Beiträge mit dem Schlagwort ‘Regionale’

Schlaglicht auf Woche 47

schlaglicht am Montag den 21. November 2011

Tatütata, its da Sound of da Police und da Sound vom Krankenwagen, aus welchem gerade Krankenschwestern ausgestiegen sind. Referenzen nicht verstanden? Einfach am Donnerstag in die Kaserne und am Freitag in den 1. Stock gehen. Und auch sonst ist die Kulturwoche 47 wieder voll mit Lesungen, Theater oder dem Grenzgänger-Slam im Kulturpavillon. Das alles… und noch viel meeeehr… zeigt dir Schlaglicht jetzt mit unseren wöchentlichen Kulturtipps. Diesen Beitrag weiterlesen »

«Regionale» Räume #4: Kunsthalle Palazzo

karen gerig am Freitag den 24. Dezember 2010
Ruth Buck, Kunsthalle Palazzo, Regionale 2010

«Blind Date» von Ruth Buck. (Foto Dirk Wetzel)

Das Studium der Kunstgeschichte weist einen grossen Mangel auf. Meist merken die Studierenden das erst rückblickend. Dann nämlich, wenn im Berufsleben plötzlich die Praxis gefragt ist und man merkt, dass man sich jahrlang hinter Bildern und Büchern vergraben hat. Es kann durchaus sein, dass ein Student während seines Studiums nicht ein einziges Wort mit einem Kunstschaffenden gewechselt hat. Andrea Domesle, Kuratorin in der Kunsthalle Palazzo in Liestal, kennt dieses Problem aus eigener Erfahrung. Deshalb fasste sie den Plan, am Kunsthistorischen Seminar in Basel ein Praxisseminar anzubieten.

Andrea Domesle (heller Pulli, vorne rechts) mit ihren Co-Kuratorinnen und einigen Künstlerinnen. Foto Dirk Wetzel

Zehn Studentinnen fanden sich, die zusammen mit Andrea Domesle die Ausstellung zur «Regionale» kuratieren wollten. «Dass es nur Studentinnen waren, war nicht geplant», sagt Domesle. Doch weil im Masterstudiengang nur wenige Männer überhaupt Kunstgeschichte studieren, kam es so. So plante die reine Frauengruppe «Eine schöne Ausstellung» – so der Titel. «Schön – das Wort ist ja eigentlich verpönt», sagt Domesle. «Doch uns ging es genau darum, um das Positive im Leben.»

Die Kunsthalle Palazzo liegt direkt am Liestaler Bahnhof. Immer wieder steht draussen vor der Tür der Bahnverkehr still, weil ein Mensch auf den Schienen sein Leben beendet hat oder es beenden wollte. Der Bahnhof Liestal führt schweizweit diese ungeliebte Statistik an. «Liestal verdankt das wohl der Psychiatrischen Klinik, die nur unweit von hier liegt», mutmasst Domesle. Die hohe Selbstmordrate, die Verzweiflung, die den Menschen zu solchen Taten treibt, wählte die Kuratorin als Ausgangspunkt für die Ausstellung. Sie beginnt draussen, vor den eigentlichen Ausstellungsräumen, im Putzschrank neben dem WC, wo Claire Guerrier eine Sequenz ihrer Videoarbeit «Alice» zeigt – jenen siebten Teil, der sich den Selbstmordphantasien der Protagonistin widmet.

In der Kunsthalle drin dann führt der Weg durch die Räume stetig hin zu mehr Lebensfreude. Am Schluss steht wieder eine Videoarbeit, diesmal von Muda Mathis und Sus Zwick. «Das ideale Atelier – woher unsere Bilder kommen» ist nicht nur ein Film über das Kunstmachen und das Kunstleben, sondern auch Ausdruck der Freude daran. Ein heiterer Schlusspunkt. «Meine Lieblingsarbeit hier», sagt Domesle. Zwischen Mathis/Zwick und Guerrier beschäftigen sich unter anderem Esther Hiepler, Ruth Buck oder Ariane Andereggen mit den Themen Kunst, Mensch – und Frau-Sein. Alles Frauen, auch hier. «Eine Ausstellung zu machen, das hat auch mit Selbstpositionierung zu tun», erklärt Domesle. «Wir als Frauengruppe spiegeln so fast automatisch unsere eigene Realität – als Frau.» So war auch klar, dass nur Künstlerinnen für die Ausstellung aus den Dossiers ausgesucht oder direkt angesprochen wurden. Solche aus einer jüngeren Generation wie Celia und Nathalie Sidler, oder solche aus einer älteren Generation wie Regula Hügli. Und viele dazwischen. Sie alle haben ihre Arbeiten für die Ausstellung geliefert. Schön sollte sie werden. Schön ist sie geworden.

