«Dark»: Düsteres Hirnfutter

1300 Gramm. So viel wiegt gemäss Lexikon mein Gehirn. Also etwas mehr als eine Milchpackung. Eine solche möchte ich nicht den ganzen Tag mit mir rumtragen, aber von den grauen Zellen spüre ich nichts. Beziehungsweise: spürte ich nichts.

Neulich machte sich mein Gehirn bemerkbar. Auf einmal konnte ich fühlen, wie es sich vor lauter Anstrengung hin und her wand und dabei gegen den Schädelknochen stiess. Es leistete Überstunden, denn es hatte die Serie «Dark» (2017) zu verarbeiten.

Die Serie ist – ja, ich muss in Zusammenhang mit einer Netflix-Produktion einmal mehr einen Superlativ bemühen – das Beste, was es aus Deutschland je auf die Bildschirme dieser Welt geschafft hat. Sie haben richtig gelesen: Welt. Internationale Fernsehkritiker kriegen sich nicht mehr ein vor Lob.

Die Themen der Serie sind, wie der Titel bereits suggeriert, düster: Kinder verschwinden im deutschen Kaff Winden. Kinderleichen tauchen auf. Ein Zwischenfall im AKW wird vertuscht. Ganze Schafherden fallen tot um, Vögel stürzen leblos vom Himmel. Eltern machen sich auf die Suche nach ihrem Nachwuchs, Polizisten machen sich auf die Suche nach Tätern, Unbekannte in Kapuzenjacken streifen suchend umher – doch wonach suchen sie? Das alles geschieht im Jahr 2019. Und im Jahr 1986. Und im Jahr 1953. Und hier wären wir bei der Sache mit dem Gehirn.

«Dark» ist wahnsinnig komplex. Die Mehrheit der zahlreichen Hauptdarstellerinnen und Hauptdarsteller kommt in zwei- oder gar dreifacher Ausführung vor, mal jung, mal alt, und lange ist nicht klar, wer später zu wem wird. Noch komplexer wird das Ganze durch die Zeitreisen, denn davon handelt «Dark», schliesslich ist es eine Science-Fiction-Serie.

Subtile Science-Fiction im Thrillerkleid. Erzählt in schauerschönen Waldbildern und in melancholischen Vorstadtstrassenszenen. Getragen von einem umwerfend-stimmungsvollen Klangkleid mit Songs von Agnes Obel oder von Fever Ray. Der beste Soundtrack für die beste Serie – ja, es können nicht genug Superlative sein.

Die wahre Kür legen die Macher Jantje Friese, Baran bo Odar und Martin Behnke beim Drehbuch hin. Sie führen die vielen Handlungsstränge stringent zusammen, ohne zu viel aufzulösen, schliesslich wollen, nein: brauchen Serienjunkies eine zweite Staffel. Auch wenn es zum Interpretieren der drei Zeiträume die ganze Hirnleistung braucht. 1,3 Kilo. Jedes. Einzelne. Gramm.

Die erste Staffel von «Dark» läuft auf Netflix.

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