Beiträge mit dem Schlagwort ‘Stellwerk’

«Mode muss nicht unbedingt bequem sein»

Joel Gernet am Freitag den 25. Mai 2012

In ihrem Atelier am Vogesenplatz entwirft Yana Ryabenkaya (links) ihre Mode – zum Beispiel die aktuelle Sommerkollektion (rechts). Bilder: Joël Gernet / Ale Frigo

Keine Kleider – nur Hosen und Oberteile ohne Form! Yana Ryabenkaya kann nicht nachvollziehen, warum sich viele Schweizerinnen «wie Touristen» anziehen. «Ich verstehe die Mentalität der Frauen hier nicht», sagt die russische Modemacherin über ihre Geschlechtsgenossinnen in funktionaler Outdoor-Bekleidung. Wobei Letzteres perfekt zur Kreation passen würde, mit der sich Ryabenkaya in ihrem Basler Atelier gerade beschäftigt. Sie näht an einem Zelt.

Ein Kleid aus Yana Rays Sommerkollektion. (Bild: Eva Flury)

Die Frage, wer das anziehen soll – bei der heutigen Mode muss man sich ja über nichts mehr wundern –, beantwortet die blonde Russin mit schallendem Gelächter. Sie schneidert das Zelt für den Designermarkt des «Laufsteg Oslo», welcher am Samstag auf dem Dreispitzareal Mode, Markt und Musik zusammenbringt. Rund ein Dutzend Schweizer Jungdesigner und aufstrebende Labels werden ihre neusten Kreationen präsentieren – die Hälfte davon aus Basel.

Es wird also viele stilvolle Kleider zu kaufen geben für die in Ryabenkayas Augen zu oft zu bescheiden gekleideten Schweizer Frauen. Zugegeben, wer eine Modedesignerin auf den Kleidungsstil des Otto Normalverbrauchers anspricht, erhält eigentlich immer knackige Zitate. Erst recht, wenn diese wie Ryabenkaya aus Russland kommt, wo die Damen sich nicht so einfach mit ihrer naturgegebenen Schönheit abspeisen lassen, sondern diese mit entsprechender Kleidung und Schminke unter- beziehungsweise überstreichen. Dass aus der Russin die Basler Modemacherin Yana Ray wurde, ist dennoch aussergewöhnlich. Nicht wegen des Metiers, aber wegen des Weges dorthin. Diesen Beitrag weiterlesen »

Der Profilbild-Sammler

karen gerig am Freitag den 8. April 2011

Wer Facebook-User ist, verschwendet meist eine nicht unbedeutende Zeit damit, das richtige Bild fürs Profil zu finden. Sei es das ansprechende Porträt, sei es der Hund, der grosse Zeh, die beste Pose oder die coole Sonnenbrille, im Netz findet sich alles. Über sein Profilfoto kann man seine aktuelle Laune mitteilen oder die lebenslange Vorliebe für eine bestimmte Kleidermarke. Manche habens gern zeitlos, andere ändern ihr Profilbild so oft wie ihre Unterhose.

Joachim Sputnik aka Jonas Baumann.

Jonas Baumann, an der Hochschule in Luzern zum Illustrator ausgebildet, befindet sich grad in einem Zwischenjahr zwischen Studiumsabschluss und iaab-Stipendium in Montréal. Einen Job zu suchen, das machte keinen Sinn, deshalb gibt es einiges an Zeit totzuschlagen. Oder eben ein Projekt zu entwickeln, das Spass macht. Zum Zeittotschlagen surfte Baumann sich durch Facebook – und blieb immer mal wieder an einem Profilbild hängen. «Mich fing plötzlich an zu interessieren, wie Leute sich darstellen», sagt der 27-Jährige. Und aus dem Durch-die-Bilder-Klicken entstand ein Projekt, das «In Your Face Book». «Ich fragte mich, was geschieht, wenn ich die Bilder auf neue Weise interpretiere und sie den Leuten zusende», erzählt Baumann. Gedacht, getan. Er griff sich Pinsel und Acrylfarbe und malte die Profilbilder einiger Leute neu.

Die Leute, deren Fotos er malte, kannte Baumann nicht. «Da waren Ungaren drunter, oder Leute in den USA», erzählt er. Die Reaktionen auf seine Bilder, die er als Foto den Porträtierten zusandte, waren äusserst unterschiedlich – sie reichten von Begeisterung bis hin zum Vorwurf des Stalking. «Einige haben mein Bild als neues Profilbild hochgeladen», sagt er. «Das fand ich natürlich toll.» Fast täglich entstand ein neues Bild, in kurzer Zeit hatte er etwa 60 Bilder gemalt. Und wo könnte er diese besser publizieren als auf Facebook? Kurzerhand wurde aus Jonas Baumann Joachim Sputnik, der seine eigene Facebook-Page einrichtete und dort anbietet, Porträtfotos zu malen. Bis jetzt halten sich die Anfragen jedoch noch in Grenzen.