«Regionale» Räume #3: Plug.In, Byebye

karen gerig am Donnerstag den 9. Dezember 2010

Drei sehr gute Gründe gibt es, einen Abstecher ins Plug.In zu machen. Erstens ist die «Regionale»-Ausstellung die allerletzte überhaupt in diesen Räumen, zweitens ist die Schau gut kuratiert, und drittens schliesslich kann man sich hier endlich selbst kreativ austoben – Nikolas Neecke sei Dank.

Beginnen wir bei Punkt 1. Bis Anfang Januar noch dauert die «Regionale», und mit ihrem Ende wird das Plug.In bekanntlich für immer seine Türe schliessen. Auch den Namen wirds dann nicht mehr geben, denn das Plug.In geht vollends im Haus für elektronische Künste auf dem Dreispitzareal auf. Zur Museumsnacht hin wird man dort erstmals einen Augenschein nehmen können, im Mai dann geht es richtig los. Wir sind naturgemäss gespannt, und nun ein bisschen nostalgisch. Doch in der hintersten Ecke des Plug.In sehen wir, dass der Abschied auch neugewonnene Freiheit bedeutet: Hier haben Florine Leoni und Sylvain Baumann flott dicke Löcher in die Wände gehauen und schwarze Balken hineingesteckt, die quer durch den ganzen Raum ragen. So wird der Raum, der bald nicht mehr ist, thematisiert, und rückt noch einmal ins Zentrum.

Leoni und Baumanns Arbeit ist damit aber nicht vollständig, dazu gehört noch ein Video, das einen anderen Raum und die Wahrnehmung dessen thematisiert. Diese Vermischung der Medien führt uns direkt zu Punkt 2, denn die Wechselwirkungen von Medien und auch das Übersetzen von einem Medium in ein anderes ist das zentrale Thema der von Martina Venanzoni und Charlotte Matter kuratierten Ausstellung. Jannick Giger präsentiert eine Performance in Form einer Audioinstallation, Clare Kenny führt zweidimensionale Fotografien zurück in eine dreidimensionale Form, Manon Bellet bringt die Medien Malerei und Diaprojektion in Einklang, Fabian Chiquet und Domenico Billari testen eine Lichtmaschine in einer virtuellen Bühnensituation und bringen so Kunst und Musik zusammen.

Einengen vom eigentlich strengen Konzept des Plug.In haben sich die Kuratorinnen nicht. «Es war zwar nicht nur einfach, die geeigneten Werke zu finden», sagt Martina Venanzoni. «Also haben wir uns etwas aus dem strengen Rahmen gelöst.» So steht in einer Plug.In-Ausstellung für einmal kein Computer… Halt, doch, einen selbstgebastelten Synthesizer könnten wir dazu zählen. Und damit sind wir auch schon bei Punkt 3 und damit bei Niki Neecke und beim Spieltrieb. «Paint & Play» heisst seine Arbeit, und «sie hat sich als wahrer Hit herausgepuppt», sagt Venanzoni. Kein Wunder, schliesslich kann man hier malen und damit Musik machen. Das macht sogar Kindern Spass. Wies funktioniert? Man nehme eine transparente CD, bemale sie mit unterschiedlichen Farben und schiebe sie in Neeckes charmanten Synthesizer. Dort wird die Wellenform eines Klanges als Bildinformation gelesen. Sensoren wandeln die Bilder in Klang um. Das klingt meist ziemlich schräg, ist aber auch ausserordentlich lustig. Damit fällt der Abschied vom Plug.In nur noch halb so schwer. Wir sagen trotzdem: Byebye, wir haben uns immer sehr wohl gefühlt.

