Beiträge mit dem Schlagwort ‘Roman’

Abzüge in der B-Note

Fabian Kern am Montag den 14. Januar 2013

BuchcoverTalent ist ein ungleich verteiltes Gut. Die einen haben gar keines, andere wiederum haben gleich mehrere. Kreative Köpfe wie Manuel Süess. Der 31-Jährige Luzerner, der seit einigen Jahren in Rheinfelden lebt und arbeitet, ist in erster Linie Kunstmaler. Zudem verfügt er auch über eine flotte Sohle und tanzt lateinamerikanisch. Und seit neustem schreibt er auch noch Bücher. Sein Erstlingsroman «Der Buchhalter» ist seit November 2012 auf dem Markt. Geschrieben hat Süess die Geschichte aber bereits vor sechs Jahren. Während seiner Ausbildung an der Hotelfachschule pendelte er zwischen Luzern und Basel. Die tote Zeit im Zug nutzte er für die Skizzen an seinem Buch. Der Protagonist ist ebenfalls der Ausbildung geschuldet, denn die Idee für den Buchhalter entstand in einer langweiligen Lektion Rechnungswesen.

Mit seiner einfachen, aber angenehm schnörkellosen Story auf dem schwierigen, weil in den letzten Jahren fleissig abgegrasten, Terrain von Dan Brown vermag Süess zu packen. Der Enddreissiger Hans Rudolf – schon sein Name ist Klischee – pflegt sein biederes Buchhalter- und Mamisöhnchen-Image mit Hingabe. Denn dieses dient nur als Deckmantel für seine eigentliche Arbeit: Aufträge für eine geheimnisvolle Bruderschaft zu erfüllen und damit seinen Traum der Beförderung endlich wahr werden zu lassen. Kurz vor dem Durchbruch findet aber seine nichtsahnende Mutter sein Tagebuch und beginnt zu begreifen, dass ihr Sohn und ihr verstorbener Mann ihr über Jahre etwas vorgemacht haben. Zudem jagen dunkle Gestalten hinter dem gleichen Geheimnis her, und auch die Rolle von Hans Rudolfs Freundin Tina ist nicht immer ganz klar.

Manuel Süess

Kunstmaler, Tänzer und Buchautor aus dem Fricktal: Manuel Süess.

Leider muss man bei aller Sympathie für den Autor festhalten, dass das Lesevergnügen durch einige Rechtschreibe- und sehr viele Kommafehler erheblich beeinträchtigt wird. Dass Süess seinen Roman aus Kostengründen in Eigenregie herausgegeben hat, ehrt ihn zwar, doch hiermit zahlt er seinen Preis dafür. Aber noch ist nicht aller Tage Abend. Süess will den «Buchhalter» noch einmal überarbeiten und bei seinen nächsten Büchern mehr Sorgfalt walten lassen. Denn eine Fortsetzung, das merkt man am Ende des «Buchhalters», wird folgen. «Ich habe geplant, die Geschichte auf drei bis fünf Bücher auszudehnen. Wann das nächste folgt, hängt auch vom Erfolg des Buchhalters ab», sagt der umtriebige Künstler. Skizzen für Teil zwei und drei hat er bereits in der Schublade. Wir sind gespannt.

Manuel Süess: «Der Buchhalter. Schluss mit der Geheimniskrämerei!». Art by Manuel Süess, 2012. 232 S., Fr. 15.90.–. Erhältlich auf Manuel Süess’ Homepage und bei amazon.de.

Das Leben ist kein Homerun

Fabian Kern am Montag den 17. September 2012

Die Kunst des Feldspiels

Der Sport ist ein Mikrokosmos des Lebens, insbesondere Mannschaftssportarten. Erfolg, Drama, Freude, Enttäuschung, Vertrauen, Streit – alles findet sich auf dem Feld der Träume. Kein Wunder also, hat Chad Harbach in seinem Debütroman über den Sinn des Lebens rund um die amerikanischste aller Sportarten angelegt: Baseball. Das Landei Henry Skrimshander ist ein schlaksiger, schüchterner und unscheinbarer Junge. Im Umgang mit dem lederbezogenen Hartgummiball aber ist er virtuos. Er scheint das Potenzial zu haben, einst so gut zu werden wie sein Idol Aparicio Rodriguez. Mike Schwartz, Spieler und Herz der Westish Harpooners, erkennt diese Gabe auf Anhieb und holt Henry an sein College nach Wisconsin.

Dort setzt dieser die Jagd nach Rodriguez’ legendärem Rekord von fehlerfreien Spiele fort – bis ihm sein erster Fehlwurf unterläuft. Dieses im Sport eigentlich alltägliche Ereignis stellt die Leben von nicht weniger als fünf Menschen auf den Kopf. Neben Henry und Mike werden auch Henrys intellektueller dunkelhäutiger Mitbewohner, der College-Präsident, der im Herbst seines Lebens seine Homosexualität entdeckt, sowie dessen Tochter aus der Bahn geworfen. Plötzlich werden sie alle mit ihren Makeln konfrontiert und müssen sich fragen, ob sie ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden.

