Beiträge mit dem Schlagwort ‘Wien’

Sport ist Mord

Fabian Kern am Montag den 15. April 2013

BuchcoverDie Krimilandschaft im deutschen Sprachraum wurde in den letzten Jahren massiv überbevölkert. Fast in jedem Kaff von Hamburg bis Graz ermittelten Dorfpolizisten, Kleinstadt-Kommissarinnen und Privatschnüffler – jeder in seinem Dialekt. Insofern erfüllt auch der Wiener Krimi «Marathonduell» das Klischee. Doch Autorin Sabina Naber hat es dennoch geschafft, originell zu sein: mit ihren Protagonisten und einer guten Portion Wiener Schmäh.

Das Ermittler-Duo ist zwar einmal mehr charakterlich absolut gegensätzlich, doch Daniela Mayer und Karl Maria Katz wirken authentisch. Und das ist wirklich eine Leistung, wenn man weiss, dass der alternde Chefinspektor Katz ein pragmatischer Freak mit Vaterkomplex und Gruppeninspektorin Mayer eine Lesbe mit viel Talent, aber wenig Ehrgeiz ist. Das klingt arg nach konstruierten Figuren, doch die irrwitzigen Dialoge zwischen den beiden machen «Marathonduell» nicht nur zu einem spannenden, sondern auch enorm unterhaltenden Krimivergnügen.

Sabina Naber

Autorin Sabina Naber, geboren 1965 in Niederösterreich, arbeitete als Schauspielerin, Regisseurin, Drehbuchautorin und Journalistin.

Da stört es nicht einmal gross, dass der Mordfall nicht allzu knifflig ist. Bald einmal wird klar, wer der Täter ist, der eine Frau während des Wien-Marathons in ihrer Wohnung mit einem Hammer ins Jenseits beförderte. Das Problem ist nur, dass alle Verdächtigen den sportlichen Grossanlass – der fast lückenlos videoüberwacht ist, als Alibi vorweisen können. Chefinspektor Katz, der den Marathon ebenfalls absolviert hat, holt Mayer ins Landeskriminalamt. Diese würde zwar lieber in ihrem Dezernat eine ruhige Kugel schieben. Doch weil sie von ihrer zickigen Geliebten vor die Tür von dessen schicken Penthouse-Wohnung gesetzt wurde, kann sie das bessere Gehalt gut gebrauchen. Und wider Willen entdeckt Mayer im Duell mit dem Marathon-Mörder ihren Ehrgeiz.

«Erster Fall für Mayer & Katz» lautet der Untertitel von «Marathonduell». Gerne, Fortsetzung willkommen.

Sabina Naber: Marathonduell. Erster Fall für Mayer & Katz. Gmeiner Verlag. Messkirch, 2013. 370 Seiten, ca. Fr. 18.-.

Hier eine Leseprobe von der Autorin selbst:

Halbleere Gänge vs. übervolle Räume: Der Kampf um die Publikumsgunst

karen gerig am Donnerstag den 20. Januar 2011

Bereits haben über 200’000 Leute die Wien-Ausstellung in der Fondation Beyeler besucht – täglich quetschten sich allein in den letzten Tagen und Wochen rund 2000 Besucher durch die Ausstellungsräume. Manch einer findet, das sei zuviel, um die Kunst noch geniessen zu können (vgl. hier). Weniger Probleme hat da der Besucher der Warhol-Ausstellung im Kunstmuseum – hier bleibt vor den Bildern genug Raum für Betrachtung. Genaue Zahlen sind vom Museum allerdings noch nicht in Erfahrung zu bringen.

Vollgestopfte Räume versus halbleere Gänge, wie kommts? Dürfte man nicht meinen, dass ein Name wie Andy Warhol die Menschen auch scharenweise ins Museum lockt? Wir erwarten ja keine halbe Million wie 2009 bei der «Jahrhundertausstellung» Vincent van Gogh. Doch wieso schaffte es eine Fondation Beyeler, selbst mit einem eher unbekannten Namen wie Jean-Michel Basquiat innert vier Monaten 110’000 Leute anzuziehen, während die Jahresbesucherzahl fürs Kunstmuseum (ohne Museum für Gegenwartskunst) gar nicht so weit darüber liegt? Betrachtet man die letzten zehn Jahre, so spielt das Kunstmuseum mit Namen wie Holbein, Kandinsky, Judd oder auch Gursky doch absolut in der oberen Liga mit.

