Beiträge mit dem Schlagwort ‘Thriller’

Bist du Gaffer oder Spieler?

Fabian Kern am Mittwoch den 7. September 2016

«Nerve» läuft ab 8.9. im Capitol und im Küchlin.

«Nerve» läuft ab 8.9. im Capitol und im Küchlin.

Stell dir vor, es gibt da ein Spiel, bei dem du mit etwas Mut zum Risiko viel Geld gewinnen kannst oder gegen eine Gebühr anderen Menschen via App bei Mutproben zusehen kannst. Diese Mutproben fangen harmlos an, indem man zum Beispiel seine eigene Schüchternheit überwinden muss, in der Öffentlichkeit singen oder sich entblössen. Dafür gibt es dann aber bereits 100 Dollar, wenn man besteht – und schon wartet die nächste Prüfung. Diese wird schwieriger zu meistern sein, die Überwindung höher, vielleicht auch die Gefahr grösser. Gibst du auf, ist das ganze Geld weg. Scheiterst du, ist das Geld weg. Am Ende gewinnt nur einer. Stell dir vor, dieses Spiel existiert wirklich und heisst «Nerve». Bist du Zuschauer oder Spieler?

Vee lässt sich auf «Nerve» ein.

Vee lässt sich auf «Nerve» ein.

Das Problem an diesem Spiel ist nur, dass du dich mit deiner Anmeldung den Machern komplett auslieferst. Sie haben dann Zugriff auf all deine persönlichen Daten auf den sozialen Medien, sie haben Zugriff auf deine Online Accounts, deine Mails, dein Konto. Aufgrund deiner Schwächen werden dir die nächsten Aufgaben gestellt. Vielleicht wirst du mit deiner schlimmsten Phobie konfrontiert, vielleicht musst du ein Verbrechen begehen, vielleicht musst du deinen besten Freund denunzieren. Bist du immer noch Spieler oder doch lieber Gaffer, der die Leichtsinnigen ins nächste Wagnis schickt? Oder sagst du: Dieses Spiel ist irre, lasst mich in Ruhe damit?

Aber ist sie wirklich stark genug dafür?

Aber ist sie wirklich stark genug dafür?

Die Idee von «Nerve» ist topaktuell. Sie treibt das Problem des gläsernen Kunden, unserer vielen persönlichen Daten, die mehr schlecht als recht gesichert im World Wide Web herumschwirren, auf die Spitze. Die Story um die vernünftige Vee (Emma Roberts), die über ihren Schatten springt und endlich mal etwas wagt in ihrem Leben und sich ausgerechnet auf das heimtückische Spiel einlässt und dabei auf den verführerischen, aber dubiosen Ian (Dave Franco) einlässt, ist Liebesgeschichte, Sozialkritik und Thriller in einem. Die rasante Inszenierung der beiden Kumpels Henry Joost und Ariel Schuman («Catfish», «Paranormal Acitivity 3») ist aber vor allem cleveres, junges Kino, das gute, kurzweilige Unterhaltung bietet.

«Nerve» läuft ab 8. September 2016 in den Basler Kinos Capitol und Pathé Küchlin.

Weitere Kinostarts in Basel am 8. September: The Light Between Oceans, Sing Street, Médecin de campagne.

Spielberg und Hanks – noch Fragen?

Fabian Kern am Mittwoch den 25. November 2015

«Bridge of Spies» läuft ab 26.11. im Küchlin.

«Bridge of Spies» läuft ab 26.11. im Küchlin.

Es gibt Filme, da überlege ich mir mehrmals, ob sie mir die 18 oder 20 Franken Kinoeintritt wert sind. Komödien zum Beispiel, da warte ich oft, bis sie im Fernsehen kommen. Und dann gibt es Filme, für die ich das Geld ausgebe, ohne überhaupt den Inhalt zu kennen. In diese Kategorie fallen die Werke von Christopher Nolan oder Quentin Tarantino – oder eben Steven Spielberg. Und zwar dann, wenn der Meister mal wieder selbst Regie führt, nicht nur als Produzent Pate stand. Wenn dann der Cast auch noch von Tom Hanks angeführt wird, dann gibt es kein Halten mehr. Dann steht schon von vorne herein fest, dass der Film gut ist. Da braucht es nicht einmal mehr den Hinweis, dass die Coen-Brothers am Drehbuch beteiligt waren – das ist schon fast zuviel.

Erfolgsgespann: Tom Hanks und Steven Spielberg.

Erfolgsduo: Tom Hanks und Steven Spielberg.

Zugegeben, das ist eine gefährliche Haltung. Nicht nur als Journalist, der eigentlich unvoreingenommen an ein Werk heran gehen sollte. Auch als Kinofan ist das gefährlich, denn der Anspruch an den Film ist dadurch fast ebenso hoch wie die Gefahr, enttäuscht zu werden. Aber so ein Risiko gehe ich unweigerlich ein, wenn ich die Arbeit eines solch Erfolg garantierenden Duos geniessen darf. Da werde ich nicht einmal abgeschreckt von der Tatsache, dass es sich um eine Geschichte aus dem Kalten Krieg handelt. Denn eigentlich habe ich schon genug gehört von den bösen Kommunisten, vom guten Westen gegen den kaltherzigen Osten. Doch «Bridge of Spies» fesselt mit dem Plot, der auf wahren Begebenheiten beruht, derart, dass ich sogar noch länger als die rund 140 Minuten zugesehen hätte.

Vor Gericht: Rudolf Abel und James Donovan.

Vor Gericht: Rudolf Abel und James Donovan.