Chad Harbach

Chad Harbach (Jahrgang 1975).

Es ist kein Wunder, spielt Harbachs Roman in seiner Heimat, dem Mittleren Westen der USA, ist dieser doch der Inbegriff für den bodenständigen Durchschnitts-Amerikaner. Der Autor verknüpft Schicksale mit einem banalen Vorkommnis, was die Figuren fassbar macht – auch ennet des Atlantiks. Anstelle von Mitleid, das man mit den Protagonisten von Dramas hat, fühlt man mit ihnen mit und fragt sich unweigerlich: Was würde ich an ihrer Stelle tun? Chad Harbach, der den Spannungsbogen bis zum Schluss zu halten vermag, wird in den Vereinigten Staaten bereits in der Oberliga der All American Novel begrüsst. Und plötzlich findet sich der Jungschriftsteller in der Situation seiner Figur Henry Skrimshander wieder: Die Augen Amerikas sind auf ihn gerichtet, der Erwartungsdruck steigt. Harbach hat einen beeindruckenden Homerun geschlagen, aber noch nicht das Spiel gewonnen.

Chad Harbach: «Die Kunst des Feldspiels». Aus dem Englischen von Stephan Kleiner und Johann Christoph Maass. Roman. DuMont Buchverlag, Köln 2012. 607 Seiten, ca. Fr. 33.-.

Genialer Klugscheisser

Fabian Kern am Dienstag den 7. August 2012

Einsteins GehirnKlugscheisser sind nicht sehr beliebt. Auch nicht, wenn sie Genies sind. Das geht Albert Pottkämper nicht anders, auch wenn er durchaus treffend festhält: «Klugscheisserei ist immer Klugscheisserei für den, der keine Ahnung hat.» Das 14-jährige Universalgenie ist in der Schule chronisch unterfordert und bewirbt sich deshalb für eine Assistentenstelle an der Universität. Durch das plötzliche Ableben des Professors, der ein Engagement des halbwüchsigen Intelligenzbolzens durchaus in Betracht gezogen hätte, wird daraus nichts. Immerhin nimmt Albert aber durch die Empfehlung des Akademikers an einer TV-Talkshow teil, was den Beginn einer unglaublichen Odyssee rund um den Globus markiert. Albert schafft es aufs Titelblatt des Time Magazine, ins Weisse Haus und sogar zur Audienz beim Papst. Und das, obwohl er eigentlich nur seine ältere Schwester Anja, die mit einem alternden Schlagerstar durchgebrannt ist, zurück nach Hause holen sollte. Doch was Albert am meisten beschäftigt: Ist er der Sohn von Albert Einstein?

Peter Schmidt

Der deutsche Autor: Peter Schmidt.

«Durchgeknallt!» So bezeichnet sich das Buch «Einsteins Gehirn» selbst im Klappentext. Das kann man durchaus so stehen lassen. Denn was in Peter Schmidts Roman einem 14-Jährigen – Genie hin oder her – alles gelingen will, das geht auf keine Kuhhaut. Andererseits – wer weiss  schon, wie es ist, als Universalgenie durchs Leben zu gehen? Sein umfassendes Wissen in allen, aber wirklich allen Fachgebieten öffnet Albert auf der ganzen Welt Tür und Tor. Nicht einmal sein teils exzessiver Alkohol- und Drogenkonsum vermag ihn auf das geistige Niveau von Normalsterblichen zurückzuholen. Schade nur für den Leser, dass sich Klugscheisser Albert bei seinen wissenschaftlichen und philosophischen Ergüssen nicht etwas mehr zurückhält. Dadurch ergeben sich einige Längen in der sonst flotten Handlung. Nur, das Buch als Kriminalroman zu bezeichnen, ist doch etwas gar gewagt. Denn das ist es beim besten Willen nicht. Aber eine kurzweilige Lügengeschichte allemal.

Peter Schmidt: «Einsteins Gehirn». Gmeiner Verlag, Messkirch 2012. 308 S., ca. Fr. 18.–.

Magier in der Manege

Fabian Kern am Montag den 18. Juni 2012

Der NachtzirkusEs gibt Bücher, durch die hetzt man. Entweder, weil sie so spannend sind, oder weil man schon viel zu lange mit einer Story verbracht hat, und die Geschichte endlich abschliessen will. Und dann gibt es aber auch noch die seltene Spezies von Büchern, bei denen sich das Lesen so gut anfühlt, dass man gar nicht möchte, dass die Geschichte zu Ende geht. Quasi nach dem Motto «Der Weg ist das Ziel». «Der Nachtzirkus» gehört in diese exklusive Kategorie. Die in den USA gefeierte Jungautorin Erin Morgenstern entführt den Leser in eine Welt, die mit keinem realen Zirkus vergleichbar ist.

