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Silberrücken, Amazonen und eine Unerhörtheit

Joel Gernet am Freitag den 13. Februar 2015

Da geht was in der Basler Rapszene: Gemeint sind nicht nur die Meisterwerke von Chilz und Zitral, sondern auch zahlreiche Veröffentlichungen der letzten Stunden und Monate – von Vybesbildern bis Samoon. Etwas aber geht gar nicht!

Herausragend: Chilz über den Dächern Basels. (Bild: Screenshot «Swiss Steet Life»)

Herausragend: Chilz über den Dächern Basels. (Bild: Screenshot «Swiss Steet Life»)

Wenn diese beiden Silberrücken Silben spucken, hagelt es Punchlines im Sekundentakt. Chilz und Zitral, beide um die dreissig, beide Teil einer grossen Basler Allstar-Rapcrew, beide seit über eineinhalb Dekaden am Mikrophon – und beide blutige Anfänger in Sachen Solo-Album. Das Warten hat sich gelohnt: Die in Eigenregie realisierten Debüts von Chilz und Zitral ragen aus den Basler Rap-Releases der vergangenen Monate heraus wie der Roche-Turm aus dem Wettstein-Quartier. So weit, dass man sogar in der Restschweiz in die Richtung dieser dopen Basler schielt.

Während Chilz auf «Innere Zirkel» lyrisch mit einer breiten Palette zwischen Wucht und Deepness auftrumpft, dreht sich bei Zitral alles nur um das Eine: «Rapmusig», angerichtet mit einer deftigen Portion Funk und einem Flavour, der seinesgleichen sucht. Zitral tauft sein Album übrigens diesen Samstag, 14. Februar, in der Kaserne Basel.

Beginnen wir den Besprechungs-Marathon bei Chilz, dessen Album «Innere Zirkel» (erhältlich auf Rappartment.ch oder iTunes) im November erschienen ist. Als Mitgründer der Basler Rapcrew K.W.A.T. (Köpf wo andrs tikke) hat der 31-Jährige in den vergangenen Monaten regelmässig bewiesen, dass er ein technisch versiertes Reimemonster ist. Aggressive Punchlines, die Kinnladen in mehrfacher Hinsicht austicken lassen, durchsetzt mit smarter Gesellschaftskritik und Strassenrap-Rhetorik – so kannte man ihn bisher. Zuletzt etwa bei der grossen «Bounce Cypher» auf SRF Virus (ab Min. 11:08).

Die Gretchenfragen beim Solo-Debüt lauten nun: Überzeugt der Protagonist auch abseits seiner Crew? Und kann er den Hörern neue Facetten präsentieren? Ja! Er kann! Auf dem Song «02.01.1984» thematisiert Chilz eindrucksvoll die Suche nach seiner Mutter und bei «Uf mim Pfad» wird schonungslose Selbstanalyse betrieben. Noch mutiger für einen Strassenrapper: Chilz ist sich nicht zu schade für eine Liebeserklärung an die Mutter seiner Kinder («Nr. 1»). Auch diese Fremdschäm-Hürde nimmt er locker und ohne dabei peinlich zu wirken – was auch am unsentimentalen Beat liegt.

Kontraste wie diese machen aus «Innere Zirkel» ein facettenreiches Album, das kaum eine Schattierung auslässt zwischen Gassen-Elend und Familien-Glück. Die textlichen Gegensätze sorgen dafür, dass Zwischentöne noch subtiler wirken – und sie machen bissige Punchline-Songs noch wuchtiger. Etwa bei Bangern wie «Swiss Street Life» oder dem Titeltrack «Innere Zirkel» mit K.W.A.T.-Kumpel Kush. Bewährte Strassenrap-Kost mit deftigen Kopfnicker-Beats, perfekt fürs Autoradio. Elektronisch-experimentell wird es beim Party-Tune «Presslufthammer» und dem sphärisch-obskuren «Anderi Wält».

Einen spannenden Mix von Lokalpatriotismus und Gesellschaftskritik gibts auf der Schweiz(er)-Hymne «Goodman» und dem sehr originellen «Mir wei luege». Ein Song, auf dem Chilz mit Sam (Rapreflex/K.W.A.T.) liebevoll die Baselbieter Macken und die Hassliebe zwischen Stadt- und Landkanton aufs Korn nimmt. Herrlich, wie die beiden im Baselbiet aufgewachsenen Rapper den Spagat zwischen Land-Idylle und Grossstadt-Hustle auf den Punkt bringen! Der differenzierte, selbstironische und kritische Umgang mit «Gangsterrap» steht Chilz gut an und lässt ihn umso authentischer wirken – gerade auch durch die Kontraste und Widersprüche, die das Leben mit sich bringt.

Abgesehen von den K.W.A.T.-Homies kommen die Gastbeiträge von ausserhalb: So geben sich auf «Innere Zirkel» der Zürcher Rapper Steezo, Webba aus Bern und die in Luzern lebende Baselbieter Raplegende Shape MC die Klinke in die Hand. Noch breiter gefächert ist die Sound-Palette: Die Album-Beats stammen von neun verschiedenen Produzenten, von denen das PW-Records-Trio um Jakebeatz, Sandro Purple Green und Manoo das Herzstück bildet. Letztgenannter war auch für die künstlerische Leitung und das herausragende «Swiss Street Life»-Video zuständig.

Die Schwachstelle des Albums ist die schwankende Beatqualität. Stellenweise wirkt die Soundunterlage etwas schmalbrüstig neben dem Powerrap von Silberrücken Chilz. Dieser, das bestätigt sich auf «Innere Zirkel» eindrücklich, präsentiert wie erhofft die geballte Wortwucht. Es sind Boxhiebe eines Bären, durchsetzt mit subtilen Zwischentönen.

Boxhiebe eines Bären – das sind auch die unverschämten Punchlines des Birsfelder Rappers Zitral, der sein Debüt-Album «Rapmusig» (erhältlich bei Rappartment.ch oder auf iTunes) am 14. Februar in der Kaserne Basel tauft. Ansonsten aber kommt der TripleNine-Member ganz anders daher als Chilz: Persönliches? Fehl am Platz! Ein Heer an Produzenten? Nie und nimmer! Dieses Album ist das Gegenteil von vielseitig – und das ist gut so. Denn der Flavour und die Frechheit, mit der Zitral die Musik und sich selber huldigt, wiegt auf, was man bei anderen Rappern schmerzhaft vermissen würde. Ignoranz und Selbstverliebtheit kann so sympathisch sein.

10959843_10205111533020416_7104907161365043374_nHier gilt es anzufügen, dass der Autor nicht aus neutraler Warte schiessen kann: Zitral ist sein Bandkollege bei der Basler Allstarcrew TripleNine. Im Gegenzug kann der Schreibende dem Beschriebenen nach einem gelungenen Rap-Part direkt sagen, dass er ein Arschloch ist. Hurra! Warum? Weil Zitral seine Zeilen so locker aus dem Handgelenk schüttelt, dass jedes gegenüber verdammt alt aussieht.

Zitrals Debut «Rapmusig» ist so etwas wie der Running Gag des Basler Raps: Vor Jahren vollmundig angekündigt, wollte es partout nicht zur Vollendung kommen. Das Album ist quasi die Basler Version von «Detox», dem ominösen Album von US-Rapstar Dr. Dre – dieses wurde 2004 angekündigt, ist aber bis dato nie erschienen. Allerdings hat Zitrals Erstling nun tatsächlich das Licht der Welt erblickt!

Abgesehen von vereinzelten Querschlägern rappt der Birsfelder auf 22 Songs über nichts anderes als Rap. Eigentlich haarsträubend. Aber: Was anderswo zur Tortur wird, entwickelt sich beim 32-jährigen Grossmaul zum Hörgenuss: Die Raps von Zitral sind irrwitzig, tollkühn und unvorhersehbar, verschachtelt oder so genial einfach, dass man sich fragt, warum das bis jetzt noch niemand so straight formuliert hat. Kurz: Beste Unterhaltung auf höchstem Niveau.

Auf Refrains verzichtet Zitral mit Vorliebe, stattdessen erhalten sein Stuuberocker-Bandkumpel DJ Freak und Brandhärd-Plattendreher Johny Holiday viel Platz für ihre Scratch-Orgien. Für den roten Faden sorgt TripleNine-Hausproduzent SimonAyEm, mit dem Zitral seit 1998 als kongeniales Duo funktioniert. Der Basler Sample-King hat sämtliche Album-Beats auf seinem MPC-Sequencer zusammengeschustert. Beats, wie massgeschneidert für Funklord Zitral. Die rappenden Gäste auf «Rapmusig» sind wohldosiert und umso effektvoller: Neben dem Berner Alleskönner Greis (Chlyklass) sind dies Zitrals TripleNine-Kumpel Abart, Cinzoman und SimonAyEm.