Und dabei ist es nicht einmal so, dass Spielberg die spannenden Ereignisse rund um einen Agentenaustausch in Berlin mit einer rasanten Inszenierung in die Gegenwart holt. Vielmehr passt er seinen Stil der Zeit an, in der sich die Geschehnisse zugetragen haben – 1959. Langsame Schnitte und ein gemächliches Erzähltempo geben den Figuren und der Story Raum, sich zu entwickeln. So beobachten wir minutenlang einen Maler in Brooklyn, der von Agenten beschattet wird. Nichts deutet darauf hin, dass dieser unscheinbare ältere Mann ein sowjetischer Spion ist. Rudolf Abel (Mark Rylance) ist aber schon bald der meistgehasste Mensch der Vereinigten Staaten – gefolgt von James Donovan (Tom Hanks). Der Versicherungsanwalt wird dazu verdonnert, Abels Pflichtverteidigung zu übernehmen. Mit Betonung auf dem Wort «Pflicht», denn sogar der Richter geht mit der öffentlichen Meinung einher, dass der infiltrierte Feind nichts anderes als die Todesstrafe verdient hat.

Sowjet-Gefangener: Francis Gary Powers.

Sowjet-Gefangener: Francis Gary Powers.

Da haben die Amerikaner die Rechnung ohne ihren eigenen Mann gemacht. Donovan vertritt die Rechte seines Klienten mit Akribie. Der Familienvater lässt sich auch nicht von öffentlichen Anfeindungen, ja nicht einmal von einem Attentat auf sein Haus von seiner aufrichtigen Linie abbringen. Er setzt sich persönlich dafür ein, dass Abel dem elektrischen Stuhl entgeht und weist darauf hin, dass man den Sowjet vielleicht noch gebrauchen könnte, falls einmal ein Amerikaner in russische Gefangenschaft gerät. Und tatsächlich, bereits kurz darauf wird der junge amerikanische Aufklärungspilot Francis Gary Powell (Austin Stowell) bei seinem ersten Einsatz über Russland abgeschossen und gefasst. Nun sollen Abel den Sowjets im Tausch für Powell angeboten werden. Als Unterhändler im brodelnde Ostberlin, in dem gerade die berüchtigte Mauer gebaut wird, soll ausgerechnet Donovan fungieren. Dieser gerät mitten in den Machtkampf zwischen USA, UdSSR und DDR.

Einsatz in Ostberlin: James Donovan.

Einsatz in Ostberlin: James Donovan.

Einmal mehr hat sich bestätigt: Ich kann diesen Namen vertrauen. Spielberg und Hanks, das kann fast nicht schiefgehen. «Bridge of Spies» fesselt. Ohne Pathos und ohne die in Nachkriegsfilmen obligate Verherrlichung der USA wird die Geschichte eines Mannes erzählt, der für seine Werte einsteht und damit den Lauf der Weltgeschichte beeinflusst. Und das erst noch in einer eindrücklichen Inszenierung, die einen von Anfang bis Ende nicht loslässt. Kein Wunder, wird der Film jetzt schon als ganz heisser Oscar-Anwärter gehandelt.

«Bridge of Spies» läuft ab 26. November 2015 im Kino Pathé Küchlin in Basel.

Weitere Kinostarts in Basel am 26. November: Highway to Hellas, That Sugar Film, The Good Dinosaur, Rams, La glace et le ciel, Arabian Nights: Volume 2.

Carl Mørck auf Abwegen

Fabian Kern am Dienstag den 21. April 2015

BuchcoverKopenhagen ist das Revier von Carl Mørck. In der dänischen Grossstadtfühlt sich der Ermittler wohl. Oder zumindest so wohl, wie sich der mürrische Carl Mørck eben fühlen kann. Von seinem ungeliebten Chef in den Keller des Polizei-Dezernats verbannt, ist er froh, wenn er in Ruhe gelassen wird, ungestört rauchen kann und auch mal die Füsse für ein kleines Nickerchen auf seinem Schreibtisch platzieren kann. Entsprechend harsch reagiert der Leiter des Sonderdezernats Q, das sich alten ungelösten Fällen widmet, als ihn der Hilferuf eines verzweifelten Kollegen von der Insel Bornholm erreicht. Weil der Polizist kurz nach der telefonischen Abfuhr bei seiner Pensionierungsfeier vor all seinen Kollegen Selbstmord begeht, wird es sogar Mørck mulmig. Motiviert von seiner schrägen Truppe, der schrillen Rose, dem syrischen Immigranten Assad und dem rückgratlosen Gordon, muss der Chef sein gewohntes Terrain verlassen und auf die Insel vor der Südspitze Schwedens fliegen, wo er selbst aufgewachsen ist.

Dänische Exklave: Die Insel Bornholm.

Dänische Exklave: Die Insel Bornholm.

Dummerweise lässt sich dieser Ausflug auch noch mit der Beerdigung seines nervigen Cousins Ronny verbinden, womit Mørck endgültig die Ausreden ausgehen, seine Eltern mal wieder zu besuchen. Der Fall selbst scheint aussichtslos. Der Todesfall einer jungen Frau, die kopfüber in einem Baum hing, wurde als Autounfall mit Fahrerflucht ad acta gelegt. Der Polizist wollte das nicht glauben und war sein restliches Leben besessen von der Jagd nach dem Phantom. Zahllose Fährten hat er aufgenommen, die nun das Sonderdezernat mühselig sichten und aufarbeiten müssen. Dennoch zeichnet sich bald eine schwache Spur zu einem charismatischen Mann aus dem Umfeld des Opfers ab.

