Beiträge mit dem Schlagwort ‘Teheran’

Ben Afflecks grosser Wurf

Fabian Kern am Mittwoch den 7. November 2012

Argo

«Argo» läuft ab 8. November im Pathé Küchlin und im Rex.

Als Ben Affleck 1998 mit seiner Rolle im Blockbuster «Armageddon» in die erste Schauspiel-Riege Hollywoods aufstieg, war den Wenigsten bewusst, dass der wie fürs Heldenkino gemachte Kalifornier noch viel mehr auf dem Kasten hat. Bereits ein Jahr zuvor war er zusammen mit seinem Kumpel Matt Damon für das brillante Drehbuch zu «Good Will Hunting» mit einem Oscar ausgezeichnet worden. Doch damit waren die filmischen Ambitionen des Ex-Manns von Jennifer Lopez noch nicht befriedigt. Auch der Regiestuhl lockte. Mit dem beklemmenden Thrillerdrama «Gone Baby Gone» legte Affleck 2007 ein überzeugendes Debüt als Regisseur hin, das er drei Jahre später mit dem Copthriller «The Town» bestätigte. Und nun liefert der 40-Jährige mit «Argo» sein Meisterstück ab.

Tony Mendez und die Flüchtlinge

Tony Mendez paukt mit den Flüchtlingen den Auftritt als Filmcrew. (Bilder: Warner Bros.)

Im November 1979 stürmten in Teheran iranische Studenten die amerikanische Botschaft und nahmen die gesamte Belegschaft in Geiselhaft. Doch sechs Personen gelingt die Flucht. Der kanadische Botschafter gewährt den je drei Männern und Frauen Unterschlupf. Doch damit sind die Amerikaner noch nicht in Sicherheit. Sobald die Iraner merken, dass einige Leute fehlen, würden sie sie mit allen Mitteln jagen und öffentlich hinrichten, um den Ernst ihrer Forderung nach der Auslieferung des Schahs zu unterstreichen. Also muss ein Rettungsplan her. Die Verantwortlichen der CIA entwerfen Szenarien von einer Ausreise mit falschen Papieren als Lehrer bis zu einer Flucht auf Fahrrädern. Bis Agent Tony Mendez (Ben Affleck) eine noch abenteuerlichere Idee vorstellt: Er möchte als Produzent eines fiktiven Science-Fiction-Films mit dem Titel «Argo» nach Teheran fliegen, die sechs Amerikaner als seine kanadische Filmcrew ausgeben und mit gefälschten Pässen ausreisen. Dabei riskiert Mendez aber nicht nur die Leben der Botschaftsangestellten, sondern auch seinen eigenen Kopf. «Das ist die beste schlechte Idee, die wir haben. Mit Abstand», verteidigt Mendez’ Mitstreiter Jack O’Donnell (Bryan Cranston) das vermeintliche Himmelfahrtskommando vor seinen Vorgesetzten.

John Chambers und Lester Siegel

Spassvögel: John Chambers und Lester Siegel.

Der Plot liest sich wie eine Politfarce über ein ernstes Thema. Der Clou daran ist aber: Alles hat sich so zugetragen. Manchmal schreibt das Leben die verrückteren Geschichten als die Drehbuchautoren der Traumfabrik. Wie Affleck nun diese Geschichte inszeniert, ist stark. Er schafft es, zwischen ernst und lustig hin- und herzuwechseln, ohne dabei die Spannung zu verlieren oder ins Lächerliche abzudriften. Ernst, das sind die Geiseln mit ihrer klaustrophobischen Todesangst in Teheran. Lustig, das sind die Szenen in Hollywood. Die CIA muss, um die Tarnung perfekt zu machen, einen Film promoten und bewerben, der nie gemacht wird. Dazu werden mit grossem Aufwand Setdesigns und Kostüme entworfen und ein riesiger Medienhype um die Mogelpackung veranstaltet. Mendez’ eingeweihte Verbündete in der Filmbranche sind der Maskenbildner von «Planet der Affen» John Chambers (John Goodman) und Produzent Lester Siegel (Alan Arkin). Die beident Routiniers Goodman und Arkin verkörpern das Filmbusiness mit viel Lust und Ironie und lockern so den dramatischen Plot auf.

Ben Affleck

Auch hinter der Kamera stark: Ben Affleck.

Zugegeben, Affleck hat sich mit der Geschichte um Tony Mendez, die wegen Geheimhaltung erst Ende der Neunziger Jahre bekannt wurde, eine tolle Vorlage gesichert. Er hat diese aber in einen packenden Thriller umgemünzt, der einem ohne Actionszenen bis am Schluss an den Nerven zerrt. Und sogar die gute alte Swissair erlebt eine kurzzeitige Auferstehung. Für einmal lohnt es sich aber auch, für den Abspann noch sitzen zu bleiben, denn dort werden die Fotos der echten Beteiligten am Geiseldrama gezeigt. Und erst da wird einem richtig bewusst, wie nahe sich der Film an der Realität orientiert hat. Chapeau, Mr. Affleck!

«Argo» läuft ab 8. November in den Basler Kinos Pathé Küchlin und Rex.

«Die Einzelhaft war ein unglaublich beängstigendes Erlebnis»

Joel Gernet am Dienstag den 3. Juli 2012

Die Arme erhoben, in den Händen Dolch und Keule. Augen und Mund weit aufgerissen. Über dem grauweissen Kopf leuchtet ein gelber Heiligenschein. «Urban Primitives» nennt der iranische Künstler A1one seine gemalten Fantasie-Figuren, die aussehen, als bestünden sie aus Spaghetti und Hautschuppen. «Früher hatten unsere Könige die Krone auf dem Kopf – jetzt tragen sie diese am Kinn», sagt A1one und begutachtet den überdimensionalen Kopf mit den drei gelb leuchtenden Zacken am Kinn, die den Bart der religiösen Führer im Iran symbolisieren.


Das beschriebene Exemplar gibt es noch bis Oktober in der Carhartt Gallery Weil am Rhein (D) zu sehen. Sein 31-Jähriger Erschaffer aus dem Iran wirkt zufrieden. Hier kann er malen, ohne darüber nachdenken zu müssen, wie sein Werk beim Regime ankommt. Und ohne, dass er eingebuchtet wird wie ein politischer Dissident – so geschehen diesen März, als A1one für zwölf Tage in Einzelhaft gesteckt wurde.

Trotz Repressionen lebt und arbeitet A1one noch immer in Teheran. Er gilt als Graffiti- und Streetart-Pionier im Nahen Osten und ist neben seinen Figuren auch für Schablonen-Bilder und persische Kalligraphien bekannt. Im Interview erinnert sich A1one an die Zeit, als er in Teheran allein auf weiter Flur war und Freiheiten genoss, von denen iranische Strassenkünstler heute nur träumen können. Diesen Beitrag weiterlesen »