Knochentrockene Drumsets, gepaart mit herzerwärmenden Funk-, Soul- und Jazzsamples, gelegentlich mit obskuren Untertönen. In seiner Gesamtheit ergibt das eine HipHop-Platte im Vibe des amerikanischen Eastcoast-Rap der 90er Jahre. Zitral ist so zeitlos, dass er der Zeit fast schon wieder voraus ist.

Natürlich sind die überragenden Solo-Alben von Chilz und Zitral nicht die einzigen Basler Rap-Releases der vergangenen Monate. Deshalb hier ein kurzer alphabetischer Überblick über die jüngsten Releases von Abart, Dritte Stock, E-Light, Einzelgänger, Jean Deig und Samoon.

Zuvor unterbrechen wir das Programm aber kurz für eine soeben eingetroffene Sondermeldung; Heute Freitag, 13. Fabruar, haben sechs Ladies aus der Region via Soundcloud die Free-EP «Skillz on Fire» lanciert. Der Zusammenschluss der Rap-Amazonen nennt sich Vybezbilder und umfasst mit Nefera, Bina, Sista Lin, Merl, Luana und Pearlbeatz praktisch jede Basler Rapgeneration. Zusammengefunden haben die Damen bei Black Tigers 83-Minuten-Monster «1 City 1 Song».

Zurück zum alphabetisch angeordneten Release-Programm der vergangenen Monate: Neben Zitral war auch dessen Bandkumpel Abart alles andere als untätig. Klar! Dieser hat schliesslich den Titel als produktivster TripleNiner zu verteidigen. «Zur Sunne und zrugg» (ZSUZ) heisst der Gratis-Release, veröffentlicht im Dezember via Soundcloud. Die EP umfasst vier Songs und ein Thema: Hier wird eine Beziehung vom Verlieben bis zum bitteren Ende seziert. Persönlich, ehrlich und solid, untermalt mit Beats von Silenus, dem jüngsten TripleNine-Zuwachs. Das gemeinsame Projekt 787 hat inzwischen konkrete Formen angenommen. Bevor es soweit ist, lanciert aber Abart bald seine neuste Free-EP «Schädel». Soviel zum Thema aktivster TripleNiner.

Seit Herbst im Umlauf ist das auf Mundart und Englisch gehaltene Debut-Album «Dritti Art» (Free-Download) des jungen Basler Trios Dritte Stock um MicG, InteLekt und Mastermind Sherry-Ou. Dieser ist bereits bei der letzten Staffel des Swiss Video Battle Turniers positiv aufgefallen. Im Kreis der Crew wird sein Talent noch offensichtlicher: Sherry-Ou rappt so rund wie sein Name klingt. Seine Kumpel hingegen holpern phasenweise etwas gar hölzern durchs Alphabet. Vor allem die englischen Raps sind hart an der Schmerzgrenze.

Wenn schon Schweizer Rap auf Englisch, dann bitte so smooth wie beim Aargauer Duo Nefew, deren neues Album «Rise of the Antihero» Kritiker wie Fans gleichermassen verzückt – völlig zurecht. An der Beat-Front gibts im Dritten Stock nachdenkliche Pianoläufe, sphärische Synthies und gelungene Ausflüge in Richtung Drum and Bass und Dubstep. Die Texte drehen sich vorzugsweise um die Liebe zu Musik und um die Träume und Tragödien des Alltags. Dritte Stock sind verspielt und experimentell – vor allem aber noch ganz am Anfang. Ein zartes Pflänzchen. Mit Fleiss und Hartnäckigkeit könnte das noch etwas werden – ansonsten sollte sich Sherry-Ou ernsthaft Solo-Pläne machen.

Frische Kost gibts auch aus Oberdorf im Waldenburgertal. Also von dort, wo um die Jahrtausendwende unter dem legendären Label «WB-Tal» einige der damals erfolgreichsten Schweizer Rap-Platten entstanden sind. Der Junge heisst E-Light, ist noch keine zwanzig Jahre jung und hat im Oktober seine Debüt-EP «Nüt und trotzdäm meh» veröffentlicht. Gut möglich, dass nach eineinhalb Dekaden wieder Grosses entsteht im Oberbaselbiet: E-Light ist hungrig, verspielt, raptechnisch versiert und thematisch vielseitig. Vor allem aber legt er eine Euphorie an den Tag, die ansteckend wirkt. Kein Wunder, hat es der Teenager nicht nötig, verkrampft den Macker zu markieren. Talent statt Testosteron. Wenn E-Light so weiter macht und seine bisweilen etwas überhastet gerappten Zeilen um die ein oder andere Silbe kürzt, kommt das sehr gut. Ein Versprechen für die Zunkunft – auf dass das legendäre «WB-Tal» wieder von sich reden macht.

Wir bleiben im Baselbiet. Und zwar bei einem Phänomen namens Einzelgänger. Der junge Leimentaler ist seit Jahren hartnäckig am Ball. Nachdem er sich quasi in Isolation das Rappen und Beat-Produzieren beigebracht hat, tritt er inzwischen mit diversen Kollabo-Projekten in Erscheinung. Auf das Album «Antarctica» mit Kaotic Concrete folgte nun «Rune & Legände» mit dem Walliser Rapper Sevsnite. Die gebotene Musik macht dem sagenumwobenen Albumtitel alle Ehre und kommt pathetisch und brachial auf dem Schlachtross daher geritten – in Sachen Text und Beat. Hier sind offensichtlich keine Feinmotoriker am Werk, aber das passt ganz gut so: Rap mit Heavy-Metal-Attitüde ist in der Schweiz nicht so verbreitet. Das macht sie um so unverwechselbarer. Und es soll im selben Stil weitergehen: Für diesen Sommer kümmert Einzelgänger das Album seines Projekts Underground Legends an. Der passende Name: «The Clash Of The Titans». Mit von der Partie sind Tekneek (UK), Kaotic Concrete, Mr.G und Micky Gargano.

Der Baselbieter Rapper Jean Deig – früher unterwegs mit der Crew Unter Umständ – ist fast das pure Gegenteil zu Einzelgänger: Seine Musik erforscht nicht die düsteren Ecken vergangener Mythen, sondern eher die sonnigen Seiten des Alltags. Folgerichtig ist der Name des Solo-Debuts: «Uff die guete Ziite» (iTunes). Ein Album voller Humor und Ironie («Anerkennig») mit nachdenklichen Zwischentönen («Vater») und funky Momenten («Besserwüsser»). Die gesungenen Hooks sind Geschmackssache.

Jean Deigs Soundunterlagen stammen alle vom Berner (?) Produzenten Bone Beatz – die vielen guten Ansätze werden leider über weite Strecken durch ein generelles Manko an Durchschlagskraft beschnitten. Eines der stimmungsvollsten Samples hat man zudem schon 2011 bei Kool Savas gehört («Aura»). Das ist fast so dreist wie der Berner Feature-Gast (Name unbekannt), der schamlos den Rapstil von Chlyklass-Rapper Baze kopiert. Das geht gar nicht!

Einer der Höhepunkte des Albums: Der Song «Genau darum», auf dem Primarlehrer Jean Deig seine Arlesheimer Schulklasse ans Mikrophon bittet. Sehr originell mit einem lüpfigen Akkordeon- und Xylophon-Beat. In Anbetracht der vielen guten Ansätze fragt man sich, warum Jean Deig nie böse wird in seinen Raps. Hat er Angst, seine Schüler zu verstören? Das Album lässt eher einen anderen Schluss zu: Hier rappt ein gut gelaunter, positiver Mensch, der genügend selbstbewusst ist, um nicht künstlich den Harten zu markieren. Sehr erfrischend!

