Schlange, das ist Sozialarbeit, was die auf der Post machen, dachte ich und fragte mich etwas beschämt, wann ich das letzte Mal auf der Strasse mit jemandem gesprochen habe, einfach so? Mit unbekannten Menschen?

Das junge Paar mit den Rucksäcken kam mir in den Sinn. Wo die Busstation sei, hatte das Mädchen gefragt, sie sprach unverständliches Deutsch. Nach Stuttgart wollten sie. «Flixbus?», fragte ich. Sie nickte. Flixbus, das sind die grünen Busse, die der Bahn die Kunden wegnehmen, weil sie unschlagbar billig sind, von Zürich nach Stuttgart zahlt man etwa 12 Euro, kommt auf die Nachfrage an, wie bei den Flugtickets. Flixbus ist der Uber des Fernverkehrs.

Ich erklärte den beiden den Weg zum Carparkplatz und wie man ein Billett der VBZ löst, die Fahrt mit dem 161er und dem 11er ist etwa gleich teuer wie die Busreise nach Stuttgart. Sie stiegen ein. Das ist die Flixbus-Generation, dachte ich, die Europa mit dem grünen Bus entdeckt, die Interrail­-Reisenden unserer Zeit.

Interrail war Anfang der Siebzigerjahre eingeführt worden, mit dem Ticket konnten junge Menschen in den Sommerferien überall in Europa herumfahren. Vorher waren die Jungen mit Autostopp gereist. Doch irgendwann war das aus der Mode gekommen, die Jungen hatten mehr Geld, man konnte sich ein Bahnbillett leisten.

Im Vergleich zum Flixbus war Interrail das Paradies. Man konnte die Beine strecken, im Zug herumspazieren, aussteigen, es gab einen Speise­wagen. Im Flixbus sitzt man zusammengepfercht, dem Nachbarn ausgeliefert, seiner Ausdünstung, seiner Musik. Mit dem Interrail-Billett holte man die Jugend in die Eisenbahn der Mittelklasse. Heute fährt die Jugend Flixbus, das Verkehrsmittel des Proletariats.

Kürzlich sah ich wieder ein junges Pärchen mit einem Karton an der Strasse stehen, «Basel» stand darauf, in grossen Buchstaben. Autostopper. Ich hätte gern mit ihnen gesprochen. Auf der Strasse, einfach so.

Herbstkind

Réda El Arbi am Dienstag, den 19. September 2017
Herbst ist eine der vier besten Jahreszeiten der Stadt.

Herbst ist eine der vier besten Jahreszeiten der Stadt.

Wenn das schräg unter den Wolken einfallende Herbstlicht scharfe Konturen aus dem diesigen Himmel reisst, fällt die spätsommerliche Leichtigkeit von mir ab. Erste bunte Blätter kleben in den leicht angerosteten Tramschienen und teilen mir mit, dass meine jährliche Zeit der Besinnung fröstlend vor der Tür steht.

Es ist die Zeit der letzten Freiluft-Mittagsmahlzeiten – in Schichten gekleidet – unter der schwächelnden Sonne über der Bäckeranlage, mit Gesprächen durch kleine, erstmals sichtbare Dampfwölkchen über dem Tee. Nebenan wälzen sich Goretex-gesicherte Kinder in der feuchtkalten Wiese und drücken sich braungrüne Mosen in die Knie ihrer sauberen Hosen – beaufsichtigt von Müttern und Vätern, die sich morgens zu optimistisch gekleidet haben. Die echten Zürcher haben ihre freundlich lächelnden Sommergesichter wieder tief in die Taschen gepackt und zeigen sie nur an versteckten Ecken guten Bekannten.

Die Natur lässt ihre unanständige Fruchtbarkeit für ein paar Monate hinter sich.

Die Natur lässt ihre unanständige Fruchtbarkeit für ein paar Monate hinter sich.

Ich bin ein Herbstkind. Und der September hat mir wohl einen nicht unwesentlichen Anteil irischen Pathos ins Gemüt gesetzt. Natürlich liebe ich den Frühling mit seinen spriessenden Versprechen, auch den Sommer in der Stadt, die Fröhlichkeit, die heissen, späten Nächte, die Sonnenaufgänge mitten in der Nacht mag ich.