Bestseller-Autor Jussi Adler Olsen (64).

Bestseller-Autor Jussi Adler Olsen (64).

Jussi Adler-Olsen weiss, wie er seine Stammleserschaft bei der Stange halten kann. Auch im sechsten Teil seiner Erfolgsserie über das Sonderdezernat Q hält er die Spannung mit verschiedenen Handlungssträngen hoch. Einerseits wird parallel zum aktuellen Fall das Schicksal einer jungen Frau aus London aufgerollt, die einer mysteriösen Sonnensekte verfällt. Andererseits treibt er die persönlichen Geschichten der Hauptfiguren voran. Drei Jahre sind seit dem Fall Marco («Erwartung») vergangen, und immer noch weiss Mørck nicht, was Assad, der zu seinem besten Freund geworden ist, für Leichen im Keller hat. Klar ist nur, dass dieser nicht der harmlose Einwanderer ist, für den er sich ausgibt, sondern irgendeine militärische Vergangenheit im Nahen Osten hat. Auch in den «Druckluftnagler-Fall», den traumatischen Erlebnis, das Mørcks Freund Hardy ein Leben im Rollstuhl bescherte und Carl noch immer schwer belastet, kommt plötzlich wieder Bewegung. Schliesslich wäre da noch Mørcks verkorkstes Liebesleben, in welchem er kein Fettnäpfchen auslässt. Er macht einen ersten kleinen Schritt, um seine grosse Liebe, die Psychologin Mona Ibsen, zurück zu gewinnen.

All diese Ingredienzien lassen das Urteil erahnen. Adler-Olsen hat nach dem etwas harzigen fünften Buch zu seinem gewohnt rasanten Erzählstil, gewürzt mit viel trockenem Humor, zurückgefunden. Die schlechte Nachricht ist gleichzeitig die gute: Alle Geheimnisse werden noch nicht gelüftet – nach der letzten Seite geht sofort das Warten auf Band sieben los.

Jussi Adler-Olsen: Verheissung – Der Grenzenlose. Thriller. dtv Verlag. München, 2015. 596 Seiten, ca. 23 Franken.

Die Bände 1 bis 5 der Thriller-Serie: Erbarmen – Die Frau im Käfig (2007), Schändung – Die Fasanenmörder (2008), Erlösung – Flaschenpost von P (2009), Verachtung – Akte 64 (2010), Erwartung – Der Marco Effekt (2012).

Al Pacinos Erbe und Hollywoods Frau der Stunde

Fabian Kern am Mittwoch den 8. April 2015

«A Most Violent Year» läuft ab 9.4. im Küchlin.

«A Most Violent Year» läuft ab 9.4. im Küchlin und im Rex.

80er-Nostalgiker sind gerade in Hollywood weit verbreitet. Auf eine ganz dunkle Ecke dieses Jahrzehnts richtet nun aber Regisseur J. C. Chandor seinen unerbittlichen Fokus. Auf 1981, das Jahr mit der bis heute höchsten Kriminalitätsrate in der Geschichte von New York City. Die Metropole an der amerikanischen Ostküste wird erschüttert von Morden, Vergewaltigungen, Überfällen. Auch die Heizöl-Transporter von Abel Morales (Oscar Isaac) werden regelmässig überfallen – und das hat seinen Grund. Der aufsteigende Unternehmer hat soeben das Vorkaufsrecht auf ein strategisch wichtiges Grundstück erworben, das ihn an die Spitze der Branche bringen könnte. Die Verluste aus den Überfällen drohen aber den Kredit zum Platzen zu bringen, weshalb sich Morales entscheiden muss, wie weit er gehen möchte, um sein Lebenswerk zu verteidigen. Er, ein aufrechter Einwanderer, dessen wichtigstes Prinzip immer Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit war.

Abel und der verängstigte Fahrer Julian.

Abel und der verängstigte Fahrer Julian.

Die Fallen sind ausgelegt für Morales. Einerseits sind die Fahrer derart verängstigt, dass die Gewerkschaft darauf besteht, sie zu bewaffnen. Sollte allerdings einer der Fahrer mit einer Pistole jemanden verletzen, dann platzt der Bankkredit. Die Konkurrenz schreckt auch nicht davor zurück, Abels Familie einzuschüchtern. Zudem rückt ihm die Staatsanwaltschaft auf die Pelle und ermittelt wegen Steuerhinterziehung. Abel ist sich seiner weissen Weste sicher, bis ihm seine Frau Anna (Jessica Chastain) gesteht, dass sie schon seit Jahren Gelder auf ein sicheres Konto abzweigt. Abel sieht seinen vorgezeichneten Weg ganz nach oben, den amerikanischen Traum, den er schon sein ganzes Leben lang verfolgt, in höchster Gefahr.

Anna muss die Polizei das Haus durchsuchen lassen.

Anna muss die Polizei das Haus durchsuchen lassen.

Es gibt verschiedene Gründe, sich «A Most Violent Year» anzusehen. Erstens ist die Story von Beginn an packend und vielschichtig – ein intelligenter Thriller, der mit einem Minimum an Action und gänzlich ohne Effekte auskommt. Zweitens hält der Spannungsbogen über die vollen zwei Stunden Spielzeit. Chandor («Margin Call») schafft eine bedrückende, graue Grundstimmung und legt darüber eine dichte, nervenaufreibende Atmosphäre, die einem mit zunehmender Dauer die Luft zu nehmen scheint. Der Zuschauer wird ständig von Fragen belauert: Ist das mehr Drama oder Thriller? Was für ein Ende erwartet mich? Von Bankrott bis Durchbruch, von Selbstzerstörung bis Happy End, von Kampfscheidung bis Familienidylle scheint alles möglich für Abel Morales.