Richtig cool daher kommt das Album «Gueti Miene zum böse Spil» des Duos Samoon um Hunter S. Thompson und Red Cap. Seit rund zehn Jahren aktiv, spitten die beiden Baselbieter nun zum ersten Mal auf Albumlänge zusammen. Dabei harmonieren die beiden so gut, wie kaum ein anderes Schweizer Zweiergespann zur Zeit: Die beiden übergeben sich das Zepter am Mikrophon teilweise so rasch, dass der Hörer kaum weiss, wer das Wort hat. Das ist abwechslungsreich, spannend und – trotz der vielen Wechsel – absolut harmonisch. Ein Zahnrad greift perfekt ins andere. Eine gut geschmierte Reim-Maschine, die beweist, dass viele Rapper ihre ellenlangen Ego-Ergüsse innerhalb eines Crew-Tracks gerne zurecht stutzen dürfen – zum Wohl des Gesamtprodukts. Inhaltlich bieten die beiden neben dem gewohnten Auf-die-Fresse-Rap auch Gesellschaftskritik («Statussymbol») und Nachdenkliches («Schicksalsschlag»).

Ganz stark ist der Song «Räptourischte», in dem Samoon über einen fröhlichen Beat alle Mode-Rapper in die Einzelteile zerlegen. So machts Spass! Abgerundet wird das Ganze durch die Scratches von DJ Steel (Makale), der einmal mehr sein Ausnahmekönnen unter Beweis stellt. Achja, was ich in Bezug auf Samoon schon lange loswerden will: Heute feiern alle (zu recht) Comptons neuen Rapstar Kendrick Lamar und seine unverkennbar weinerliche Stimmlage beim rappen – lasst euch gesagt sein: Samoon-Spitter Hunter S. Thompson hat schon so gerappt, als Kendrick Lamar noch von «Swimming Pools» träumte. Vielleicht sollte Hunter den Nachahmer aus Amerika einmal zur Rede stellen.

Bevor wir zur Aussicht auf das Basler Rapjahr 2015 kommen, müssen wir noch über die grösste Unverschämtheit 2014 reden: Kuzco hat aufgehört zu rappen, um sich auf seine Karriere als «echter» Musiker zu fokussieren! Da hat Basel endlich wieder einmal einen überfreshen Newcomer und Hoffnungsträger (wir berichteten) – und dann bricht dieser die Fahrt ab, bevor der Panzer ins Rollen kommt. Eine bodenlose Frechheit ist das! Perlen vor die Säue! Aber vielleicht kommt mit dem Alter ja die Vernunft. Immerhin hat Kuzco zum Abschied ein letztes Video hinterlassen…

Und was steht uns 2015 bevor? Hier ein intuitiver und unvollständiger Ausblick für (mögliche) Veröffentlichungen des angelaufenen Rapjahres: Endlich wieder mal mit einem Solo-Release bescheren sollte uns Black Tiger, tüchtig gewerkelt wird auch beim Basler Label Rappartment, wo Pyro an seinem nächsten Solo-Streich türftelt. Im Chilz-Umfeld K.W.A.T. sollten Kush & Levo hoffenlich bald mit einem Kollabo-Projekt kommen – und die Rapreflex-Jungs, die mit DJ Johny Holiday an einem Mixtape werkeln. Neues könnte auch von Kalmoo – der dieser Tage mit Temple Of Speed released hat – und (?) seiner Crew TNN kommen.

Gespannt sein darf man auch auf die angekündigten Alben des «heissesten Schweizer Rappers» S-Hot und von Ensy (Uslender Productions), der kürzlich einen vielversprechenden Video-Vorboten zum Album von der Leine gelassen hat.

Aus dem Zitral-Umfeld TripleNine steht neben der Abart Free-EP «Schädel» zudem das Abart & Silenus-Projekt «787» an. Und wer weiss: vielleicht kommt dieses Jahr gar ein neues Brandhärd Album. Höchste Zeit, dass die faulen Säcke den Finger aus dem Allerwertesten nehmen!

Den Abschluss machen gute Neuigkeiten aus dem Oberbaselbiet: Der Sissacher Rapper Rudee (Falschi Verbindig) hat sein Debut-Album «Leerlauf» ins Presswerk geschickt und entfacht bereits jetzt die Vorfreude mit einem vielversprechenden Snippet…

This is it. Peace & out!

Ein Rapsampler voller PW-Perlen

Joel Gernet am Freitag den 9. Mai 2014

Jakebeatz ist eine Basler Produzenten-Legende. Seit bald zwanzig Jahren versorgt er Rapper und B-Boys mit Soundunterlagen. Dennoch stand Jakebeatz bisher noch nie so richtig im Rampenlicht. Zwar greift er zwischendurch gerne auch zum Mikrophon, dreht unermüdlich Musikvideos und beherbergt vermutlich das am besten bestückte HipHop-Studio der Stadt – in den Vordergrund gedrängt hat er sich aber nie.

Abseits des Video-Shooting: Jakebeatz, unterwegs in New York.

Abseits des Video-Shootings: Jakebeatz, unterwegs in New York.

So ist das auch bei seinem heute erscheinenden Album, das er schlicht «PW Records Sampler» nennt: Anstatt das Album zu einer Egoshow zu machen, hat sich Jakebeatz mit den mindestens eine Generation jüngeren Beat-Produzenten Manoo und Sandro Purple Green zusammengetan. Gemeinsam hat das Trio innerhalb von zwei Jahren 25 Songs produziert, die nun auf dem PW-Sampler aufgereiht wie an einer Perlenkette präsentiert werden. Bisher war das Label vorwiegend ein Einmannbetrieb – Jake ist PW Records und umgekehrt.

Die Rap-Nabelschau startet fulminant mit dem Solo-Song «PWegig» von Kush. Gerappt wird in typischer Ticker-Manier…mit dem Unterschied, dass diesmal keine bewusstseinserweiterten Substanzen, sondern der PW-Sampler auf den Strassen verkauft wird. Der pumpende Beat von Jakebeatz und Sandro Purple Green passt perfekt. Autofahrsound!

Erwähnenswert auch die Solo-Beiträge der Freakanoid-Rapper Lorro One und Thierrey. Während letzterer auf dem elektronischen «Laat me Leven» ausnahmsweise mit holländischen Raps überzeugt (der Voice-Sample Refrain ist allerdings komplett nervtötend), lässt TripleNine-Member Thierrey jegliche «Hektik» hinter sich. Natürlich mit einem dazu passenden, relaxten Rapstil.

Das PW-Trio: Sandro Purple Green, Jakebeatz und Manoo.

Das PW-Trio: Sandro Purple Green, Jakebeatz und Manoo.

Am meisten interessieren dürfte viele Hörer der neue Griot-Track «In My Hood», schliesslich signalisiert der Song die Wiedervereinigung des einstigen Dreamteams Jake und der Basler Strassenrap-Ikone Mory (so hiess Griot um die Jahrtausendwende). Ihre damaligen Produktionen «S’Rosebett» (1998) und «s’Neue Testamänt» (2002) sind legendär. Und das neuste Machwerk des einstigen Tag-Teams? Begleitet von einem Piano-Beat und dem Basler Sänger Kei durchkämmt Griot sein Paradegebiet – seine Hood. Ein typischer Griot-Song mit coolem Auftakt («Ei Flüügelschlag, heb mi us dr Äsche. Wär hett mi scho vergässe?»), dicken Eiern («D’Mässlatte, dr Rapvater») und einem ironischen Verweis an den Rücktritt des Rappers:

«Nie dänngt, mir könnte mol wägg us Basel.
Und lueg, jetzt hängt sogar mi Rap am Nagel.
Näb em Oumar sim FCB-Trikot.
Doch wenn dr Jake frogt, denn brennt das Mikro.»

Die vorletzte Zeile bezieht sich auch Griots Bruder Oumar Kondé, der Ende der 90er-Jahre für den FC Basel kickte. Die ersten internationalen Gäste auf dem PW-Sampler heissen Natural Born Spitters (N.B.S.) und bieten Hardcorerap à la La Coka Nostra. Dabei hat sich das US-Duo ein Brett von einem Beat ausgesucht. Hervorzuheben sind zudem die starken Beiträge des K.W.A.T.-Söldners Chilz (Wann erscheint endlich dessen Solo-Album?!), des Franzosen (?) Rotiv, der Berners Baze, MC Rony sowie von Kaotic Concrete und Sonny Seeza (Onyx), wobei der Basler mit Boston-Bezug der New Yorker Legende in nichts nachsteht.

Absoluter Höhepunkt ist aber der «One Take» des Basler Rapkollektivs Köpf Wo Anders Tikke (K.W.A.T.). Der reduziert-schleppende Beat von Jake und Sandro gehört zum Besten, was in letzter Zeit am Rheinknie produziert wurde. Dazu die messerscharfen Reime der K.W.A.T.-Jungs und ein richtig, richtig dicker Refrain von Contrast.