Aber im Herbst bin ich vollständig, versöhnt mit den dunklen Seiten des Lebens und der Stadt. Nicht depressiv, aber mit einem guten Schluck Melancholie. Mit Rahm und drei Stück Zucker. Es ist die Zeit, in der man sich wieder in seinen vier Wänden breitmacht, während der Nieselregen draussen Menschen in Halbhandschuhen auf dem Heimweg durch die frühe Dämmerung durchnässt.

Man freut sich nach der Arbeit mehr auf Zuhause, schläft am Wochenende ohne schlechtes Gewissen länger aus. Man isst lieber, mehr und besser, und die Bikini-Figur gehört einem vergangenen und zukünftigen Albtraum an. Es wird kälter, man wird fetter und bald malen Kinderfinger Herzchen und Penisse an beschlagene Tramscheiben. Verliebte Pärchen grübeln gemeinsam Würmer aus den heissen Marroni, bevor sie die Säckchen mit Inhalt wegschmeissen und ihren Lippen mit Küssen bessere Beschäftigung geben.

Nebel und nicht der Dampf der jugendlichen Kiffer zieht über das Wasser.

Nebel und nicht der Dampf der jugendlichen Kiffer zieht über das Wasser.

Das Sofa gewinnt seinen emotionalen Wert zurück, Netflix und DVD ersetzen die Nächte mit Freunden auf Bänken vor Bars. Singles migrieren von den Badis in die Clubs, um vor Weihnachten noch ein warmes Gschpusi für die gemütlichen Wochenenden zu ergattern. Liierte Männer richten ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Partnerinnen, befreit von sommerlichen Zwang ihres Reptilienhirns, der sie auf jedes Stückchen Haut reagieren liess.

Man lässt sich gehen und hat Erholungszeit bis der Advent mit seinem harten Konsumterror und den unsäglichen Firmenweihnachtfesten brutal in die Gemütlichkeit einbricht.

In diesem Sinne: Geniessen Sie den Herbst. Er ist eine der vier besten Jahreszeiten der Stadt.

K.o.-Tropfen, Zivilcourage & Mr. Hyde

Alex Flach am Montag, den 18. September 2017
K.o.-Tropfen sind die hinterhältigste Art der Grenzüberschreitung.

K.o.-Tropfen sind die hinterhältigste Art der Grenzüberschreitung.

«Isch d Luisa da?» – Diese Frage werden Zürcher Barkeeperinnen und Barkeeper der Bar- & Club Kommission Zürich und der Frauenberatung an der Langstrasse dank des Engagements der journalistischen Plattform tsri.ch künftig öfter hören.

Geboren wurde Luisa in Lincolnshire in England unter dem Namen Angela: Dort können seit Anfang 2017 Frauen bei Belästigung das Barpersonal von Nightlife-Lokalen nach ihr fragen. Dieses führt die Betroffene dann umgehend in ein Hinterzimmer des Lokals, in dem man sich um sie kümmert. Bei schwereren Fällen auch unter Beizug der Polizei. Diese simple aber sehr effektive Idee bewährt sich seit einigen Monaten auch in Deutschland. Dort wurde aus der Angela eine Luisa. Vielleicht wegen der Namensverwandtschaft zur Bundeskanzlerin.

Der Erfolg von Luisa und Angela beweist, dass Belästigung in Bars und Clubs an der Tages- respektive Nachtordnung ist. Verwunderlich ist das nicht: In dieser mit Testosteron, Alkohol, treibender Musik und oft auch Drogen komprimierten Atmosphäre, lassen Viele nicht nur ihre Hemmungen, sondern auch ihre gute Kinderstube fallen. Aus einem nüchternen Dr. Jekyll wird dann ein besoffener Mr. Hyde. Und Mr. Hyde belästigt nicht nur gerne Frauen, er giesst ihnen auch K.o.-Tropfen in den Drink, prügelt sich mit anderen Mr. Hydes und bisweilen greift er auch zum Pfefferspray, um sich möglichst zweifelsfrei als Vollpfosten zu profilieren.