Ausdrucksstarkes Duo: Oscar Isaac und Jessica Chastain.

Ausdrucksstarkes Duo: Oscar Isaac und Jessica Chastain.

Und damit wären wir beim dritten und wichtigsten Argument für diesen Film: den Darstellern. Wem der Name Oscar Isaac nicht viel sagt, dem sei verziehen. Der 35-Jährige Sohn einer guatemaltekischen Mutter und eines kubanischen Vaters, der in Miami aufwuchs hatte, fiel bisher erst durch seine Rolle als fieser Prinz John in Ridley Scotts «Robin Hood» auf, als «Llewyn Davis» der Coen Brothers und vielleicht noch im Schatten von Ryan Gosling in «Drive». Nach «A Most Violent Year» dürfte sich das ändern. Isaac könnte der nächste Al Pacino sein. Mit seinem intensiven Blick und seiner entschlossenen Ausstrahlung wirkt er wie der Sohn der lebenden «Godfather»-Legende. Bei so einer Leistung kann der weibliche Co-Star eigentlich nur verblassen… wenn dieser nicht Jessica Chastain heissen würde. Die Frau gilt seit «Zero Dark Thirty», spätestens aber seit «Interstellar» als die begehrteste Schauspielerin der Traumfabrik. Der ausdrucksstarke Rotschopf – in «A Most Violent Year» für einmal blond –  vereint Charakter, Intelligenz und Sex-Appeal zu einer faszinierenden Mischung, der man sich nicht verschliessen kann. Die beiden verleihen dem Retro-Look den nötigen Glanz. Was also kann ein Film mehr bieten?

«A Most Violent Year» läuft ab 9. April 2015 in den Basler Kinos Pathé Küchlin und Rex.

Weitere Kinostarts in Basel am 9. April: Mall Cop 2, Une heure de tranquillité.

Finchers Psychospiel mit Ben Affleck

Fabian Kern am Mittwoch den 1. Oktober 2014

«Gone Girl» läuft ab 2.10. in Küchlin, Plaza und Rex.

«Gone Girl» läuft ab 2.10. in Küchlin, Plaza und Rex.

Asche auf mein Haupt. Ich habe bis zur Ankündigung dieses Films noch nie von «Gone Girl» gehört. Der Bestseller von Gillian Flynn ist total an mir vorbeigegangen. Was aber nicht an mir vorbeigegangen ist, ist der Name David Fincher. Jeder Regiearbeit mit diesem Label ist erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken. Herausragend aus der Liste seiner Werke sind die cineastischen Meilensteine «Seven» und «Fight Club» jeweils mit Brad Pitt in der Hauptrolle. Das Markenzeichen des 52-jährigen Kaliforniers sind unvorhersehbar Twists in der Handlung. Diese Überraschungseffekte werden natürlich von Film zu Film schwieriger.

Ausnehmend schwierig, ja gar unmöglich war es bei «Gone Girl», jene Zuschauer aus den Socken zu hauen, die das Buch von Gillian Flynn gelesen haben. Dazu gehöre ich, wie gesagt, nicht – zum Glück. Denn das erhöht den Thrill erheblich. Die Ausgangslage ist knifflig. Just an ihrem fünften Hochzeitstag verschwindet Amy Dunne (Rosamund Pike) spurlos. Zumindest fast spurlos, denn ihr Mann Nick (Ben Affleck) findet Kampfspuren im gemeinsamen Haus. Amys Eltern ziehen gleich das ganz grosse Kino auf, richten Hotline und Website für die Suche nach ihrer Tochter, die sie als Vorbild für die beliebten Kinderbuchfigur «Amazing Amy» zur nationalen Bekanntheit gemacht haben.

Wie aufrichtig ist Nicks Aufruf für Amy?

Wie aufrichtig ist Nick Dunnes Aufruf für seine verschwundene Frau Amy?

Über Nick hingegen bricht die öffentliche Empörung herein. Die omnipräsenten und aggressiven Medien schiessen sich grossflächig auf ihn als Möder seiner wunderschönen und beliebten Gattin ein. Als Zuschauer hingegen ist man von Beginn weg auf der Seite des Beschuldigten, weil man ihn von Beginn weg begleitet, wie er die Spuren im Haus findet und die Polizei alarmiert. Aber warum soll Amy ihre Ermordung vortäuschen? Zudem benimmt sich der arbeitslose Journalist, dem das Leben durch seine aus gutem Hause stammende Frau finanziert wird, zunehmend verdächtig. Erst zeigt er keine Emotionen, dann beginnt er der ermittelnden Polizistin Rhonda Boney (Kim Dickens) Dinge zu verheimlichen, die helfen könnten, Licht ins Dunkel zu bringen. Zudem ist die Last der Indizien erdrückend. Hat er doch etwas mit Amys Verschwinden zu tun? Oder ist Amys Ex-Freund und Stalker Desi Collings (Neil Patrick Harris), der plötzlich auftaucht, in die Sache verstrickt?

Regie-Oscargewinner lernt von Regie-Altmeister: Ben Affleck und David Fincher.

Regie-Oscargewinner lernt von Regie-Altmeister: Ben Affleck und David Fincher.