«Regionale» Räume #2: Kunsthaus Baselland

karen gerig am Donnerstag den 2. Dezember 2010

«Radikal subjektiv» soll sie sein, die Regionale-Ausstellung im Kunsthaus Baselland. Direktorin Sabine Schaschl hat sich dafür fremde Hilfe ins Haus geholt: Die Schau wurde kuratiert vom Basler Künstler Eric Hattan. «Mich interessiert, wie man mit Kunst umgeht», erklärt dieser. Und die Menschen hinter der Kunst, mehr noch als die fertigen Arbeiten, sagt er. Unter diesen Vorgaben hat Hattan, der in den Achtziger Jahren die Filiale mitgründete, eine Liste erstellt mit Kunstschaffenden, die er für eine Teilnahme an der diesjährigen Regionale anfragen wollte. Darunter waren einige alte Bekannte, aber auch neue Gesichter, für die Hattan auch die eingesandten Dossiers konsultierte. «Ich nahm dieses Engagement zum Anlass, Positionen kennenzulernen, die ich sonst vielleicht nicht entdeckt hätte», sagt er. Spannend sei es gewesen, vor allem auch die Reisen nach Karlsruhe, dem äussersten Rand der «Regionale»-Landkarte. Von dort hat er beispielsweise Karsten Födinger mitgebracht, der mit einfachen Baumaterialien wie Zement direkt in den bestehenden Raum eingreift und dadurch die Wahrnehmung auf Orte lenkt, die sonst kaum gesehen werden – metallene Trägerbalken etwa oder Deckenstützen.

Dank solch unauffälligen Werken werden dem Kunsthaus Baselland auch die 32 Positionen nicht zuviel. Auch die unaufdringlich verlängerten Geländer von Antoanetta Marinov belasten das Auge nicht. Manche Künstler erhielten im Zuge der Platzierung mehr Platz, andere weniger. «Das ergab sich manchmal einfach der Werkgrösse wegen», sagt Hattan. «Die grosse Leinwand von Renée Levi, die Graphitarbeit von Maja Rieder oder Jürg Stäubles Wandarbeit brauchen schlicht mehr Platz als beispielsweise Guido Nussbaums Weltkugel.»

Er habe kein inhaltliches Konzept verfolgt, sagt Hattan. «Ich wollte die Ausstellung ganz im Sinne einer Jahresausstellung konzipieren und das zeigen, was in einem Jahr entstanden ist; und in Erinnerung rufen, dass auch Künstler 365 Tage im Jahr arbeiten.» Trotzdem erscheint die Schau als sehr stimmig, so als hätte es stilistische Auswahlkriterien gegeben. Als Erklärung hat Eric Hattan nur eine Vermutung parat: «Die Ausstellung ist halt, was der Titel sagt: Radikal subjektiv.» Sein eigener Geschmack sollte durchscheinen und tut es auch. «Das Machen dieser Ausstellung hatte sehr viel mit Sammeln zu tun», sagt Hattan. «Und damit, dieses Gesammelte dann präzise in den Raum zu stellen.» Es sei besser herausgekommen, als er erwartet hätte, schliesst er. Das lässt sich schlecht beurteilen. Jedenfalls ist das Resultat gut, radikal subjektiv betrachtet.

«Regionale» Räume #1: Ausstellungsraum Klingental

karen gerig am Montag den 29. November 2010

Kunst aus Basel und der Region zu zeigen – dieser Grundgedanke der «Regionale» wird im Ausstellungsraum Klingental, kurz ARK genannt, im Jahr 2011 durchbrochen. Die Basler Kuratorengruppe The Forever Ending Story, bestehend aus Pedro Wirz, Claudio Vogt, Raphael Linsi und Tilman Schlevogt, zog den Blick von aussen der reinen Nabelschau vor. In einer Art Labor kommen deshalb auswärtige Positionen zum Zug, in denen die Region Basel eine Rolle spielt. Bei allen Werken handelt es sich um Auftragsarbeiten. Das gelang «mal besser, mal weniger gut», wie Raphael Linsi gesteht. «Wieviel Basel in der Ausstellung steckt, überlassen wir dem Betrachter.»