Manche dieser mentalen Vakua gehen ihrem unsäglichen Tun auf dermassen talentiert Weise nach, dass man versucht ist, laut über Sinn und Unsinn einer gemeinsamen Hausverbotsliste für alle Clubs und Bars nachzudenken. Nicht bloss weil sie ihren Opfern die Party verderben und vielen anderen kollateral gleich mit, sondern weil sie es mit ihren Glanztaten auch immer wieder in die Medien schaffen und damit dem Ganzen schaden.

Erst neulich ist dieses Kunststück wieder einer Horde Denkunvermögender gelungen, die wegen der Absenz sprachlicher Gewandtheit ihre Fäuste benutzen mussten, um ihre Anliegen unmissverständlich vorzutragen: Sie haben sich vor dem Vior gekeilt und 20minuten und Blick haben ausführlich berichtet.

Nun kann man von niemandem erwarten, dass er seine Unversehrtheit riskiert und bei einer Schlägerei dazwischen geht. Dafür gibt es die Securities und Polizisten. Jedoch erschüttert es immer wieder, wie viele K.o.-Tröpfler ungeschoren davonkommen, wie viele Pfeffersprayer sich unerkannt davonschleichen können. Ganz zu schweigen davon, dass belästigte Frauen offensichtlich eine Luisa oder eine Angela brauchen und sich nicht einfach an den nächstbesten Mitfeiernden wenden können, um ihren Mr. Hyde zu stoppen.

Man könnte doch meinen, dass in Clubs und Bars genügend Dr. Jekylls rumstehen, denen auch nach ein paar Drinks noch genügend Ritterlichkeit innewohnt, um einer holden Maid zu Hilfe zu eilen, wenn der Grapscher umgeht. Wie viel Zivilcourage braucht es denn um da den Finger zu heben, dem Aufdringling Einhalt zu gebieten und um dafür mit einem guten Gefühl belohnt zu werden?

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

So machen Sie sich unbeliebt

Nicola Brusa am Samstag, den 16. September 2017

Respektive: So erleben Sie Ihre Stadt neu.

Heute gibt diese Kolumne gleich zwei Anleitungen, die das Leben in der Stadt wenn nicht erleichtern, dann doch verständlicher machen. Zwei in einem, zwei zum Preis von einem, ein Schnäppchen!

Es geht erstens darum, den Ärger anderer auf sich zu ziehen. Es geht zweitens darum, die Stadt neu zu erleben. Verknüpft werden die Themen mit dem Elektrovelo – ähnlich wie die Punkte A und B mit E-Bikes verbunden werden, hängen der böse Blick (in der Stadt) und der frische Blick (auf die Stadt) mit dem batteriegetriebenen Gefährt zusammen.

Der Städter, urban und aufgeschlossen und zeitgeistig sowieso, der shared – und fährt als Folge davon ziemlich locker mit dem geliehenen Transportrad durch die City. Er cruist herum, im Max-Power-Modus bewältigt er sogar die steilen Hügel, etwa hoch zum Dolder oder zum Zoo, flott. Zentral auch hier: das Smartphone. Damit reserviert der Städter sein Leihrad, und darauf checkt er, ob er auf seiner Ausfahrt verregnet werden wird.

Der Städter hat sich heute vorgenommen, Richtung Zollikerberg zu pedalen. Er reserviert sich via App ein Müller + Riese beim Blumenladen um die Ecke und radelt los. Das Motörchen summt, das Bübchen in der Transportwanne kreischt vor Vergnügen.

Flott geht es über die Quaibrücke. Das Teil ist gross, aber erstaunlich wendig. Der Plan, der Seepromenade entlang Richtung Zollikon zu cruisen, erweist sich als schwierig. Es hat dort an diesem Samstag ordentlich Fussvolk. Also weicht der Städter auf den Utoquai aus.

Hier macht sich das erste Mal der positive Effekt bemerkbar, dass der Städter aus seinem gewohnten Tramp ausgebrochen ist. Wussten Sie, dass vom See her permanent ein leichtes Windchen Richtung Utoquai zieht? Und dass dieses verrät, dass die breite Hecke, die die Stadt plattmachen will, ein beliebtes Pissoir ist? Da sehen (also riechen) Sie mal!