DruckPW steht übrigens, so die Legende, für die Anfangsbuchstaben der Rapcrews Phantom und Westside (später Die Weschtlichi Site). Die beiden Bands sind inzwischen nicht mehr aktiv, der Name aber blieb. Verliehen wurde er, auch das besagt die Legende, vom jungen Mory. Also jenem Rapper, mit dem Jakebeatz bis jetzt vermutlich die grösste Resonanz erhalten hat. Es wäre natürlich schön, wenn sich das dank des PW-Samplers ändert. Allerdings ist die Crux dieses Albums die selbe wie jene mit Jakes Produzentenkarriere: Hochwertige Beats und professionelle Studio-Strukturen werden verwässert durch eine zu grosse Anzahl von Rappern mit zu unterschiedlichem Niveau. Einige Klunker an dieser Perlenkette glänzen eindeutig heller als andere – und das ist schade. Was Jakebeats zu brauchen scheint, ist ein übertalentierter und treuer Rapper, mit dem er langfristig etwas aufbauen kann. Denn einige der PW-Sampler-Beiträge grenzen an Beat-Verschwendung.

Bis dato haben Jakebeats, Manoo und Sandro Purple Green vier Videoclips zum Album-Sampler veröffentlicht – weitere sind in Planung. Und das ist gut so: Erstens gehört die hauseigene Video-Umsetzung der PW-Produktionen zu den grössten Stärken der Basler. Zudem beinhaltet dieses Album noch einige Perlen, deren Glanz in einem Clip noch besser zum Vorschein kommen dürfte.

PW Records Sampler. Veröffentlicht am 09. Mai 2014. Erhältlich u.a. im 4 Elements Basel oder auf iTunes.

Deutschlands lustigster Gangster-Rapper kommt ans Rheinknie

Joel Gernet am Freitag den 2. Mai 2014

Wenn man den Texten des deutschen Rappers SSIO glauben schenkt, besteht dessen Alltag aus Kiffen, Dealen und dem Besuchen von Puffs, Muckibuden und Clubs. Wobei natürlich stehts mit dicker Karre vorgefahren wird – da lässt sich der Herr nicht lumpen.

SSIO_FlyerDiesen Samstag fährt der Benz von SSIO am «City Jam» im Alten Wasserwerk in Lörrach (D) vor. Via Facebook verkündet der Rapper voller Selbstironie: «Am 3. Mai mach ich Breakdance in Lörrach». Ironisch ist die Aussage, weil an Jams normalerweise der traditionellen HipHop-Kultur und ihren vier Elementen gefrönt wird – und nicht Gangsterrap, wie SSIO ihn fabriziert.

In seiner Musik bedient der Bonner so ziemlich jedes Gangster-Klischee, das Otto Normalverbraucher im Kopf hat. Und er überspitzt seine Stories bis zum Erbrechen. Das äussert sich etwa in Zeilen wie diesen:

Bull’n jagen mich durch Zeugenaussagen.
Leider vergebens, weil ich im Freudenhaus schlafe.
Nutte, ich fahr den Mercedes Benz.
Während aus dem Fenster-Rahmen der Penis hängt.

Was SSIO im Vergleich zu so vielen rappenden Muckibuden-Dumpfbacken aus Deutschland speziell macht, ist sein Humor und seine Selbtironie. Zwei Eigenschaften, die man bei den meisten seiner Artgenossen schmerzlich vermisst. Natürlich kann man generell darüber diskutieren, inwiefern derartiger Rap überhaupt sinnvoll ist – diese allgegenwärtige Grundsatzdebatte soll hier ausgeklammert werden. Wenn man die Musik von SSIO als Entertainment betrachtet – 50 Cent sagt ja auch immer, seine Musik sei wie ein Hollywoodfilm –, lässt sich feststellen, dass man bei ihm wunderbar unterhalten wird. Saudumm und smart zugleich.

Die Inhalte der SSIO-Tracks sind eigentlich stets die selben. Dementsprechend liessen sich die einzelnen Song-Strophen auch beliebig austauschen. Wie er aber seine Kleinkriminellen-Stories vorträgt, ist allererste Sahne. Aussagekräftiger als seine Lieder sind fast schon deren Titel: Sie heissen etwa «Einbürgerungstest für schwererziehbare Migrantenkinder» oder «Ein tiefsinniges, sozialkritisches und moralvermittelndes Lied» oder «Das Wasser ist nass» oder schlicht «Unbekannter Titel». Dadaistischer Gangsterrap voller Selbstironie und Stumpfsinn – wobei diese Untertöne vermutlich von einem Grossteil seiner Fans nicht herausgehört werden.

Oben genannte Songs stammen von SSIOs Debütalbum «BB.U.M.SS.N», das 2013 nicht nur in der deutschen Rapszene hohe Wellen warf – und das eher unerwartet auf Platz 6 chartete. Diesen Samstag kann man sich in Lörrach ein Bild davon machen, ob sich hinter der grossen Klappe von SSIO auch ein guter Live-Rapper verbirgt. Unterstützt wird der Deutsche unter anderem vom Basler Rapkollektiv Köpf wo andrs tikke (K.W.A.T.). Also ab über die Grenze! Wir schliessen mit zwei Zeilen von SSIO…

Manchmal denke ich, meine Sucht macht mich Blind.
Doch das fällt mir erst auf wenn die U-Haft beginnt.

SSIO, live in Lörrach:
Sa. 3. Mai, Altes Wasserwerk, Lörrach (D).
Vorgruppen: K.W.A.T. (Basel), Curlyman (Karlsruhe), Mr. Waks (Lörrach).

Stressköpfe, die anders ticken

Joel Gernet am Donnerstag den 23. Januar 2014

Monatelang machte die Basler Rapszene trotz ihres Riesenpotenzials nur mit vereinzelten Warnschüssen von sich Reden. Zum Jahresbeginn aber scheint man aus der Winterstarre zu erwachen – und der Hebel wird auf Seriefeuer-Modus umgelegt. Erste Vorboten dieses Frühlingserwachens sind die Rapper Ced & Krime und das Kollektiv Stressköpf. Ihre Weckrufe sind laut, aggressiv und unterlegt von auf Samples basierenden, organisch klingenden Beats, die von den heutigen Mainstream-Pop-Rap-Produktionen so weit entfernt sind wie Justin Bieber von einer Nomination für den Basler Pop-Preis.

Ced & Krime: 08:15.

Ced & Krime: 08:15.

«08:15» heisst das neue Gratis-Album von Ced und Krime, beide Teil der Basler Rapcrew K.W.A.T. (Köpf wo andrs tikke). Der Albumitel bezieht sich nicht auf den umgangssprachlichen 0815-Vergleich für alles Unspektakuläre oder Billige, sondern auf den Kickoff der abendlichen Aufnahme-Sessions im Metro4000-Studio um 08:15 Uhr – Primetime sozusagen. Geboten wird allerdings über weiter Stecken standartisierte 0815-Ware, wie man sie von einem Mixtape-artigen Rapalbum erwarten kann: Ego-zentrierter Battlerap mit vollmundigen Ansagen – dies aber auf verdammt hohem Niveau in Sachen Rapsklills und Metaphern. Krime war schon immer einer der Besten und elegantesten Battlerapper des Landes und Ced merkt man an, dass er sich in Bestform befindet, wohl auch gestählt durch den Sieg die vielbeachtete Final-Teilnahme beim Schweizer Video-Rap-Battle Swiss VBT.

Aus drei Gründen ist «08:15» besser als viele vergleichbare Battlerap-Releases: Wegen den Beats, den intimen Einblicken zwischendurch und den oben erwähnten Skills der beiden Mcees. Der Sound-Teppich stammt komplett vom Basler Beat-Meister Tom Keenig und kommt gerne mit knochentrockenen Drum-Sets und düsteren Sound-Samples daher. Dass es sich bei den 25 (!) Tracks – darunter auch diverse Solo-Songs von Ced und Krime – um gesammelte Werke aus den vergangenen Monaten und Jahren handelt, meint man insbesondere dann zu hören, wenn zwischendurch die harte Maske abgesetzt wird und es um persönliche Episoden aus dem Leben geht.

So entstehen Songs, in denen man sich nicht davor scheut, in die eigenen Abgründe zu blicken – die Folge sind lyrisch brilliante Momente, die man ohne schlechtes Gewissen auch auf einem ‘richtigen’ Album hätte platzieren können. Von wegen Ausschussware! Spannend ist auch der Kontrast zwischen den zeitgemässen Doubletime-Silbengewittern der Rapper und den Retro-mässigen Kopfnickerbeats – ein Spannungsbogen, der auch wunderbar funktionierte beim Video-Track «Mit uns», den Krime und Tom Keenig zusammen mit Levo rime kürzlich lanciert haben. So darf es gerne weitergehen dieses Jahr.

