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Herausgepickt: Nomadin Schirin Kretschmann

karen gerig am Mittwoch den 20. April 2011

Leben im Wohnwagen. (alle Fotos: Schirin Kretschmann, Nomadic Competences (KH BL), Copyright die Künstlerin und VG-Bild-Kunst Bonn)

Rechts vom Eingang des Kunsthauses Baselland steht ein beiger Wohnwagen mit Karlsruher Kennzeichen. Darin wohnt kein kunstverrückter Fan des Hauses, sondern eine Künstlerin. Schirin Kretschmann hat sich für die Dauer der «Ernte»-Ausstellung hier eingerichtet, um in unmittelbarer Nähe zu ihrem in-situ-Projekt «nomadic competences» leben zu können. «Mich interessiert die Verwobenheit dieser Kunstinstitution mit dem Leben des Kantons», erklärt sie. Diese Verwobenheit hoffte sie besser zu erfahren, indem sie hier lebt und nicht wie gewohnt ennet der Kantonsgrenze und des Rheins an der Feldbergstrasse. Nicht alles aber lief in den letzten Tag so wie erhofft. Doch der Reihe nach.

Immer einmal im Jahr präsentiert der Kanton Baselland unter dem Titel «Ernte» seine Kunstankäufe eines Jahres. Zum ersten Mal ist die «Ernte» dieses Jahr Gastgeberin für die sogenannte «Solo: Position»: Damit bietet die Ausstellung einem Kunstschaffenden aus der Region Basel die Möglichkeit, die Räumlichkeiten des Kunsthauses Baselland zu bespielen. Im Januar hat eine Jury Schirin Kretschmanns Projekt aus 70 Eingaben ausgewählt. Kretschmann, die in Karlsruhe Malerei studiert hat, promoviert derzeit am Eikones-Graduiertenkolleg in Basel. Sie beschäftigt sich dort mit Untersuchungen von Grenzbereichen der Malerei jenseits des zweidimensionalen Gemäldes. Stattdessen versucht sie, Malerei als etwas Dynamisches im Raum des Betrachters zu lokalisieren. Diese Fragestellung liegt auch ihrem aktuellen Projekt zugrunde.

Fensterputzen: Eine Tagesaufgabe.

Im Kunsthaus Baselland hat sich Kretschmann der hinteren drei Kabinetträume angenommen. Diese Räume wurden mehrmals ungebaut, die ursprüngliche Industriearchitektur unsichtbar gemacht, um White-Cube-Bedingungen zu schaffen. Kretschmann hat diese Umbauprozesse nun umgekehrt und abgebaut, was abzubauen war. Deckenelemente nahm sie herunter und stapelte sie entlang den Wänden, die Wänder der Blackbox hat sie herausgerissen. An der Vernissage präsentierten sich die Räume nackt und aufgeräumt.

Zwanzig Tage dauert die «Ernte»-Schau. An diesen zwanzig Tagen steht Kretschmann morgens in ihrem Wohnwagen auf und überlegt sich ein Projekt für den Tag. Für diese Tagesarbeiten nutzt sie die vorhandenen Elemente und stellt sie in Relation zu jenen Elementen, die erst während der Ausstellung entstehen. Deckenplatten werden so etwa zur Bodeninstallation. Die neuen Elemente sollten aus Tagesnachrichten oder aus Gesprächen mit Passanten entwickelt werden, so lautet das Konzept. «Ich will diese Ereignisse aber nicht einfach abbilden oder illustrieren, sondern sie als Ausgangspunkt für die Entwicklung eines Ausstellungselements brauchen», erklärt Kretschmann. Dies solle ganz im Rahmen der «nomadic competences» geschehen. Als solche nomadische Kompetenzen nennt die Künstlerin etwa: Mit Gegebenem auskommen, Ressourcen nachhaltig nutzen und teilen, sich Ungewohntes aneignen, sich unabhängig orientieren.

Blick in die Kabinetträume im aufgeräumten Zustand zur Vernissage. (Zum Vergrössern anklicken)

Blick in die Kabinetträume nach einigen Tagen. Vorne im Bild die leere Gasflasche und der Wasserbehälter, rechts die Fundstücke aus dem Kanton Baselland, dahinter eine Bodeninstallation aus Deckenplatten.

Im Wohnwagen zu leben gehört ebenfalls zu diesem Konzept. Und da kann es schon einmal passieren, dass morgens das Wasser und das Gas alle ist und man auf dem Trockenen sitzt. An jenem Morgen, als dies passierte, war das Erlebnis der Ausgangspunkt für ein neues Ausstellungselement: Im Kunsthaus Baselland befinden sich nun der leere Wassercontainer und die Gasflasche. Im selben Raum, hinter einer am Boden gespannten Schnur, liegen Zigarettenstummel, eine Kreide und andere kleinere Abfallprodukte. «Diese Objekte sind das Resultat meiner Auseinandersetzung mit der hiesigen Grenzsituation zwischen den Kantonen Baselland und Basel-Stadt», erklärt Kretschmann. Vom Raum aus sieht man über die Birs hinweg in den angrenzenden Kanton. Kretschmann hat die Grenze überquert und gesammelt, was sie fand – was weniger war, als sie sich erhoffte. «Manche Leute sind enttäuscht, wenn sie hier hereinkommen», sagt sie. «Sie haben wohl mehr erwartet – Illustrativeres; etwas, was man direkter ablesen kann. Ich habe an manchen Tagen auch meine Zweifel: Die Idee, die ich morgens habe, lässt sich dann nicht genauso umsetzen, wie ich es gerne hätte. Aber das gehört dazu.»

Am Ende ihres Projektes sollen die Räume wieder derart instand gestellt sein, wie sie vorher aussahen. Nur etwas wird wahrscheinlich anders sein: Unter den Deckenplatten wird man vorher wohl die Wand weiss malen. Die Künstlerin Karin Suter, die ihre Arbeiten im Sommer 2010 im Kabinett präsentierte, hatte damals unter die halbtransparenten Plexiglasscheiben weisse Blätter geklebt, um den White Cube noch etwas weisser scheinen zu lassen. Bei Kretschmanns Abräumaktion kamen diese Blätter wieder zum Vorschein und bilden nun eine Art von abstraktem Deckengemälde, bevor sie ins Altpapier wandern.

Am 25. April wird Schirin Kretschmann sich zum letzten Mal eine Tagesaufgabe vornehmen. Dann wird sie ihren Wohnwagen packen und den Kanton Baselland wieder in Richtung Stadt verlassen. Im Kabinett wird es dann aussehen, als sei nichts gewesen. Nur die Fenster bleiben geputzt zurück, für eine Weile wenigstens.

Heute Mittwoch Abend findet im Kunsthaus Baselland ein Gespräch mit Schirin Kretschmann zu ihrem Projekt «nomadic competences» statt. Wer noch Fragen hat, gehe um 18 Uhr an die St. Jakob-Strasse 170 in Muttenz.