Fincher demontiert das Bild der perfekten Ehe kontinuierlich und sehr geschickt. Mit Auszügen aus Amys Tagebuch wird die Geschichte der Beziehung Stück für Stück aufgerollt und die zunehmenden Probleme aufgedeckt. Bis man zum Schluss kommt, dass ein gewaltsames Ende nur logisch wäre… Atmospärisch ist das trotz Thriller-Überlänge von knapp zweieinhalb Stunden sehr dicht gestrickt. Dichter noch als das Buch, wie man hört. Insofern ist im Vorteil, wer unbelastet ins Kino geht. «Gone Girl» ist kein Meilenstein à la «Fight Club». Aber Fincher holt das Maximum aus Story sowie Darstellern heraus und fesselt einen bis zum Schluss an den Kinosessel. Ein Thriller wie gemacht für kühle Herbstabende.

«Gone Girl» läuft ab 2. Oktober 2014 in den Basler Kinos Pathé Küchlin, Plaza und Rex.

Weitere Filmstarts in Basel am 2. Oktober: Dracula Untold, Männerhort, Les vacances du petit Nicolas, Phoenix, Yalom’s Cure.

Ausserirdische Venusfalle

Fabian Kern am Mittwoch den 13. August 2014

«Under the Skin» läuft ab 14.8. im Atelier.

«Under the Skin» läuft ab 14. August im kult.kino Atelier.

Scarlett Johansson kann man derzeit nicht ausweichen. Die schöne Amerikanerin mit dänischen Wurzeln begegnet einem auf fast allen Kanälen. Sei es, weil ihre betörende Ausstrahlung sie zum Sexsymbol schlechthin und zur Protagonistin manch feuchten Traumes macht, wegen ihrer Schwangerschaft – das Baby soll noch im August zur Welt kommen – oder aufgrund ihrer grossen Kinopräsenz. Nachdem sie als künstliche Intelligenz in «Her» erst gerade Joaquin Phoenix den Kopf verdreht hat, nimmt die 29-Jährige diese Woche gleich mit zwei Filmen die Schweizer Leinwände in Beschlag. Mit zwei ganz unterschiedlichen Streifen, in denen ihre Figuren gegensätzliche Entwicklungen durchmachen, die aber trotzdem einige Gemeinsamkeiten aufweisen.

Scarlett als ballernde Lucy...

Scarlett als ballernde Lucy…

... und als männermordendes Alien. (Keystone)

… und als männermordendes Alien. (Keystone)

«Under the Skin» ist ein verstörender Experimentalfilm, der ganz nach dem Gusto des verstorbenen Stanley Kubrick («2001: A Space Odyssey») gewesen wäre. Ohne Soundtrack, dafür mit schrillen Hintergrundgeräuschen ausgestattet, wird man das Gefühl nicht los, der Film sei noch gar nicht fertig bearbeitet. Doch genau diesen dokumentarischen Touch wollte der Regisseur. Er liess grosse Teile mit versteckter Kamera drehen, weshalb sich Johansson im Nutten-Outfit durch ein völlig authentisches Glasgow bewegt. Das Ziel des Aliens ist es, den Sexualtrieb der Männer auszunutzen, denn ihr Volk braucht Frischfleisch. Hinfällig zu sagen, dass sie damit überaus erfolgreich ist.

Was ist Liebe? Laura will es wissen.

Was ist Liebe? Laura will es wissen.

Es geht aber nicht um Sex oder Action, sondern um das, was uns als Menschen ausmacht. Laura, die Ausserirdische, beginnt sich und ihre Mission nach einigen unglücklichen Opfern zu hinterfragen und entwickelt zumindest eine Ahnung von Mitgefühl. Sie hat den Wunsch, ebenfalls zu fühlen, zu lieben – und bewegt sich somit genau in der entgegengesetzten Richtung wie in «Lucy», wo sie durch ihre Superintelligenz beinahe unbesiegbar wird und emotional abstumpft. Das zeigt die Bandbreite der enorm vielseitigen Scarlett Johansson. Sie nur auf ihr zugegebenermassen sehr attraktives Äusseres und ihre sexy Kurven zu reduzieren, wäre zu einfach.

Wer kann diesem Gesicht widerstehen?

Wer kann diesem Gesicht widerstehen?

Jenes Mädchen, das vor 16 Jahren an der Seite von Robert Redford mit den Pferden flüsterte, ist nun bald Mami – und eine grosse Schauspielerin. Sie trägt «Under the Skin» mit ihrem subtilen Spiel ganz von selbst und macht ihn zu einem sehr speziellen Erlebnis, über das man zwei Mal nachdenkt. Und wer es nicht so mit der Philosophie hat, dem bleibt immer noch «Lucy», um Johansson zu bewundern oder das Warten auf ihren nächsten Auftritt als knackige «Black Widow» in «Avengers 2», der für 2015 angekündigt ist. Denn Mann will ihr gar nicht ausweichen.

«Under the Skin» läuft ab 14. August 2014 im kult.kino Atelier.

Und hier noch der Trailer von Scarlett Johanssons Film «Lucy», der gleichzeitig anläuft (im Capitol und im Pathé Küchlin):

Weitere Filmstarts in Basel am 14. August: The Raid 2, Planes 2: Immer im Einsatz, The Way He Looks – Hoje Eu Quero Voltar Sozinho.

Revolution in der ratternden Arche

Fabian Kern am Donnerstag den 1. Mai 2014

«Snowpiercer» läuft ab 30. April im Küchlin und im Rex.

«Snowpiercer» läuft ab 30. April im Küchlin und im Rex.