Der Berner San Keller, bekanntester Künstler vor Ort, hat eine Gewichthebebank in den Raum gestellt. Statt Gewichten hängen daran Kunstkataloge. «Die Kataloge mussten wir aussuchen», so Linsi. Damit hat es sich dann aber auch schon mit dem Bezug zu Basel. Rainer Ganahl hingegen hat sich unters Basler Volk gewagt: Mit der Videokamera bewaffnet befragte der in New York lebende Österreicher Leute auf den Strassen zur Stadt. Auf einer Wandtafel daneben dürfen die Ausstellungsbesucher die wichtigsten Baseldeutschen Wörter verewigen, «Bebbisagg» steht da schon am ersten Tag, oder «Gugge». Der Stock von Nora Rekade, der lässig an der Wand lehnt, wurde immerhin in Basel hergestellt.

Rebecca Stephany wohnt in Amsterdam, stellt dort gerade aus, und hat via Internet Basler dazu aufgefordert, ihre Kunst zu interpretieren. So bastelten Familien Kunstwerke nach, und andere Künstler schufen aus alten neue Werke. Ein Raumteil wird von Aaron Ritschards «Salon» eingenommen – eine Ansammlung von Möbelstücken, die der Hamburger Kunststudent sich von Baslern ausgeliehen hat. Pedro Wirz hat dazu ein Readymade aus Topfpflanzen gesellt: Sie gehören unter anderem dem Künstler Tobias Madison oder Kunsthallendirektor Adam Szymczyk.

Die Kuratoren seien zufrieden mit der Ausstellung, sagt Linsi. Was ich denn davon denke? Sie dürfen zufrieden sein, finde ich. Der Ausbruch aus dem «Regionale»-Konzept tut gut. Für einmal hört man nicht die altbekannten Namen, sondern kann Neues entdecken. Gut so. Oder etwa nicht?

In ein paar Tagen wird die Serie zu den einzelnen Räumen der «Regionale» mit einem Blick ins Kunsthaus Baselland weitergeführt.

Ein weiterer, verdienter Preis für Claudia und Julia Müller

karen gerig am Donnerstag den 25. November 2010

Man könnte fast meinen, inzwischen sind sie es gewohnt, Preise entgegen zu nehmen: Claudia und Julia Müller durften am Donnerstagabend im Kunsthaus Baselland erneut eine Laudatio hören sowie Blumensträusse und einen Scheck in der Höhe von 10’000 Franken entgegennehmen. Die Laudatio kam von Sabine Schaschl, der Direktorin des Kunsthauses Baselland, die betonte, wie unwichtig es sei, dass Claudia und Julia Schwestern seien. Wichtig sei allein das ideale Zusammenspiel der beiden künstlerischen Tätigkeiten.

Im Kunsthaus Baselland, im Rahmen der Regionale, zeigt das Künstlerteam – nennen wir die Schwestern also ebenfalls so – einen Teil ihrer Arbeit “Habitus versus Habitat” (Bild): Eine gezeichnete Figur, von hinten, sich selbst umarmend, gescannt, geplottet und auf die Wand gebracht. Direkt auf den Putz gemalte farbige Linien, und an die Wand gelehnte weisse plastische Ringe. Die Werke von Claudia und Julia Müller sind immer Collagen aus unterschiedlichen Materialien, so auch hier. Ebenfalls werden wie so oft figurative Elemente mit abstrakten zusammengebracht. Und im Zentrum steht der Mensch.

Der Basellandschaftlichen Kantonalbank ist dieses gelungene Werk 10’000 Franken wert. Doch eigentlich wird damit ja nicht nur dieses eine, sondern das Gesamtwerk der beiden Künstlerinnen ausgezeichnet, die sich auch international einen Namen gemacht haben.