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Argentinische Ausraster

Fabian Kern am Mittwoch den 7. Januar 2015

«Wild Tales» läuft ab dem 8.1. im Atelier und im Küchlin.

«Wild Tales» läuft ab dem 8.1. in Atelier und Küchlin.

Wann haben Sie sich im Alltag zum letzten Mal aufgeregt? Haben Sie schon einmal «zu Unrecht» eine Busse bekommen? Wenn ja, was haben Sie gemacht? Haben Sie mit der Polizei einen Kleinkrieg angezettelt, der in Mord und Totschlag ausgeartet ist? Wenn ja, dann sind Sie ein Kandidat für die Schweizer Version von «Wild Tales». Der Argentinier Damiàn Szifron zelebriert in sechs Episoden genüsslich das, was schon Michael Douglas in «Falling Down» so brillant darstellte: das Ausrasten. Allerdings ist das, was Hollywood 1993 zeigte, Nasenwasser im Vergleich mit der argentinischen Groteske von 2014, die schon an den letzten Filmfestspielen von Cannes für Furore sorgten.

Ein Handwerker im Blutrausch.

Ein Handwerker im Blutrausch.

Ein Sprengmeister rechnet ab.

Ein Sprengmeister rechnet ab.

Das Leitmotiv ist bei allen Episoden dasselbe. Immer fühlt sich jemand als Opfer einer Ungerechtigkeit und sucht Genugtuung. Die Ausprägung dieser Vergeltungsaktion ist allerdings so unterschiedlich wie die inszenierten Situationen. Mal löst ein arroganter Audi-Fahrer mit seiner verbalen Beleidigung eines ihn provozierenden Handwerkers ein erbittertes Duell auf der staubigen Landstrasse aus. Mal rächt sich ein psychisch labiler Musiker an ausnahmslos allen, die ihm seiner Ansicht nach Leben und Karriere verpfuscht haben. Mal erhält eine Restaurantbesitzerin die Möglichkeit, sich an einem Mafioso für das Ableben ihrer Eltern zu rächen, da er an einem Gewitterabend der einzige Gast ihn ihrem Lokal ist. Gemeinsam sind den Episoden aber drei Dinge: Jede gipfelt in einer kleineren oder grösseren Katastrophe, die Sach- und Körperschäden sind jeweils beträchtlich und der schwarze Humor ist ein steter Begleiter.

Eine Braut läuft Amok.

Eine Braut läuft Amok.

Eine Beizerin sucht Genugtuung.

Eine Beizerin sucht Genugtuung.

Es verwundert nicht, dass Pedro Almodovar als Produzent an dieser Aufsehen erregenden Thriller-Komödie beteiligt war. Der spanische Kultregisseur («Frauen am Rand eines Nervenzusammenbruchs», «Todo sobre mi madre», «Hable con ella») hat ein untrügliches Gespür für die menschlichen Schwächen und weiss sie publikumswirksam zu inszenieren. Szifrons «Wild Tales» – wenn auch um eine Episode zu lang geraten – thematisiert charakterliche Defizite wie Arroganz, Gier, Untreue sowie die Unbeherrschtheit selbst auf irrwitzige Weise und lässt der Rache der Protagonisten freien Lauf. Die Ausraster lösen eine Kettenreaktion aus, die in grotesken Szenen ausarten, in denen ganz normale Menschen vor keiner Schandtat zurückschrecken. Szenen, die wir uns vielleicht selbst ausmalen, wenn wir auf der Autobahn geschnitten werden, in einer Warteschlange dreist überholt werden oder vom eigenen Chef zu Unrecht abgemahnt werden. Deshalb ein gut gemeinter Rat: Schauen Sie sich «Wild Tales» an, bevor Sie ihre eigenen Rachefantasien in die Tat umsetzen. Wie weit würden Sie gehen?

«Wild Tales» läuft ab 8. Januar 2015 im kult.kino Atelier und im Pathé Küchlin in Basel.

Weitere Filmstarts in Basel am 8. Januar: Taken 3, The Best of Me, The Fool, Si accettano miracoli.