Die Fahrt geht flott weiter durch die Quartierstrassen hoch Richtung Balgrist. Der Himmel zog sich irgendwann zu, ohne dass es der Städter bemerkt hätte (da schaut man einmal eine Weile nicht auf das Smartphone …). Bei der Schulthess-Klinik muss er mit seinem Rad kurz unterstehen. Zeit, den Regenradar zu prüfen und den Ladestand der Velobatterie (es bleiben 4 von 6 Strichli, trotz Turbounterstützung).

Der Regenradar zeigt: In fünf Minuten öffnet sich ein regenfreies Zeitfenster von 15 Minuten, Google Maps sagt 18 Minuten Fahrzeit ohne elektrische Unterstützung. Als los.

Auf der Forchstrasse quält sich ein Radfahrer in profimässiger Kluft und tief über den Lenker gebeugt mit dem Renner den Berg hoch. Der Städter dagegen sieht leger aus, sitzt aufrecht auf dem Komfortsattel, schliesst auf – und überholt bei der nächstbesten Gelegenheit.

Der Radrennfahrer saugt sich an, bleibt im Windschatten – muss aber bald aufgeben und abreissen lassen. Er wird Zollikerberg im Regen erreichen. Und er wird den Städter für seine Unverschämtheit verfluchen. Fast so, wie Mountainbiker am Uetliberg Jogger und Briskwalker verfluchen, die sie im Aufstieg überholen.

Gesagt ist gesagt

Werner Schüepp am Freitag, den 15. September 2017

«Das brachte mich in Existenznot.»

Die Zürcher Firma Notime eroberte die Velokurier-Branche der Schweiz. Ihr Geschäftsmodell: Sharing-Economy. Doch nun bekommt das erfolgreiche Start-up Ärger. Der Velokurierer Thomas Diem (Name geändert) erzählt, wie er ohne Lohn auskommen muss. (Foto: Doris Fanconi) Zum Artikel

 

«Ich weiss nicht, wie all
die Gerüchte entstanden sind.»

Was geschieht nun mit dem Mascotte am Bellevue und der Bank am Helvetiaplatz – werden sie zu Santa Lucias? Besiegelt scheint das Schicksal der Spaghetti Factory am Hechtplatz. Bald wird er 70 Jahre alt: Gastrounternehmer Ruedi Bindella treibt die Marke Santa Lucia voran. (Foto Dominique Meienberg) Zum Artikel

 

«Wir leiden unter dem Lärm.»

Die Bewohner der Altstadt wünschen sich einen Stadtrat, der ihre Anliegen ernster nimmt. Der das Nachtfahrverbot durchsetzt, weniger Feste bewilligt und die Velofahrer bremst. «Die Leute kommen von überall her und machen Rambazamba», sagt Altstadt-Bewohnerin Denise Züst. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

«Ich kam an und konnte sofort schiessen.»

Das Knabenschiessen hat einen neuen Helden, und der heisst Jakob Marten. Zwei Tage lang sind alle an der Bestmarke des Zürcher Oberländers gescheitert. Nervosität ist für den Schützenkönig 2017 ein Fremdwort. (Foto: Keystone/Ennio Leanza) Zum Artikel

 

«Nur rauf und runter. Von wegen.»

Mit Höhenangst an die Knabenschiessen-Chilbi: Wilde Maus, Maxximus 2 oder Spin-Tower? Auf welche Achterbahn sich die TA-Autorin Helene Arnet fast wagte. Ein Selbstversuch. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Meine Leser freuen sich, wenn sie
etwas wiedererkennen.»

Sunil Mann beschreibt in seinen Krimis, die vor allem im Zürcher Kreis 4 handeln, die Orte akribisch genau. Der Autor zeigt vier Schauplätze seines neuen Buchs. Er erzählt, wie er diese entdeckt hat und was sie für ihn bedeuten. (Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

«Zum Teil fahren sie wie die Verrückten.»

In der Langstrassenunterführung sind Velofahrer und Fussgänger im Dauerkonflikt. Weil der Ausbau auf sich warten lässt, improvisiert die Stadt – indem sie noch mehr mischt. Der VCS-Leiter Markus Knauss findet es richtig, Velofahrer dort zu langsamem Fahren anzuhalten.(Foto: Reto Oeschger) Zum Artikel

 

 «Wir produzieren, wo es rentiert.»