Stressköpf: Lamputation.

Stressköpf: Lamputation.

Auch auf dem Album «Lamputation» der Stressköpf stehen die Raps – der Name lässts erahnen – ganz im Zeichen des lustvollen Kräftemessens. Während Ced und Krime ihre Gegner tendenziell mit feiner Klinge zerlegen, greifen die Stressköpfe zur Axt. Oder zum Vorschlaghammer. Oder zu beidem. Geboten wird deftige Kost, Songs wie «Rapperjagd», «Schleeg unter Gürtellinie», «Fleischerhoogge» oder «Folterbangg» halten, was der Titel verspricht. Rap als blutrünstiger Horrorfilm, nichts für zartbesaitete Casper-Hörer. Kein Wunder, betitelt die Kombo ihr Genre auf ihrer Facebook-Seite als Horrorcore/Battle-Rap.

Bei den Stressköpfen handelt es sich übrigens um ein frisch zusammengewürfeltes Kollektiv aus Basel und Umgebung, bestehend etwa aus albekannten Untergund-Crews wie NWU, ELS und Neumond. Namentlich dabei sind die Rapper wie Masso Vollkasko, Reemoe, Reni Sleep, Jack The Ripper, R.I.G., Muddy Pents, Bina, Bugs MC, Kaen, Baba Danman, Venti, Ilp, Mos und Pyro. Die Flut an sich gegenseitig mit lyrischen Massakern überbietenden Rappern sorgt für abwechslungsreiche Unterhaltung, die allerdings durch die zum Teil eklatant auseinanderklaffenden Skills der einzelnen Rapper getrübt wird.

Die Beats, produziert von Meister Lampe, kommen mit ihren vielen Samples ähnlich daher wie jene von Tom Keenig, erinnern vom Vibe her aber oft an Zigeuner- und Zirkusmusik. Gepaart mit den überzeichneten Gewalt-Raps entsteht so das Bild von bösen Clowns oder – um beim CD-Cover zu bleiben – fiesen Waggis.

Für beide hier besprochenen Releases gilt: Die Beats könnten noch etwas mehr Bumms haben, damit sie die selbe Durchschlagskraft wie die aggressiven Zeilen der Rapper entwickeln. Diese wiederum wirken auf Dauer etwas einschläfernd – nicht, weil sie schlecht sind, sondern wegen des Abnützungseffekts, der sich nach der 37. beleidigten Mutter, der zum 89. Mal betonten Penislänge und dem 1000. geschlachteten Whack-Rapper unweigerlich einstellt. Dennoch: Mit Ced & Krime und den Stressköpf wurde das Basler Rap-Jahr mit zwei lauten Lebenszeichen lanciert und es zeichnet sich ab, dass 2014 einige vielversprechende Platten aus der Region erscheinen – demnächst etwa der Label-Sampler aus dem Haus PW Records, das Debutalbum von TripleNine-Spitter Zitral und auch von B1Recs scheint man einiges erwarten zu können, wie deren neues Video erhoffen lässt (siehe unten).

Wer sich für das regionale Rapschaffen interessiert, ist zudem gut beraten, am Donnerstag, 30. Januar, die Rapsendung Bounce auf SRF Virus zu hören – dann gibts dort nämlich eine grosse Basel-Cypher.

«08:15» von Ced & Krime ist erhältlich als Free-Download; «Lamputation» der Stressköpfe kann entweder über deren Facebook-Seite gekauft werden oder in den Basler Läden 4 Elements, ElchRecords Vinyl-Store und Ace Records sowie im Restaurant Farbklex Liestal.

Strassenrap mal anders

Joel Gernet am Donnerstag den 28. November 2013

Er rappt gerne über Rap, verwendet HipHop-Puristen-Wörter wie «real» und seine Beats klingen, als hätte er sie den US-Raplegenden von A Tribe Called Quest geklaut. Oder von den Roots. Klingt altbacken? Ist es aber nicht! Denn Kuzco gehört zum Frischesten, was Basler Rap momentan zu bieten hat. Sein erstes Album (download hier) enthält ein dutzend Songs, deren Qualität für ein Gratis-Release unverschämt gut ist.

Relaxte Beats, getränkt von Jazz Samples treffen auf einen Flow, der so locker und unverkrampft daherkommt wie Snoop Dogg bei einem Amsterdam-Aufenthalt. Komplettiert wird das Gesamtbild von astreiner Reimtechnik und der authentischen Attitüde eines jungen Mannes, der sich je nach Laune als selbstironischer Angeber, lockerer Frauenheld oder leidender Zweifler inszeniert.

Milchstroossetournee: Kuzcos Debut enthält u.a. Features von Black Tiger, Shape, Céline Huber, den Tafs und Fetch.

Milchstroossetournee: Das Album hat trotz den drei Beat-Produzenten (Audio Dope, Kuzco, Zois) musikalisch einen roten Faden.

Man könnte das Debut des 22-Jährigen auch mit «Die Freuden und Leiden des jungen Kuzco» betiteln. Stattdessen hat der Basler sein Baby, das am Sonntag das Licht der Welt erblickt hat, auf den Namen «Milchstroossetournee» getauft. Der Titel hat nichts mit kosmischen Kräften oder Erich von Däniken zu tun, er umschreibt viel eher die Dimension von Kuzcos musikalischen Ambitionen. Die Welt ist nicht genug, deshalb macht sich der kleine Prinz des Basler Rap auf, die ganze Milchstrasse zu erobern. Streetrap mal anders – Milchstrassenrap sozusagen.

Inhaltlich umfasst Kuzcos Kosmos die Freuden und Sorgen, die man Anfang 20 halt so hat: Die Jugend neigt sich dem Ende zu, der Ernst des Lebens hat noch nicht begonnen. Orientierungslosigkeit, Feiern, Festen, Liebeskummer – und natürlich eine Flut von Rap-Punchlines und Metaphern wie auf dem Song «Long Live Kuzco Pt. II»…

«Mi Kopf isch wie e Musik-Enzyklopädie.
Und ich scheiss uf jede Trend denn jede Trend isch mol verbyy.
HipHop und ych isch wie Romeo und Julia.
Ich mein, lueg mi aa: In dr Schwizer Szene bin ych e Unikat.»

Dass Kuzco sein erstes Album verschenkt, ergibt Sinn. Geht es ihm momentan doch vor allem darum, so viele Hörer wie möglich zu finden – und möglichst viele Konzerte zu spielen. Das Rapgame ist – wie alle Unterhaltungssparten – ein Kampf um Aufmerksamkeit und mit seinem Debut hat Kuzco gute Karten, tatsächlich auch wahrgenommen zu werden. Das zeigt sich auch in ersten Reaktionen wie jener vom Berner Tommy Vercetti, einer der Schweizer Rapper der Stunde (Stichwort «Glanton Gang»), der «Milchstroossetournee» auf Facebook anpreist. Dass Kuzco ausserhalb von Basel auf Wohlwollen stösst, ist ein gutes Zeichen. Viel zu vielen Basler Rapper gelingt es nämlich kaum, über die Region hinaus Gehör zu finden.

Im Studio: Kuzco und Black Tiger (v.r.). «Milchstroossetournee» enthält u.a. Features von Black Tiger, Shape, Céline Huber, den Tafs und Fetch

Im Studio: Kuzco und Black Tiger (v.r.). «Milchstroossetournee» enthält u.a. Features von Black Tiger, Shape, Céline Huber, den Tafs und Fetch

Anbiedern will sich der Musikstudent aber nicht. Kuzco möchte weder sich noch seinen Sound verbiegen für Hits und Clicks, das betont er immer wieder. Und das wird auch dem Namen seines Basler Musikkollektivs ersichtlich – «Anti Radio» ist die Devise. Ein Mittelfinger an den Mainstream. Aber Zeiten und Geschmäcker ändern sich und im Rap scheinen sich in Anbetracht der grassierenden Kommerzialisierung in Richtung Kaugummipop à la Nicki Minaj viele Hörer wieder auf die organisch-jazzigen Anfänge des Genres zu besinnen. Womit wir wieder bei Kuzco wären. Wenn er so weitermacht, könnte er mit seiner sympathischen Art nämlich genau dort landen: Im Mainstream und in den Radios. Ohne sich zu verbiegen notabene. Man würde es ihm und den Hörern wünschen.