Globale Erwärmung? Von wegen! Weil ein Gegenschlag der Menschheit gegen die Klimaveränderung nach hinten losgeht, herrscht auf der Erde Eiszeit. Der Globus ist in einen dicken weissen Mantel gehüllt, der ein Leben im Freien unmöglich macht. Deshalb zwängen sich alle Überlebenden der Welt in einen einzigen gigantischen, 650 Meter langen Zug, der als Perpetuum Mobile um die Welt fährt. Da könnte man meinen, alle sitzen nicht nur in einem Zug, sondern auch in einem Boot. Weit gefehlt – Free Seating ist nicht in diesem «Snowpiercer». Die sozialen Schichten sind klar verteilt: von vorne nach hinten Erste Klasse, Economy und Dritte Klasse. So weit, so krude die Idee des «Transpierceneige», einer französichen Gothic Novel, deren Verfilmung nun in unseren Kinos läuft. Das Ganze klingt ein bisschen nach B- oder gar C-Movie. Doch nochmals weit gefehlt, denn dieser europäische Thriller von einem koreanischen Regisseur bietet sowohl eine gehobene Science Fiction als auch grimmige Action und eine Sozialkritik, die sich gewaschen hat.

Hallo Klassenkampf! Curtis sieht sich einer Übermacht gegenüber.

Hallo Klassenkampf! Curtis sieht sich einer Übermacht gegenüber.

«Kennt euren Platz!» Mason setzt auf Erniedrigung. (Bilder: Ascot-Elite)

«Kennt euren Platz!» Mason setzt auf Erniedrigung. (Bilder: Ascot-Elite)

Während die High Society seit 17 Jahren im Luxus schwelgt, herrschen im hintersten Teil des Zugs nämlich Ghetto-Verhältnisse. «Kennt euren Platz, behaltet euren Platz», wird den vermeintlich Minderwertigen von der arroganten Mason (köstlich: Tilda Swinton), der Botschafterin der Oberschicht, eingebläut. Diese Ausgangslage verrät das Unvermeidliche: Der Pöbel plant den Aufstand. Waggon um Waggon kämpfen sich die Revoluzzer unter dem Kommando von Curtis (Chris Evans) in Richtung der «Heiligen Maschine», die vom Erbauer Wilford (Ed Harris) unterhalten wird. Dabei begegnen die Aufrührer, die den Türschloss-Entwickler Namsoong Mingoo (Song Kang-Ho) aus dem Gefängnis-Waggon befreit haben, allerlei Skurrilem und der puren Dekadenz. Doch die gehobene Gesellschaft lässt die Unterklasse nicht kampflos durch den «Snowpiercer» marschieren.

Im falschen Film: Die Revoluzzer mit Mason im Schul-Waggon.

Im falschen Film: Die Revoluzzer sind mit Mason im Schul-Waggon gelandet.

Curtis' Mentor: Gilliam, der Vater des Aufstands.

Curtis’ Mentor: Gilliam, der Vater des Aufstands und frühere Partner von Wilford.

Der Klassenkampf ist kein neues Thema. Dennoch ist der Film von Bong Joon-Ho absolut sehenswert, denn er bietet nicht nur einen hochklassigen Cast mit Charakterdarstellern erster Güte wie Tilda Swinton, John Hurt oder Ed Harris, sondern auch einen Plot abseits des Mainstream. Das ist kein Aufsteiger-Epos mit einem charismatischen Helden, der die Arbeiterklasse befreit. «Captain America» Chris Evans trägt als Curtis schwer an seiner dunklen Vergangenheit in der Dritten Klasse und will kein Anführer sein. Entsprechend ist die Grundatmosphäre düster, die Gewaltszenen blutig und dreckig, wie eine Revolution eben ist. Als krasser Gegensatz wirken die quietschbunten Bilder aus der High Society, die mit viel Zynismus überzeichnet werden. Es macht Spass, die verschiedenen Waggons des «Schneekreuzers» zu entdecken, die durch die Eiszeit rattern. Trotzdem macht einem die pessimistische Stimmung und der skrupellose Egoismus nicht viel Hoffnung auf ein Happy End. Hat eine solch kranke Gesellschaft überhaupt das Überleben verdient? Der perfekte Film zum Tag der Arbeit.

«Snowpiercer» läuft ab 30. April in den Basler Kinos Pathé Küchlin und Rex.

Weitere Kinostarts in Basel am 30. April und 1. Mai: One Chance, Muppets Moste Wanted, La belle et la bête, The Other Woman.

Hoffen und Bangen mit Harry Hole

Fabian Kern am Mittwoch den 4. Dezember 2013

BuchcoverHarry Hole lebt. Wer mit diesem Satz nichts anfangen kann, der sollte gar nicht erst weiterlesen. Alle anderen nämlich sind elektrisiert – falls sie Jo Nesbøs «Koma» nicht schon längst gekauft und verschlungen haben. Zu gross war die Ernüchterung am Ende von «Die Larve», des letzten Bandes der Serie, als Harry von seinem Ziehsohn Oleg niedergeschossen wurde, als dass ein echter Fan jetzt unnötig Zeit verlieren könnte. Und ein echter Fan ist, wer in allen bisherigen neun Büchern mit dem selbstzerstörerischen, aber gutherzigen Suchtmenschen mitgelitten hat.

«Koma» knüpft inhaltlich nahezu nahtlos an seinen Vorgänger an. Die dramatischen Ereignisse rund um den Drogenbaron Rudolf Asajev sind sofort wieder präsent, Harrys Gegenspieler immer noch dieselben. Mikael Bellman ist zum Polizeipräsidenten aufgestiegen, die skrupellose Kultursenatorin Isabelle Skøyen befindet sich weiterhin auf Steigflug in der Osloer Politik. Nur einer kann dem ruchlosen Duo gefährlich werden, weshalb sie ein Attentat auf den unter Bewachung stehenden Mann im Koma planen. Harrys ehemaligen Kollegen sehen sich derweil mit einer schockierenden Mordserie konfrontiert. Ein Polizistenmörder treibt sein Unwesen und bringt Ermittler an den Tatorten ihrer ungelösten Mordfälle um. Das Team um Beate Lønn wünscht sich ihren schwierigen, eigenbrötlerischen aber eben auch genialen früheren Hauptkommissar zurück – im Wissen, dass die Polizeiarbeit auf Harry ebenso fatale Auswirkungen haben kann wie der Alkohol.