Der «Cirque des Rêves», der 1886 ohne Ankündigung wie von Zauberhand erscheint und nur nachts die Tore öffnet, zieht Jung und Alt in seinen Bann. Ob in Europa oder an der amerikanischen Ostküste – die Leute sind fasziniert vom bunten Reigen an Artisten, Hellsehern, Zauberern und wundersamen Attraktionen. Jedes Zelt birgt ein Geheimnis, das die Menschen frei erkunden dürfen. Was sie aber nicht wissen: Die Effekte sind keine ausgeklügelten Tricks, sondern echt. Und was selbst die meisten Angehörigen des Nachtzirkus nicht wissen: Die schwarz-weiss gestreiften Zelte dienen als Schauplatz für ein Duell der Magier. Die übersinnlichen Talente Celia und Marco wurden von Kindesbeinen an dafür ausgebildet, gegeneinander in einem Zweikampf auf Leben und Tod anzutreten. Nur um das Ego ihrer Mentoren zu befriedigen. Im Falle von Celia ist es sogar ihr eigener Vater, der sie in den Kampf schickt. Doch noch bevor die beiden jungen Zauberer erkennen, dass sie Gegner sind, verlieben sie sich ineinander.

Erin Morgenstern

Erin Morgenstern hat mit ihrem Debütroman den Leser-Geschmack getroffen. (Foto: Kelly Davidson)

Die Fantasie der Autorin ist beachtlich. Sie schafft mit dem Nachtzirkus eine Traumwelt, in der man sich verlieren und den Alltag für ein paar Stunden vergessen kann – als Besucher desselben genauso wie als Leser des Buchs. Man riecht beinahe die verlockenden Düfte der süssen Jahrmarkt-Köstlichkeiten. Wohl deshalb ist Erin Morgensterns Debütroman so erfolgreich, dass bereits die Verfilmung geplant ist. 2013 soll der Film in die Kinos kommen. Regisseur und Cast sind zwar noch offen, aber als Produzent steht mit David Heyman («Harry Potter») ein Mann mit grosser Fantasy-Erfahrung zur Verfügung. Drehbuchautorin Moira Buffini («Jane Eyre») wird den Stoff für die Leinwand adaptieren und hoffentlich das Duell der Zauberer noch etwas zuspitzen, denn dessen Dramatik kommt im Roman nicht ganz zum Tragen.

Aber auch wenn der Spannungsbogen nicht ganz bis zum Ende aufrechterhalten wird, ist der «Nachtzirkus» ein Buch zum Liebhaben und Träumen. Und wenn es wirklich einen solchen «Cirque des Rêves» gäbe, er wäre noch heute eine Attraktion.

Erin Morgenstern: «Der Nachtzirkus». Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit. Ullstein, Berlin 2012. 464 S., ca. Fr. 34.-.

Neugier besiegt Vernunft

Fabian Kern am Montag den 11. Juni 2012

Das SeilEin Seil bringt das behütete Dorfleben durcheinander. Plötzlich liegt es da und führt in den Wald hinein. Doch wie weit, und wer hat es zu welchem Zweck da hingelegt? Eine erste Erkundung des Seils bringt einen Verletzten, aber keine Erklärung. Deshalb macht sich die Mehrzahl der Männer auf die Reise zur Erkundung des Geheimnisses. Die Suche nach dem Ursprung, zuerst einfach nur willkommene Abwechslung zum grauen Arbeitsalltag, wird immer mehr zur heiligen Mission, der alles untergeordnet wird. Unter dem Kommando des Lehrers Rauk lassen sich die Bauern völlig vom Seil vereinnahmen. Sie werfen alle Prinzipien über Bord, werden zu gewalttätigen Plünderern und setzen die Existenz ihres Dorfes aufs Spiel. Anstatt die Ernte einzubringen, ziehen die Männer lieber durch den Wald und schlafen im Freien, alles unter dem Vorwand der unglückseligen Mission. Die braven Bauern verlieren durch die Suche nach dem Unbekannten ihre Unschuld.

Stefan aus dem Siepen

Starke Sprache, schwacher Plot: Stefan aus dem Siepen. (Bild: dtv)

Bewusst sind weder Ort noch Zeit definiert. Die Geschichte ist eine Parabel auf Religion, Politik oder Wissenschaft und könnte sich irgendwann irgendwo abspielen. Das Seil steht für den Reiz des Unbekannten, der die Bauern erkennen lässt, in welch engem Radius sie bisher ihr Leben verbrachten – geografisch wie geistig. Die Neugier besiegt die Vernunft und wird zur Obsession. Schliesslich hat sie die Menschheit dahin gebracht, wo wir heute stehen. Im positiven wie im negativen Sinn. Das Problem am sprachlich starken Buch von Stefan aus dem Siepen ist denn auch weniger die Idee als vielmehr der vorhersehbare Plot, der leider wenig Überraschendes bietet.

Stefan aus dem Siepen: «Das Seil». DTV Premium, München 2012. 180 Seiten, ca. Fr. 20.-.