Das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich möchte deutsche Windräder kaufen, mit denen deutsche Kunden versorgt werden. Macht uns das wirklich grüner? EWZ-Chef Marcel Frei findet: Ja. (Foto: Selina Meier) Zum Artikel

 

«Das frage ich mich auch jeden Monat.»

Der Musiker Nic Niedermann auf die Frage, ob er genug verdiene im Leben. (Foto: Reto Oeschger)

 

 

Die harte Seite des Sees

Miklós Gimes am Donnerstag, den 14. September 2017

Im September beginnt die schönste Zeit, wenn kein vernünftiger Mensch mehr sein Badetuch im Niesel­regen ausbreitet und der See grau glänzt wie die Haut eines urzeitlichen Reptils. Dann ist Schwimmen eine Art Grenzerfahrung – vielleicht ein zu grosses Wort, aber ein Naturerlebnis auf jeden Fall.

Über das letzte Wochenende waren wir jeden Vormittag im Mythenquai, bis elf Uhr muss die Badi bei jedem Wetter geöffnet bleiben. Das Wasser war herrlich, wärmer als die Luft. Jeden Tag anders, einmal bewegt und rau, einmal dunkel und geschmeidig.

Und jeden Tag spürte ich ein Glück wie in den Sommerferien am Meer, trotz der frisch verschneiten Berge. Vielleicht war es die Geborgenheit im Wasser, es gibt kein besseres Mittel gegen die Depression des auslaufenden Sommers, als ein paar Hundert unverdrossene Meter im See.

Am schönsten ist es im September, bevor das Wasser kälter wird und die Schwimmstrecken kürzer, um Neujahr herum werden es nur noch ein paar kurzatmige Brustzüge sein. Aber immer steigt man aus dem See mit dem Gefühl, dem Norden getrotzt zu haben. Eine Laune des Schicksals hat uns in diese Unwirtlichkeit verschlagen: Aber zum Jammern ist das kein Grund.

Ich muss mal mit den Kindern herkommen, dachte ich. Nicht dass sie wehleidig wären, dieses Wochenende standen die Buben klaglos im Dauer­regen auf dem Fussballplatz, nass bis auf die Knochen. Die Mannschaft des Älteren hatte brutal hoch gewonnen, am Spielfeldrand hatte ich einen Mann beobachtet, etwas resigniert hatte er das Team der Verlierer angefeuert, sie lagen zu null zurück, eine hoffnungslose Truppe. Er war ein guter Vater mit einem altmodischen Regenschirm, was erzählte er am Abend seinem Sohn? Wie hat er ihn aufgerichtet?

Uns aber ging es gut, es ist interessant, wie Siege ausstrahlen können. Wie eine Reihe von Siegen eine Mannschaft zusammenhalten kann, dass selbst die Eltern erfasst werden und die Angehörigen. Man wird augenblicklich eine Gemeinschaft, es riecht rundum nach Zufriedenheit. «Alle glücklichen Familien gleichen einander», schreibt Leo Tolstoi im ersten Satz von «Anna Karenina», «jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich».

Das Team meines Sohnes spielt in einer niedrigen Stärkeklasse, überhaupt, die Fussballkarrieren meiner Buben sind ins Wanken geraten. Noch vor ein, zwei Jahren hatten beide davon geträumt, Profis zu werden, aber der Cut kommt, spätestens wenn sie zehn, elf Jahre alt sind und in der Alterskategorie E1 spielen. Wer es dann nicht zu einem grossen Club geschafft hat und nicht viermal, fünfmal die Woche trainiert, für den ist die Profikarriere ausgeträumt. Fussballspielen können sie alle, selbst die Verlierer im Regen, aber die Unterschiede zu den geförderten Spielern werden wachsen. Die Schere wird auseinandergehen.

Trotzdem spielen sie weiter, aber ganz still haben sie gelernt: Es gibt ein Leben nach dem E1. Und: nicht aufgeben, auch wenn die Träume nicht in Erfüllung gehen.

Ich schwamm weiter, die Quaibrücke und das Seefeld lagen im Nebel. Die offizielle Zürcher Badesaison dauert bis nächsten Sonntag. Das Utoquai hat eine Woche länger auf.