Trotzdem malt Jonas Baumann immer noch, ohne Auftrag, vielleicht auch noch im Sommer, wenn er sein Austauschatelier in Montréal bezogen hat. «200 Bilder hätte ich schon gern zusammen», sagt er. Einiges davon, was er bis jetzt gemalt hat, kann man bis Ende April im Bistro des Stellwerks im Bahnhof St. Johann angucken, organisiert vom Showroom Basel. Physisch, auf Karton. Denn das ist es, was Jonas Baumann an diesem Projekt auch interessiert: Flüchtige Bilder, die nicht selten nur digital irgendwo existieren, in die physische Welt zu übertragen: «Man kann sich fragen: Ich nehme ein einziges Bild aus Milliarden Bilder, die im Internet herumschwirren. Warum ist gerade dieses oder jenes es wert, gemalt zu werden?» Eine Antwort darauf gibt es wohl nicht. Für Baumann sind es ganz unterschiedliche Gründe, warum er ein Bild aussucht. Weil es originell ist etwa, wie das Kleinkind mit Schäferhund in der Badewanne. Oder weil es absurd ist oder künstlerisch interessant. Oder weil es einem Typus entspricht, wie etwa all jene Männer, die sich mit ihrem selbstgefangenen Fisch porträtieren. Nur etwas macht Baumann nicht: «Ich versuche, Fotorealismus zu vermeiden.» Irgendetwas ändert er meistens ab, mal mehr, mal weniger. So gleicht kein Bild dem anderen. Manchmal gar kaum mehr dem Vorbild.

Rückblick #7: Feststimmung und politische Debatten

schlaglicht am Samstag den 1. Januar 2011

Für den Rückblick auf das Basler Kulturjahr 2010 haben wir verschiedene Persönlichkeiten aus der Region zu ihren Höhe- und Tiefpunkten aus dem sich zu Ende neigenden Jahr befragt. Carena Schlewitt, Leiterin der Kaserne Basel, durfte mit ihrem Betrieb das 30-jährige Jubiläum feiern.

Kaserne-Leiterin Carena Schlewitt in der Reithalle. (Foto Dominik Labhardt)

Frau Schlewitt, was war Ihr kulturelles Highlight 2010?
Mein kulturelles Highlight 2010 war das 30-jährige Jubiläum der Kaserne Basel. Drei Tage lang feierten Künstler, Mitarbeiter, Wegbegleiter, Förderer und das Publikum in einer grossen Gartenlounge in der Reithalle, an den Bars und auf der grossen Wiese der Kaserne Basel. Es war eine wunderbare, lebendige Stimmung. Musiker, Theaterleute, Filmemacher, Choreografen, Tänzer und Modedesigner liessen die letzten 30 Jahre Revue passieren und fingen in der «Zeitmaschine» Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Kurzperformances ein – das Publikum hatte Spass und die Künstler ebenfalls. Prosit auf die nächsten 30 Jahre Kaserne Basel!

Gab es auch einen kulturellen Tiefpunkt?
Ich bedaure das mehr Stop- als Go-Verfahren in puncto Entwicklung des Kasernenareals. Ich wünschte mir hier einen ähnlich dynamischen Drive wie bei der Dreispitz-Entwicklung, der Planung des Kunstmuseumanbaus und der Umsetzung von Jazzschule, Bahnhof St. Johann und Aktienmühle. Werden hier keine Entscheidungen getroffen, droht das Kasernenareal zu einem Denkmal der besonderen Art zu verkommen.
Und ich empfinde das Verbot der Wildplakatierung für Kulturveranstaltungshäuser als einen enormen Einschnitt in eine lebendige urbane Kulturwerbung, wie man sie in allen grösseren Städten der Schweiz und Europas findet. Die neue Auflage treibt viele kleinere und mittlere Kulturveranstalter finanziell und gestalterisch an die absolute Grenze ihrer Werbemöglichkeiten.

2010 feierte die Kaserne ihr 30-Jahre-Jubiläum (Foto D. Ettlin)

Was haben Sie verpasst?
Leider habe ich in diesem Jahr das SHIFT Festival der elektronischen Künste verpasst, das sowohl für die in der Kaserne Basel ansässigen Performing Arts als auch für die Musik inspirierende Anregungen liefert.

Haben Sie etwas vermisst?
In manchen politischen und kulturpolitischen Debatten vermisse ich eine gewisse Verhältnismässigkeit der Diskussion und würde mir wünschen, dass vermehrt über den Tellerrand geschaut wird und auch internationale Referenzen herbeigezogen werden.

Was sind Ihre Kulturwünsche fürs 2011?
Damit das Kasernenareal auch in den schönen Sommermonaten durchgehend kulturell genutzt und bespielt wird, wünsche ich mir die Sicherung des Festivals «wildwuchs» in seiner Stammzeit im Juni, die Etablierung des erfolgreich gestarteten Musik-Open-Airs mit Viva con Agua im August sowie die Weichenstellung für den Neustart des Internationalen Theaterfestivals Basel, welches von 1992 bis 2006 regelmässig im Sommer auf dem Kasernenareal stattgefunden hat!

Es folgt noch ein kultureller Jahresrückblick mit Hirscheneck-Booker Marlon McNeill.

Bereits erschienen: Angelo Gallina, Guy Morin, Thomas Jenny, Smash137, Sam Keller, Tobit Schäfer.