Ein Video-Gruss von Jo Nesbø an seine Leser.

Ein gebranntes Kind scheut das Feuer – man traut Nesbø im zehnten Band nicht über den Weg und alles zu. Schliesslich hat er auch in der Vergangenheit vor nichts zurückgeschreckt. Schickt er Harry wieder in die Fänge des Alkohols? Lässt er ihn seine grosse Liebe Rakel endgültig aufgeben, weil Harry Angst hat, ihrer nicht wert zu sein? Wer aus Harrys engsten Umfeld lässt er noch über die Klinge springen? Ist er gar fähig dazu Harry selbst sterben zu lassen? Diese Fragen zehren am Leser, der das Buch deshalb wie getrieben gar nicht mehr beiseite legen kann. Man hofft so sehr, dass Harry endlich die Kurve kriegt und seinem Glück nicht wieder selbst im Weg steht. Doch kann er sich wirklich ändern?


Jo Nesbø spricht 2011 über seinen Krimi-Protagonisten Harry Hole.

Als Weihnachtsgeschenk taugt der Krimi nicht viel, denn Fans werden nicht bis Heiligabend warten wollen, und das Quereinsteigen ist in dieser Serie nicht zu empfehlen. Dabei sei auf Harry Holes ersten Fall, «Der Fledermausmann» verwiesen. Zwar ist jenes Buch das schwächste der ganzen Serie, ist für die ganze Geschichte aber elementar. Das Lesen lohnt sich – auch wenn es Nesbø nicht immer nur gut mit seinem Helden meint. Aber Achtung: Sucht ist nicht nur ein immer wieder kehrendes Thema in den Nesbø-Krimis, sondern sie machen selbst süchtig. Nach dem Buch ist leider schon wieder vor dem Buch. Da macht auch «Koma» keine Ausnahme.

Jo Nesbø: Koma. Kriminalroman. Ullstein Verlag. Berlin, 2013. 608 Seiten, Fr. 36.90.

Lost in Space

Fabian Kern am Donnerstag den 3. Oktober 2013

«Gravity» läuft ab 3. Oktober 2013 in den Basler Kinos Pathé Küchlin und Rex.

«Gravity» läuft ab 3.10. im Pathé Küchlin und im Rex.

Murphy’s Law ist eigentlich ein irdisches Phänomen: Was schiefgehen kann, geht auch schief. Anscheinend besitzt diese Gesetzmässigkeit aber ebenfalls ausserhalb unserer Atmosphäre ihre Gültigkeit – zumindest in Alfonso Cuaróns atemberaubendem Film «Gravity». Wie Sandra Bullock und George Clooney vor der grossartigen Kulisse der Erde Trümmerteile um die Ohren fliegen, und das ohne Geräusche zu produzieren, solche spektakulären Bilder hat man im Kino noch nie gesehen.

Selten hat sich der Protagonist eines Films so lange Zeit gelassen, um vorzukommen. Erst in der letzten Szene hat die titelgebende Schwerkraft ihren ersten Auftritt. Davor ist ihre Absenz das bestimmende Thema. Unter der Schwerelosigkeit im Weltall leidet insbesondere Dr. Ryan Stone (stark: Sandra Bullock). Die Medizintechnikerin befindet sich auf ihrer ersten Mission im Orbit, als sie und ihr Team bei Arbeiten am Weltraumteleskop Hubble in eine zerstörerische Trümmerwolke geraten. Stones Sicherheitsleine reisst und somit auch jegliche Verbindung zu ihrem Team. Panisch driftet sie in den unendlichen Raum ab. Als sie schon nicht mehr an eine Rettung glaubt, wird sie vom souveränen Astronauten und Missionschef Matt Kowalsky (George Clooney) eingesammelt.

Da ist noch alles in Ordnung: Dr. Ryan Stone und Matt Kowalsky. (Bilder: Warner Bros.)

Da ist noch alles in Ordnung: Dr. Ryan Stone und Matt Kowalsky. (Bilder: Warner Bros.)

Leider verbessert das Stones Situation nur unwesentlich, denn das Shuttle ist zerstört und die Besatzung tot. Die beiden Weltraumwanderer müssen deshalb die internationale Raumstation ISS erreichen, um eine Chance auf Rückkehr zur Erde zu haben. Doch die Zeit drängt: Einerseits geht Stone langsam aber sicher die Luft aus, andererseits kehrt die Trümmerwolke, Ergebnis der Sprengung eines russischen Nachtrichtensatelliten, auf der Umlaufbahn mörderisch pünktlich alle 90 Minuten zurück. Ein Wettlauf gegen die Zeit und die Unerbittlichkeit des Alls beginnt.

Da ist nichts mehr in Ordnung: Dr. Stone kämpft ums Überleben.

Da ist nichts mehr in Ordnung: Dr. Stone kämpft im Weltall ums Überleben.

Regie-Shootingstar: Alfonso Cuarón.

Shootingstar: Alfonso Cuarón.