Bevor es soweit ist, wird aber die «Milchstroossetournee» in Angriff genommen: Diesen Samstag, 30. November, gibt es im Kleinbasler SUD vor dem Beatnuts-Konzert eine kurze Kostprobe. Und am 7. Dezember eröffnet Kuzco das Konzert des Solothurner Rappers Manillio in der Kaserne Basel – zum ersten Mal mit Live-Band im Rücken. Daneben ist Kuzco zudem als Keyboarder mit Ira May – die zu recht hochgelobte «Amy Winehouse aus Sissach» – oder dem Basler Reggae-Sänger Tom Swift unterwegs. Auf Tournee ist der 22-Jährige also so oder so. Jetzt muss er nur noch die Milchstrasse erobern. Das Buffet ist jedenfalls angerichtet, wie den letzten Zeilen von Kuzcos Album zu entnehmen ist: «Das isch erst dr Warm-Up, das isch mi Apéro. Uf mir ligge grossi Hoffnige, han ych mir sage loh».

Der Korrektheit halber sei hier erwähnt, dass der Blog-Autor an einem Album-Song mitgewirkt hat.

– Kuzco, Milchstroossetournee (Anti Audio 2013). Free Download.
– Live: Sa. 30. November, Opening für die Beatnuts (USA), u.a. mit Kalmoo (BS) und Panadox (SO); Afterparty: DJ Philister (TNN, BS), D.Double (2LC, BL), DJ Tray (BS), Giddla (TNN, BS); SUD Basel.
– Live: Samstag, 7. Dezember, Kaserne Basel. Opening für Manillio.

Basler Battle-Rapper schlagen sich wacker

Joel Gernet am Dienstag den 27. August 2013
Mad Ced, Gewinner der Vorrunde.

Mad Ced, Gewinner der Vorrunde.

Die Rapper am Swiss Video Battle Turnier (Swiss VBT) schlagen sich noch immer die Köpfe ein – und das ist gut so. Schliesslich ist die Kunst der gepflegten Beleidigung eine wichtige Diziplin des Rap. Solange sich die Kontrahenten ausschliesslich verbal und mit dem nötigen Respekt auf den Deckel geben, kann das für Gladiatoren und Zuschauer nur ein Gewinn sein.

Das haben auch die Macher des Swiss VBT gewusst, als die ihren audiovisuellen Rapwettbewerb ins Leben gerufen haben. Das Resultat: Viele Teilnehmer, packende Zweikämpfe und hochstehende Videoclips. Inzwischen laufen die Halbfinals der zweiten Staffel und die Nordwestschweizer Rapper schlagen sich noch immer wacker.

Misandope in Action.

Misandope in Action.

Mit Mad Ced und Misandope stellt Basel zwei der vier verbliebenen Silben-Söldnern. Insgesamt 32 Teilnehmer waren es beim Start der Vorrunde im April, darunter über ein Dutzend aus der Region Basel (wir berichteten). Viele von ihnen mussten sich in den folgenden Runden allerdings gegenseitig «kannibalisieren». Mit Sherry-Ou und Bone haben es zwei weitere Rapper aus der Region bis in die Viertelfinals geschafft – wo sie gegen die die Basler Halfinalisten Mad Ced und Misandope ausschieden. Immerhin: Vier der letzten acht Video-Battle-Rapper kamen aus der Region. Und die Chance auf einen Basler Sieg ist mit zwei Bebbi in den Halbfinals immer noch sehr gut.

Doch der Weg in den Final wird steinig: Mad Ced, Gewinner der Vorrunde, trifft auf den Zürcher Titelverteidiger Jones Burnout. Und Misandope bekommt es mit dem Luzerner Sympathieträger Visu zu tun. Alle vier haben inzwischen ihre Hinrunde vorgelegt. Mit einer Mischung aus Ironie, Humor und gnadenlosen Punchlines wird hier von allen Halbfinalisten allerhand Unterhaltsames geboten: Mad Ced macht sich über die clowneske Gestik und die markante Mundform von Jones Burnout lustig, dieser wiederum lässt an der Frisur des Baslers kein gutes Haar; Misandope lästert über den «Bünzlirap» von Schulbub Visu während der Innerschweizer im IKEA-Parkhaus Witze über Misandopes markante Ohrringe reisst. Wer die besten Punchlines auf Lager hat, kann jeder selber entscheiden: Hier die vier Begegnungen…

Mad Ced vs. Jones Burnout

Jones Burnout vs. Mad Ced

Misandope vs. Visu

Visu vs. Misandope

Die Hinrunden können noch bis am 31. August bewertet werden. Danach folgt die Rückrunde, in der die Battle-Rapper jeweils über den Hinrunden-Beat des Gegners spitten müssen. Für Unterhaltung ist also weiterhin gesorgt. Die Bewertung der Begegnungen erfolgt zu 80 Prozent durch ein Jury-Urteil (Song, Video, Gesamteindruck), den Rest macht das Publikums-Voting aus. Der Final-Showdown beginnt Ende September. Im Oktober wird der Video-Battle-King gekrönt. Dass der Sieger dann aus Basel kommt, ist nicht unrealistisch. Man wird es an dieser Stelle erfahren.

Wer die Basler VBT-Teilnehmer live erleben möchte, kann das diesen Samstag ab 23.20 Uhr auf dem Barfüsserplatz in Basel. Dort wird im Rahmen des Jugendkulturfestivals das 83-minütige Monsterprojekt «1 City 1 Song» live präsentiert – mit über 140 Rappern aus Basel und Umgebung. Hier die soeben eingetroffene Kurzdoku dazu…

Knallige Bilder zu düsteren Texten

Joel Gernet am Donnerstag den 22. August 2013

Laszive Damen, bewaffnet mit Spritzen, leicht bekleidetet und stark geschminkt. Gefesselte Körper, die unter Wasser treiben. Masken, Feuer, Rauch und mittendrin Rapper Tiz. Es sind skurrile Bilder, die uns der Basler im Vorab-Video seines ersten Albums serviert. Gesellschaftliche Abgründe, die durch überzeichnete, knallige Bilder mit einem Augenzwinkern kontrastiert werden. Der Beat mit seinen trockenen Drums und den obskuren Streicher-Samples unterstreicht die düstere Grundstimmung der Raps.

«Mir sinn Kinder, sinn verspielt und vielfältig.
Wärde erscht mit dr Zyt still und zwiespältig.
D Gsellschaft mit ihrem Leischtigsdruck
hett vo unsere Träum scho die meiste gschluckt.»

Die Zeilen aus der ersten Strophe des Songs bringen dessen Vibe auf den Punkt. Es ist der Titeltrack «Verloreni Kinder» des gleichnamigen Albums, das Ende Jahr erscheinen soll. Wenn man Tiz über seinen Erstling reden hört, dürfte es auf der CD im ähnlichen Stil weitergehen. Auf seinem Debut beschäftigt sich der 29-Jährige mit den Schattenseiten seines bewegten Lebens, geprägt von familiären Schicksalsschlägen, Schulden und dem Fall durch die Maschen der behördentlichen Auffangnetze.

Tiz beim Dreh von «Verloreni Kinder». (Bilder: naeffotografie.ch)

Tiz beim Dreh von «Verloreni Kinder». (Bilder: naeffotografie.ch)

Inzwischen hat Tiz Tritt gefasst und steht mitten im Leben. Ein guter Zeitpunkt, um auf Albumlänge mit dem Geschehenen abzuschliessen und ein neues Kapital aufzuschlagen. Die ersten Mosaiksteine des kommenden Albums hat Tiz vor über zehn Jahren zurechtgelegt. Auf seinem Weg wird der Basler begleitet von Beatproduzent Simsalabim, der für die Soundunterlagen auf «Verloreni Kinder» verantwortlich ist – abgesehen von zwei Tom-Keenig-Beats. Die Scratches liefert DJ Ill-Stylez.

Dass Tiz sein aufsehenerregendes Video bereits jetzt – gut ein Vierteljahr vor der geplanten Veröffentlichung – lanciert, ist kein Zufall: Wie bei vielen aus Eigeninitiative entstandenen Musikprojekten, fehlt auch hier das Geld zur standesgemässen Realisation. Zusammen mit einem Privatkonzert im Birds Eye Jazzclub am vergangenen Sonntag markiert das Video deshalb den Startschuss zur letzten Produktionsphase – in der man auf der Crowdfunding-Plattform WeMakeIt das nötige Geld für den letzten Schliff generieren will.

