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The Umbrella Kid – Der minimalistische Chaot

karen gerig am Montag den 28. Februar 2011

«Eigentlich bin ich ein Chaot», sagt The Umbrella Kid an einer Stelle unseres Gesprächs. Dieses findet teilweise im Wohnzimmer in der WG im Gundeli, in der er mit drei weiteren Leuten wohnt, statt, teils in der Küche, wo geraucht wird, und teils in seinem Atelier. Chaot? Das Atelier ist spärlich möbliert und aufgeräumt, auf einem Tisch steht der Computer, den er fürs Arbeiten nicht braucht, in der Ecke hängen Kleider, farblich sortiert: links schwarz, rechts weiss. «Ich trage nur schwarze und weisse Kleidung», sagt der Künstler, heute ganz in Schwarz. Auch das Mobiliar ist schwarz und weiss. Am liebsten hätte er auch das Fischgrätparkett des Bodens noch geweisselt, meint er.

The Umbrella Kid.

Was exzentrisch klingt, ist es in Tat und Wahrheit nicht. The Umbrella Kid, vor 25 Jahren in Basel geboren, mag es einfach gern minimalistisch. Auch in seinem Werk. Egal, ob er filmt, fotografiert oder mit dem Pinsel hantiert, einziges Material sind immer Schwarz, Weiss und die Schattierungen dazwischen. Er mag das Schwarze in den Schwarzweissfotografien, und man soll Black Sabbath hören, wenn man seine Bilder betrachtet, hat er einmal gesagt.

Was The Umbrella Kid tut, tut er aus Überzeugung. Sein Pseudonym trägt er, weil er nicht weiss, ob er immer machen will, was er jetzt tut. Passt es ihm dereinst nicht mehr, legt er Arbeit wie Pseudonym nieder und beginnt bei Null. Bis vor wenigen Jahren arbeitete er noch als Journalist, dann beschloss er, voll auf die Fotografie zu setzen. Um diesen Traum zu verwirklichen, putzt er die Partyräume der Kaserne. «Für diesen Job brauche ich keine Kreativität, so bleibt diese vollständig meiner Arbeit erhalten», sagt er dazu. Fotoaufträge will er keine annehmen, der Grund ist einfach und passt zu seiner Einstellung: «Ich will keine Kompromisse eingehen.»

Minimalismus, Grafik, Geometrie sind die zentralen Elemente seiner Fotografien. Er findet sie hauptsächlich in der Architektur. In einer Werkserie bricht er die klaren Linien von Betonstrukturen durch bewegte Skateboarder. Auch der Basler Galerist Guillaume Daeppen war fasziniert von diesem Kontrast zwischen dem klassischen Bildthema Architektur, wie man es vielleicht in den 50er Jahren finden könnte, und dem modernen Thema Skateboard. «Bei einem jungen Künstler würde ich das so nicht erwarten», erklärt er.

Ebensowenig würde man wohl erwarten, dass ein so junger Künstler am liebsten analog fotografiert. Seine erste Kamera war diejenige seines Vaters, eine Nikon. «Ich verstehe mich als junger Repräsentant der alten Schule», sagt The Umbrella Kid. Abgesehen davon, dass es gut sei, dass man vor dem Drücken des Auslösers genau überlegen muss, was man abbilden will, gefällt ihm auch die Arbeit im Labor. Und er höre ja auch lieber LPs als MP3-Dateien. Beigebracht hat er sich alles selbst, er bezeichnet sich als Autodidakt aus Überzeugung. «Ich wollte nie an eine Schule, weil ich mich nicht in eine bestimmte Richtung zwängen oder mir einen Stempel aufdrücken lassen wollte», erklärt er. Manchmal sei das im Kunstmarkt zwar hinderlich, weil nicht wenige auf den Lebenslauf eines Künstlers gucken. Wer dort nichts vorzuweisen hat, ist manchen nichts wert. Beim Umbrella Kid aber scheint dies nur bedingt zu stimmen – «und ausserdem bin ich dadurch gleich doppelt motiviert», sagt er. Gerade eben hat er eine Einzelausstellung in der Zürcher Galerie ArtSeefeld eröffnet, und vor kurzem ausserdem einen Swiss Photo Award EWZ Selection in der Sparte Fine Art gewonnen. Es läuft also nicht schlecht für den Autodidakten.