Die beste Armee der Welt

Beni Frenkel am Donnerstag, den 14. September 2017

Antreten! Soldaten der Schweizer Armee. (Foto: Urs Jaudas)

Wenn Knabenschiessen ist, tauchen bei mir Erinnerungen an die RS auf. Ich bin nämlich ehemaliger Nachrichtensoldat. Rekrutenschule Romont, dann fünf Jahre Mannschaftsreserve, am Ende zwei WK in Sempach, später fünf WK in Hinwil. Melde mich zum Dienst. Die Obligatorischen habe ich im Albisgüetli geschossen. Pamir auf, liegen, atmen, schiessen.

Ich war ein sehr guter Soldat. Ich wäre fast Gefreiter geworden. Dem Sohn erzähle ich immer, Gefreiter komme gleich nach dem General. Leider fand während meiner Aktivzeit kein Krieg mit Schweizer Beteiligung statt. Ich gehe noch heute davon aus, dass wir ihn gewonnen hätten. Es wäre mir eine Ehre gewesen, die Schweiz zu verteidigen. Wir Nachrichtensoldaten hatten schon damals die verdammte Vaterlandspflicht, Symbole auf eine laminierte Umgebungskarte zu malen.

Hunderte Male haben wir das in den WK für den Ernstfall geprobt: Ringring, das Telefon. Soldat Frenkel! Jawohl, verstanden. Ich wiederhole: zwei feindliche Panzer in Oerlikon. Verstanden! Schnell zücke ich meine Militärschablone und zeichne zwei Panzersymbole irgendwo in Oerlikon hin. Das Militär hat mich mit zwei Faserstiften ausgerüstet: blau und rot. Ich weiss nie, ob Rot Gegner bedeutet oder Freund. Darum tausche ich die Farben immer ab.

Ringring, das Telefon. Soldat Frenkel! Jawohl, verstanden. Ich wiederhole: zwei feindliche Panzer nicht in Oerlikon gesichtet, sondern in Wallisellen. Verstanden! Ich schraube den Deckel des Alkoholfläschchens auf, nehme einen Armeelappen und tunke ihn in den Alkohol. Im Bunker beginnt es zu müffeln. Egal, es herrscht Probekrieg. Ich wische die beiden Panzer in Oerlikon weg und zeichne stattdessen zwei in Wallisellen. Dort wohnt ein guter Freund von mir. Wäre jetzt wirklich Krieg, würde ich ihn anrufen: Marcel, verschwinde aus Wallisellen.

Dann passiert lange nichts. Ein gutes Zeichen für unsere Truppen. Die beste Armee der Welt zerschlägt jeden Feind! Neuer Befehl: Mittagessen, verstanden! Am Nachmittag wieder im Bunker. Neue Nachricht von der Kriegsfront: Die beiden Panzer haben sich in Luft aufgelöst. Dafür drei Radpanzer in Winterberg entdeckt. Mist. Wo ist Winterberg auf der Karte? Wie sieht das Symbol für die Radpanzer aus?

Ich improvisiere. Ein Offizier kommt. Ich zucke hoch. «Wo ist der Funker?», werde ich angebrüllt. «Funker?» – «Ja, Sie Trottel, wo ist der Funker?» – «Keine Ahnung.» – «Zeigen Sie mir die Karte, Sie Geige.» Ich zeige ihm die Karte und erkläre den bisherigen Kriegsverlauf. Winterberg hatte ich vorhin nicht gefunden, darum stehen die Radpanzer in Winterthur. Ich atme auf. Denn: Der Offizier hat keine Ahnung, was ich hier mache. «Wenn der Funker kommt, melden! Verstanden?» – «Verstanden!»

Mir fällt auf, dass ich zwar im Kommandobunker sitze, aber das ganz alleine. Beim Mittagessen habe ich viele Soldaten in der Beiz gesehen. Die Zeit verstreicht nur zäh. Kein Anruf. Ich spiele Tetris auf dem alten Nokia-Handy und nachher Snake. Aus der Schublade krame ich einen alten «Blick» hervor.

Endlich sechs Uhr. Ich rolle die Karte zusammen und stecke die Kabel aus. Krieg gewonnen.

«50 ist das neue 50»

Réda El Arbi am Dienstag, den 12. September 2017
Falten am Hals und grau auf dem Kopf.