1097267_415141861928650_1440032534_oDas neue Video illustriert dabei auf ansehnliche Weise, was den Hörer erwartet. Abgedreht wurde der Kurzfilm innerhalb von zwei chaotischen Tagen – ohne jegliches Budget und mit viel Improvisation. In Anbetracht der Umstände kommt der Clip ziemlich amtlich daher. Verantwortlich dafür sind das Organisationstalent von Tiz’ Freundin Robyn Benz und der Enthusiasmus der beiden Filmer Lionel Wirz und Samuel Scherrer aus dem Hause Akt3.

Mit dem Vorab-Video zu «Verloreni Kinder» hat Tiz quasi über Nacht ein dickes Ausrufezeichen gesetzt. Ob und wann der 29-Jährige Rapper den Schlusspunkt unter sein bewegtes Albumprojekt setzen kann, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.

Vom Rapper zum Bünzli

Joel Gernet am Donnerstag den 15. August 2013

Die Schweizer Streetrap-Ikone Griot heisst jetzt wieder Mory – und ist Komiker: Mit seinem Allschwiler Kumpel Djibril bildet der Binninger das Comedy-Tagteam «Zwei Bünzlis». Wir haben uns mit den beiden im Video-Interview über Latrinen-Geschäfte, Gesellschaftskritik und einen Bünzli namens Eric Weber unterhalten.


Grossmäuler unter sich: Djibril und Mory erklären, warum sie Bünzlis sind.

Wenn Mory redet, ist man sich nie ganz sicher, was grösser ist – seine Klappe oder sein Bizeps. Ausser er ist mit Kumpel Djibril unterwegs, dann plappern sie sich ihre Lippen wund. So auch am Grossbasler Rheinufer, wo wir uns treffen, um über ihr Podcast-Projekt «Zwei Bünzlis» zu reden. Noch bevor die Kamera läuft, übertreffen sich die beiden mit Anekdoten zu Muhammad Ali, dessen Name auf Morys Muskelshirt prangt. «Ali macht das gleiche wie wir: Er hat eine riesige Klappe, ist eigentlich als Boxer bekannt, aber sobald man ihn ein Mikrophon hinhält, gehts los – sensationell!», schwärmt Djibril.

Seit Anfang Jahr stellen die Zwei Bünzlis ihre Dialoge in unregelmässigen Abständen ins Internet. Ins Auge stechen coole Comic-Bilder statt Fotos. Auf die Ohren gibts nach einer hämischen Warnung an die Hörer ein Brett von einem Intro, bei dem Kuhglocken und Handörgeli plötzlich von einem basslastigen Dubstep-Beat weggeblasen werden. Dicke Post!

Zwei Bünzlis: Griot und Djibril.

Ganz klar: Der Reiz der selbsternannten «Neo-Bünzlis» besteht vor allem auch darin, dass die beiden «afroeidgenössischen Euroafrikaner» so gar nicht dem gängigen Spiesser-Klischee entsprechen. «Wenn man uns betrachtet, sieht das zuerst gar nicht nach Bünzli aus», erklärt Mory. Aufmerksamkeit durch Irritation heisst hier das Konzept. Und Djibril ergänzt: «Schweizer sind pünktlich, zuverlässig und seriös, das ist eigentlich etwas Tolles – doch die Schweizer machen mit dem Wort Bünzli etwas Negatives daraus.» Djibril und Mory jedenfalls sind stolz darauf, Bünzlis zu sein. Und ähnlich wie afroamerikanische Rapper das negativ behaftete Wort «Neger» zu dessen Gegenteil konvertiert haben haben, verwenden die beiden Schweizer mit Wurzeln in Guinea und Mali nun den – zugegeben wesentlich weniger problematischen – Bünzli-Begriff im positiven Sinn um.

Auch die beiden Bünzli haben sich in ihrer vorletzten Episode eingehend mit dem N-Wort und dessen Verwendung beschäftigt. Comedy als Gesellschaftskritik – noch offensichtlicher zeigt sich dies bei der eben veröffentlichten sechsten Episode, in der Djbril und Mory zum zweiten Mal den Basler Rechtspopulisten Eric Weber auf die Schippe nehmen. «Wir machen zwar gerne Spässe über ihn, aber man darf nicht vergessen: Weber ist ein Rassist – das muss man im Hinterkopf behalten», stellt Djibril klar. Natürlich kommen bei den Afro-Bünzlis auch Macho-Gehabe und Sprüche unter der Gürtellinie nicht zu kurz. Wenn sich Djibril und Mory über Latrinen-Geschäfte bei der Arbeit philosophieren, überkommt den Hörer ein Gemisch aus Faszination und Ekel, wie man es von anderen Feuchtgebieten her kennt.

Begonnen hat das Bünzli-Gehabe nach Morys Rücktritt als Solo-Rapper im Jahr 2010. War früher Djibril an Griots Konzerten als Stand-Up-Comedian mit dabei, heftete sich der Rapper nun an die Versen seines Kumpels. Vom Rapper zum Komiker – insbesondere bei Griot ist das ein bemerkenswerter Schritt, hat der Binninger in den vergangenen rund 15 Jahren doch das Schweizer Subgenre Streetrap wesentlich mitgeprägt, einige sagen sogar: begründet. Für viele ist Griot noch heute ein Vorzeigebeispiel, wenn von Schweizer Rap mit Gangster-Attitüde die Rede ist. «In meinen Raps war immer schon viel Humor, nur hat das niemand verstanden – im Podcast kommt diese Seite nun mehr hervor», findet Mory lachend, um kurz darauf mit einem Augenzwinkern klarzustellen: «Ich lache nur, weil ich fröhlich bin, nicht, weil ich lustig bin – sonst meinen die Leute noch, ich sei sympathisch.»

Wer ist authentischer: Rapper Griot oder Komiker Mory? So siehts der Protagonist…

Im echten Leben sind Djibril Traoré und Mory Konde gemäss eigenen Angaben übrigens «IT Psychologe» und «Bodyflüsterer». Dass es ihr Audio-Geblödel eines Tages auch in Bewegtbild gibt, schliessen sie ebenso wenig aus wie Bühnenauftritte. Zuerst gilt es aber, den noch jungen Podcast voranzutreiben – dazu wären eine verbesserte Tonqualität und eine zeitliche Straffung der Episoden nicht die schlechteste Idee. Weiter gehts auf jeden Fall, denn wenn die beiden Kumpel aufeinandertreffen, sitzt das Mundwerk lockerer als der Büstenhalter von Topless-DJane Micaela Schäfer.

Drei starke Duos und ein funky Supplement

Joel Gernet am Donnerstag den 6. Juni 2013

Gleich drei neue regionale Rap-Releases lassen die Szene am Rheinknie zur Zeit im besten Licht erstrahlen: Mit «Airplane To Paradise» präsentieren die Ladies PearlBeatz und Quenn ihr erstes Kollabo-Album; Dirty D und Trace ballern mit «Startschuss» ein eindrückliches Signal in den Himmel; und Scout legt nach über einer Dekade seinen allerersten Solo-Release überhaupt vor.

Pearlbeatz & Quenn – Airplane To Heaven.

Pearlbeatz & Quenn – Airplane To Heaven.

Wie es sich gehört, gewähren wir an dieser Stelle den Damen den Vortritt. Insbesondere in der Testosteron-geschwängerten Rapwelt ist das ganz wichtig. Zum ersten Mal gemeinsam aufhorchen liessen PearlBeatz & Quenn im Herbst 2011 mit einem Song auf Pearls Produzenten-Album. Zwei Jahre später präsentiert das Duo nun ihr Kollabo-Album «Airplane To Paradise». Die samtweiche Stimme von Quenn zieht den Hörer sofort in Bann – der Rapperin und Sängerin würde man vermutlich auch zuhören, wenn sie Packungsbeilagen vorliest. Das Hochdeutsch der Baslerin ist einwandfrei, manchmal fast zu perfekt.

Dass der erste Song «Startklar» reimtechnisch nicht zu den besten des Albums gehört, ist leider etwas unglücklich. Scheint ein älterer Track zu sein, auf dem Quenn eigentlich mein Album-Fazit vorzieht: «Danke denen, die an uns glauben, die jetzt schon das in uns sehen, was erst Entwicklung braucht», rappt die Baslerin und liegt damit absolut richtig. Man hört nämlich, dass Quenns Raps und Pearls Beats hervorragend miteinander harmonieren. Und dass man sich in den letzten zwei Jahren gehörig entwickelt hat. Bester Beweis ist «Showgirl», ein Song über eine selbstbewusste Vorstadtfrau, die weiss, was sie will und macht. Ein Beat wie aus dem Pariser Varieté, dazu der buttwerweiche, lockere Singsang von Quenn – ganz gross, dieses Ding!