Würde Andy Warhols Frühwerk in der Fondation Beyeler mehr Besucher anziehen? (Foto Margrit Müller)

Und trotzdem – wir wagen die unverschämte Behauptung: Würde Andy Warhols Frühwerk in Riehen gezeigt, läge die Besucherzahl um einiges höher. Und hätte das Kunstmuseum die Basquiat-Ausstellung gezeigt, hätten keine 110’000 Leute den Weg dorthin gefunden.

An den Eintrittspreisen kanns nicht liegen, diese sind in Riehen um vier Franken pro Person höher als am St. Alban-Graben. Ist die Fondation Beyeler also geschickter, wenn es um die Bewerbung des Museums geht? Machen wir einen Rundgang durch Basel: An den Plakatsäulen scheint das Wien-Warhol-Verhältnis ausgeglichen, und am oberen Ende der Freien Strasse wird fürs Kunstmuseum, am unteren für die Fondation Beyeler geworben. Die SBB bietet für beide Ausstellungen Packages an. Doch auf dem Bahnhofsplatz empfangen die Touristen nur mobile Plakatwände der Fondation mit dem Hinweis, wie man möglichst schnell nach Riehen gelangt. Das Kunstmuseum fehlt. Im Fernsehen wird schweizweit sowohl für die Wien- als auch für die Warhol-Ausstellung geworben, für die Wien-Ausstellung auch am Radio. In den Medien hingegen ist die Fondation Beyeler präsenter, ist öfter mal der Ausflugstipp, und sie wirbt auch stärker über die Landesgrenzen hinaus, vor allem in den angrenzenden Landesteilen – mehr als die Hälfte der Fondation-Beyeler-Besucher (52 Prozent) kommen aus dem Ausland, fast die Hälfte davon aus Deutschland. Doch auch das Kunstmuseum zieht viele ausländische Besucher an – Statistiken sind jedoch keine zu erhalten. Beide Museen werben zielgruppenorientiert.

Die Fondation Beyeler ist beliebtes Ausflugsziel - im Bild das Kaffeehaus in der Wien-Ausstellung. (Foto Pino Covino)

Allein an der Werbung kanns also nicht liegen. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt wohl aber die Positionierung der beiden Museen beziehungsweise ihre nationale und internationale Ausstrahlung. Das Kunstmuseum erinnert rein äusserlich an eine Festung und bietet auch im Innern nicht die modernste Architektur. Das ist natürlich wenig schmeichelhaft formuliert, und der Erweiterungsbau könnte hier Abhilfe schaffen – allerdings frühestens im Jahr 2015. Die Schwerfälligkeit der Architektur scheint sich manchmal im Ausstellungsprogramm zu spiegeln – gerade auch in kleineren Präsentationen im Kupferstichkabinett etwa. Überspitzt könnte man sagen, dass das Kunstmuseum ein elitäreres Publikum anspricht als die Fondation Beyeler. Die lichtdurchflutete Fondation liegt zudem harmonisch eingebettet im grünen Umland und bietet sich für einen Sonntagsausflug geradezu an, gerade auch für Tagesausflügler aus dem Ausland. Kommt dazu: Die Figur Ernst Beyeler und dessen herausragende Sammlung – ein populäres Identifikationsmerkmal, das dem Kunstmuseum fehlt. Die Kunst der Klassischen Moderne – der Schwerpunkt der Fondation Beyeler sowohl in Sammlung wie Sonderausstellungen – ist zudem immer noch die weltweit populärste Kunst.

Wird der Erweiterungsbau dem Kunstmuseum neue Besuchergruppen erschliessen? (Visualisierung Christ & Gantenbein)

Gerade im Hinblick auf den Erweiterungsbau täte dem Kunstmuseum ein Imageschub gut. Ein Patentrezept, wie dieser zu bewerkstelligen wäre, lässt sich leider nicht so einfach zusammenmixen. Das Wichtigste ist und bleibt, ein attraktives Ausstellungsprogramm anzubieten. Mit der Präsentation der Sammlung im Obersteg und einer Ausstellung zu den Landschaften Max Beckmanns, die für 2011 geplant sind, ist der Kassenschlager aber immer noch nicht in Sicht. Die Fondation Beyeler trumpft dagegen mit Brancusi, Dali, Serra und Louise Bourgeois auf.