Falten am Hals und grau auf dem Kopf.

«Du bist so alt wie du dich fühlst!» oder «Du hältst dich aber gut für dein Alter!», musste ich mir in den letzten Tagen anhören. Das ist  ganz offensichtlich Bullshit, der mich über eine Tatsache hinweg  trösten soll, die ich nicht als negativ empfinde. Diese Art Trost sagt eigentlich nur eines: «Du bist alt und das ist Sch*****!»

Ich bin genau so alt, wie ich bin. Auf den Tag genau. Ich wurde heute 48 und das ist mein Alter, egal, was der urbane Jugendlichkeitswahn in Zürich davon hält.

Ich gehe auf die 50 zu. Ich muss Produktbeschreibungen nahe an die Nase halten und das Kleingedruckte unter meiner Brille hindurch lesen. Eine Erkältung  dauert rund zwei Tage länger, und wenn ich mir einen Zwack im Rücken hole, brauche ich drei Mal so lange wie vor zwanzig Jahren, um mich davon zu erholen. Ich bin nicht mehr so fit wie mit 30, Disziplin muss bei der Arbeit die fehlende Ausdauer ersetzen. Meine Haare sind mehr grau als braun und mein Bauch ist nicht mehr straff. Jänu.

Deshalb fang ich jetzt nicht an, für Marathon oder Triathlon trainieren. Oder die Zürcher Szene-Version: Ich stopf mich nicht mit Koks und Viagra voll, um weiterhin Wochenenden durchzufeiern, als ob ich noch 25 wär. Ich kauf mir keine Cremchen, um Falten wegzuschmieren, ich wickle keine Seidenfoulards um meinen Hals, um die Runzeln zu verdecken. Ich werde älter und man kann das sehen.

Und ehrlich, es ist gut so. Dafür werd ich nicht mehr hysterisch, wenn mal was schief läuft. Die persönlichen Dramen in meinem Leben nehmen ab, weil ich über genug Erfahrung verfüge, um zu wissen, dass ich das meiste überleben werde. Und wenn nicht, kann ich mich auch nicht mehr beschweren.

Meine Lebensqualität war nie so hoch wie jetzt. Das hat vielleicht damit zu tun, dass Jugendlichkeit nicht der kategorische Imperativ in meinem Leben ist. Nicht, weil ich so weise bin, sondern weil ich einfach weiss, dass man die Zeit nicht bescheissen kann.

Ich bin bald im letzten Drittel meines Lebens und bin näher am Tod als an der Geburt. Wahrscheinlich bleibt mir sogar weniger Zeit als von meinem 20 Geburtstag bis heute. Das ist weder gut noch schlecht. Ich werde älter und werde irgendwann sterben. Das schleckt keine Geiss weg. Das ist einfach so. Und ich werde keine Zeit mit dem Versuch verschwenden, die Zeit zurückzudrehen oder darüber zu heulen.

«50 ist das neue 30!», kommt dann. Wieder ein Trost, den ich nicht brauche. Mit 30 war ich ein ziemlicher Vollidiot, der sich unbedingt beweisen musste. Heute bin ich ein ziemlich verantwortungsbewusster, empathischer Mensch, der sich seiner Stärken und Schwächen bewusst ist und auch mal über sich lachen kann. DAS würde ich niemals gegen glatte Haut und mein altes Sixpack eintauschen wollen.

Witzig ist, dass diese rückwärtsgerichtete Jugendmanie eigentlich das klarste Anzeichen für das Altern ist. In der Jugend blickt man noch vorn, hat Visionen der Zukunft, Ziele, die man erreichen will. Man stellt sich vor, wo man in 10, 20 oder 30 Jahren steht und setzt alles daran, das auch zu erreichen. Erst wenn man älter wird, versucht man die Zeit aufzuhalten, versucht sich «auf dem Höhepunkt» der Leistung zu zementieren.

Wenn ich mir etwas aus meiner Jugend erhalten will, dann ist es diese Art, in die Zukunft zu schauen. Da gibts immer das nächste Projekt, das nächste Ziel, das ich erreichen, die nächste Herausforderung, die ich meistern will. Und wenn ich die letzten Meter dahin in Rollstuhl mit Rheumadecke oder an Krücken zurücklegen muss, ich werde dabei grinsen.