Wer schon immer davon träumte, Astronaut zu werden, überdenkt dies vielleicht nach «Gravity» noch einmal. Die Bilder des mexikanischen Regisseurs Cuarón («Children of Men») sind beklemmend. Klaustrophobie wechselt mit Agoraphobie ab. Ob aus der Totalen, welche die gewaltigen räumlichen Dimensionen ausserhalb unserer Atmosphäre hervorhebt, im Innern einer Raumstation, die Feuer fängt, oder aus der Perspektive von Stone in ihrem Anzug – die Spannung lässt einen nicht los. Das ist ein Kammerspiel mit nur zwei – aber dafür hervorragenden – Darstellern in der grössten Kammer, die existiert. Man ist fast froh, geht dieser eindrückliche Film nicht länger als 91 Minuten. Wenn es ein Plädoyer für die grosse Leinwand und 3D-Technik gibt, dann heisst es «Gravity».

«Gravity» läuft ab 3. Oktober 2013 in den Basler Kinos Pathé Küchlin und Rex.

Weitere Filmstarts in Basel am 3. Oktober: Prisoners, Turbo, Metallica Through the Never, Von heute auf morgen.

Freie Sicht auf die Stars

Fabian Kern am Mittwoch den 18. September 2013

«Paranoia» läuft ab 19.9. im Rex.

«Paranoia» läuft ab 19. September im Capitol, im Küchlin und im Rex.

Erinnert sich jemand an den roten Knopf? Den roten Knopf am Ende von «Flucht aus L.A.» mit Kurt Russell als «Snake» Plissken? Das B-Movie mit hohem Trash-Faktor ist eigentlich nicht der Erinnerung wert, die Schluss-Pointe allerdings hat durchaus seinen Reiz: Mit dem Drücken des besagten Knopfs wird die Menschheit in die Steinzeit zurückgeworfen – kein Internet, kein Strom mehr. Nur Dunkelheit. Eine Light-Version dieses Knopfs, nämlich jenen zur Zerstörung des allgegenwärtigen Mobilfunknetzes, wünscht sich wohl auch Liam Hemsworth alias Adam Cassidy in «Paranoia». Zumindest in der Mitte des Thrillers um den skrupellosen Machtkampf in der Hightech-Branche, als er dem engmaschigen Überwachungsnetz seiner mächtigen Feinde nicht entschlüpfen kann.

Adam (l.) wird auf seine Rolle vorbereitet. (Bilder: Rialto)

Adam (l.) wird auf seine Rolle vorbereitet. (Rialto)

Zu Beginn hat der findige Telekom-Entwickler nur eines im Kopf: den sozialen Aufstieg, den Sprung vom verhassten Brooklyn über den East River in die Upper Class nach Manhatten. Das grosse Geld lockt nach einer Kindheit in bescheidenen Verhältnissen. Als Schlüssel zum Tresor soll Nicolas Wyatt (Gary Oldman) beziehungsweise dessen Firma Wyatt Corporation dienen. Cassidy fällt mit der Präsentation eines neuen Tools zwar gnadenlos durch und verliert seinen ohnehin schlecht bezahlten Job. Doch er erhält von Wyatt eine zweite Chance. Nicht aus reiner Menschenliebe, sondern aus eiskalter Berechnung. Denn der Unternehmer hat Cassidy in der Hand. Nach einer durchzechten Nacht auf Kosten der Firma hat das Nachwuchstalent die Wahl zwischen Gefängnis und Industriespionage, mit deren fürstlicher Entlöhnung er nicht nur seinen kranken Vater durchfüttern, sondern sich auch in der Cüpli-Gesellschaft bewegen könnte. Eine einfache Wahl.

Emma hat Adams Herz erobert.

Emma hat Adams Herz erobert.

So weit, so schlecht für unseren Helden. Das nächste Problem folgt aber auf dem Fuss. Die Firma, bei der Cassidy als Maulwurf agieren soll, heisst Eikon und gehört Wyatts früherem Partner und jetzigem Erzfeind Jock Goddard (Harrison Ford). Das an sich wäre noch kein Problem. Dass die unbekannte Schöne, in die sich Cassidy gerade eben Hals über Kopf verliebt hat, Emma Jennings (Amber Heard) heisst und Goddards Tochter ist, allerdings schon. Cassidy hat je länger je mehr mit seinem Gewissen zu kämpfen, muss aber feststellen, dass ein Aussteigen nicht akzeptiert ist. Zwischen den Fronten von Wyatt, Goddard und dem FBI muss er um Leben und Freiheit kämpfen.

Erzfeinde: Jock Goddard und Nicolas Wyatt.

Erzfeinde: Jock Goddard und Nicolas Wyatt.

«Paranoia» bietet nichts Neues. Leitthemen sind zwei altbekannte: erstens die Kritik an der Big-Brother-Gesellschaft und zweitens der Preis für den Verkauf der eigenen Prinzipien. Da ist die Auflösung absehbar. Den roten Knopf findet Cassidy übrigens nicht. Dafür – oh Wunder – seine eigenen Werte wieder. Umso besser fürs Publikum. Wenn einen die Story nicht zu sehr fordert, kann man sich besser auf das wirklich Reizvolle des Films konzentrieren: das Personal. Männer ergötzen sich an Amber Heard, Frauen an Liam Hemsworth, Cineasten am Abnützungskampf der beiden älteren Semester Gary Oldman und Harrison Ford. Ist doch auch etwas.

«Paranoia» läuft ab 19. September 2013 in den Basler Kinos Capitol, Pathé Küchlin und Rex.

Weitere Filmstarts in Basel am 19. September: Jobs, Riddick, L’inconnu du lac, Ernest & Clementine.