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Wenn Lara zu Chiara wird

Fabian Kern am Mittwoch den 27. Februar 2013

Filmplakat

«Tutti giù» läuft ab 28. Februar im Pathé Küchlin.

Die Bilder von der Abfahrt der Frauen an der WM 2009 in St. Moritz sind noch präsent. Die 17-jährige Lara Gut stürzt nach bester Zwischenzeit kurz vor dem Ziel, schlittert auf dem Rücken über die rote Linie – und verpasst die Goldmedaille nur um eine lausige Hundertstelsekunde. Lara wischt sich den Schnee aus dem Gesicht und zeigt ihr berühmtes Lächeln. Diese emotionalen Bilder gibt es nun auch auf der grossen Leinwand zu bewundern. Allerdings mit dem etwas irritierenden Makel, dass nicht «Lara Gut» eingeblendet wird, sondern «Chiara Merz». Aber Niccolo Castellis Werk «Tutti giù» ist trotz des grossen biografischen Anteils an Lara Guts Geschichte kein Dokumentar-, sondern ein fiktiver Kinofilm. Was zur Ehrenrettung von Laras richtiger Mutter betont werden muss, denn ihre Film-Mama ist – gelinde gesagt – etwas übereifrig.

Jullo

Mit dem Ernst des Lebens konfrontiert: Jullo.

Chiara alias Lara ist eine von drei «Ticino Kids», die sich mit den Tücken des Erwachsenwerdens herumschlagen. Während der strahlende Skistar vom immensen Rummel, den ihr schneller Aufstieg verursacht hat, überfordert wird, haben Jullo (Yanick Cohades) und Edo (Nicola Perot) alltäglichere Sorgen. Der smarte Giuliano, genannt Jullo, wird bei einem routinemässigen Spitalbesuch jäh aus seinem leichtfüssigen Dasein gerissen. Anstatt nur ans nächste sexuelle Abenteuer zu denken, findet sich der Skateboarder plötzlich auf der Warteliste für eine Herztransplantation wieder. Und der introvertierte Sprayer Edo muss den sozialen Umgang lernen, will er seine neue Flamme Giada (Nicole Lechmann) nicht verlieren.

Giada und Edo

Zwischen Giada und Edo funkt es.

Die drei verbinden zwei Dinge. Einerseits ihr Wohnort: Lugano. Sie laufen einander immer wieder über den Weg, ohne allerdings direkt miteinander zu tun zu haben. Andererseits befinden sich aber auch alle Protagonisten, so unterschiedlich sie auch sind, in derselben Situation – sie sind «tutti giù», alle unten. Nun haben sie die Wahl, wieder aufzustehen oder sich tatenlos ihrem Schicksal hinzugeben. Chiara, Jullo und Edo stehen stellvertretend für die Tessiner Stadtjugend, welche Regisseur Castelli gefühlvoll und ohne Pathos skizziert. Zwischen den Handlungssträngen hin- und herspringend, untermalt von einem poetischen Soundtrack, vermittelt er, wie fragil die Adoleszenz sein kann. Hochgefühle werden von Enttäuschungen abgelöst, und die Einsamkeit ist ein hartnäckiger Begleiter.

Chiara

Chiara erlebt die Schattenseiten des Ruhms.

Die Nachwuchsdarsteller sind durchwegs überzeugend. Neben Cohades und Perot, die zwar sich beruflich mit Schauspielerei beschäftigen, fällt Lara Gut keineswegs ab. Das «Schätzchen der Nation» beleuchtet dabei die Schattenseiten ihres Ruhms, die sie in der letzten Saison so sehr belastet hatten, dass sie nicht mehr mit den Medien sprach. Nun bietet sie in 98 Minuten als Chiara Merz mehr Einblicke in ihre Gefühlswelt als in den letzten vier Jahren als Lara Gut. Respekt, das erfordert Mut.

«Tutti giù» läuft ab 28. Februar 2013 im Pathé Küchlin in Basel.

Weitere Filmstarts in Basel am 28. Januar: 3096 Tage Gefangenschaft, Hansel and Gretel: Witch Hunters, In The Fog, Like Someone in Love, Clara und das Geheimnis der Bären, Dating Lancelot, Sightseers.