Also, Leute, hört auf, euch, mich oder euer Umfeld für etwas zu trösten, das in Tat und Wahrheit einfach der Lauf des Lebens ist. Wir werden älter, wir sterben. So what? Bis dahin gibts noch einiges zu tun und zu erleben.

Ü40 – wo die Alten tanzen

Alex Flach am Montag, den 11. September 2017
Ü40-Partys sind schlechter als ihr Ruf.

Ü40-Partys sind schlechter als ihr Ruf.

Die Angst der einen ist das Adrenalin der anderen. Die oft beeindruckenden Umsätze von Horrorfilmen lassen den Schluss zu, dass viele unter uns wandeln, die sich zwar gerne an der Furcht laben, sich dafür aber nur ungern selbst in Gefahr begeben.

Erstaunlich, dass diese Gänsehäuter das Feld der Ü40-Partys noch nicht für sich entdeckt haben, denn dort hängt der Geruch ihrer Begehr dicker in der Luft als jener von Parfüm im Eingangsbereich des Jelmoli. Zumindest jener der zur Familie der Ängste gehörenden Untergattung Torschlusspanik.

Hier werden die Cougars tatsächlich zu Pumas: Ein Bekannter hat mir vor ein paar Tagen gestanden, dass er gerne mal eine solche Ü40-Party besuche weil ihm da die Musik gefalle. Er achte aber stets darauf, dass die anwesenden Raubkatzen seinen Ehering schon von weitem sehen, in der Hoffnung sie werden ihn dann nicht mit einem Beutetier verwechseln. Mein Bekannter ist nicht verheiratet.

An solchen Partys kommen keineswegs nur Gassenhauer aus den 70er, 80er oder 90er Jahren auf die Pattenteller. Wer eine reine 80er- oder 90er-Party besucht – in der Hoffnung dort auf Mitfeiernde mit 60er- oder 70er-Jahrgang zu treffen – wird staunen, wie viele Mittzwanziger da die Hits von damals mitsingen.

An den Ü40-Sausen im Klotener Floor Club, in der Winterthurer Arch Bar, im Münchwiler Schlosshof oder im Zürcher Labor mischen die DJs die Evergreens aus vergangenen Dekaden durchaus mit aktuellen Hits. Fragt man die Gäste von Ü40-Partys, warum sie an Feten mit Alterslimite gehen, hört man diesen Satz: «In den gängigen Clubs stolpert man alle paar Tanzschritte über einen Teenager (gemeint sind Leute unter 40), hier kann man mit Gleichgesinnten (gemeint sind Methusalems wie man selbst) feiern».

Aus dieser Antwort ergeben sich zwei neue Fragen: «Seit wann bedeutet gleich alt auch gleichgesinnt?» und «Wann war dieser Partysenior letztmals in einem ‚gängigen‘ Club?». Es gab tatsächlich mal eine Zeit, als Leute älter als 30 an House- und Techno-Partys scheel angeguckt wurden. Aber das war in den frühen 90er Jahren und beide Genres waren hierzulande neu, sie waren der Soundtrack einer musikalischen Jugendbewegung.

Die Bewegten von damals sind jedoch mit allen anderen gealtert und bevölkern in stattlicher Zahl noch immer die Clubs. Ein Grund dafür ist, dass aus den veranstaltenden Greenhorns von damals Club betreibende Herren von 40 Jahren geworden sind, die selbst jedes Wochenende in ihrem Lokal stehen. Das Paradebeispiel ist der ehemalige Roxy-Chef Jean-Pierre Grätzer, der immer noch oft an der Bar seines Supermarkets anzutreffen ist: Grätzer hat die 70 längst überschritten.

In den Zürcher Clubs elektronischer Prägung feiern heute meist mehrere Clubber-Generationen gemeinsam. Wenn man sich darauf einlässt wird man feststellen, dass das Alter und Gesinnung keineswegs untrennbar zusammenhängen. Wer an Ü-Partys feiern geht stellt nur klar, dass er “mit der Jugend von heute” bereits nicht mehr klar kommt, dass er sich nicht mal mehr die Tanzfläche mit ihr teilen möchte.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.