Ausnahmsweise auf Englisch: Pearlbeatz & Quenn mit «Evil Clowns». Dieser Song ist nicht auf dem Album vertreten.

Im Titeltrack «Airplane To Paradise» philosophiert Quenn über Todessehnsucht. Und kommt zum Schluss, dass sie das Paradies in sich selbst – im Diesseits – finden kann. Ebenfalls um den Tod gehts im Song «Der Zug rollt»: Über einen knackigen Beat mit sphärischen Stimm- und Piano-Samples schildert die Rapperin, wie sie im Alltagsstress bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt und danach die Szenerie vom Jenseits aus beobachtet. Packendes Storytelling.

Trotz seiner tragischen Momente ist «Airplane To Paradise» keine düstere Platte. Das beweisen Songs wie «Easy» und «Hallo mein Lieber» – zwei Tracks, so stark wie dieses Album, dessen Fazit ihr ja bereits oben lesen konntet. Ein solides Debut eines vielversprechenden Duos.

Trace & Dirty D – Startschuss.

Trace & Dirty D – Startschuss.

Ebenso vielversprechend kommen Trace und Dirty D mit ihrer Gratis-EP «Startschuss» (download hier) daher. Auf insgesamt sieben Songs zeigen sich die beiden selbstbewusst und nachdenklich zugleich. Nachdem man der Schweizer Rapszene einen «Tritt ins Gsicht» verpasst hat, lassen der Rodersdorfer Trace und der Allschwiler Dirty D auf «Alles wo blibt» die Höhepunkte und Tiefschläge ihrer bisherigen Rapkarrieren Revue passieren – ein ganz starker Song mit super Hook und stimmigem Beat. In eine ähnliche Richtung geht «Schall und Rauch» (siehe Video), der mich vor das Luxusproblem stellt, dass ich mich nicht entscheiden kann, welchen Song ich mehr mag. Worum es auf Songs wie «Kings» oder «Läbe für das» geht, muss bei diesen Titeln ja eigentlich nicht erklärt werden.

Die Beats auf der «Startschuss»-EP überzeugen durchs Band und bewegen sich alle im Bereich gut bis sehr gut. Vom Club-Banger bis zum melancholischen Piano-Heuler ist alles dabei. Dass die sieben Soundunterlagen von sechs verschiedenen Produzenten stammen (von denen ich schändlicherweise noch nie gehört habe), macht die Sache umso interessanter. Dass Dirty D ein guter Rapper und Hoffnungsträger ist, habe ich ja bereits einmal geschrieben. Die grosse Offenbarung dieser EP ist für mich Trace: Früher hat man den jungen Rapper weniger wegen seiner Skills, sondern vielmehr wegen seiner Aufdringlichkeit wahrgenommen, beziehungsweise ignoriert. Jetzt steht uns da ein selbstbewusster Rapper gegenüber, der massive Fortschritte gemacht hat und wunderbare Refrains schreiben und singen kann. Chapeau! Von der Nervensäge vom Hoffnungsträger – ich mag solche Geschichten. Und ich liebe Gratis-Downloads von derart herausragender Qualität. Jungs, jetzt muss ein Album her!

Scout – Ohni Sorge.

Scout – Ohni Sorge.

Als Letzter reiht sich Scout MC aus Pratteln ein. Nach über zehnjähriger Absenz präsentiert der Ausnahmerapper nun sein erstes Solo-Album «Ohni Sorge». Und der Name ist Programm: Man hört dem Familienvater an, dass sich in seinem Leben einiges verändert hat – in die richtige Richtung.

Wenn Scout über Freunde, Familie und das Leben im Allgemeinen rappt, strahlt er eine ansteckende Zufriedenheit aus. Man meint beim Zuhören förmlich das Lächeln auf seinen Lippen zu sehen. Das erlebt man nicht oft. Aus dem herausragenden Freestyle-Rapper, der um die Jahrtausendwende von sich Reden machte, ist ein Musiker geworden.

Neben dem positiven Vibe bestechen vor allem Scouts intelligente Texte – und seine Gesangskünste, die er etwa auf dem Titeltrack «Ohni Sorge» zeigt. So ist eine Art Songwriter-Rap-Album entstanden, das auch durch die Handschrift des Gitarristen Andreas Röthlisberger geprägt wird. Im Kellerstudio des Muttenzers wurde Scouts Album in Eigenregie produziert und aufgenommen. Das hat Vor- und Nachteile. Einerseits verfügt das Album so über einen ganz eigenständigen Klang; andererseits würde den Gitarren-dominierten Beats auf Albumlänge etwas mehr Abwechslung nicht schlecht bekommen. Scout und Röthlisberger haben mit wenigen Mitteln ein hervorragendes Album erschaffen – und damit auch das Fundament für weitere Musik.

Das funky Supplement kommt an dieser Stelle von DJ Ace. Der Basler bereichert die HipHop-Szene am Rheinknie mittlerweile seit rund zwei Jahrzehnten als Sprayer, Breaker, Party-Organisator, Shop-Betreiber – und vor allem als DJ und Beat-Produzent. In eben dieser Funktion hat der Tausendsassa kürzlich das neue Video zu seinem Breakdance-Song «Arsal The B-Boy» veröffentlicht. Der Track – ich würde ihn liebevoll als Mariachi-Funk bezeichnen – erschien 2012 auf auf dem Soundtrack zum «Battle Of The Year», das sind sozusagen die Weltmeisterschaften im Breakdance. Im Video zu sehen ist das Who-is-Who der Basler Breakdance-Szene: Jay-Roc, Still-Ill, Ben-X, TK-O, Janick und Pedrolic, gemeinsam bekannt als Ruff’n’X. Das Video ist von Jakebeatz (PW Records). Viel Spass…

Basler Rapper lancieren ein Silbengewitter

Joel Gernet am Donnerstag den 16. Mai 2013

Beim «Swiss Video Battle Turnier» bekämpfen sich Schweizer Rapper via Videoclip. Das «Schlaglicht»-Fazit nach der Qualifikation zeigt: Die Region Basel ist mit 13 Silben-Söldnern nicht nur überdurchschnittlich stark vertreten – diesmal liegt sogar der Titel drin.

Siegerlachen: Der Basler MadCed gewann die Vorrunde. (Screenshot: VBT)

Das ist beachtlich: Bei der Erstausgabe 2012 schafften es bei halb so viel Teinehmern nur zwei der auch heuer wieder antretenden vier Basler ins Viertelfinale – nämlich die beiden B1Recs-Söldner Bone und Rippa. Wenn am 19. Mai die KO-Runde des Swiss VBT startet, sind sie ebenso wieder am Start wie TMC Ries und ATeP. Die weiteren VBT-Vertreter aus der Region heissen MadCed, Misandope, Leikos, Sherry-ou, Muddy Pents, Smoky, Skip, R.I.G. und King Phips, aufgelistet nach ihrem Abschneiden in der Qualifikation. Diese wurde von einem starken Basler MadCed gewonnen. Die Bewertung erfolgt zu zwei Dritteln durch eine Jury-Urteil (Song, Video, Gesamteindruck), ein Drittel macht das Publikums-Voting aus.

Auf dem zweiten Platz: Bone sorgte bereits am VBT 2012 für Aufsehen. (Screenshot: VBT)

Die Vorrunde startet kommenden Sonntag (19.5.). Danach ist ein heisser Sommer angesagt, denn die Kämpfe ziehen sich hin bis Anfang Oktober – schliesslich gibt es zu jeder Begegnung eine Hin- und Rückrunde, damit ein Rapper das Gesagte des Gegners über dessen Beat kontern kann (hier mehr zu den Regeln). Wer es bis in den Final schafft, wird am Ende nicht weniger als zehn Videos abgeliefert haben – eine respektable Leistung.

Hier nun die Übersicht aller Vorrunden-Paarungen mit Basler, bzw. Baselbieter, Beteiligung (Reihenfolge gemäss Quali-Ranking). Die Rapper freuen sich bestimmt über Unterstützung der Schlaglicht-Leser. Wer weiss, vielleicht wandert nach DJ Bazookas Triumph am «Red Bull Thre3 Style»-Contest auch die VBT-Krone ans Rheinknie. Die Chancen scheinen nicht schlecht zu stehen. Diesen Beitrag weiterlesen »