Dem einzelnen Besucher können diese Überlegungen ja eigentlich egal sein. Im Gegenteil: wer die Kunst lieber in Ruhe geniesst, ist im Kunstmuseum ja sogar besser dran.

Welches Museum besuchen Sie lieber, liebe LeserInnen? Und warum?

Kuhglockengebimmel neben dem Wiener Kaffeehaus

karen gerig am Mittwoch den 5. Januar 2011

Neulich in der Fondation Beyeler. «Mir gefäl… Strich», sagt die eine Frau vor einem Aquarell von Egon Schiele zu ihrer Nachbarin. «Was hast Du gesagt?» fragt diese, deutlich hörbarer. Flüstern gehört im Museum immer noch zum guten Ton. Ebenso, dass man nicht rennt und sich überhaupt ruhig verhält. Schliesslich ist ein Museum eine Art von Tempel – damit ist Andacht angebracht. Doch was, wenn es in diesem Tempel summt und brummt wie in einem zu gut frequentierten Bienenstock? Da wird, wer flüstert, kaum mehr verstanden.

In die Fondation Beyeler gelangt man momentan, wenige Tage, bevor die «Wien»-Ausstellung zu Ende geht, nur mit Ellbogengewalt. Auf dieselbe Weise ergattert man sich einen Platz vor irgendeinem Bild in den Ausstellungsräumen. Fast wünscht man sich, dass man wie etwa in den Uffizien in Florenz im Einerkolonnensystem durch die Schau gelenkt würde. Aber nur fast, weil man dann garantiert vor den uninteressantesten Werken am längsten stehenbleiben muss. Doch ist in diesem Gedränge noch Kunstgenuss möglich?

Monica Studer und Christoph van den Berg vor ihrer Installation in der Fondation Beyeler. (Foto Dominik Plüss)

Die Fondation Beyeler bietet dem überforderten Besucher einen Ausweg. Sie nennt sich Untergeschoss. Dort findet man einerseits Sitzgelegenheiten im «Wiener Kaffeehaus». Gemütlich allerdings ist es dort nicht wirklich, und der in der Luft liegende Gulaschgeruch ist auch nicht jedermanns Sache. Besser, man wendet sich der linken hinteren Ecke zu und verschwindet durch den schmalen Durchgang ins «Hotel Vue des Alpes».

Das virtuelle Hotel des Basler Künstlerpaares Monica Studer und Christoph van den Berg existiert seit zehn Jahren. Man kann dort Zimmer buchen und durch die Alpenwelt spazieren, während man zuhause vor dem Bildschirm sitzt. In der Fondation bieten zwei Bildschirme inklusive Maus einen Vorgeschmack darauf. Eine grosse Projektion zeigt das «Gleissenhorn», die Kamera schwenkt langsam dessen 360-Grad-Panorama ab. Doch nicht nur aktuelle Wetterdaten des imaginären Gebirges werden angezeigt, sondern mittels Mausklick kann das Datum verändert werden. Falls man seinen Aufenthalt im nahegelegenen Hotel wettergerecht planen will.

In der Mitte des Raumes haben Studer/van den Berg eine graue Gesteinsformation aus Holz gebaut. Darauf kann sich setzen, wer müde ist, und mit dem Blick durch die virtuelle Bergflora wandern, die an die Wand projiziert wird. Immer neu setzt der Computer die Blüemli und Gräser zusammen, nie sieht man dasselbe. Sanftes Kuhglockengebimmel hilft bei der Entspannung. Man bleibt einfach sitzen, bis man sich gewappnet hat für den Rückweg durch die überfüllten Ausstellungsräume ein Stockwerk höher.

Zimmer 201 in Studer/van den Bergs «Hotel Vue des Alpes».

Hat man es schliesslich nach draussen geschafft, kann man zuhause dann ein Zimmer im «Vue des Alpes» reservieren – momentan sind für Kurzentschlossene sofort Plätze frei. Für all jene, die nach dem Museumsbesuch dringend Erholung nötig haben.